All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 151 of 188

Der indische Palmenroller wird in allen Ländern östlich von der Bai von Bengalen: in Barma, Siam, auf der Malayischen Halbinsel, Sumatra, Java und Borneo, vertreten von dem malayischen Palmenroller, dem Musang (Paradoxurus hermaphroditus, P. fasciatus, prehensilis, musanga, dubius, pallasii, crossii, hirsutus, nigrifrons und strietus, Viverra hermaphrodita und musanga). Nach von Rosenberg findet sich letzterer auch auf Neuguinea, wohin er indessen nur verschleppt sein dürfte. Er ist etwas kleiner als der vorige und hat einen kürzeren, gröberen Pelz. Seine Körperlänge beträgt 42 cm; der Schwanz ist gewöhnlich etwas kürzer. Die Pelzfärbung ändert auch bei ihm in hohem

NAIR N

0 | N N

Malayischer Palmenroller (Paradoxurus hermaphroditus). ½ natürl. Größe.

Grade ab. Nur ein weißer oder grauer, von der Stirn bis zu den Ohren laufender Streifen scheint allen, welche man bis jetzt erhielt, gemeinschaftlich zu sein. Einige Tiere zeigen eine gelbliche Färbung des Pelzes mit schwarzen Haarspitzen und einzelnen schwarzen Haaren; über den Rücken laufen in der Regel mehr oder minder deutlich ausgeprägte schwarze Längsstreifen, und auf den Seiten befinden sich dunkle Bänder oder Längsreihen schwarzer Flecken; der Oberleib ist heller, der Vorderhals weißlich, der Bauch grau, die Beine sind schwarz. Andere haben einen lockeren, braunen Pelz mit schwarzen Haarspitzen; wieder andere sind hellaschgrau mit großen und kleinen Seitenflecken, hellbraunen Beinen und schwärzlichbraunem Gesichte, die Schwanzspitze ist manchmal weiß. Ich habe viele dieser Abänderungen zu sehen Gelegenheit gehabt; unser Holzschnitt stellt eine nicht selten vorkommende Färbung des Musang dar. Über das Auftreten des Tieres in den Kaffeepflanzungen Javas und sein Freileben berichtet Junghuhn. Wenn die Früchte der Kaffeebäume heranreifen und sich immer stärker mit Karmesinrot färben, wenn Erwachsene und Kinder beiderlei Geschlechts die roten Beeren von den Asten streifen und mit gefüllten Körben den abwärts liegenden Trockenplätzen zueilen, „sieht man oft auf dem Boden der Wege, von denen der Kaffeegarten

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 5 36

Malayiſcher Palmenroller (Paradoxurus hermaphroditus). ½ natürl. Größe.

geradlinig und kreuzweise durchschnitten wird, sonderbare, weißliche Kotklumpen eines Tieres liegen, welche ganz und gar aus zusammengebackenen, übrigens aber unbeschädigten Kaffee-bohnen bestehen. Sie sind die Losung des Musang, welcher bei den Bergbewohnern als Hühnerdieb berüchtigt ist, aber ebenso von Früchten, besonders von solchen verschiedenartiger wilder Palmen, lebt und vor allem gern die Kaffeegärten während der Fruchtreife besucht, hier auch am häufigsten von den Javanen gefangen wird. Er genießt die fleischige, saftige Hülle der Früchte und gibt dann die unverdauten Kerne wieder von sich. Nach Versicherung der Javanen liefern diese, weil das Tier wahrscheinlich die reifsten Früchte fraß, den allerbesten Kaffee. Außerdem lebt der Musang von Vögeln und Kerbtieren, fängt viele Wildhühner, saugt zahmem und wildem Geflügel die Eier aus und scheint auf letztere besonders erpicht zu sein. Geht man des Abends spät in dem immer stiller werdenden Kaffeewalde spazieren, jo trifft man ihn zuweilen an, wie er zwischen den Bäumen dahinspringt. Er ist fröhlich, besonders in der Jugend sehr flüchtig, geschmeidig in seinen Bewegungen und leicht zu zähmen. In der Gefangenschaft begnügt er sich wochenlang mit Pisang und wird bald so anhänglich an das Haus, daß man ihn frei umherlaufen lassen kann. Dem Pfleger, welcher ihn füttert und ihm zuweilen ein Hühnerei reicht, läuft er auf Spaziergängen nach wie ein Hund und läßt sich von ihm greifen und streicheln.“

Weiteres erzählt Bennett: „Am 14. Mai 1833 erhielt ich einen Musang von einem Eingeborenen, welcher in der Nähe der Küste von Java mit seiner Beute an unser Schiff und zu uns an Bord kam. Das Tier war noch jung; sein Futter bestand in Pisang und anderen Früchten, aber er verzehrte auch Fleisch und namentlich Geflügel. Mein Musang war zahm und spiellustig wie junge Kätzchen. Er legte sich auf den Rücken, vergnügte sich mit einem Stücke Bindfaden und ließ dabei einen leisen trommelnden Ton hören. Sehr häufig spielte er mit seinem langen Schwanze oder mit einem anderen Gegenstande, welcher ihm gerade in den Weg kam, ganz in der Weise, wie wir es an jungen Kätzchen beobachten. Wurde er aber beim Fressen gestört, so stieß er höchst unwillige Laute aus und gab sein eigentliches Wesen zu erkennen. Scharfe, quiekende Schreie sowie ein leises Murmeln vernahm man zur Nachtzeit, zumal wenn er hungrig und durstig war. Das Wasser trank er lappend, wie Hunde oder Katzen thun, nahm sich dabei wenig in acht und setzte oft seine Vorderfüße, während er trank, in die Wasserschale. So spiellustig er war, wenn man ihn in Ruhe ließ, jo ungehalten zeigte er sich, falls er geftört wurde. Er war ein mürrisches, ungeduldiges Geschöpf, und wenn man ihm nicht allen Willen that, wurde er überaus wütend oder zeigte sich vielmehr in einer Weise, welche man nicht gut beschreiben kann. Grimmig schnappte er dann nach der Hand, welche man ihm näherte, und gewiß würde er tüchtig zugebissen haben, wenn seine jungen Zähne ihm dies gestattet hätten. Dabei blies er die Wangen auf und sträubte seinen langen Bart, eine Art von eigensinnigem Schreien und Knurren ausstoßend. Wenn man ihn gestört oder mit der Hand berührt hatte, leckte er sein Fell mit der Zunge glatt und schien dann gern die Dunkelheit zu suchen. „Zuweilen stieß er, wenn er sich langweilte, laute, gellende Schreie aus, so daß man ihn über das ganze Schiff hören konnte, und an Tagen, wo er sich selbst versteckt hatte, fand man ihn gewöhnlich hierdurch auf. Bei Nacht war der Lärm noch ärger. Er lief dann umher und quiekte und schrie ohne Ende, so daß es unmöglich war, dabei einzuschlafen. Um dem vorzubeugen, gab ich ihm später immer einige Flügelknochen zu fressen, womit er sich während der ganzen Nacht zu unterhalten pflegte. Er fraß alles Vogelfleisch sehr gern, noch lieber manche Früchte. Sobald er etwas erhalten hatte, trug er es augenblicklich in eine Ecke und knurrte und schnaufte jeden an, welcher sich ihm näherte. Eine Störung beim Fressen konnte er durchaus nicht vertragen und suchte sie in jeder Weise abzuwenden. Eines Morgens erhielt er einen Fisch. Er wälzte ihn hin und her, beäugte und

beroch ihn von allen Seiten, wollte ihn jedoch nicht fressen, vielleicht, weil er nicht hungrig war. Nach der Mahlzeit hatte er gewöhnlich die beste Laune und ließ sich einigermaßen auf Liebkosungen ein, ohne jedoch durch diese besonders beglückt zu werden. Bei Tage schlief er fast beständig und suchte sich dazu den wärmsten und bequemsten Platz aus, wel: chen er finden konnte. Des Nachts wurde er munter, zeigte aber weder große Behendigkeit noch Lebendigkeit. Auf dem Schiffe war er bald eingewöhnt. Er lief überall umher und bediente sich dabei seines Schwanzes, wenn auch in beschränkter Weise, weil derselbe nur ein untergeordnetes Greifwerkzeug ist. Wenn er sich selbst überlassen war, fand man ihn am Morgen gewöhnlich auf dem weichsten und wärmsten Pfühl katzenartig zusammengerollt liegen. An seinen Pfleger konnte er eigentlich nie gewöhnt werden, und jede Berührung, Liebkosung, ja selbst das den meisten Säugetieren so. Krauen der Haare war ihm höchst lästig.“ Ich habe diesen Schilderungen hinzuzufügen, daß einzelne Musangs sich mit gleichartigen wohl vertragen, während andere nicht einmal geschlechtliche Rücksichten nehmen, sondern über jeden Zukömmling wütend herfallen und auf Leben und Tod mit ihm kämpfen. Letzteres scheint die Regel zu sein, ersteres die Ausnahme. Ein Paar, welches ich pflegte, vertrug sich ausgezeichnet und entzweite sich nicht einmal beim Fressen. Es zeugte wiederholt Junge, fraß dieselben aber jedesmal auf, ob gemeinschaftlich oder nicht, wage ich nicht zu entscheiden, glaube jedoch den Vater mehr als die Mutter verdächtigen zu dürfen.

Die Musangs kommen bei Tage selten zum Vorschein. Erst gegen Abend zeigen sie sich, thun anfänglich verschlafen, werden nach und nach munter und sind mit Einbruch der Dämmerung gewöhnlich sehr rege. Sie laufen dann in ihrem Käfig auf und nieder, jedoch selten mit der Behendigkeit verwandter Raubtiere, sondern mehr gemächlich, gleichsam überlegend. Sie klettern auch geschickt auf den für sie hergerichteten Zweigen umher. Gewöhnlich halten sie sich ruhig und still; an schönen Abenden dagegen lassen sie gern ihre Stimme, ein wohllautendes „Kuk kuk“, vernehmen. Bei ihren Angriffen auf lebende Tiere, welche in ihren Käfig gebracht werden, gehen sie höchst vorsichtig zu Werke. Sie schleichen sich langsam an das sich bewegende Tier heran, beriechen es längere Zeit und fahren endlich, dann aber blitzschnell, auf dasselbe los, beißen mehrmals nacheinander heftig zu, werfen es nach dem Erwürgen vor sich hin, beriechen es nochmals und beginnen nunmehr erst mit dem Fressen. Früchte aller Art verzehren sie ebenso gern wie Fleisch.

Über die Greiffähigkeit des Schwanzes der Rollmarder sind mir gerechte Zweifel aufgestoßen. Ich habe bei meinen Gefangenen niemals bemerkt, daß sie mit ihm e etwas an sich herangezogen hätten.

Eine in China und auf Formosa lebende Art, der Larvenroller (Paradoxurus larvatus, Gulo larvatus, Viverra und Paguma larvata), wurde von Gray ihres gro— ßen, aber kurzen, dreieckigen Fleischzahnes und einiger unwesentlichen Eigentümlichkeiten des Schädelbaues halber als Vertreter einer besonderen Untergattung, Paguma, aufgestellt, besitzt jedoch noch alle gewichtigen Merkmale der Gruppe. In der Größe kommt der Larvenroller seinen Verwandten etwa gleich. Die Färbung seines dichten und reichlichen Haarkleides ist am Kopfe größtenteils schwarz, an den Wangen, den Unterkiefern, der Kehle und dem Halse aber grau, am Oberkörper gelblichgrau. Von der nackten Nasenspitze an läuft ein weißlicher Streifen über die Stirn zum Hinterkopfe, ein anderer zieht sich unter den Augen und ein dritter über denselben dahin. Die Ohren, die Schwanzspitze und die Füße sind schwarz. Das an der Wurzel düstergraue, oberseits fast schwarze Haar hat einen. dunkeln Ring vor der weißlichen Spitze. Verschiedene Abweichungen der Gejamtfärbung gehören wie bei anderen Arten der Gattung nicht zu den Seltenheiten. 36 *

Nach den bisherigen Forschungen beschränkt sich die Heimat des Larvenrollers auf China und Formosa. Besonders häufig scheint er nicht zu sein. Die Chinesen kennen ihn unter dem Namen Yu-min-mao oder Edelsteingesichtkatze, bringen ihn den reisenden Naturforschern jedoch nur selten tot, noch seltener lebend. Swinhoe nennt ihn ein bäumelieben-des Tier und bemerkt, daß er vortrefflich klettere. „Ich hielt“, jagt er, „eine dieser Schleich: katzen mehrere Monate lang angekettet unter meiner Veranda. Sie zog gekochtes Fleisch dem rohen vor, schien sich auch aus Hühnereiern und kleinen Vögeln wenig zu machen. Eine ausgestopfte Schlange erregte sofort ihre Aufmerksamkeit; mit einem Satze sprang sie auf dieselbe los und ergriff und schüttelte sie. Als ich ihr einen Krebs vorlegte, beroch

Larvenroller (Paradoxurus larvatus). ½¼ natürl. Größe.

sie ihn und rieb sich dann das Gesicht ab, wie Hunde am Aase zu thun pflegen, fraß ihn jedoch nicht. Frei gelassen, kletterte sie anThüren, Stühlen und Tischen empor, jederseits mit einem Vorderfuße sich festhaltend und mit dem anderen nachschiebend. Sie lief der Länge ihrer Kette nach vor- und rückwärts, erhob sich plötzlich auf die Hinterfüße und stieß einen trillernden Schrei aus. Vorübergehende Hunde wußte sie, indem sie nach ihnen schnappte, in gebührender Entfernung zu halten. Während des Tages schlief sie; den größten Teil der Nacht brachte sie wachend zu. Hitze war ihr sehr unangenehm und veranlaßte sie zu beständigem Keuchen.“ |

Zu den Verwandten der Rollmarder zählt noch ein sonderbares, plumpes Raubtier, der an den Fischotter erinnernde Mampalon (Cynogale bennettii, Viverra und Lamictis carcharias, Potamophilus barbatus, Cynogale barbata). Der Leib dieses merkwürdigen Geschöpfes ist gedrungen und dick, der Kopf lang, die Schnauze ziemlich spitz; Beine und Schwanz sind sehr kurz, die Sohlen nackt, die fünf zur Hälfte verbundenen Zehen mit starkgebogenen Krallen bewehrt. Besonders auffallend ist der starke, aus langen,

Larvenroller (Paradoxurus larvatus). ½¼ natürl. Größe.

gelblichweißen Borsten bestehende Bart, hinter und über welchem dünnere, braune Borstenhaare stehen, wie sich auch an den Wangen zwei Bündel langer und starker, weißlicher Borsten befinden. Das aus 40 Zähnen bestehende Gebiß gleicht ebensosehr dem der Allesfresser wie dem echter Fleischfresser. Die Färbung des Pelzes ist gelblichbraun, die feinen Grannen sind in der Mitte gelblichweiß oder schwarz, einige lange Haare am Bauche weißspitzig, Kehle und Unterlippe schwarzbraun, die Beine dunkler, die Augen braun, Kinn und ein Flecken über den Augen gelblichweiß, die Nase ist schwarz. Die stark abgerundeten Ohren sind außen mit wenigen kurzen, schwarzen Haaren bedeckt. Die Körperlänge beträgt 60—65 cm, die des Schwanzes 15 em.

Continue reading
Page 151 of 188