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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Bis jetzt hat man sich vergeblich bemüht, den Nutzen dieser Drüsenabsonderung für das Tier zu erklären. Daß dieses den Zibeth nicht in derselben Weise benutzt wie das amerikanische Stinktier seinen höllischen Gestank, zur Abwehr seiner Feinde nämlich, steht wohl fest. Warum und wozu es ihn sonst gebrauchen könnte, ist aber nicht recht einzusehen, es sei denn als geschlechtliches Reizmittel. Wichtiger wäre es, wenn wir etwas Genaueres über die Lebensweise des Tieres im Freien erfahren könnten. Aber merkwürdigerweise sind alle Naturgeschichten und Reiseberichte hierüber so leer, als sie nur sein können, und man muß sich billig wundern, daß auch die Laien ein so merkwürdiges und nützliches Tier so wenig gewürdigt haben. Ich selbst habe wenig Gelegenheit gehabt, die afrikanische Zibethkatze zu beobachten. Zwei Junge, welche ich pflegte, waren still und langweilig, verschliefen den

ganzen Tag, kamen erst spät abends zum Vorschein und lagen vor Sonnenaufgang bereits wieder in ihrem Neste. Gelegentlich eines Streites erbiß die eine die Gefährtin, erlag aber ebenfalls den dabei erhaltenen Wunden, leider schon wenige Tage nach beider Erwerbung. Andere, welche ich später beobachtete, betrugen sich nicht wesentlich anders. Auch fie verschliefen den Tag, falls sie nicht gestört wurden, und kamen bloß des Abends zum Vorschein. Dann liefen sie mit kleinen, raschen Schritten, unter lebhaften Bewegungen des ganzen Leibes, insbesondere des Kopfes und Halses, rastlos im Käfig auf und nieder, die der Gattung eigene Gewandtheit, Behendigkeit und Geschmeidigkeit ebenfalls in hohem Maße bekundend. Nunmehr zeigten sie auch rege Eßlust, während sie am Tage selbst den größten

Zibethe (Viverra zibetha). ½ natürl. Größe.

Leckerbissen oft unbeachtet liegen ließen. Lebende Beute ergriffen sie blitzschnell, ohne sich erst mit Anschleichen und anderen Künsten des Angriffes aufzuhalten. Ein unfehlbarer Biß, durch die Hirnschale erlegte das Opfer augenblicklich, dann leckten sie dessen Blut und begannen langsam und bedächtig zu fressen. Eine Stimme habe weder ich noch irgend ein anderer mir bekannter Beobachter vernommen. Gereizt, knurren sie wie Katzen laut und vernehmlich, im Zorne sträuben sie sämtliche Haare. — Im Londoner Tiergarten haben sich Civetten fortgepflanzt.

Fast genau dasselbe, was ich über die Civette sagen konnte, gilt auch für die Zibethe, echte oder asiatische Zibethkatze, in Indien Bagdos, Bhran, Khatas genannt (Viverra zibetha, Meles zibethica, Viverra undulata, civettoides, melanurus und orientalis), welche längere Zeit für eine Abänderung der afrikanischen Art gehalten wurde. Sie ist jedoch von dieser nicht bloß durch die Färbung und Zeichnung unterschieden, sondern zeigt auch mancherlei Abweichungen in Bezug auf die Gestalt. Ihr Kopf ist spitzer, der Leib schmächtiger, die Ohren sind länger als bei der Civette, und die Behaarung bildet nirgends

Zibethe (Viverra zibetha). ½ natürl. Größe.

eine Mähne. Ihre Grundfärbung ift ein düsteres Bräunlichgelb, von welchem sich eine große Anzahl dichtstehender, verschiedenartig gestalteter dunkelrostroter Flecken abheben. Auf dem Rücken fließen diese Flecken zu einem breiten, schwarzen Streifen zusammen, an den Seiten erscheinen sie sehr verwischt. Der Kopf ist bräunlich mit Weiß gemengt, und letztere Farbe bildet auch Flecken auf der Oberlippe und unter den Augen. Kehle und Kinn sind bräunlich, die Außenseite der Ohren ist ähnlich gefärbt. Vier schwarze regelmäßige Längsstreifen laufen über den Nacken und einer von den Schultern herab nach dem Halse, welcher bei manchem Tiere aber auch einfach gelblichweiß und dunkel gefleckt erscheint. Die Füße sind rotbraun, der schwarzspitzige Schwanz zeigt eine wechselnde Anzahl mehr oder minder deutlich abgesetzter Ringe. Ein ausgewachsenes Tier hat SO em Leibes- und 56 em Schwanzlänge bei 38 cm Höhe am Widerriste und wiegt 8 — 12 kg.

Die asiatische Zibethkatze wurde durch die Malayen, die fie Tangalong, nach von Rosenberg richtiger Tinggalong nennen, weit verbreitet. Ihre Heimat ist nach Blanford: Bengalen, Assam, Barma, Südchina, Siam und die Malayische Halbinsel. Sie steigt in Nepal und Sikkim im Himalaja zu bedeutender Höhe empor, findet sich vielleicht auch im östlichen Tibet, ist dagegen süd- und westwärts nicht weit über Bengalen hinaus verbreitet, denn sie fehlt den Mittelprovinzen und Dekhan. Die im Westen von Südindien vorkommende Zibethkatze ist wahrscheinlich eine andere Art (V. civettina) und dürfte sich, Jerdon zufolge, auch auf Ceylon finden. In Bengalen wirft unser Tier im Mai oder Juni 3 — 4 Junge, die, nach Hodgson, wahrscheinlich mit offenen Augen geboren werden. Die Dauer der Trächtigkeit ist unbekannt.

Die asiatische Zibethkatze lebt im allgemeinen einsam, steckt des Tags in Gehölzen, Hagen und Grasdickungen und streift des Nachts umher, wobei sie nicht selten auch Wohnsitze heimsucht, besonders Hühner und Enten raubt. Im übrigen nährt sie sich sowohl von Früchten und mancherlei Wurzeln als auch von Insekten, Fröschen, Schlangen, Eiern und allen Vögeln und Säugetieren, die sie bewältigen kann.

Eine Schleichkatze, welche man in der Neuzeit öfters in Tiergärten zu sehen bekommt, ist die Rasse, in Indien Maschk-billa, Gandha gokal, Saiyar, auf Ceylon Uralawa genannt (Viverra malaccensis, indica, bengalensis, rasse, pallida, Viverricula malaccensis 2c.), Vertreter der von Gray nach Hodgson aufgestellten Untergattung der Zibethkätzchen (Viverricula). Sie ist bedeutend kleiner, aber langschwänziger als die vorstehend beschriebenen; ihre Leibeslänge beträgt bis 60 em, die Schwanzlänge etwas weniger, das Gewicht 2—3 kg. Ihr sehr schmaler Kopf mit den verhältnismäßig großen Ohren zeichnet sie aus. Der rauhe Pelz ist graugelbbräunlich und schwarz gewässert, reihenweise dunkel gefleckt, der Schwanz mehrfach geringelt.

Die Rasse bewohnt, mit Ausnahme der Indusländer und des Westens von Radschputana, vom Fuße des Himalaja an ganz Indien mit Ceylon sowie Assam, Barma, Südchina, die Malayische Halbinsel, Sumatra, Java und vermutlich andere südasiatische Inseln. Heimisch ist sie ferner, wenn auch wahrscheinlich erst eingeführt, auf Sokotra, den Komoren und Madagaskar. Sie haust in Erdlöchern oder im Gefelse und in Dickungen, manchmal auch an und selbst in Wohnstätten, soll ein gewandtes Baumtier sein und streift nicht selten auch am Tage umher. Nach Hodgson geht sie aber meist allein auf Nahrung aus, die außer mancherlei Früchten und Wurzeln auch in kleinen Säugern und Vögeln sowie Eiern, Fröschen, Schlangen und Kerbtieren besteht. Gelegentlich raubt sie auch Hausgeflügel und wird deswegen besonders in Südchina gefürchtet. Die javanische Rasse soll nach verschiedenen Angaben nie recht zu zähmen sein; von der indischen wird das Gegenteil berichtet, und Jerdon erzählt, daß er mehrere davon vollkommen zahm gehalten habe.

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Die Rasse wirft 4— 5 Junge. In ihrer Heimat steht sie in hohem Ansehen wegen des von den Malayen in der ausgedehntesten Weise benutzten Zibeths. Man verwendet diesen wohlriechenden Stoff, welchen man mit anderen duftigen Dingen versetzt, nicht bloß zum Besprengen der Kleider, sondern auch zur Herstellung eines für europäische Nasen geradezu unerträglichen Geruches in Zimmern und auf Betten.

Die Rasse wird in Käfigen gehalten, mit Reis und Pisang oder zur Abwechselung mit Geflügel gefüttert und regelmäßig, wie oben beschrieben, ihres Zibeths beraubt. Bis zum Gebrauche bewahrt man den Zibeth dann unter Wasser auf. Nach reichlicher Fütterung von Pisang soll er besonders wohlriechend werden.

Die Gefangenschaft erträgt die Rasse zwar längere Zeit bei uns, fügt sich in ihr Los aber niemals mit Geduld und läßt ihre Tücken und Mucken nicht. Ich habe sie wiederholt

Rasse (Viverra malaccensis). ½ natürl. Größe.

in verschiedenen Tiergärten gesehen und ein Paar längere Zeit gefangen gehalten. Sie ist ein überaus schmuckes, bewegliches, gelenkes, biegsames und gewandtes Geschöpf, welches seinen Leib drehen und wenden, zusammenziehen und ausdehnen kann, daß man bei jeder Bewegung ein anderes Tier zu sehen glaubt. Ihre gewöhnliche Haltung ist die der Katzen, an welche sie überhaupt vielfach erinnert. Sie geht sehr hochbeinig, setzt sich wie Katzen oder Hunde, erhebt sich oft nach Nagerart auf die Hinterbeine und macht ein Männchen. Ihre feine Nase ist ohne Unterlaß in Bewegung. Sie beschnüffelt alles, was man ihr vorhält, und beißt sofort nach den Fingern, welche sie als fleischige, also freßbare Gegenstände erkennt. Auf lebende Tiere aller Art stürzt sie sich mit Gier, packt sie mit dem Gebisse, würgt sie ab, wirft sie vor sich hin, spielt eine Zeitlang mit den toten und verschlingt sie dann so eilig wie möglich. Ihre Stimme ist ein ärgerliches Knurren nach Art der Katzen, auch faucht sie ganz wie diese. Im Zorne sträubt sie ihr Fell, so daß es borstig aussieht, und verbreitet einen sehr heftigen Zibethgeruch.

Raſſe (Viverra malaccensis). ½ natürl. Größe.

Sie zeigt sich besonders in den Morgen- und Abendstunden lebendig. Durch Vorhalten von Nahrung kann man sie freilich jederzeit munter machen, und namentlich ein in ihren Käfig gebrachter lebender Vogel oder eine Maus erweckt sie augenblicklich. Doch legt sie sich dann immer bald wieder auf ihr weiches Heulager hin; wenn ihrer mehrere sind, eine dicht neben die andere, wobei sie sich gegenseitig mit den Schwänzen bedecken. Ein Pärchen pflegt sich sehr gut zu vertragen; gegen andere Tiere aber zeigt sich die Rasse höchst unfriedfertig. Auf Katzen und Hunde, welche man ihr vorhält, fährt sie mit Ingrimm los. Aber auch, wenn viele ihresgleichen zusammengesperrt werden, gibt es selten Frieden im Raume. Eine Gesellschaft dieser Tiere, welche ich im Tiergarten von Rotterdam beobachtete, lag fortwährend im Streite. Eine hatte das Schlupfhäuschen im Käfig eingenommen und fauchte, sobald sich eine ihrer Gefährtinnen demselben nahte; eine andere, welche an heftigen Krämpfen litt und dabei jammervoll stöhnte, wurde von den übrigen zuerst aufmerksam betrachtet, hierauf berochen und endlich wütend gebissen. Auch diese Art hat sich wiederholt in unseren Tiergärten fortgepflanzt. 3

Die Untergattung der Ginsterkatzen (Genetta) kennzeichnet sich durch sehr gestreckten Leib, einen kahlen Längsstreifen auf den Sohlen, fünfzehige Vorder- und Hinterfüße mit zurückziehbaren Krallen, langen Schwanz und mittelgroße Ohren, stimmt jedoch im Gebisse vollständig mit den Zibethkatzen überein. In der Aftergegend befindet sich eine seichte Drüsentasche, von welcher zwei besondere Abführungsgänge am Rande des Afters münden. Viele sich sehr ähnliche Arten bewohnen Asien und Afrika, von wo aus eine nach Europa herübergekommen zu sein scheint.

Die bekannteste Art ist die Ginster- oder Genettkatze (Viverra genetta, Genetta vulgaris, afra und bonapartei, Viverra maculata), die einzige in Europa vorkommende Zibethkatze und hier mit zwei Mangusten Vertreter ihrer ganzen Familie. Sie hat im allgemeinen noch ziemlich viel Ahnlichkeit mit den geschilderten Verwandten, und auch die Färbung ist fast dieselbe. Ihr Körper erreicht eine Länge von 50, der Schwanz mißt 40, die Höhe am Widerriste beträgt 15— 17 cm. Der auf sehr niederen Beinen ruhende Leib ist außerordentlich schlank, der Kopf klein, hinten breit und durch die lange Schnauze sowie die kurzen, breiten und stumpf zugespitzten Ohren ausgezeichnet. Die Seher haben einen Katzenaugenstern, welcher bei Tage wie ein Spalt erscheint. Die Afterdrüse ist seicht und sondert nur in geringer Menge eine fette, nach Moschus riechende Feuchtigkeit ab. Die Grundfärbung des kurzen, dichten und glatten Pelzes ist ein ins Gelbliche ziehendes Hellgrau; längs der Leibesseiten verlaufen jederseits 4— 5 Längsreihen verschiedenartig gestalteter Flecken von schwarzer, selten rötlichgelb gemischter Färbung, über die obere Seite des Halses vier nicht unterbrochene, in ihrem Verlaufe sehr veränderliche Längsstreifen. Kehle und Unterhals sind lichtgrau; die dunkelbraune Schnauze hat einen lichten Streifen über dem Nasenrücken, einen Flecken vor und einen kleinen über den Augen; die Spitzen des Oberkiefers sind weiß. Der Schwanz ist sieben- bis achtmal weiß geringelt und endet in eine schwarze Spitze.

Das eigentliche Vaterland des äußerst zierlichen und doch dabei so raub- und mordlustigen, bissigen und mutigen Tierchens bilden die Länder des Atlas. Allein es kommt auch in Europa und zwar vorzugsweise in Spanien und im südlichen Frankreich vor. Schon in Spanien ist die Ginsterkatze ständiger Bewohner geeigneter Aufenthaltsorte, obgleich man ihr nur höchst selten begegnet. Sie findet sich ebensowohl in wald- und baumlosen wie in bewaldeten Gebirgen, kommt jedoch auch in die Ebenen herab. Feuchte Orte in der Nähe der Quellen und Bäche, buschreiche Gegenden, sehr zerklüftete Bergwände und dergleichen bilden bevorzugte Aufenthaltsorte. Hier stöbert sie der einsame Jäger zuweilen auch bei Tage auf; gewöhnlich aber ist sie wegen der Gleichfarbigkeit ihres Felles mit dem Geklüfte

oder auch mit der bloßen Erde selbst so rasch verschwunden, daß er nicht zum Schusse kommt. Sie schlängelt sich wie ein Aal oder mit der Gewandtheit eines Fuchses zwischen den Steinen, Pflanzen, Gräsern und Büschen hin und ist in wenigen Minuten durch diese vollständig verborgen. Weit öfters würde man ihr zur Nachtzeit begegnen, wenn man dann ihre Lieblingsorte aufsuchen wollte. Erst ziemlich spät nach Sonnenuntergang und jedenfalls nach vollkommen eingetretener Dämmerung erscheint sie und gleitet nun unhörbar von Stein zu Stein, von Busch zu Busch, scharf nach allen Seiten hin witternd und lauschend und immer bereit,

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