Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Man kann die jetzt lebenden Säugetiere nach Ausschluß des Menschen nach verschiedenen Einteilungsgründen gruppieren. Wir wollen im ganzen 15 Ordnungen unterscheiden: Zunächst die Affen, Halbaffen und Fledermäuse, die Raubtiere, Flossenfüßer, Insektenfresser und Nagetiere. Diese 7 Ordnungen nebst den Zahnarmen, Beuteltieren und Kloakentieren könnte man auch wegen der mit Nägeln versehenen oder bekrallten Finger und Zehen als Krallensäuger bezeichnen. Ihnen würden gegenüberstehen die Ordnungen der Rüsseltiere, Paarzeher und Unpaarzeher, deren Zehen durchweg behuft sind. Unter diesen Huftieren pflegte man früher die zu den Paarzehern gehörigen Wiederkäuer als „Zweihufer“ den übrigen oder „Vielhufern“, beziehungsweise „Einhufern“ gegenüberzustellen. Als eine dritte Hauptabteilung könnten dann als Fischsäuger unsere beiden Ordnungen der Waltiere und Seekühe gelten, bei deren Vertretern weder Nägel und Krallen noch Hufe vorkommen.
Zu einer natürlicheren Einteilung der aufgezählten Säugerordnungen gelangen wir, wenn wir die beiden Ordnungen der Kloaken- oder Gabeltiere und der Beuteltiere je als eine Hauptabteilung auffassen und sämtliche übrigen Ordnungen zu einer dritten Hauptabteilung zusammenstellen.
Jeder Keimling eines Affen oder Halbaffen, einer Fledermaus, eines Raubtieres, Flossenfüßers, Insektenfressers, Nagers, Rüsseltieres, Paar⸗ und Unpaarzehers, Waltieres, einer Seekuh oder eines Zahnarmen ist durch ein die Atmung des Keimlings vermittelndes und durch dessen Nabelschnur mit ihm verbundenes Organ, einen Mutterkuchen, an die Innenwand des Fruchtbehälters seiner Mutter befestigt. Alle diese Säugerordnungen sind deshalb in die Unterklasse der Mutterkuchentiere zusammenzufassen. Bei den Beutel- und Kloakentieren fehlt ein Mutterkuchen, beide Ordnungen unterscheiden sich aber sehr wesentlich voneinander. Nur die Kloakentiere besitzen eine gemeinsame Ausfuhröffnung für die Verdauungs⸗, Harn- und Geschlechtswerkzeuge, eine Kloake. Nur fie legen großdotterige, mit einer festen, pergamentähnlichen Schale versehene Eier und schließen sich überhaupt näher
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den uͤ brigen Wirbeltierklassen an. Die nur bei ihnen warzen- oder zitzenlosen Säugewerkzeuge besitzen den Bau von Schweißdrüsen, während jene aller übrigen Säuger nach Bau und Entwickelung den Talgdrüsen zuzurechnen sind. Wollte man nur zwei Hauptabteilungen der Säuger unterscheiden, so müßte man die Kloakentiere, obwohl sie mit den Beuteltieren die diese auszeichnenden Beutelknochen und den Mangel des Mutterkuchens teilen, sämtlichen übrigen Säugetieren gegenüberstellen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft erscheint es jedoch zweckentsprechender, noch an drei Unterklassen, den Mutterkuchen-, Beutelund Kloakentieren, festzuhalten.
Die folgende Übersicht, in welcher diese drei Unterklassen in umgekehrter Reihenfolge aufgeführt sind, vereinigt die ältere Einteilung nach der Zehenbekleidung mit der neueren nach der Beschaffenheit der Geschlechts- und Säugewerkzeuge und der Art der Entwickelung. Die Zahlen 1— 15 geben die von uns befolgte Reihenfolge der Ordnungen an:
III. Unterklasse Kloaken tiere „., Gabeltiere Mit Kloakenbildung, Entwickelung ohne Mutter: kuchenbildung, eierlegend, ohne Zitzen, Säugewerkzeuge schweißdrüsenartig, Beutelknochen vorhanden.
H. Untertlasse tie? 14. Beuteltiere. Ohne Kloakenbildung, Entwickelung ohne Mutterkuchenbildung, lebendig gebärend, mit Zitzen, Säugewerkzeuge talgdrüsenartig, Beutelknochen A. Krallensäu ger. orhanden. [ 1; Alfyerue 2. Salbaffen i. 3. Flebermäuse 4. Raubtiere. 5. Flossenfüßer 6. Insektenfresser I. Unterklasse: Mutterkuchentiere 7. Nagetiere. Ohne Kloakenbildung, Entwickelung mit Mutter⸗ 8. Bahnarme. 3 kuchenbildung, lebendig gebärend, mit Zitzen, 9. Rüsseltiere. Säugewerkzeuge talgdrüsenartig, Beutelknochen | 10. Unpaarzeher. B. Hufsäuger. fehlend. 11. Paarzeher.. 12. Seekühe. 4
| 13. Waltiere 9 C. Fischsäuger.
TIERGEOGRAPHISCHE REICHE
nach Wallace.
NORDAMERIKANISCHES REICH
(Nearktische Region)
ALTWELTLICH-NORDISCHES REICH
(Paläarktische Region)
SÜDAMERIKANISCHES REICH
(Neotropische Region)
ÄTHIOPISCHES REICH
(Äthiopische Region)
ORIENTALISCHES REICH
(Orientalische Region)
AUSTRALISCHES REICH
(Australische Region)
AUSTRAL. REICH
Westliche 0 Östl. Länge v. Greenw. Längengrade, oberer und unterer Kartenrand: 160, 140, 120, 100, 80, 60, 40, 20, 0, 20, 40, 60, 80, 100, 120, 140, 160. Breitengrade, linker und rechter Kartenrand: 80, 60, 40, 20, 0, 40.
Bibliographisches Institut in Leipzig.
Erste Ordnung.
Die Affen (Pitheci).
Wagler nennt die Affen „umgewandelte Menschen“ und wiederholt damit die uralte und doch immer neue Ansicht aller Völker, welche mit diesen fratzenhaften Wesen verkehrt haben und verkehren; nahezu das Gegenteil seines Ausspruches würde heutzutage gültigen Anschauungen entsprochen haben. Nicht die Affen sind umgewandelte Menschen, sondern diese vollkommener entwickelte Vettern der Affen.
Von den alten Völkern scheinen nur die Agypter und Inder eine gewisse Zuneigung für die Affen gezeigt zu haben. Die alten Agypter, auf deren Affenwürdigung ich zurückkommen werde, gruben ihre Bildnisse in den unvergänglichen Porphyr ein und schufen nach ihnen die Abbilder ihrer Götter; die alten Inder erbauten ihnen, wie ihre Nachkommen es heute noch thun, Häuser und Tempel. Salomo ließ sich zwar ebenfalls Affen aus Ophir kommen, und die Römer hielten solche zu ihrem Vergnügen, studierten, ihren Leib zergliedernd, an ihnen den inneren Bau des Menschen, freuten sich der drolligen Nachahmungssucht der Tiere, ließen sie wohl auch mit Raubtieren kämpfen, befreundeten sich aber nie recht mit ihnen und verkannten ebensowenig wie Salomo das „Tier“ in ihnen. Die Araber gehen noch weiter; denn sie sehen in ihnen Söhne, Enkel, Urenkel und Nachkommen des Ungerechten, denen nichts heilig, nichts achtbar, nichts zu gut und nichts zu schlecht ist, welche keine Freundschaft halten mit anderen Geschöpfen des Herrn und verflucht sind seit dem Tage, an welchem sie durch das Strafgericht des Gerechten aus Menschen zu Affen verwandelt wurden, von Allah Verdammte, welche jetzt das Bild des Teufels und des Adamssohnes in wunderlicher Vereinigung zur Schau tragen.
Wir denken nicht viel anders als die Araber. Anstatt unsere nächsten Verwandten wollen auch wir kaum mehr in ihnen erkennen als Zerrbilder unserer selbst, schleudern das Urteil der Verdammnis auf sie und finden bloß diejenigen Affen wirklich anziehend, welche die wenigste Ahnlichkeit mit den Menschen zeigen, während uns alle diejenigen Arten, bei denen diese Ahnlichkeit schärfer hervortritt, viel weniger anmuten. Unser Widerwille gegen die Affen begründet sich ebensowohl auf deren leibliche wie geistige Begabungen. Sie ähneln dem Menschen zu viel und zu wenig. In der Gestalt des Menschen zeigt sich vollendetes Ebenmaß, in der Affengestalt gibt sich oft widerliche Fratzenhaftigkeit kund. Ein einziger Blick auf das Knochengerüst des Menschen und das des Affen zeigt den in beider Anlage begründeten Unterschied, welcher jedoch keineswegs ein durchgreifender ist, vielmehr nur als ein bedingter, nicht aber unbedingter aufgefaßt werden darf. Jedenfalls ist es unrichtig, die Affen als mißgebildete Geschöpfe zu bezeichnen, wie gewöhnlich zu geschehen pflegt und auch von mir selbst geschehen ist. Es gibt bildschöne, und es gibt sehr häßliche Affen; mit i 3%
dem Menschen aber ist dies nicht im geringsten anders: in einem Eskimo, Buschmann oder Neuholländer sehen wir auch kein Vorbild Apollos. An und für sich sind die Affen sehr wohl ausgestattete Tiere; mit dem höchststehenden Menschen verglichen, erscheinen sie als Zerrbilder des vollendeteren Wesens.
Die Leibesgröße der Affen spielt in weiten Grenzen; der Gorilla kommt einem starken Manne, das Seidenäffchen einem Eichhorne gleich. Auch der Bau des Leibes ist sehr ver:
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Gerippe des Menschen und des Gorillas; a männlicher und b weiblicher Schädel des letz'eren. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
schieden, wie die im allgemeinen treffenden Bezeichnungen „Menschen-, Hunds- und Eichhorn: affe“ besser als lange Beschreibungen darthun. Einige sind massig, andere schlank, diese plump, jene zierlich gebaut; die einen haben stämmige, die anderen schmächtige Gliedmaßen, die meisten lange, einige kurze, einzelne gar keine Schwänze. Ebenso verhält es sich mit der Behaarung: bei diesen deckt ein spärliches Haarkleid, bei jenen ein ziemlich dichter Pelz den Leib. Die Farben des Felles, im ganzen düster, können doch zuweilen lebhaft und
ansprechend fein, während die der nackten Teile oft geradezu grell, für unser Auge abstoßend erscheinen. Es kommen auch Weißlinge vor. Und in Siam, im Lande des „weißen Elefanten“, wo Albinos aus der Tierwelt Mode zu sein scheinen, werden schöne weiße Affen gern zahm gehalten. Die Übereinstimmung des inneren Leibesbaues der Affen ist größer, als man, von ihrer äußeren Erscheinung folgernd, vermuten möchte. Das Gerippe enthält 12— 16 Brustwirbel, 4—9 Lendenwirbel, 2— 5 Kreuzbein- und 3 — 33 Schwanzwirbel; das Schlüsselbein ist stark; die Unterarmknochen sind getrennt und sehr beweglich, die Handwurzelknochen gestreckt, die der Finger aber teilweise verkümmert, während an den Füßen gerade der entgegensetzbare Daumen auffällt. Der Schädel ist sehr verschieden gestaltet, je nachdem der Schnauzenteil vor- oder zurücktritt und der Hirnkasten sich erweitert; die Augen liegen vorn in stark umrandeten Knochenhöhlen, und die Jochbogen stehen nicht bedeutend vom Schädel ab. Das Gebiß enthält alle Zahnarten: 2 Schneidezähne, 1 oft außerordentlich und wie bei Raubtieren entwickelter Eckzahn, 2 oder 3 Lück- und 3 Mahlzähne in jeder Kieferhälfte pflegen es zu bilden. Unter den Muskeln verdienen die der Hände unsere Beachtung, weil sie im Vergleiche zu denen der Menschenhand viel einfacher erscheinen. Der Kehlkopf befähigt nicht zu einer Sprache im menschlichen Sinne; die sackartigen Erweiterungen der Luftröhre dagegen begünstigen gellende, heulende Laute. Besonderer Erwähnung wert sind die Backentaschen, welche einige Affensippen besitzen: Ausbuchtungen der Mundhöhlenwände, welche durch eine hinter dem Mundwinkel gelegene Offnung mit der Mundhöhle in Verbindung stehen und zur zeitweiligen Aufspeicherung der Nahrung dienen. Bei den Meerkatzen, Makaken und Pavianen erreichen sie die höchste Entwickelung und ziehen sich tiefer herab als der Unterkiefer; bei den Schlankaffen verringern sie sich bis auf ein sehr kleines Säckchen; den Menschenaffen wie denen der Neuen Welt fehlen sie gänzlich.
Man nennt die Affen oft auch Vierhänder und stellt ihnen die Zweihänder oder Menschen wegen des abweichenden Hand- und Fußbaues als grundverschiedene Tiere gegenüber. Indessen die Affen und Menschen unterscheiden sich durch ihren Hand- und Fußbau wohl merklich, aber nicht grundsätzlich. Vergleicht man Menschen- und Affenhand und Menschen- und Affenfuß, so ergibt sich, daß die einen wie die anderen nach derselben Urform gebaut sind. Der den übrigen Fingern oder Zehen entgegensetzbare Daumen findet sich nun beim Menschen nur an den Händen, bei den Krallenaffen nur an den Füßen, bei den übrigen Affen an Händen und Füßen. Ich bin weit entfernt, die Verschiedenheit der Hände und Füße bei Mensch und Affe wegleugnen zu wollen, stelle aber in Abrede, daß diese Unterschiede des Baues zu einer grundsätzlichen Trennung berechtigen könnten.
Um meiner Behauptung eine Grundlage zu geben, beschreibe ich Hand und Fuß eines jungen lebenden Schimpansen. Die mittelgroße Hand erscheint ihrer Schmalheit halber sehr lang: ihre Breite, in der Mitte des Handtellers gemessen, beträgt nur 5 cm, ihre Länge dagegen 13 em. Der Daumen ist auffallend klein, schwach und so kurz, daß er zusammengelegt nur die Einlenkung des Zeigefingers erreicht. Die Finger, welche äußerlich wie beim Menschen in der Hälfte der Handlänge gelenken und sich ebenso wie hier abstufen, sind bedeutend kräftiger, zumal dicker als der Daumen; namentlich gilt dies für Mittelund Ringfinger, wogegen Zeige- und Kleinfinger zumal im Vergleiche zu den menschlichen schwächer erscheinen. Auffallend kurz ist das Nagelglied der Finger, welche außerdem einen durchaus regelmäßigen Bau zeigen. Alle Nägel sind im Verhältnisse zu den menschlichen klein. Der Daumen kann den übrigen Fingern ebenso weit entgegengesetzt werden, wie dies an der menschlichen Hand der Fall ist; auch die Finger lassen sich fast ebenso weit wie die der menschlichen Hand spreizen; doch scheint die willkürliche Beweglichkeit der gesamten Hand, obgleich sie allen von mir angestellten Bewegungen im ganzen und einzelnen willig
folgt, beschränkter zu sein als die der unserigen. Der Fuß ist fast genau ebenso lang wie die Hand, 12,3 cm nämlich, erscheint jedoch breiter und ift dies von der Einlenkung der Zehen wirklich, da hier die Breite reichlich 5,5 em beträgt. Die Zehen find verhältnis mäßig länger als die menschlichen und namentlich die Daumenzehen stark entwickelt; denn während die Länge der Mittelzehe 3,3 em beträgt, mißt die Daumenzehe 4,6 em. Letztere kann auch ebenso gut und ebenso weit wie der Daumen den anderen Fingern den übrigen Zehen entgegengesetzt, aber ebenso ohne sonderliche Anstrengung an dieselben jo fest anx 0 Ka STE,
N N 2 N IN d | A YAN.
Gerippe des weiblichen Hulmans. Stimmsäcke des Brüllaffen (vergrößert). Bärenpavian.
Marimonda. Brüllaffe. Meerkatze. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
geschlossen werden, daß sich beide einzig und allein in der Einlenkungsstelle nicht berühren. Im übrigen ähnelt der Fuß dem menschlichen in jeder Hinsicht, bis auf die Hautfalten der Sohle sogar, obschon diese erklärlicherweise einen etwas anderen, durch die größere Beweglichkeit der Daumenzehe bedingten Verlauf haben. Hand und Fuß find bis zu den Knöcheln mit Haaren bekleidet, von hier an aber nackt.