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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Ginsterkatze (Viverra genetta). ½¼ natürl. Größe.

auf das geringste Zeichen hin, welches ein lebendes Tierchen gibt, dasselbe mörderisch zu überfallen und abzuwürgen. Kleine Nagetiere, Vögel und deren Eier sowie Kerbtiere bilden ihre Nahrung, welche sie auch aus dem besten Verstecke herauszuholen weiß. Ungeschützten Hühnerställen und Taubenschlägen wird sie ebenso gefährlich wie Marder und Iltis, sühnt aber solche Diebereien reichlich durch eifrige Jagd auf Ratten und Mäuse, welche unter allen Umständen den Hauptteil ihrer Mahlzeiten ausmachen. Ihre Bewegungen sind ebenso anmutig und zierlich als behende und gewandt. Ich kenne kein einziges Säugetier weiter, welches sich so wie sie mit der Biegsamkeit der Schlange, aber auch mit der Schnelligkeit des Marders zu bewegen versteht. Unwillkürlich reißt die Vollendung ihrer Beweglichkeit zur Bewunderung hin. Es scheint, als ob sie tausend Gelenke besäße. Bei ihren Überfällen gleitet sie unhörbar auf dem Boden hin, den schlanken Leib so gestreckt, daß er und der Schwanz nur eine einzige gerade Linie bilden, die Füße so weit auseinander gestellt, als überhaupt möglich; plötzlich aber springt sie mit gewaltigem Satze auf ihre Beute los, erfaßt dieselbe

Ginſterkatze (Viverra genetta). ½¼ natürl. Größe.

mit unfehlbarer Sicherheit, würgt sie unter beifälligem Knurren ab und beginnt dann die Mahlzeit. Beim Fressen sträubt sie den Balg, als ob sie beständig befürchten müsse, ihre Beute wieder zu verlieren. Auch das Klettern versteht sie ausgezeichnet, und selbst im Wasser weiß sie sich zu behelfen.

Über ihre Fortpflanzung im Freien ist nichts bekannt; an gefangenen hat man beobachtet, daß das Weibchen nur ein Junges wirft; diese Zahl dürfte jedoch schwerlich mit der eines Wurfes von wildlebenden Müttern übereinstimmen.

Die Ginsterkatze läßt sich sehr leicht zähmen, denn sie ist gutmütig und sanft. Doch schläft sie den Tag über viel. Mit ihresgleichen verträgt sie sich gut. Zank und Streit kommt zwischen zwei Ginsterkatzen nicht vor; man darf sogar verschiedene Arten desselben Geschlechts zusammensperren. Eine thut, was die andere beginnt, ohne ihr dadurch lästig zu fallen. Selbst beim Fressen geht es meist friedlich zu: jede nimmt das ihr zunächst liegende Fleischstück, ohne futterneidisch zu knurren und zu fauchen, wie so viele Raubtiere thun. Das Lager teilen mehrere gefangene gemeinschaftlich, und oft sieht man die ganze Gesellschaft im Schlafe zu einem förmlichen Klumpen verknäuelt.

In der Berberei benutzt man sie und noch mehr ihre Verwandte, die blasse Ginsterkatze, in derselben Weise wie unsere Hauskatze: als Vertilger der Ratten und Mäuse. Man versichert, daß sie jenem Geschäfte mit großem Eifer und Geschick vorstehe und ein ganzes Haus in kurzer Zeit von Ratten und Mäusen zu säubern verstünde. Ihre Reinlichkeit macht sie zu einem angenehmen Gesellschafter, ihr Zibethgeruch, den sie nach kurzer Zeit dem ganzen Hause mitteilt, ist für europäische Nasen fast zu stark. Immerhin mögen Ausnahmen vorkommen. Von Tschintschotscho, der ehemaligen Station der Güßfeldtschen Loango— Expedition, berichtet Pechuel-Loesche: „Zibethkatzen und Genetten hielten wir mehrfach. Erstere sind recht unliebenswürdige Tiere, denen nie recht zu trauen ist, und deren Geruch überdies höchst unleidlich wird, letztere aber werden außerordentlich zahm, hören auf ihren Namen, laufen ihrem Pfleger wie Hunde selbst am hellen Tage nach und gewähren durch ihr ganzes Wesen ungemein viel Vergnügen. Die Bewegungen des unverhältnismäßig langgestreckten und langschwänzigen, aber sehr kurzbeinigen Tieres mit dem feinen, klugen Kopf, dem glatten, graugelben, durch mattschwarze Flecken verzierten Pelz sind so zierlich und gewandt, so bestimmt und kraftvoll und zugleich so geschmeidig, daß man nie müde wird, ihm zuzuschauen, mag es nun in wellenförmiger Bewegung entlang hüpfen oder zu unglaublicher Länge gestreckt gleich einer Schlange oder Eidechse auf irgend etwas zuschleichen. In unserer Hauptbaracke hatte sich ein halbwüchsiges häuslich eingerichtet und schien an den leider in Unzahl vorhandenen Ratten reichliche Nahrung zu finden. Wenn wir des Abends im Versammlungszimmer plaudernd bei einander saßen, kam es häufig auf dem unteren Dachbalken gelaufen, lugte neugierig herab und schnellte sich dann mit einem anmutigen Sprunge auf den Tisch. Dort glitt es, leise helle Töne von sich gebend, in seiner behenden Weise von einem zum andern, ließ sich kurze Zeit streicheln und necken und verschwand bald ebenso, wie es gekommen war.“

Das Fell der Ginsterkatze wird als Pelzwerk verwendet. Nach dem Siege Karl Martells über die Sarazenen im Jahre 732 bei Tours erbeutete man viele Kleider, welche mit jenem Pelze versehen waren; es soll dann, wie Pennant erzählt, ein Orden der Ginsterkatze gestiftet worden sein, dessen Mitglieder die ersten Fürsten waren.

Die Alten scheinen unsere Katze nicht gekannt zu haben; wenigstens ist es sehr zweifelhaft, ob Oppian unter seinem „kleinen, gescheckten Panther“ fie versteht. Isidorus Hispalensis und Albertus Magnus aber erwähnen ihrer und berichten, daß schon zu damaliger Zeit ihr Pelz sehr geschätzt wurde.

Unter dem Namen Prionodon erhebt Gray nach Horsfield den Linsang, Matjang tjongkok der Javanen (Prionodon gracilis, Viverra, Linsang gracilis, Viverra, Paradoxurus linsang und prehensilis), zum Vertreter einer besonderen Gattung, obgleich das Tier von dem allgemeinen Gepräge der Gruppe wenig abweicht. Der sehr spitze Kopf, der ungemein langgestreckte, auf niederen Beinen ruhende Leib, der beinahe leibeslange Schwanz und das mähnenlose, glattanliegende Fell sind die äußerlichen, das aus 38 Zähnen bestehende Gebiß, welches nur einen Kauzahn im Oberkiefer und sehr scharfzackige Backenzähne hat, die anatomischen Merkmale des Tieres. Die Gesamtlänge beträgt etwa 70 em, wovon 30 —32 cm auf den Schwanz kommen. Ein lichtes Grau oder Gelblichweiß bildet die Grundfärbung des feinen und weichen Pelzes; die Zeichnung besteht in

Linsang (Prionodon gracilis). ½ natürl. Größe.

schwarzbraunen Flecken und Binden, unter denen nur ein jederseits über dem Auge entspringender, über die Schultern und Leibesseiten verlaufender, hier in Flecken geteilter Streifen und vier über den Rücken sich ziehende Binden einigermaßen regelmäßig, alle übrigen Flecken aber unregelmäßig angeordnet sind. Die Beine zeichnen dunkle Flecken, den Schwanz sieben breite, dunkle Ringe und das lichte Ende.

Als die Heimat des Linsang führt Sterndale Java, Sumatra, die Malayische Halbinsel und Siam an; Blanford hingegen schränkt die Verbreitung ein auf Java, Borneo und vielleicht Sumatra. Gelegentlich seiner Schilderung der mit einzelnen Sträuchern bestandenen grasigen Ebenen und Berggehänge Javas sagt Junghuhn über Aufenthalt und Freileben unseres Tieres: „Ist die Nacht hereingebrochen, und läßt man sich nicht durch die Furcht vor Tigern abhalten, die kühle Abendluft zu genießen und seine Wanderung zwischen dem Gebüsche fortzusetzen, so geschieht es zuweilen, daß man das Angstgeschrei eines armen Huhnes oder einer Ente vernimmt und einen Matjang tjongkok erblickt, welcher mit seiner Beute im blutigen Rachen behende dahinflieht. Die Javanen zählen das zierliche Raubtier zu den Tigern, wozu ohne Zweifel das pantherartige, weißliche und

Linſang (Prionodon gracilis). ½ natürl. Größe.

dunkel gefleckte Fell und die außerordentlich schlanke, langgestreckte Form des Leibes, Halses und Schwanzes Veranlassung gegeben haben. Der Linsang scheint in Ostjava, besonders am Fuße der Berge, wo nur einsame kleine Dörfchen in der Wildnis zerstreut liegen, häufiger zu sein als in Westjava. Er wagt sich oft an das an), wird aber höchstens Hühnern und Enten gefährlich.“

Zwei dem Linsang sehr ähnliche Verwandte bewohnen das asiatische Festland: Prionodon pardicolor, von ungefähr gleicher Größe, ist heimisch im südöstlichen Himalaja und ostwärts bis Jünnan; P. maculosus, stärker, etwa 90 em messend, wovon 40 cm auf den Schwanz kommen, ist bisher aus Tenasserim bekannt. Färbung und Zeichnung scheinen auch bei diesen Tieren vielfach abzuändern. Das hier vorangestellte, die gefleckte Tigercivette der Engländer, Sik-chum und Suliyu der Himalajabewohner, ist nach Hodgson ebenso heimisch im Gezweige der Bäume wie auf dem Boden und wählt als Schlupfwinkel mit Vorliebe die Höhlungen in verrottenden Stämmen, wo es auch zweimal im Jahre, im Februar und August, je zwei Junge wirft. Gleich dem Linsang lebt auch die gefleckte Tigercivette nicht gesellig. Ebenso schön wie anmutig und außerordentlich leicht zähmbar, eignet sie sich unserem Gewährsmanne zufolge vortrefflich zum Lieblinge, zumal sie sich sehr gern hätscheln läßt und gänzlich frei von unliebsamen Gerüchen ist.

An die Zibethtiere schließen sich die Palmenroller oder Rollmarder (Paradoxurus) an. Sie sind Halbsohlengänger; der hintere Teil ihrer Fußwurzel ist nackt und warzig aufgetrieben. Der Schwanz, welcher Veranlassung zu dem Namen gegeben hat, kann bei mehreren Arten eingerollt werden; doch fällt diese Eigentümlichkeit keineswegs in besonderem Grade auf. Vorder- und Hinterfüße haben fünf Zehen mit mehr oder weniger einziehbaren Krallen, welche wie von den Katzen zum Ergreifen der Beute und zur Verteidigung benutzt werden. An die Katzen erinnert ferner das Auge, dessen Bildung bereits S. 546 beschrieben wurde. Die Drüsentasche wird durch eine kahle Längsfalte am After mit Absonderungsdrüsen vertreten; der Geruch der ausgeschiedenen Masse hat mit dem Zibeth jedoch keine Ahnlichkeit. Das Gebiß besteht aus 40 im Vergleiche zu denen der Zibethkatzen kurzen und stumpfen Zähnen, welche bei den verschiedenen Arten einigermaßen abändern und zur Aufstellung mehrerer Untergattungen veranlaßt haben.

Alle Arten unserer Gattung bewohnen Südasien und die benachbarten Eilande, namentlich also die Sundainseln, gehen als vollendete Nachttiere erst nach Sonnenuntergang auf Raub aus, bewegen sich dann gewandt und behende genug, um kleine Säugetiere und Vögel mit Erfolg zu beschleichen und zu ergreifen, nähren sich jedoch auch, zeitweilig sogar vorzugsweise, von Früchten und können wegen ihrer Diebereien in Gärten und Pflanzungen ebenso unangenehm werden wie durch ihre Überfälle der Geflügelställe. Gefangene kommen oft lebend nach Europa, halten sich bei einfacher Pflege jahrelang, pflanzen sich ohne sonderliche Umstände im Käfig fort, fesseln aber wegen ihrer Schlaftrunkenheit bei Tage nur wenige, machen sich wegen der Ausdünstung ihrer Drüsen vielen sogar äußerst widerlich.

Der indische Palmenroller, in Indien Lakati, Menuri, Bhondar, Ud, auf

Ceylon Ugudora genannt (Paradoxurus niger, P. typus, pennantii, bondar, pallasii, hirsutus, hermaphroditus und musanga, Viverra nigra und bondar), ähnelt in seiner Gestalt und auch hinsichtlich seiner Farbenverteilung den Ginsterkatzen. Seine Größe ist etwa die einer Hauskatze: der Leib mißt 45 —55 cm, der Schwanz beinahe ebensoviel; die Höhe am Widerriste beträgt 18 em. Der Leib ist gestreckt, obgleich etwas untersetzt; die Füße sind kurz und kräftig; der lange Schwanz kann nach unten und oben zusammengerollt

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560 Vierte Ordnung: Raubtiere; zweite Familie: Schleichkatzen.

werden. Die Ohren sind mittelgroß; die sehr gewölbten Augen haben braune Iris und großen, äußerst beweglichen Stern, welcher bis auf eine haarbreite Spalte oder Ritze zusammengezogen werden kann. Der Pelz besteht aus reichlichen Woll- und dünneren Grannenhaaren. Seine Grundfärbung ist schwarz bis braungrau, erscheint aber nach dem Einfallen des Lichtes verschieden. In der Regel ist der Rücken nicht gestreift, doch kommen Tiere vor, besonders jüngere, welche mit undeutlichen dunkeln Bändern sowie mit Reihen von Flecken gezeichnet sind. Kopf, Gliedmaßen und hintere Schwanzhälfte sind schwarz;

Indischer Palmenroller (Paradoxurus niger). ½8 natürl. Größe.

unter den Augen, oft auch darüber, und zu beiden Seiten der Nase finden sich weiße oder graue Flecken. Laut Blanford ändern die Merkmale vielfach ab, so daß Spielarten und Zwischenformen die Trennung unseres Tieres mit westlicher Verbreitung von dem folgenden, dem Musang mit östlicher Verbreitung, sehr erschweren.

Der indische Palmenroller ist auf Ceylon und in Vorderindien, mit Ausnahme des Indusgebietes, bis zum Fuße des Himalaja fast in allen Gegenden gemein, wo sich Baumbestände finden, und zwar sowohl in der Wildnis als auch an Wohnsitzen der Menschen, wo er nicht selten in Nebengebäuden und in Schilfdächern sich einnistet. Im Walde führt er das Leben eines Baumtieres und verschläft den Tag zusammengerollt auf Asten oder in Höhlungen liegend, wo er auch seine 4—6 Jungen zur Welt bringt. Nach Tickell verrät er seine Anwesenheit durch die Losung, die er auf niedergebrochenen Stämmen abzulegen liebt. Er macht, wie alle anderen Mitglieder seiner Familie, eifrig Jagd auf Säugetiere und Vögel, verzehrt aber auch die Eier oder die Jungen aus dem Neste, ferner Eidechsen, Schlangen, Kerbtiere und besonders gern Früchte. Den Ananaspflanzungen soll er recht schädlich werden, in den Kaffeepflanzungen oft ein höchst lästiger Gast und gleich dem Musang ein Liebhaber von Palmwein sein. Nicht selten besucht er auch die Hühnerställe.

Indiſcher Palmenroller (Paradoxurus niger). ½8 natürl. Größe.

Jung eingefangen, ist er sehr leicht zu zähmen und benimmt sich ganz ähnlich wie der Musang. Man erhält ihn, wie alle anderen Rollmarder, ohne Mühe; denn er genießt alles, was man ihm gibt: Fleisch, Eier, Milchbrot, Reis und Früchte.

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