All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 153 of 188

Niemals wagt er sich aufs freie Feld, sondern schleicht immer möglichst gedeckt und mit der größten Vorsicht dahin, streift jedoch ziemlich weit umher. Er geht bei Tage auf Raub aus und frißt alles, was er erlisten kann, die Säugetiere vom Hasen, die Vögel vom Huhn oder der Gans abwärts. Außerdem verzehrt er Schlangen, Eidechsen, Kerbtiere, Würmer ꝛc. und wahrscheinlich auch Früchte. Seine Diebereien haben ihm den größten Haß und die vollste Verachtung der ägyptischen Bauern zugezogen, weil er deren Hühner- und Taubenställe in der unbarmherzigsten Weise plündert und namentlich den Hühnernestern, welche dort von den Hühnern ganz nach freier Vögel Art angelegt werden, sehr gefährlich wird. Wirklichen Nutzen bringt er jetzt so gut wie gar nicht; man müßte ihm denn die Vertilgung der Schlangen besonders hoch anrechnen.

Sein Gang ist höchst eigentümlich. Es sieht aus, als ob das Tier auf der Erde dahinkröche, ohne ein Glied zu bewegen; denn die kurzen Beine werden von den langen Haaren seines Balges vollkommen bedeckt, und ihre Bewegung ist kaum sichtbar. In den Sommermonaten gewahrt man ihn selten allein, sondern stets in Gesellschaft seiner Familie. Das Männchen geht voran, das Weibchen folgt, und hinter der Mutter kommen die Jungen. Immer läuft ein Mitglied dicht hinter dem anderen, und so sieht es aus, als ob die ganze Kette von Tieren nur ein einziges Wesen sei, einer merkwürdig langen Schlange etwa vergleichbar. Bisweilen bleibt der Vater stehen, hebt den Kopf und sichert, bewegt dabei die Nasenlöcher nach allen Seiten hin und schnauft wie ein keuchendes Tier. Hat er sich vergewissert, daß er nichts zu fürchten hat, so geht es weiter; hat er eine Beute erspäht, so windet er sich wie eine Schlange geräuschlos zwischen den Halmen hindurch, um an jene heranzukommen, und plötzlich sieht man ihn ein oder zwei Sätze machen, selbst noch nach einem bereits aufgeflogenen Vogel. Vor einem Mauseloche lauert er regungslos und schleicht einer Ratte, einem jungen Vogel mit belustigender Bedachtsamkeit nach.

Wahrscheinlich spürt er ebenso vortrefflich wie der beste Hund; so viel ist sicher, daß ihn hauptsächlich der Geruch bei seinen Jagden leitet. Trifft er auf Eier, so trinkt er sie aus; von Säugetieren und Vögeln saugt er in der Regel nur das Blut und frißt das Gehirn auf. Er mordet weit mehr, als er bewältigen kann.

Seine Stimme hört man bloß dann, wenn er mit einer Kugel angeschossen worden ist, sonst schweigt er, selbst bei der schmerzhaftesten Verwundung. Doch behaupten die Agypter, daß er auch zur Paarungszeit sein ziemlich scharfes, eintöniges Pfeifen vernehmen lasse. Man hat, wie von ihm überhaupt, vieles von seinen Feindschaften mit anderen Tieren gefabelt und namentlich hervorgehoben, daß er in dem ihn beeinträchtigenden Fuchse, dem Schakale und in der Waraneidechse gefährliche Feinde habe. Ich kann versichern, daß ich niemals etwas hierauf Bezügliches gesehen noch gehört habe. Der Mensch ist sein schlimmster Feind. Außer ihm kann ihm nur der Nil selbst schaden, wenn er ihm seine Lieblingsplätze unter Wasser setzt: doch schwimmt er vortrefflich, wenn es sein muß, und rettet sich noch beizeiten auf jene hohen Dämme, welche von einem Dorfe zum anderen führen oder die Wasserstraßen einfassen und wegen ihrer dichten Rohrbestände ihm gute Aufenthalts: orte bieten. Die Jagd des Ichneumons gilt in den Augen aller Agypter als ein höchst gottseliges Werk. Man braucht nur in ein Dorf zu gehen und dort zu verkünden, daß man den Nims, so heißt unser Tier bei den Arabern, jagen wolle: dann ist gewiß jung und alt mit Freuden behilflich, den schlimmen Schurken und Spitzbuben vernichten zu helfen. Man zieht nach einem langen Rohrstreifen hinaus, stellt sich dort auf und läßt die Leute langsam treiben. Das Tier merkt sehr wohl, um was es sich handelt, und sucht, sowie der Lärm der Treiber beginnt, in einem seiner Fluchtlöcher Schutz; doch hilft ihm dieses nur sehr wenig, denn die Araber treiben ihn mit ihren langen Stöcken auch aus den Notbauen heraus, und so sieht

er sich gezwungen, in einem anderen Rohrbestande Zuflucht zu suchen. Mit äußerster Vorsicht schleicht er zwischen den Stengeln dahin, lauscht und wittert von Zeit zu Zeit, hört aber die Verfolger immer näher und näher kommen und muß sich endlich doch entschließen, über eine Stelle hinwegzulaufen, welche ihn nicht vollständig decken kann. Dann pflegt er geduckt und leise hinüberzugleiten, um sich nicht durch schnelle Bewegung zu verraten. Man muß mit sehr starkem Blei und aus geringer Entfernung schießen, wenn man ihn töten will; denn er verträgt bei seiner unglaublichen Lebenszähigkeit einen tüchtigen Schuß und entkommt, wenn er bloß verwundet wird, sicher noch.

Das Gefangenleben des Ichneumons ist schon von Alpinus geschildert worden. Dieser Forscher besaß einen männlichen Nims mehrere Monate lang und hielt ihn in seinem Zimmer. Er schlief mit ihm wie ein Hund und spielte mit ihm wie eine Katze. Seine Nahrung suchte er sich selbst. Wenn er hungrig war, verließ er das Haus, und nach Verlauf einiger Stunden kehrte er gesättigt zurück. Er war sehr reinlich, schlau und mutig, griff ohne Besinnen große Hunde an, tötete Katzen, Wiesel und Mäuse und richtete unter den Hühnern und anderen Vögeln mehrmals arge Verwüstungen an. Durch Benagen aller Dinge, namentlich aber der Bücher, wurde er höchst unangenehm. Von anderen Gefangenen erzählen französische Naturforscher, daß sie sich leicht zähmen lassen, sanft werden, die Stimme ihres Herrn unterscheiden und diesem wie ein Hund folgen. Sie sind aber niemals in Ruhe, schleppen alles im Hause umher und werden durch Umwerfen der Gegenstände lästig. Dafür machen sie sich in anderer Hinsicht nützlich. Ein Haus, in welchem man einen Ichneumon hält, ist in der kürzesten Zeit von Ratten und Mäusen vollständig gesäubert; denn das Raubtier liegt ohne Unterlaß der Jagd dieser Nager ob. Mit der gefangenen Beute läuft es in einen dunkeln Winkel und beweist durch sein Grunzen und Knurren, daß es dieselbe wohl zu verteidigen wisse. Auch ich habe gefangene Ichneumons längere Zeit beobachten können. Ein schönes, ausgewachsenes Männchen, welches ich pflegte, schien sich im Käfig sehr wohl zu befinden. Das Tier sah höchst gutmütig aus, obschon es die entgegengesetzten Eigenschaften mehrmals bethätigte. Andere Mangusten pflegen sich mit ihresgleichen und ähnlichen Arten ausgezeichnet zu vertragen, so daß man ohne Furcht zahlreiche Gesellschaften in einen Raum zusammensperren kann; der Ichneumon aber scheint nur in gewissem Sinne gesellig zu sein. Als ich eines Tages einen Mungo zu ihm setzte, sträubte er augenblicklich sein Fell, so daß er förmlich borstig erschien, und fuhr mit einer beispiellosen Wut auf den Ankömmling los. Im Käfig begann eine tolle Jagd. Der Mungo suchte seinem stärkeren Verwandten zu entgehen, und dieser strebte, ihn so schnell wie möglich abzuwürgen. Beide Tiere jagten wie rasend im Raume umher und entfalteten dabei Künste der Bewegung, welche man gar nicht vermutet hätte. Sie kletterten wie Katzen oder Eichhörnchen auf Baumstämme oder an dem Gitter hinauf und machten Sätze von auffallender Höhe, durchschlüpften Engen mit Wieselgewandtheit, kurz, bewiesen eine wirklich wunderbare Beweglichkeit. Wir mußten den Mungo so schnell wie möglich wieder einfangen, weil ihn der erregte Ichneumon sicher getötet haben würde. Dieser war auch, nachdem wir seinen Gast entfernt hatten, noch den ganzen Tag in der größten Unruhe. Nicht freundlicher zeigte sich derselbe Gefangene gegen einen seiner Nachbarn, mit welchem er, wegen der mangelhaften Bauart der Käfige, durch das Gitter hindurch verkehren konnte, mit einer jungen Wildkatze nämlich. Dieses kleine Tier war schon sehr hübsch eingewohnt und begann, sich durch allerlei Spiele zu ergötzen. Da fiel es ihr unglücklicherweise ein, auch mit ihrem Nebengefangenen spielen zu wollen. Der Ichneumon aber packte das arme Geschöpf, welches unvorsichtig mit der Pranke durch das Gitter gelangt hatte, sofort am Fuße, zog es dicht an das Gitter heran, erwürgte es und fraß ihm beide Vorderläufe ab.

Alle Mangusten ähneln sich in ihrem Leibesbaue und die meisten auch in ihrem Betragen. Somit könnte die gegebene Beschreibung des Ichneumons für unsere Zwecke genügen, wären nicht noch einige besonderer Besprechung wert. Die zweitberühmteste Art, welche die Ratte der Pharaonen in Indien vertritt, ist der Mungo, der Mungoose der Engländer, in Indien Mangus, Newal, Dhor, Rasu, Kiri, Mungli, auf Ceylon Mugatea genannt (Herpestes mungo, H. griseus, frederici, malaccensis, pallidus, ferrugineus und andersoni, Viverra mungo, Mangusta nyula und mungos). Der Mungo ist merklich kleiner als der Ichneumon; seine Leibeslänge beträgt 40 —50 cm, die Schwanzlänge etwas weniger. Das lange, harsche Haar ist grau, vor der Spitze breit weißgeringelt, wodurch eine silberfarbene Sprenkelung und eine lichtgraue Färbung entsteht; am Kopfe und

an den Gliedern dunkelt die Färbung, auf den Beinen geht sie ins Schwärzliche über; die Wangen und die Kehle spielen mehr oder weniger ins Rötliche. Die Merkmale ändern in hohem Grade ab und haben zur Aufstellung verschiedener Arten und Spielarten geführt.

Der Verbreitungskreis erstreckt sich über ganz Vorderindien, ostwärts wahrscheinlich bis Assam, westwärts sicher bis Afghanistan und Belutschistan, außerdem auf Ceylon. Ob der Mungo auf der Malayischen Halbinsel, wo Cantor ein Stück erlangte, wirklich heimisch ist, scheint sehr zweifelhaft. |

Nahe verwandt, aber merklich kleiner, einschließlich des etwa 20 cm langen Schwanzes höchstens 55 em lang, ist die Goldstaubmanguste (Herpestes javanicus, Ichneumon javanicus, Mangusta javanica, Mustela galera), ein allerliebstes Tier von dunkelbrauner Färbung mit feiner goldgelber Sprenkelung, als wäre Goldstaub in das Haar gepudert. Auf dem Rücken dunkelt die Färbung, auf dem Kopfe geht sie ins Rötliche über. Diese Art findet sich auf Java und Sumatra an Stelle des Mungos.

Der Mungo liebt nicht die Wälder, wohl aber Hecken, Hage, Haine, Pflanzungen, bebuschte Ufer vor Wasserläufen und gestrüppreiche Steinhalden, und hält sich oft an

OT 72 Vierte Ordnung: Raubtiere; zweite Familie: Schleichkatzen.

Wohnsitzen der Menschen auf, wo er nicht selten unter dem Geflügel und sonstigem kleinen Hausgetier großen Schaden anrichtet. In selbstgegrabenen Erdlöchern wirft er 3—4 Junge. Er scheint auch leckere Früchte zu genießen, trachtet aber vornehmlich nach Fleischnahrung. Er läuft von Felsen zu Felsen, von Stein zu Stein, von Höhle zu Höhle und untersucht die Gegend so gründlich, daß ihm schwerlich etwas Genießbares entgeht. Zuweilen verkriecht er sich selbst in einer kleinen Höhle, und wenn er dann wieder zum Vorschein kommt, bringt er gewiß eine Maus, Ratte, Eidechse, Schlange oder ein ähnliches Geschöpf mit sich, welches er in der eigenen Wohnung gefangen nahm. Außerst listig soll er sich benehmen, wenn er auf Hühner jagt. Er streckt sich aus und stellt sich tot, bis die neugierigen Vögel so nahe sind, daß er sie mit wenigen Sätzen erhaschen kann. Für mich haben diese Angaben der Reisenden nichts Unwahrscheinliches, weil ich bei mittelafrikanischen Mangusten Ahnliches beobachtet habe. Berühmt und geehrt ist der Mungo vor allem wegen seiner Kämpfe mit Giftschlangen. Er wird trotz seiner geringen Größe sogar der Brillenschlange Meister. Seine Behendigkeit ist es, welche ihm zum Siege verhilft. Die Eingeborenen behaupten, daß er, wenn er von der Giftschlange gebissen sei, ein Kraut oder eine sehr bittere Wurzel, als Manguswail bekannt, ausgrabe, diese verzehre, durch den Genuß solcher Arznei augenblicklich wiederhergestellt werde und den Kampf mit der Schlange nach wenigen Minuten fortsetzen könne. Selbst genaue Beobachter versichern, das etwas Wahres an der Sache sei, berichten wenigstens, daß der gebissene und ermattete Mungo vom Kampfplatze fortlaufe, Wurzeln suche und, durch diese gestärkt, den Kampf wieder aufnehme. Dennent berichtet jedoch, daß die Singalesen der von Europäern erzählten Geschichte, der von einer Giftschlange gebissene Mungo gebrauche eine noch von niemand bestimmte Pflanze als Gegengift, keinen Glauben schenken. Es scheint, daß er bei seinen Kämpfen mit der Brillenschlange, welche er ohne zu zögern ebensogut angreift wie jede harmlose Verwandte, gelegentlich pflanzliche Stoffe verzehrt; ein Herr aber, welcher dies öfters gesehen, versicherte ihm, daß er dann meist Gras oder, wenn solches nicht vorhanden, irgend eine andere in der Nachbarschaft wachsende Pflanze fresse. Blanford nennt die Geschichte vom Gegengifte grundlos. Wäre die Erzählung wahr, so ließe sich nicht einsehen, warum andere Schlangenjäger, wie der Sekretär, die verschiedenen Schlangenadler ꝛc., schutzlos dem Giftwurme gegenüberständen und der Mungo allein über ein Gegengift verfügen könne. Auch müßte man annehmen, daß er im Bewußtsein jenes sicheren Schutzes bei seinen Angriffen rücksichtslos der Schlange auf den Leib rücke, während man doch gerade außer seiner Kühnheit die erstaunliche Behendigkeit und Gewandtheit, mit welcher er den schnellenden Bewegungen der sich verteidigenden Schlange zu entgehen weiß, und die List, mit welcher er beim Angriffe verfährt, bewundern muß. Schon Jerdon und Sterndale erkannten darin den Hauptschutz des kühnen Angreifers. Sein beim Kampfe gesträubtes starres Haar und seine dicke Haut erschweren es zudem der Schlange außerordentlich, ihm ihr Gift beizubringen; gelingt ihr dies aber, so stirbt der Mungo daran ebensogut wie jedes andere Tier, obwohl nach Blanford die Wirkung immerhin langsamer einzutreten scheint als bei anderen gleichgroßen Säugern. Derselbe Gewährsmann hat auch gesehen, daß ein Mungo den Kopf samt den Giftdrüsen einer großen Cobra ohne Schaden auffraß. Hierbei dürfen wir nicht vergessen, daß auch unser Igel und Iltis nach Beobachtungen von Lenz die Bisse der Kreuzottern ohne Schaden ertragen und ebenfalls die Köpfe samt den Giftdrüsen auffressen. Das Nämliche wird auch von unserem Dachse berichtet. In der ersten Monatssitzung des Jahres 1871 machte Sclater der Londoner tierkundlichen Gesellschaft Mitteilung über einen zwischen ihm und dem Statthalter von Santa Lucia, Des Voeux, geführten Briefwechsel. Letztgenannter hatte bei meinem verehrten

Continue reading
Page 153 of 188