Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Der Flugfuchs it von Barma, Vorderindien und Ceylon bis nach Madagaskar verbreitet, vorausgesetzt, daß der hier vorkommende Flughund wirklich mit dem in Indien lebenden gleichartig ist. Hier wie dort bewohnt er Waldungen, Haine und Gärten oft in zahlloser Menge, auf Ceylon, laut Tennent, sehr häufig alle Küstengegenden der Insel, auf Madagaskar und Mayotte, laut Pollen, nicht minder zahlreich, auf Réunion dagegen nur einzeln, die aus alten Bäumen bestehenden Waldungen des Inneren, am liebsten einzeln gelegene Wäldchen oder Baumgruppen in einer gewissen Entfernung von der Küste.
Wie seine Verwandten hält der Flugfuchs unter allen Umständen in Gesellschaften sich zusammen, und wenn irgend möglich, wählt er alte Bäume zu seiner Tagesruhe. Ein Lieblingsplatz von ihm war und ist der Pflanzengarten von Peradenia unweit Kandy auf Ceylon, woselbst Tennent fie tagtäglich beobachten konnte. Einige Jahre früher hatten fie
FLUGFUCHS.
hier sich zusammengefunden und waren namentlich im Herbste tagtäglich zu sehen, während fie jpäter eine Wanderung antraten. Auf den riesigen Bäumen des herrlichen Gartens hingen sie in so erstaunlicher Menge, daß starke Aste durch ihr Gewicht abgebrochen wurden. Jeden Morgen zwischen neun und elf Uhr flogen sie umher, anscheinend zur Übung, möglicherweise um Fell und Fittiche zu sonnen und von dem Morgentau zu trocknen. Bei dieser Gelegenheit bildeten sie Schwärme, welche ihrer Dichtigkeit wegen nur mit Mücken oder Bienen zu vergleichen waren. Nach solchem Ausfluge kehrten sie zu den Lieblingsbäumen zurück, hier wie eine Affenherde lärmend und kreischend und stets untereinander hadernd und streitend, weil jeder den schattigsten Platz für sich auszusuchen strebte. Alle Zweige, auf denen sie sich niederlassen, entblättern binnen kurzem infolge ihrer unruhigen Hast, da sie ihre Krallen in rücksichtslosester Weise gebrauchen. Gegen Sonnenuntergang treten sie ihre Raubzüge an und durchfliegen dann wahrscheinlich weite Strecken, weil sie ihrer bedeutenden Anzahl und Gefräßigkeit halber sich notwendigerweise über ausgedehnte Räume verbreiten müssen. Jahrzehnte später (1881) fand sie Haeckel immer noch als Bewohner Peradenias vor. „Einer der ältesten Banyanenbäume, dessen mächtige Krone auf zahlreichen Pfeilerstämmen ruhte, bot einen ganz merkwürdigen Anblick; er war seines grünen Blattschmuckes großenteils beraubt, und feine kahlen Aste schienen mit großen braunen Früchten behängt zu fein. Wie erstaunte ich aber, als ich mich näherte und als einzelne dieser Früchte sich ablösten und flatternd davonflogen. Einige wohlgezielte Schüsse brachten ein halbes Dutzend derselben herab, worauf der ganze Schwarm (einige hundert Stück) sich auflöste und mit lautem Kreischen davonflog. Diejenigen herabgefallenen Tiere, welche nicht tödlich getroffen waren, wehrten sich auf das heftigste mit ihrem scharfen Gebiß und den spitzen Krallen. Der Flug ist sehr verschieden von demjenigen unserer Fledermäuse und gleicht vielmehr dem der Krähen. Mit besonderer Vorliebe trinken sie den süßen Palmwein, und in den Gefäßen, welche die Singalesen zum Sammeln desselben oben in den Palmkronen aufhängen, finden sie morgens nicht selten betrunkene Flederfüchse. In ihrem fuchsroten Pelze fand ich große parasitische Insekten (Nycteribia) von seltsam spinnenähnlicher Form aus der Gruppe der Puppengebärer.“ Pollen bemerkt ebenfalls, daß man die Flugfüchse sehr oft während des Tages umherfliegen sähe und zuweilen bemerken könne, wie sie hoch in die Luft sich erhöben, um einem anderen Walde zuzufliegen. Unter solchen Umständen glaubt man einen Flug von Krähen zu sehen, da sie wie diese Vögel nur langsam und ununterbrochenen Flügelschlages dahinziehen. Gegen Abend sieht man sie nach Art der Fledermäuse längs der Waldungen aufs und abstreichen, besonders gern in der Nähe von solchen, welche die Küste oder Flußufer besäumen. Auf Mayotte sah sie Pollen nach Art der Schwalben und kleinen Fledermäuse hart über der Oberfläche des Wassers dahinfliegen, die Wellen fast mit ihren Fittichen berührend; wahrscheinlich geschah dies, wie ich hinzufügen will, des Fischens halber. Auf Madagaskar nähren sie sich hauptsächlich von wilden Datteln, welche sie, nach den Kothaufen unter ihren Schlafbäumen zu urteilen, in außerordentlicher Menge vertilgen müssen. Auf Ceylon fressen sie die Früchte der Guayaven, der Bananen und mehrerer Feigenarten, zeitweilig auch die Blütenknospen verschiedener Bäume. Außerdem sollen sie, wenn man den Saft der Kokospalme auffängt, herbeikommen, gierig lecken und dabei sich förmlich berauschen. Auch sie fressen aber unzweifelhaft neben pflanzlichen tierische Stoffe: Kerbtiere verschiedener Art, Eier und Junge von kleinen Vögeln, Fische und, nach Versicherung der Singalesen, auch Kriechtiere, da sie die Baumschlange angreifen sollen. Ungeachtet ihrer Geselligkeit wird jeder Flugfuchs, laut Tennent, von den übrigen beim Fressen arg behelligt und hat seine liebe Not, die glücklich erlangte Beute vor der Zudringlichkeit
seiner Genossen zu sichern und einem Orte zuzutragen, woselbst er jene ungestört genießen kann. Bei solchen Streitigkeiten untereinander beißen sie sehr heftig, krallen sich aneinander fest, schreien dabei ununterbrochen, bis der Verfolgte endlich einen sicheren Platz erreicht hat. Hier pflegt er an einem Fuße sich aufzuhängen und mit dem anderen die Frucht so zu halten, daß er bequem davon fressen kann. Beim Trinken hängen sie sich an tiefe Aste über dem Wasser und nehmen die Flüssigkeit lappend wie ein Hund zu sich.
Singalesen und Madagassen verfolgen auch den Flugfuchs seines Fleisches wegen. Letztere wenden, nach Pollen, eine sehr einfache und sichere Falle an, um sich des beliebten Wildes zu bemächtigen. Auf einem Baume, welchen die Flugfüchse besuchen, befestigen sie an dem höchsten Zweige zwei lange Stangen, welche jederseits mit Rollen versehen sind. Über diese führen sie Stricke, welche aufgezogen und niedergelassen werden können, und binden an denselben wie Flaggen Netze an. Sobald nun einer der Flughunde sich an dem Netze anhängt, zieht der Fänger dieses so schnell als möglich auf den Boden herab und gelangt dadurch in den meisten Fällen in den Besitz des Tieres, welches noch keine Zeit fand, sich zu befreien, oder nicht loslassen wollte. Sie durch Schüsse zu Boden zu strecken, wenn sie auf Bäumen sitzen, ist keineswegs eine leichte Aufgabe, während sie im Fluge mühelos erlegt werden können. Wenn man mehrere von ihnen töten will, braucht man nur einen Verwundeten anzubinden, damit er schreit; denn alle, welche sich in der Nachbarschaft befinden, kommen auf das klägliche Kreischen ihres Kameraden herbei, als wollten sie demselben Hilfe leisten. Das Wildbret gilt nach Ansicht der Eingeborenen und einzelner Europäer, welche den leicht begreiflichen Ekel vor solchem Braten überwunden haben, als ausgezeichnet, namentlich in der Feistzeit unserer Flughunde, während welcher der ganze Leib zuweilen nur ein in Fett eingewickeltes Stück Fleisch zu sein scheint. Die Madagassen werfen den zum Schmoren bestimmten Flugfuchs einfach auf ein Kohlenfeuer, ohne ihn vorher abzuhäuten, und drehen und wenden ihn so lange, bis er gar geworden ist. Daß ein in dieser Weise zubereiteter Braten gesittete Menschen anekelt, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden; indessen gewöhnt man sich mit der Zeit an alles, zumal wenn das Gebotene dem Geschmacke wirklich zusagt.
Unter allen bekannten Flughunden gelangt diese Art am häufigsten lebend nach Europa, bleibt bei geeigneter Pflege in unseren Käfigen auch geraume Zeit am Leben. Im Jahre 1871 brachte ein Engländer von Indien her mit einem Male 50 Paare dieser Tiere auf den Markt und gab mir Gelegenheit, einige von ihnen zu erwerben und längere Zeit zu beobachten. Ich habe meine Wahrnehmungen zwar bereits veröffentlicht, kann jedoch nichts Besseres thun, als das Gesagte hier wenigstens teilweise zu wiederholen.
Übertags hängen die Flughunde an einem ihrer Beine sich auf, bald an dem rechten, bald an dem linken, ohne dabei regelmäßig zu wechseln. Das andere Bein wird in schiefer Richtung von oben nach unten oder von hinten nach vorne über den Bauch gelegt, der Kopf auf die Brust herab, im Hängen also heraufgebogen, so daß das Genick den tiefsten Punkt des Körpers bildet und nur die gespitzten Ohren es überragen. Nachdem das Tier diese Stellung eingenommen hat, schlägt es erst den einen Fittich mit halb entfalteter Flatterhaut um den Leib, sodann den zweiten etwas mehr gebreiteten darüber und hüllt dadurch den Kopf bis zur Stirnmitte, den Leib bis auf den Rücken vollkommen ein. Der handartig gebildete Fuß mit seinen großen, starken, bogig gekrümmten, scharfen, spitzigen Zehennägeln findet an jedem Aste oder am Drahte des Gebauers sicheren Anhalt, und die Stellung des hängenden Flughundes erscheint demgemäß, so ungewöhnlich sie dem Unkundigen vorkommen mag, ungezwungen, bequem und natürlich. Die Flughaut schirmt das Auge vor den Sonnenstrahlen und schließt, mit Ausnahme des Gehörs, die edlen Sinneswerkzeuge vollständig von der Außenwelt ab, läßt aber neben den Kopfseiten noch Raum
für den zur Atmung erforderlichen Luftstrom und erfüllt somit den Zweck einer Umhüllung besser als jede Decke. Zum Verkehre mit der Außenwelt genügt das Gehör, welches zwar, soweit man von den kurzen, spitzigen und nackthäutigen Ohren folgern darf, an Schärfe dem anderer Flattertiere bedeutend nachstehen muß, immerhin aber genügend entwickelt sein wird, um jedes störende oder gefahrdrohende Geräusch zum Bewußtsein des Schläfers zu bringen. Der Schlaf währt so lange, als die Sonne am Himmel steht, wird aber zeitweilig unterbrochen, um irgend ein wichtiges oder unaufschiebliches Geschäft vorzunehmen. Zu den regelmäßigen Arbeiten gehört das Putzen der Flatterhaut. Es handelt sich dabei nicht allein um Reinigung, sondern und mehr noch um Einfetten und Geschmeidigmachen dieses wichtigen Gebildes. Jedes einzelne Feld wird mittels der Schnauzenspitze an allen Teilen gedehnt und ausgeweitet und jede einzelne Talgdrüse dadurch teilweise entleert, die Haut sodann aber innen und außen mit der Zunge beleckt und geglättet. Hierauf pflegt das Tier einen Flügel nach dem anderen zu voller Breite zu entfalten, gleichsam um sich zu überzeugen, daß kein Teil übersehen wurde. Nach vollendeter Arbeit hüllt es sich ein wie vorher. Hat es ein natürliches Bedürfnis zu befriedigen, so entfaltet es beide Flügel, hebt sich durch Schaukeln mit dem Kopfe nach vorn und oben, greift mit beiden Daumenkrallen nach dem Zweige oder Drahte, an welchem es bisher hing, läßt mit dem Fuße los, fällt dadurch mit dem Hinterteile nach unten und kann sich nunmehr entleeren, ohne sich zu beschmutzen oder zu benässen. Unmittelbar darauf greift es mit den Füßen nach oben und nimmt, sobald es sich festgehängt, die frühere Stellung wieder ein. Gegen Sonnenuntergang, meist noch etwas später, erwachen die Flughunde aus ihrem Tagesschlafe, lockern die bis dahin eng umschlossene Umhüllung ein wenig, spitzen und bewegen die Ohren, putzen noch einige Zeitlang an der Flughaut herum und recken und dehnen sich. Humpelnden Ganges, halb kriechend, halb kletternd, bewegen sie sich vorwärts, mit Daumen und Fußklauen überall nach einem Halte suchend, bis sie in entsprechende Nähe des Futter- und Trinkgefäßes gelangt sind. Am liebsten fressen und trinken sie in ihrer gewöhnlichen Stellung, indem sie eingehängt den Kopf bis zum Futter- oder Trinkgefäße herabstrecken und nun einen Bissen nach dem anderen nehmen oder in der bereits geschilderten Weise trinken. Sie genießen alle Arten von Obst, am liebsten Datteln, Apfelsinen, Kirschen und Birnen, minder gern Apfel und Pflaumen; gekochter Reis behagt ihnen nicht sonderlich, Milchbrot ebensowenig, obwohl ihnen beide Nahrungsmittel genügen, wenn andere nicht geboten werden. Sie fassen den Bissen mit dem Maule, kauen ihn aus, lecken dabei behaglich den ausfließenden Saft auf und lassen den Rest, einen großen Teil der Fasern, fallen, fressen überhaupt sehr liederlich und verwerfen mehr, als sie genießen. Ist ihnen ein Bissen zu groß, so kommen sie mit der eben freien Hand zu Hilfe; erforderlichen Falls wird auch die Daumenkralle mit zum Halten verwendet. Zu ihren besonderen Genüssen gehört Milch, möglicherweise ihrer Schmackhaftigkeit halber, möglicherweise auch, weil sie das Bedürfnis empfinden, die ihnen doch nur sehr mangelhaft gebotene tierische Nahrung zu ersetzen. Sie trinken täglich ihr Schälchen Milch mit sichtlichem Behagen leer und lassen sich, wenn ihnen diese Leckerei winkt, recht gern ein gewaltsames Erwecken aus ihrem süßesten Schlummer gefallen. Erst nach wirklich eingetretener Dunkelheit sind sie zu vollem Leben erwacht. Sie haben sich munter gefressen. Ihre dunklen Augen schauen hell ins Weite. Noch einmal werden alle Felder der Flughaut beleckt und geglättet, die Fittiche abwechselnd gedehnt, gereckt und wieder zusammengefaltet, die Haare durch Kratzen und Lecken gekrümmt und gesäubert: nunmehr versuchen sie, in ihrem engen Gefängnisse die nötige Bewegung sich zu verschaffen. Die Fittiche bald etwas gehoben, bald wieder fast gänzlich zusammengeschlagen, klettern sie ununterbrochen auf und nieder, kopfoberst, kopfunterst, durchmessen alle
Seiten des Käfigs, durchkriechen alle Winkel. Es sieht zum Erbarmen aus, wie sie sich abmühen, irgendwo oder wie die Möglichkeit zu entdecken, ihrer Bewegungslust Genüge zu leisten. Man möchte ihnen auch gern helfen; leider aber ist es nicht möglich, fie jo unterzubringen, daß alle ihre Eigenschaften zur Geltung kommen können. Der größte Käfig wäre für sie als flatternde Säugetiere noch viel zu klein, dürfte sie sogar gefährden, weil sie in einigermaßen ausgedehntem Raume zu fliegen versuchen, an den Wänden anstoßen und sich schädigen würden. In einem größeren Raume sind sie übrigens im stande, von ihrem hochhängenden Käfig aus wirklich zu fliegen. Dies haben mir meine Gefangenen bewiesen, als sie einmal zufällig frei gekommen waren und am anderen Morgen an der Decke des betreffenden Raumes angehängt gefunden wurden. Viel schwieriger wird es ihnen, sich vom Boden oder von der Decke ihres auf dem Boden stehenden Käfigs aus zu erheben. Ein von mir angestellter Versuch, sie beim Fliegen zu beobachten, mißglückte gänzlich. Ich ließ ihren Käfig in ein großes Zimmer bringen und die Thüre öffnen. Beide Flughunde waren vollkommen munter, kletterten ununterbrochen in dem Käfig umher, verließen denselben aber nicht. Die geöffnete Thüre schien für sie nicht vorhanden zu sein; daß die Offnung ihnen einen Weg zum Entkommen bieten könnte, kam ihnen, weil sie keine darauf bezüglichen Erfahrungen gemacht hatten, nicht in den Sinn. Ein Höhlentier würde anders gehandelt haben, eine kleine in Häusern lebende Fledermaus sicherlich auch. Wir mußten uns endlich entschließen, sie gewaltsam aus dem Käfig zu nehmen, eine Arbeit, welche uns leichter schien, als sie war; denn wir hatten unsere liebe Not, sie von den Gitterstäben des Käfigs loszulösen und in unsere Gewalt zu bekommen. War es uns wirklich geglückt, ihre beiden Füße loszuhaken, so griffen sie mit der Daumenkralle zu und hingen sich so fest, daß man sie, ohne ihnen Schaden zu thun, nicht frei machen konnte; waren glücklich auch die Daumenkrallen gepackt, so schlüpften die Füße wieder aus der Hand, oder ein unversehens beigebrachter Biß that seine Wirkung, und alle mühsam eingepackten Beine und Hakenkrallen wurden gleichzeitig frei. Endlich gelang es trotz alles Beißens, sie herauszubringen und auf den Käfig zu setzen. Meine Hoffnung, daß sie von hier aus abfliegen würden, erfüllte sich aber nicht. Sie kletterten anscheinend ängstlich an den Außenwänden des Gebauers auf und nieder, schauten verlangend ins Innere, untersuchten die Wände von allen Seiten, verließen sie jedoch nicht. Es wurde nunmehr eine schwache Stange herbeigeholt, in einiger Höhe über dem Boden befestigt und an ihr die Flughunde angehängt. Jetzt entfalteten sie die mächtigen Fittiche, ließen die Füße los, thaten einige lautklappende Flügelschläge und fielen auf den Boden herab, mit möglichster Eile und doch höchst ungeschickt auf demselben weiterkriechend.