Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Freunde und Berufsgenossen angefragt, ob es zur Vertilgung der furchtbaren Lanzenschlange, dieser Pest der westindischen Inseln, thunlich und ratsam sei, Mungo, Sekretärund Riesenfischer einzuführen. Sclater antwortete, daß unter den obwaltenden Verhältnissen der Mungo den Vorzug verdiene, und daß er anheimgeben wolle, mit diesem einen Versuch zu wagen, daß er jedoch befürchten müsse, die brave Manguste werde unter den Haushühnern größere Verheerungen anrichten als unter den Giftschlangen, und daß er deshalb anrate, anstatt Einführung gedachter Tiere eine hohe Belohnung auf das Töten der Schlangen zu setzen. Gleichzeitig übersandte er übrigens zwei lebende Mungos, damit man erprobe, ob diese überhaupt Lanzenschlangen angriffen.
Bald nach Ankunft der Tiere gab Des Voeux Bericht über einen stattgefundenen Kampf zwischen den mutigen Mangusten und der gefürchteten Giftschlange. Eine mehr als einen halben Meter lange Lanzenschlange, welche man in einer großen Glasflasche eingesperrt hatte, wurde dem aus seinem Käfig entlassenen Mungo gezeigt. Beim ersten Anblicke des Giftwurmes bekundete er die größte Erregung, sträubte Fell- und Schwanzhaare, rannte kampfbegierig rund um die Flasche und bemühte sich, den Verschluß, einen Leinenfetzen, mit Zähnen und Nägeln herauszuziehen. Nachdem ihm dies gelungen, glitt die Schlange aus dem Glase und bewegte sich einige Schritte weit im Grase vorwärts. Der Mungo stürzte sich auf sie und versuchte, sie mit Zähnen und Klauen im Nacken zu packen; die Schlange aber, anscheinend vorbereitet auf solchen Angriff, wußte demselben dadurch, daß sie den Leib rasch zurückwarf, sich zu entziehen, griff nun plötzlich ihrerseits an, schnellte sich auf ihren kleinen Feind und schien ihn auch mit den Gifthaken getroffen zu haben, weil der Mungo schreiend hoch vom Boden aufsprang. Doch in demselben Augenblicke warf er sich auf ihren Nacken und biß und zerfleischte diesen voller Wut. Ein kurzes Ringen folgte; die Lage der Schlange gestattete ihr jedoch nicht, die Fänge zu gebrauchen. Beide Kämpfer trennten sich; die Schlange kroch einige Schritte weit weg, und der Mungo rannte währenddem anscheinend ziellos umher. So vergingen etwa drei Minuten. Die Schlange bewegte sich mit Schwierigkeit, schien ängstlich bestrebt, sich zu entfernen, und blieb schließlich still liegen; jetzt plötzlich kehrte der Mungo zu ihr zurück, packte sie in der Mitte ihres Leibes, ohne daß sie sich rührte, und schleppte sie in seinen Käfig, dessen Thüre offen stand. Hier angekommen, begann er gemächlich mit dem Verzehren seiner Beute, welcher er zunächst mit einem Bisse seiner scharfen Zähne den Kopf zermalmte. Der Käfig wurde geschlossen, und die Zuschauer verließen den Kampfplatz, jedoch mit wenig Hoffnung, den mutigen Kämpen lebend wiederzufinden. |
Nach Verlauf einer Stunde kehrte man zum Käfig zurück, öffnete und sah den Helden des Kampfes kühlen Sinnes herauskommen, ohne zu bemerken, daß er irgendwelchen Schaden genommen hätte. Bei Untersuchung des Käfigs fand man nur ein kleines Stück vom Schwanze der Schlange vor: alles übrige war verzehrt worden. 14 Tage später war der tapfere Gesell ebenso munter und rauflustig wie vor dem Kampfe. Ob und wie stark er verwundet worden war, konnte nicht festgestellt werden, weil er alle dahin zielenden Untersuchungen abzuwehren wußte. „Die Schlange“, so schließt Des Voeux seinen Bericht, „war noch nicht ausgewachsen, aber vollkommen groß genug, um Bisse zu versetzen, deren Folgen ein Mensch binnen wenigen Stunden erlegen sein würde.“
In den siebziger Jahren ist der Mungo auch in Jamaika eingeführt worden und soll seitdem durch Vertilgung der die Zuckerrohrpflanzungen verheerenden Ratten einen Nutzen gestiftet haben, der auf ein paar Millionen Mark jährlich veranschlagt wird.
Unter allen Mangusten eignet sich der Mungo, welcher seiner ganzen Gattung den Namen verliehen hat, am meisten zur Zähmung, weil er ein überaus sauberes, reinliches, munteres und verhältnismäßig gutmütiges Tier ist. Man findet ihn deshalb in vielen
Wohnungen seiner heimatlichen Länder als vollständiges Haustier, und er vergilt die ihm gewährte Gastfreundschaft durch seine ausgezeichneten Dienste tausendfach. Wie der Ichneumon, versteht auch er es, das Haus von Ratten und Mäusen zu säubern. Als echte Manguste ist ernur bei Tage thätig. Wenn man ihn zuerst in eine fremde Wohnung bringt, läuft er behende umher und hatin der kürzesten Zeit alle Löcher, Spalten und andere Schlupfwinkel untersucht und vermittelst seines scharfen Geruchs auch bald ausgefunden, in welcher Höhle sich eines seiner Jagdtiere aufhält. Diesem strebt er nun mit unermüdlichem Eifer nach, und selten mißglückt ihm seine Jagd. Bei schlechter Laune zeigt das sonst gemütliche Tier jedem, welcher sich ihm nähert, wie ein bissiger Hund die Zähne; doch hält sein Zorn nicht lange an. Mit dem Menschen befreundet er sich bald. Seinem Herrn folgt er nach kurzer Zeit, schläft mit ihm, frißt aus seiner Hand und gebärdet sich überhaupt gänzlich als Haustier. Mit verwandten Arten verträgt er sich, wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann, vortrefflich: er denkt gar nicht daran, seinen Mitgefangenen etwas zuleide zu thun.
Sterndale besaß einen Mungo, der 3 Jahre lang in Indien sein steter Begleiter, dabei folgsam und treu wie ein Hündchen war. „Pips“ wußte genau, wenn sein Herr ihm einen Vogel schießen wollte, machte Männchen, wenn das Gewehr angelegt wurde, und holte sich eiligst die fallende Beute. Sehr reinlich, pflegte er sich sogar nach dem Fressen mit seinen Klauen in höchst komischer Weise die Zähne zu stochern. Er war ein äußerst furchtloser Bursche, ging einst sogar erfolgreich einem großen Hunde zu Leibe und verletzte im Kampfe einen stattlichen männlichen Trappen, einen Vogel sechsmal so schwer als er selbst, derartig, daß dieser verendete. Pips tötete auch viele Schlangen. In der Erregung sträubte er sein Haar so, daß er fast doppelt so groß wie gewöhnlich erschien; aber sein Herr brauchte nur beschwichtigend den Finger zu heben, und der wütende Liebling stand sogleich davon ab, jemand zu bedrohen. Einst ging er im dichten Buschwalde verloren, und sein Herr vermochte keine Spur von ihm zu entdecken. Am nächsten Tage aber fand er ihn doch wieder, als er das Gebiet bejagte: Pips kam freudig von einem Baume herab. Nachmals begleitete er seinen Herrn nach England und wurde der Liebling aller, die ihn sahen. Er konnte eine ganze Menge Kunststückchen ausführen: springen, Purzelbäume schlagen, mit einer Kappe auf dem Kopfe auf einem Stuhle sitzen, Soldat spielen und exerzieren. Pips starb aus Gram: während einer zeitweiligen Trennung von seinem Herrn verweigerte er die Annahme jeglicher Nahrung. |
Neben dem Ichneumon ist als einzige weitere europäische Manguste der Melon oder
Meloncillo (Herpestes widdringtonii) erwähnenswert. Das Tier war den spanischen Jägern schon lange bekannt, ehe es einem Naturforscher in die Hände fiel. Seine Jagd galt als lohnend, weil die Schwanzhaare, zu Malerpinseln verwendet, sehr gesucht und mit hohen Preisen bezahlt wurden; aber die Jäger erlegten den Meloncillo eben nur dieser Haare wegen und warfen seinen Balg weg, nachdem sie ihn in ihrer Weise ausgenutzt hatten. Erst im Jahre 1842 erfuhren wir durch Gray von dieser Manguste unseres heimatlichen Erdteils. Daß der Melon auch im benachbarten Afrika gefunden wird, ist wahrscheinlich, aber noch nicht erwiesen.
In Spanien lebt er ganz nach Art des Ichneumons in den Flußniederungen und zwar hauptsächlich in Estremadura und Andalusien. Er bewohnt fast ausschließlich die Rohrwaldungen und Ebenen, welche mit einem Pfriemengrase, dem Esparto, bewachsen sind, kommt aber keineswegs im Gebirge vor, wie angegeben wurde. Seine Gesamtlänge beträgt 1,ı m, die Länge des Schwanzes ungefähr 50 em. Der im ganzen kurze Pelz verlängert sich auf der Rückenmitte und verschwindet fast ganz am Vorderhalse und am Unterleibe, welche Teile beinahe nackt sind. Ein dunkles Grau mit lichterer Sprenkelung ist die Gesamtfärbung;
Nase, Füße und Schwanzende sind schwarz. Auf dem Rücken endigen die schwarzen, dreimal weißgeringelten Haare in bräunliche Spitzen. Das Gesicht ist mit kurzen, das Ohr mit weichen, fein geringelten Haaren bekleidet. |
Zu den ausgezeichneten Arten der Gruppe gehört auch die Zebramanguste, Sakie der Eingeborenen (Herpestes fasciatus, Ariela und Helogale taenionota, Ichneumon und Herpestes taenionotus, H. zebra 2c.). Sie ist eines der kleineren Mitglieder der ganzen Gattung und sollte wegen unbedeutender Abweichungen des Gebisses als Vertreter einer besonderen Untergattung (Ariela) gelten, ähnelt jedoch in Gestalt, Sein und Wesen ihren Verwandten vollständig. Ihre Leibeslänge wird zu 40 cm, die Schwanzlänge zu 20 cm angegeben; ich habe aber mit Bestimmtheit viel größere gesehen, wenn auch nicht mit dem
Zebramanguste (Herpestes fasciatus). ½ natürl. Größe.
Zollstabe gemessen. Die Grundfärbung des reichlichen Pelzes der Zebramanguste erscheint fahlgrau, weil die einzelnen Haare weiß, schwarz und fahl geringelt sind und zwar, wie Haacke hier nach eigenen Untersuchungen einschaltet, am unteren Drittel weiß, am mittleren schwarz und am oberen fahl. Dadurch nun, daß die Haare des Rückens nicht gleich denen des Kopfes gleichmäßig verteilt sind, sondern in einer Anzahl von Querreihen abwechselnd dichter und dünner stehen und zwar so, daß immer die weißen Anfangsdrittel der Haare in der folgenden Querreihe von den fahlen Enddritteln der Haare aus der vorhergehenden Querreihe bedeckt werden, während die schwarzen Mittelstücke durchweg unbedeckt bleiben, entsteht eine Reihenfolge ziemlich regelmäßig verlaufender, dunkler und heller Querbinden. Die Schnauze und die Unterseite sind rostfarben, die Schwanzspitze ist schwarz.
Wie es scheint, kommt unsere Manguste in ganz Ostafrika, vom Kap der Guten Hoffnung an bis nach Abessinien und hinüber bis Westafrika in ziemlicher Anzahl vor. Ob die ostafrikanischen Zebramangusten genügende Merkmale darbieten, um sie von denen Westafrikas als besondere Art zu trennen, bleibe dahingestellt. Heuglin hat die Zebramanguste vielfach in Gesellschaft des Klippdachses beobachtet. Mit dem Erdeichhörnchen scheint sie ebenfalls auf bestem Fuße zu stehen; vielleicht fürchtet sie sich vor den gewaltigen Nagezähnen jenes bissigen
und jähzornigen Geschöpfes. Wahrscheinlich ist die Zebramanguste nicht des Nachts, sondern ausschließlich am Tage thätig. Wie eine Schlange windet sie sich zwischen den Steinen durch, unhörbar gleitet sie auf dem Boden dahin. Man meint es der zierlichen Schleicherin an den funkelnden Augen anzusehen, daß sie ebenso blutgierig ist wie ihre Verwandten. Ihre Nahrung besteht aus sämtlichen kleinen Säugetieren, Vögeln, Lurchen und Kerbtieren, welche sie bewältigen kann, aus Eiern und jedenfalls auch aus Früchten.
Heuglin glaubt, daß sie eine ganz besondere List anwende, um ihr Lieblingswild, einen der in ihrer Heimat so häufigen Frankoline, zu bethören. „Unser Räuber“, sagt er, „hält sich mehr an Geflügel als an Säugetiere. Ich habe beobachten können, wie zwei Zebramangusten eine Familie von Frankolinhühnern, welche im niederen Gebüsche sich aufhielt, berücken wollten. Das Locken der Kette hatte mich aufmerksam gemacht, und ich schlich mich möglichst vorsichtig hinzu, die Hunde hinter mir haltend. Auf etwa 10 Schritt von dem Schauplatze angelangt, hörte ich ein Huhn hart vor mir locken. Ihm antwortete ein Hahn, und denselben Ton ahmte eine Zebramanguste, welche sich auf einem durch Buschwerk gedeckten Steine aufgepflanzt hatte, täuschend nach. Eine zweite, in einiger Entfernung im hohen Grase verborgene, lockte ebenso. Wohl einige Minuten mochte dieses Spiel gedauert haben, als der Hahn, welcher den vermeintlichen Eindringling in seinen Harem wütend aufsuchte, den Hunden zu nahe kam. Er ging schreiend auf, gefolgt von den Hühnern, aber auch die schlauen Räuber fanden sich bewogen, unverrichteter Abendmahlzeit eiligst abzuziehen.“
Daß Heuglin recht gehört hat, unterliegt keinem Zweifel. Ich habe gezähmte Zebramangusten Töne ausstoßen hören, welche dem schmetternden Geschrei des gedachten Frankolins täuschend ähnlich waren; ob jedoch der von unserem Gewährsmanne gezogene Schluß richtig ist, daß die Manguste mit Absicht Tiere durch Nachahmen ihrer Stimme zu täuschen suche, bleibt doch noch fraglich.
Noack teilt aus R. Böhms in Ostafrika gemachten Aufzeichnungen folgende anziehende Schilderung des Treibens unseres Tieres mit: „Diese hübsche Art findet sich besonders häufig in Ugalla an oder doch in der Nähe von Flüssen, wo sie alte Ameisenbauten zu ihren Burgen erwählt. Die Tiere sind außerordentlich gesellig und halten in sehr zahlreichen Banden zusammen. Diese unternehmen gemeinschaftliche Ausflüge von ihrem Baue aus, wobei sie auch die Grassteppe durchstreifen. Hierbei richten sich einzelne, in ihrem kurzen, hüpfenden Galopp innehaltend, von Zeit zu Zeit steil in die Höhe, um zu sichern. Bemerkt die Bande etwas Ungewöhnliches, jo thun fie dies insgesamt wie auf Kommando. Im Waldboden nach Früchten und Insekten suchend und scharrend, machen sie ein lautes Geräusch, ähnlich dem eines Volkes nach Nahrung kratzender Perlhühner. Sie sind omnivor im vollsten Sinne des Wortes. In ihrer unregelmäßig länglichen Losung finden sich immer Kerne. Gefangene, die schnell sehr zahm werden, verschmähen eigentlich nichts. Eier und Schneckenhäuser öffnen sie, indem sie dieselben in possierlicher Weise mit den Vorderpfoten aufheben und durch kräftiges Werfen auf einen harten Gegenstand zerschmettern. Dasselbe thun sie überhaupt spielend mit harten Dingen. Ihre Nahrung pflegen sie vor dem Fressen mit ihrem Harn zu bespritzen. Sonnenschein lieben sie sehr und strecken sich in ihm behaglich aus. Die Stimme besteht in einem eigentümlichen Zwitschern, Trillern und Pfeifen, welches häufig einem Vo: gelrufe ähnlich ist, außerdem in leisen, beim Umherschnuppern ununterbrochen ausgestoßenen Lauten und in einem stärkeren, fast bellenden Tone. Bei Arger und Erregung hört man von ihnen ein heftiges Gekecker und Gebelfer. Obgleich die Horden bei Beunruhigung sofort ihrer Burg zustürzen, sind sie doch keineswegs scheu, vielmehr ganz auffallend dreist und furchtlos. Menschen pflegen sie, Männchen machend, neugierig zu betrachten, und sind sie erst in ihren Löchern, so kann man bis unmittelbar vor dieselben treten, ohne daß die höchst ergrimmt belfernden Tiere sich von den Eingängen entfernen. Zuweilen findet man