Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Die Ohrenfledermaus findet sich in ganz Europa, mit Ausnahme derjenigen Länder, welche über den 60. Grad nördlicher Breite hinausliegen. Außerdem hat man fie in Nordafrika, Westasien und Ostindien beobachtet. Sie ist nirgends selten, im nördlichen und im mittleren Deutschland sogar eine der gewöhnlichen Arten, lebt aber stets einzeln, nicht in großen Gesellschaften beisammen. Überall hält sie sich in nicht allzu großer Entfernung von menschlichen Wohnungen auf, schläft im Sommer auch ebenso oft hinter Fensterläden wie in hohlen Bäumen und kommt im Winter ebenso gern in Keller und andere Gewölbe wie in Kalkhöhlen und Stollen. In der Stadt will sie, laut Altum, stets freie, mit Baumwuchs und Gesträuch bestandene Plätze haben und erscheint dem entsprechend fast ausschließlich inZimmern, welche an Gärten stoßen. In den Berggegenden,am Harz und in den Alpen z. B., geht sie nicht über den Waldgürtel hinauf. Im Sommer sieht man sie an
lichten Stellen im Walde, über Waldwege, Baumgärten und Alleen am häufigsten fliegen. Selten erhebt sie sich in eine Höhe von 15 m, in der Regel fliegt sie weit niedriger, meist mit etwas flatterndem und nicht eben schnellem Flügelfchlage, obgleich sie einiger Mannigfaltigkeit in der Bewegung fähig ist. „Sie flattert“, sagt Altum, „gern um Obstbäume, ähnlich wie nach Nahrung suchende Schwärmer um blütenreiche Stauden, indem sie oft:
Ohrenfledermaus3 (Plecotus auritus). Natürl. Größe. mals, um Spinnen und kleine Motten zu erhaschen, einen Augenblick, wie um sich zu fegen, im Flatterfluge anhält, um gleich darauf ein ähnliches Spiel zu wiederholen.“ Im Fluge krümmt sie gewöhnlich das riesenmäßige, wegen seiner zahlreichen Querfalten leiht beweg: lihe weihe Ohr nach außen und bogig abwärts, so daß dann bloß die spizen, langen Ohrdedel vorwärts in die Höhe stehen. Wenn sie hängt, schlägt sie meist die Ohren unter die Arme zurü&. Bei ihrem Winterschlafe hängt sie, laut Koh, meist frei, seltener in Riten eingeklemmt, in der Regel nahe dem Eingange ihrer Herberge sich an, da sie ziemlich viel Kälte zu vertragen scheint. Ko hat sie auf dem Dillenburger Schlosse selbst in 23 Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.
Gemäuern gefunden, welche in der Nähe ihrer Anhaftstellen bereits seit Wochen mit dicken Eiszapfen bekleidet waren. Trotzdem zieht sie schon sehr früh, meist bereits im Oktober, in ihre Schlupfwinkel sich zurück und dehnt ihren Winterschlaf bis gegen den März aus. Ende Juni oder Anfang Juli bringt sie ihre Jungen zur Welt. Die Nahrung besteht wohl nur aus Kerbtieren, welche sie im Fluge fängt und, einer Beobachtung Altums zufolge, vielleicht auch von den Blättern abliest, so sehr dies gegen die sonstige Erfahrung zu streiten scheint.
Wie die meisten übrigen Fledermäuse wird sie von Schmarotzern verschiedener Art arg geplagt, außerdem vom Marder und Iltis, einzelnen Tagraubvögeln und den Eulen, dann und wann auch von Katzen bedroht. Den schleichenden Raubsäugetieren fällt sie namentlich während des Tages, den Eulen nachts bei ihren Ausflügen zum Opfer, da sie von den kleineren gewandten Nachtraubvögeln ohne besondere Mühe im Fluge ergriffen wird.
Die Ohrenfledermaus hält die Gefangenschaft länger als die meisten ihrer Verwandten aus, kann in ihr sogar, obgleich nur bei sorgsamster Pflege, mehrere Monate oder Jahre ausdauern. Wegen dieser Eigenschaft wählt man sie gewöhnlich, wenn man Beobachtungen an gefangenen Fledermäusen überhaupt anstellen will. Man kann sie in gewissem Grade zähmen. Faber besaß und beobachtete eine mehrere Wochen lang. Sie war sehr munter, namentlich in der Abenddämmerung, flog übrigens auch häufig bei Tage, war dagegen in den Mitternachtsstunden ruhig. In der Stube flog fie mit der größten Leichtigkeit anhaltend umher, meist mit stillgehaltenen Flügeln, konnte dieselben jedoch auch im Fluge zusammenziehen und wieder ausbreiten. Wenn sie Gegenständen ausweichen mußte, machte sie einen Bogen, schwirrte hurtig auf dem Boden hin und hob ohne Schwierigkeit sich in die Luft. An den Wänden kletterte sie mit Hilfe des Daumens sehr geschickt auf und nieder. Bei dem geringsten Geräusche bewegte und spitzte sie die Ohren, wie Pferde es thun, oder krümmte sie wie Widderhörner, wenn das Geräusch fortdauerte oder stark war. In der Ruhe legte sie die Ohren stets zurück. Sie drehte oft den Kopf, leckte sich mit der Zunge und witterte mit der Nase. Wie alle Fledermäuse wurde sie viel von Schmarotzern geplagt und kratzte sich oft an der Seite des Kopfes mit den Nägeln. Bei kalter Witterung saß sie still. Sobald die Sonne auf sie schien, wurde sie munter und lief in ihrem Käfig hin und her. Der Geruch, welchen sie von sich gab, war weniger unangenehm als der anderer Arten. Ihre Gefräßigkeit war sehr groß, auch in der Gefangenschaft. Wenn man Stubenfliegen zu ihr setzte, machte sie augenblicklich Jagd darauf; zu einer einzigen ihrer Mahlzeiten bedurfte fie aber 60— 70 dieser Kerfe. Sie verdaute fait ebenso schnell, wie fie fraß, und füllte, während sie noch mit der Mahlzeit beschäftigt war, den Käfig mit ihrem schwarzen Unrate. Ihren Raub bemerkte sie nicht durch das Gesicht, sondern vermittelst ihres feinen Gehörs und durch den Geruch. Sie wurde, wenn Fliegen in ihrer Nähe sich bewegten, sofort unruhig, ging witternd umher, spitzte und drehte die Ohren, machte Halt vor der Fliege und fuhr dann mit ausgebreiteten Flügeln auf sie los, suchte sie, um sie zu erwischen, unter ihre Flügel zu bringen und ergriff sie dann mit der nach abwärts gebogenen Schnauze. War es eine sehr große Fliege, so bog sie den Kopf unter die Brust, um sie besser zu fangen. Sie kaute ihre Nahrung leicht und geschwind und leckte sie mit der Zunge hinein. Beine und Flügel, welche fie nicht gern fraß, verstand fie prächtig auszuscheiden. Auf tote Fliegen ging fie nur dann, wenn fie sehr hungrig war; sobald sich aber ihre Beute bewegte, fuhr sie rasch auf dieselbe los. Nach vollbrachter Mahlzeit saß sie ruhig und zog sich zusammen.
Die Ohrenfledermaus ist dieselbe, von welcher ich oben (S. 326) berichtete, daß sie, außer von ihren schmarotzenden Läusen, Spinnentieren und Milben, auch noch von Blutsaugern ihres eigenen Geschlechtes angefallen wird und dann diese aus Rache frißt.
Die Gattung der Nachtschwirrer (Vespertilio) hat freie, d. h. voneinander ge= trennte, länglichrunde Ohren mit länglichem, lanzettförmigem Deckel, verhältnismäßig breite und kurze Fittiche ohne Sporenlappen, höchstens körperlangen, meist kürzeren Schwanz und ziemlich dichten, oben graubraunen, unten weißlichen, ausnahmsweise dunkleren Pelz. Das Gebiß besteht aus 38 Zähnen, und zwar 2 Vorderzähnen in jedem Oberkiefer, 6 geschlossenen Schneidezähnen im Unterkiefer und oben wie unten jederseits 3 einspitzigen und hinter denselben 3 vielspitzigen Backenzähnen, unter denen die beiden ersteren als Lückzähne angesehen werden dürfen. Bei der Untergattung der Mausohren (Myotus) haben die mehr als kopflangen Ohren 9 oder 10 Querfalten, sind gegen die Mitte des Außenrandes nicht eingebuchtet und ragen angedrückt über die Schnauzenspitze hinaus. Die Schwanzspitze steht frei aus der Schwanzflughaut vor; die Schwanzflughaut ist am Hinterrande kahl.
Ganz Mitteleuropa von England, Dänemark und dem mittleren Rußland an, den Süden unseres Erdteils, das nördliche Afrika und den größten Teil Asiens bis zum Himalaja bewohnt das Mäuseohr, die gemeine Fledermaus oder der große Nachtschwirrer (Vespertilio [Myotus] murinus, V. myotus, V. und Scotophilus murinus, V. submurinus), die größte unserer einheimischen Fledermäuse, 12— 13 cm lang, wovon 5,3 cm auf den Schwanz zu rechnen und 37 cm Klafterweite, oberseits lichtrauchbraun mit roströtlichem Anfluge, unterseits schmutzig weißlich, die einzelnen Haare zweifarbig, an der Wurzel bräunlichschwarz, an der Spitze heller, die verhältnismäßig dünnhäutigen, durchscheinenden Ohren und Flughäute lichtgraubraun, junge Tiere mehr aschgrau gefärbt.
Vom Anfange des März bis in den Oktober wird man das Mäuseohr an geeigneten Orten kaum vermissen und an seinem unbeholfenen, flatternden, meist geradeaus gehenden oder doch nicht in raschen Zickzacklinien sich bewegenden Fluge auch leicht erkennen. Es bewohnt ebensowohl das Gebirge, in welchem es bis zu 1200 m über dem Meere empor: steigt, hält sich übertags gern unter den Dächern alter, großer und stiller Gebäude, in Schlössern, Kirchen, Rathäusern, bisweilen auch in altem Mauerwerke oder in ausgedehnten Gewölben, seltener in Gruben und Höhlen auf, hier in zahlreichen Gesellschaften mit seinesgleichen oft dicht gedrängt in förmlichen Klumpen nebeneinander hängend, andere Fledermausarten dagegen nicht neben sich duldend, beziehentlich mit räuberischen Gelüsten bedrohend. Auf dem Speicher der Spitalkirche in Wetzlar sind diese Tiere, laut Koch, im Sommer so massenhaft beisammen, daß der Kot fußhoch sich anhäuft, ja daß dieser schon in Wagenladungen als Dünger abgefahren werden konnte. Im Herbste findet man sie nicht mehr vor, und sie kehren erst nachdem die Jungen mit den Alten fliegen dahin zurück. Im Winter suchen die Mäuseohren Gewölbe, Höhlen und Bergwerke zu ihrem Aufenthalte auf. Wo es viele Bergwerke gibt, wie bei Dillenburg, Herborn an der Lahn, in Westfalen ꝛc., trifft man sie im Winter über das ganze Gebiet verbreitet und daher vereinzelt an, selten daß man ihrer zwei oder drei in einem Klumpen findet, während sie in Gegenden, wo zum Winterschlafe geeignete Stellen seltener sind, sich mehr zusammenziehen und zu Klumpen von 30 —50 Stücken und mehr gesellen. Während des Winterschlafes ziehen fie sich ziemlich weit in die hinteren Räume der Bergwerke, Höhlen und Gewölbe zurück und hängen sich hier in der Regel frei an, obwohl es ebenfalls vorkommt, daß sich einzelne, gewöhnlich Weibchen, in Ritzen und Spalten einzwängen. Ihre Bissigkeit und Zanksucht vertreibt meist alle kleineren Fledermäuse, mit Ausnahme der Blutsauger; die Schwächlinge haben aber auch allen Grund, sie zu meiden, da sie, wie Koch an Gefangenen e kleinere Arten durch Beißen töten und Teile von ihnen auffrefjen.
Gegen Ende des Frühjahres wirft das Weibchen in der Regel ein einziges Junge, in seltenen Fällen deren zwei, schleppt dasselbe anfangs mit großer Zärtlichkeit umher, macht 23**
sich aber bald von ihm frei, um jo mehr, als die Entwickelung des Jungen außerordentlich rasch vor sich geht und es schon vor Beginn des Winterschlafes nicht mehr von den Alten unterschieden werden kann. Bei anhaltend mildem Wetter erwachen auch die winterschlafenden Mäuseohren und rühren sich, wagen sich jedoch niemals ins Freie, ebensowenig als man sie im Sommer bei kaltem, unfreundlichem Wetter fliegen sieht. Selbst bei günstiger Witterung erscheinen sie erst nach eingetretener Dämmerung im Freien. „Der Breite der Flügelfittiche entsprechend“, sagt Altum, „ist ihr Flug gemächlich, man kann fast sagen matt, unbeholfen, krähenartig. Mit weitausholendem Schlage rudert fie in gerader Richtung, ohne auffallend geschickte scharfwinkelige Wendungen zu machen, über breite, beiderseits von starken Wallhecken begrenzte Fahrwege, in nicht zu schmalen Alleen, auf freien Plätzen in der Stadt, über breite Straßen auf und ab, 5, 6—8 m über dem Boden. Sie scheint nie Eile zu haben, während andere ihres Geschlechtes sich vor geschäftiger Hast kaum zu lassen wissen. Das Jagdgebiet, welches sie so abstreicht, scheint etwa 5 Minuten lang zu sein. Draußen habe ich sie nie anders als in der Nähe der Stadt oder unweit ausgedehnter Hofgebäude großer Güter angetroffen. Sogar den Waldrand scheint sie durchaus zu vermeiden, wie ihr ebenso alle kleinlichen Verhältnisse, enge Gäßchen, kleine Winkel, niedriges Gebüsch und Gesträuch zuwider sind. Sie liebt es überhaupt nicht, an Gebäuden, Baumreihen ꝛc. ganz nahe vorbeizustreichen, sondern hält sich fast stets etwas entfernt von ihnen im Freien, schwingt sich demnach auch nicht niedrig über Dächer, schwenkt nicht um eine Ecke, sondern folgt mehr der Mitte der breiten Straßen. Trotz ihres ruhigen, einförmigen Flügelschlages fördert ihr Flug doch ebenso rasch wie der der Zwergfledermaus. Sie scheint von allen das zarteste Gefühl, beziehentlich Gehör zu haben und deshalb im stande zu sein, schon in einer bedeutenderen Entfernung auf ihre Beute geradeswegs loszusteuern, so daß sie nicht in Verlegenheit kommt, unvermutet, fast unmittelbar in deren Nähe gelangend, durch plötzliche, jähe Seitenwendungen sie erhaschen zu müssen. Ich habe gesehen, wie sie auf wenigstens 3 m Entfernung fast unvermerkt nach einem Maikäfer sanft zur Seite abbog; es würde auch sonst unerklärlich sein, wie sie im stande wäre, eine Menge viel schneller als Maikäfer fliegende Kerbtiere, namentlich Nachtschmetterlinge, welche sie erwiesenermaßen häufig verzehrt, bei ihrem eintönigen Fluge zu erbeuten.“
Gefangene Mäuseohren dauern, laut Koch, sehr gut aus, gewöhnen sich sogar an Fleischnahrung, sind aber unangenehme Zimmergenossen und scheinen wohl vertraut, aber nicht leicht zahm werden zu wollen.
Die mit Querlinien versehenen kürzeren Ohren, welche angedrückt nicht über die Schnauzenspitze hinausreichen, und die, wenn auch nicht regelmäßig vorkommende Behaarung der Schwanzflughaut, welche in der Regel zwar am Hinterrande kahl, ausnahmsweise aber mit einzelnen sehr entfernt stehenden Härchen besetzt ist, unterscheiden die Untergattung der Wasserfledermäuse (Brachyotus) von den Mäuseohren, denen sie sonst, namentlich in der Zusammensetzung des Gebisses, ähneln.