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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Soll ich das Ergebnis einer auch auf den inneren Bau von Menschen- und Affenhand, Menschen- und Affenfuß gerichteten Vergleichung in wenige Worte zusammenstellen, so lauten diese, daß wir außer stande sind, bezüglich desselben einen durchgreifenden Unterschied zwischen Mensch und Affe aufzufinden. Selbstverständlich weichen die Glieder des Affen von den entsprechenden des Menschen ab; beide aber sind genau nach denselben Grundzügen gebaut, und die Verschiedenheiten dürfen wohl auf die Verschiedenheit der Verwendung zurückgeführt werden. Daß bei den Affen der Gegensatz zwischen Hand und Fuß leicht ersichtlich ist, lehrt ein Blick auf die nebenstehend gegebenen Abbildungen.

Gerippe des weiblichen Hulmans. Marimonda.

„ 1 2, Gorilla; 3—8 Schimpanse; 9, 10 Orang -Utan; 11-13 Gibbon (Lar); 14, 15 Stummelaffe (Guereza); 16--18 Hutaffe; 19, 20 Ravian (Babuin); 21, 22 Krallenaffe (Seidenäffden). Hand und Fuß verschiedener Affen.

1 2, Gorilla; 3—8 Schimpanſe; 9, 10 Orang-Utan; 1113 Gibbon (Lar); 14, 15 Stummelaffe (Guereza); 16—18 Hutaffe; 19, 20 Pavian (Babuin); 21, 22 Krallenaffe (Seidenäffchen).

Ungeachtet der großen Ahnlichkeit zwischen Mensch und Affe lassen sich Unterscheidungsmerkmale aufstellen; nur darf man denselben nicht ausnahmsweise ein größeres Gewicht beilegen, als man sonst bei Vergleichung verschiedener Säugetiere zu thun pflegt. Der hagere, behaarte Leib, die langen Arme, die dünnen Beine ohne Waden, die Gesäßschwielen bei einem großen Teile der Arten, der vielen zukommende lange Schwanz und vor allem der Kopf mit dem rückliegenden und kleinen Schädel und den eingezogenen dünnen Lippen sind Kennzeichen der Affen, durch die sie sich vom Menschen deutlich unterscheiden.

Oken beschreibt die Affen im Vergleiche zu dem Menschen mit folgenden Worten: „Die Affen sind dem Menschen ähnlich in allen Unsitten und Unarten. Sie sind boshaft, falsch, tückisch, diebisch und unanständig, sie lernen eine Menge Possen, sind aber ungehorsam und verderben oft den Spaß mitten im Spiele, indem sie dazwischen einen Streich machen wie ein tölpelhafter Hanswurst. Es gibt keine einzige Tugend, welche man einem Affen zuschreiben könnte, und noch viel weniger irgend einen Nutzen, den sie für den Menschen hätten. Wachestehen, Aufwarten, verschiedene Dinge holen thun sie bloß so lange, bis sie die Narrheit anwandelt. Sie sind nur die schlechte Seite des Menschen, sowohl in leiblicher wie in sittlicher Hinsicht.“;

Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Schilderung im wesentlichen nicht unrichtig ift. Wir wollen jedoch auch gegen die Affen gerecht sein und dürfen deshalb wirklich gute Seiten derselben nicht vergessen. Über ihre geistigen Eigenschaften in Einem abzuurteilen, ist nicht gerade leicht, weil die ganze Sippschaft zu viele sich widersprechende Eigentümlichkeiten zeigt. Man muß freilich anerkennen, daß die Affen boshaft, listig, tückisch, jähzornig, rachsüchtig, sinnlich in jeder Hinsicht, zänkisch, herrsch- und raufsüchtig, reizbar und grämlich, kurz leidenschaftlich sind, darf aber auch die Klugheit und Munterkeit, die Sanftheit und Milde, die Freundlichkeit und Zutraulichkeit gegen den Menschen, ihre Unterhaltungsgaben, ihre erheiternde Ernsthaftigkeit, ihre Geselligkeit, ihren Mut und ihr Einstehen für das Wohl der Gesamtheit, ihr kräftiges Verteidigen der Gesellschaft, welcher sie angehören, selbst gegen ihnen überlegene Feinde, und ihre oft sehr unschuldige Lust an Spielereien und Neckereien nicht vergessen. Und in einem Punkte sind sie alle groß: in ihrer Liebe gegen ihre Kinder, in dem Mitleiden gegen Schwache und Unmündige nicht allein ihrer Art und Familie, sondern selbst anderer Ordnungen, ja sogar anderer Klassen des Tierreiches.

Die geistige Ausbildung, welche die Affen erreichen können, erhebt sie zwar nicht so hoch über die übrigen Säugetiere, mit Ausschluß des Menschen, stellt sie aber auch nicht so tief unter den Menschen, als von der einen Seite angenommen, von der anderen behauptet worden ist. Die Hand, welche der Affe besitzt, gewährt ihm vor vielen Tieren so große Vorzüge, daß seine Leistungen teilweise größer erscheinen, als sie sind. Er ist gelehrig, und der Nachahmungstrieb, welchen viele seines Geschlechtes besitzen, erleichtert es ihm, Kunst oder Fertigkeiten zu erlernen. Deshalb eignet er sich nach kurzer Übung die verschiedenartigsten Kunststücke an, welche einem Hunde z. B. nur mit großer Mühe gelingen. Allein man darf nie verkennen, daß er das ihn Gelehrte immer nur mit einem gewissen Widerstreben, niemals aber mit Freude und Bewußtsein ausführt. Es hält nicht schwer, einen Affen an allerlei Verrichtungen zu gewöhnen; allein er wird dieselben nie mit derselben Sorgfalt, ich möchte sagen Gewissenhaftigkeit thun wie ein wohlerzogener Hund. Dafür haben wir den Hund aber auch Jahrtausende hindurch gezüchtet, gepflegt, gelehrt, unterrichtet und ein ganz anderes Geschöpf aus ihm gebildet, als er war, während der Affe keine Gelegenheit hatte, mit dem Menschen in nähere Verbindung zu kommen. Was Affen leisten können, wird aus dem Nachfolgenden hervorgehen und damit der Beweis geliefert werden, daß man recht hat, fie zu den klügsten aller Tiere zu zählen. Ein hoher Grad von Überlegung ist ihnen nicht abzusprechen. Sie besitzen ein vortreffliches Gedächtnis und wissen

ihre Erfahrungen verständigzu benutzen, mit wirklicher Schlauheit und List ihre Vorteile immer wahrzunehmen, bekunden überraschendes Geschick in der Verstellung und lassen es sich oft nicht merken, welche heillose Absicht sie inihrem Gehirne ausbrüten, wissen sich Gefahren gewandt zu entziehen und finden trefflich die Mittel auf, gegen sie sich zu wahren. Auch Gemüt muß ihnen zuerkannt werden. Sie sind der Liebe und Zuneigung fähig, besitzen Dankbarkeit und äußern ihr Wohlwollen gegen diejenigen, welche ihnen Gutes thaten. Ein Pavian, welchen ich besaß, bewahrte mir unter allen Umständen seine unverbrüchliche Zuneigung, obgleich er leicht mit jedermann Freundschaft schloß. Sein Herz schien jedoch bloß für die Liebe zu mir Raum zu haben; denn er biß seinen eben gewonnenen Freund, sobald ich mich ihm und diesem nahte. Eine ähnliche Engherzigkeit habe ich bei allen Arten der Ordnung, welche ich beobachten konnte, wahrgenommen. Die Liebe, welche alle Affen gegen ihresgleichen bethätigen, spricht ebenfalls für ein tiefes Gemüt. Sehr viele Tiere verlassen die Kranken ihres Verbandes, einige töten, andere fressen sie sogar: die Affen versuchen selbst ihre Toten wegzuschleppen. Doch ist ihre Zuneigung oder Liebe im allgemeinen ebenso wetterwendisch, wie sie selbst es sind. Man braucht bloß das Affengesicht zu studieren, um sich hierüber klar zu werden. Seine Beweglichkeit ist unglaublich groß. In ebenso rascher wie unregelmäßiger Folge durchlaufen es alle nur denkbaren Ausdrücke: Freundlichkeit und Wut, Ehrlichkeit und Tücke, Lüsternheit, Genußsucht und andere Eigenschaften und Leidenschaften mehr. Und noch will es scheinen, als könne das Gesicht den Kreuz- und Quersprüngen des Affengeistes kaum folgen.

Hervorgehoben zu werden verdient, daß alle Affen trotz ihres Verstandes auf die albernste Weise überlistet und getäuscht werden. Ihre Leidenschaften tragen häufig einen vollständigen Sieg über ihre Klugheit davon. Sind jene rege geworden, so achten sie auch die plumpeste Falle nicht mehr und vergessen ihre Sicherheit gänzlich über der Absicht, ihrer Gier zu frönen. In solcher Weise beherrschen die Leidenschaften auch die klügsten Affen — just wie so manche Menschen. Ob man deshalb berechtigt ist, ihren Verstand zu unterschätzen, möchte zu bezweifeln sein.

Die Affen waren in früheren Schöpfungsabschnitten über einen größeren Teil der Erde verbreitet als gegenwärtig. Jetzt beschränkt sich ihr Vaterland auf die warmen Teile der Erde. Gleichmäßige Wärme scheint Lebensbedingung für sie zu sein. Einige Paviane steigen zwar ziemlich hoch im Gebirge empor und ertragen geringere Wärmegrade, als man vermuten möchte; fast alle übrigen Affen aber sind gegen Kälte höchst empfindlich. Jeder Erdteil besitzt seine eigenen Arten, Asien mit Afrika wenigstens eine gemeinschaftlich. In Europa kommt nur eine Art vor und zwar in einem einzigen Trupp, welcher an den Felsenwänden Gibraltars unter dem Schutze der Besatzung dieser Festung lebt. In Australien fehlen sie gänzlich. Gibraltar ist übrigens nicht der nördlichste Ort, welcher Affen besitzt; denn ein japanischer Makake geht noch weiter nach Norden hinauf, etwa bis zum 37. Grade nördlicher Breite. Nach Süden zu reichen die Affen ungefähr bis zum 35. Grade südlicher Breite, doch nur in der Alten Welt, während sich der Verbreitungskreis der Neuweltsaffen bloß etwa vom 28. Grade nördlicher Breite bis zum 29. Grade südlicher Breite erstreckt.

Der Verbreitungskreis einer Art ist ziemlich beschränkt, obwohl es vorkommt, daß in entfernten Ländern eines und desselben Erdteiles gewisse sich sehr ähnliche Arten einander entsprechen. Die Mehrzahl der Affen gehört dem Walde an; nur ein kleiner Teil lebt auf felsigen Gebirgen. Ihre Ausrüstung weist sie auf das Klettern hin: Bäume bilden daher ihren Lieblingsaufenthalt; Felsenaffen besteigen diese bloß im Notfalle,

Die Affen gehören unstreitig zu den lebendigsten und beweglichsten Säugetieren. Solange sie auf Nahrungserwerb ausgehen, find sie nicht einen Augenblick lang ruhig. Schon

Stellungen des Gorillas.

Stellungen des Gorillas.

die Mannigfaltigkeit ihrer Nahrung bedingt dies. Ihnen ist alles Genießbare recht. Früchte, Zwiebeln, Knollen, Wurzeln, Sämereien, Nüsse, Knospen, Blätter und saftige Pflanzenstengel bilden den Hauptteil ihrer Mahlzeiten; ein Kerbtier aber wird auch nicht verschmäht, Eier und junge Vögelchen sind Leckerbissen. Da gibt es nun immer etwas zu begucken, zu erhaschen oder abzupflücken, zu beriechen und zu kosten, um es entweder zu genießen oder auch wegzuwerfen. Solche Untersuchungen um das liebe Futter erfordern viel Bewegung; deshalb ist die ganze Bande niemals ruhig. Von Eigentum haben die Schelme äußerst mangelhafte Begriffe: „Wir säen, aber die Affen ernten“, sagen die Araber Ost-Sudans. Felder und Gärten werden als höchst erquickliche Orte angesehen und nach Möglichkeit gebrandschatzt. Jeder einzelne Affe verwüstet, wenn er dies thun kann, zehnmal mehr, als er frißt. Gegen solche Spitzbuben hilft weder Schloß noch Riegel, weder Hag noch Mauer; sie öffnen Schlösser und steigen über Mauern hinweg, und was nicht gefressen werden kann, wird wenigstens mitgenommen, Gold und Edelsteine auch. Man muß eine Affenherde selbst gesehen haben, wenn sie auf Raub auszieht, um begreifen zu können, daß ein Landwirt sich halbtot über sie ärgern kann. Für den Unbeteiligten ist die Beobachtung der sich während des Raubzuges in ihrer ganzen Regsamkeit zeigenden Geschöpfe freilich ein höchst unterhaltendes Schauspiel. Alle Künste gelten. Es wird gelaufen, gesprungen, geklettert, gegaukelt, im Notfalle auch geschwommen. Die Künsteleien auf dem Gezweige übersteigen allen Glauben. Nur die Menschenaffen und Paviane sind schwerfällig, die übrigen vollendete Gaukler: fie scheinen fliegen zu können. Sätze von 6—8 m Sprungweite find ihnen Spaß; von dem Wipfel eines Baumes springen fie 10 m tief hernieder auf das Ende eines Astes, beugen denselben durch den Stoß tief herab und geben sich, während der Ast zurückschnellt, noch einen mächtigen Schwung, strecken Schwanz oder Hinterbeine als Steuer lang aus und durchfliegen wie ein Pfeil die Luft. Sofort nach glücklicher Ankunft geht es weiter, auch durch die fürchterlichsten Dornen, als wandele man auf getäfeltem Fußboden. Eine Schlingpflanze ist eine höchst bequeme Treppe für die Affen, ein Baumstamm ein gebahnter Weg. Sie klettern vor- und rückwärts, oben auf einem Aste hin oder unten an ihm weg; wenn man sie in einen Baumwipfel wirft, erfassen sie mit einer Hand ein Zweiglein und hängen an ihm geduldig, bis der Ast zur Ruhe kommt, steigen dann an ihm empor und so unbefangen weiter, als hätten sie sich stets auf ebenem Boden befunden. Bricht der Zweig, so fassen sie im Fallen einen zweiten, hält dieser auch nicht, so thut es doch ein dritter, und im Notfalle bringt sie ein Sturz auch nicht außer Fassung. Was sie mit der Vorderhand nicht ergreifen können, fassen sie mit der Hinterhand, oder die Breitnasen mit dem Schwanze. Dieser wird von allen als Steuer angewandt, wenn weite Sprünge ausgeführt werden sollen, dient auch sonst noch zu den verschiedensten Zwecken, sei es selbst als eine Leiter für den nächsten. Bei den Breitnasen wird er zur fünften — nein, zur ersten Hand. An ihm hängt sich der ganze Affe auf und wiegt und schaukelt sich nach Belieben; mit ihm holt er sich Nahrung aus Spalten und Ritzen; ihn benutzt er als Treppe für sich selbst; er dient anstatt der Hängematte, wenn sein Eigner Mittagsruhe halten will.

Die Leichtigkeit und Zierlichkeit ihrer Bewegungen zeigt sich übrigens nur beim Klettern. In dieser Beziehung leisten selbst die Menschenaffen Erkleckliches, obgleich fie, wenigstens die höher begabten, mehr nach Art eines Menschen als nach Art anderer Ordnungsverwandten klettern. Der Gang der Affen ist immer mehr oder weniger plump und schwerfällig. Meerkatzen, Makaken, Roll- und Krallenaffen gehen noch am besten, die erstgenannten können für kurze Zeit auch so schnell laufen, daß es gewöhnlichen Hunden kaum gelingt, sie einzuholen; schon die Paviane aber humpeln in spaßhafter Weise dahin. Der Gang der Menschenaffen ist kaum noch Gang zu nennen. Während jene mit der ganzen Sohle auftreten, stützen diese sich auf die eingeschlagenen Knöchel der Finger ihrer Hände und werfen

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