Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Wie bei den übrigen Raubtieren schwankt auch unter den Schleichkatzen die Zahl der Jungen ziemlich erheblich, soviel man etwa weiß, zwischen eins und sechs. Die Mütter lieben ihre Brut überaus zärtlich, aber bei einer oder einigen Arten nimmt auch der Vater wenigstens am Erziehungsgeschäfte teil. Die Jungen können durchschnittlich leicht gezähmt werden und zeigen sich dann ebenso zutraulich und gutmütig wie die Alten bissig, wild und störrisch. Sie dauern in der Gefangenschaft gut aus, und manche Arten werden deshalb in gewissen Gegenden in Menge zahm gehalten, damit ihre kostbare Drüsenabsonderung leichter gewonnen werden kann. Andere verwendet man mit Erfolg zur Kammerjagd. Die Gefangenenkost aller Arten besteht in rohem Fleische, Milchbrot und Früchten. Letztere fressen sie gleich den meisten übrigen Raubtieren, mit Ausschluß der Katzen, sehr begierig, und sie sind ihnen zur Erhaltung ihrer Gesundheit auch gewiß sehr zuträglich. Beachtenswert scheint mir zu sein, daß sie hinsichtlich der Kerne einen Unterschied machen: die Palmenroller, welche in Indien und auf den Sundainseln als unliebsame Besucher der Gärten und Kaffeepflanzungen gehaßt werden, fressen von unseren Kirschen die Steine regelmäßig mit, während alle übrigen Gattungen bloß das Fleisch verzehren.
| Gegen Witterungseinflüsse zeigen die Schleichfagen sich empfindlich. Im Winter bringt
man sie bei uns in einen geheizten, wenigstens bedeckten Raum. Im übrigen verlangen sie außer Reinlichkeit keine besondere Pflege. Ein weiches Heulager, auf welchem sie sich während der Ruhe zusammengerollt niederlegen, und ein ihnen passender Kletterbaum ist alles, was sie beanspruchen. Im ganzen dürfte wohl der Nutzen, welchen die Schleichkatzen bringen, den durch sie verursachten Schaden aufwiegen. In ihrer Heimat fallen ihre Räubereien nicht so ins Gewicht; der Nutzen aber, welchen sie auch freilebend durch Wegfangen schädlichen Ungeziefers bringen, wird um so mehr anerkannt, und dieser Nutzen war denn auch Ursache, daß eines unserer Tiere im hohen Altertume von dem merkwürdigen Volke Agyptens für heilig erklärt und von jedermann hochgeachtet wurde.
Fell und Fleisch werden hier und da ebenfalls verwendet. Von der Ginsterkatze gelangen zwar nicht viele, immerhin aber regelmäßig eine gewisse Anzahl in den Handel; das Fleisch wird, laut Dohrn, wenigstens von den Negern der Prinzeninsel, auf welcher die Zibethkatze eingeführt worden ist, gern gegessen.
Eine strenge Sonderung der Schleichkatzen in Unterfamilien ist schwer durchführbar. Als hervorragendste Mitglieder der Familie treten uns einerseits die Zibethkatzen, anderseits die Mangusten entgegen, jene mit zurückziehbaren, diese mit vorstehenden Krallen. Wir beginnen mit den Zibethkatzen, denen wir die übrigen Schleichkatzen mit zurückziehbaren Krallen folgen lassen, und wenden uns dann zu den Mangusten und den anderen mit nicht zurückziehbaren Krallen bewaffneten Familienangehörigen und folgen somit der üblichen Einteilung der Schleichkatzen in Katzenfüßige (Ailuropoda) und Hundsfüßige (Cynopoda).
Der Leib der Zibethkatzen (Viverra) ist leicht und gestreckt, der schlaffe Schwanz lang, die Beine aber sind ziemlich hoch, die Sohlen ganz behaart; die Füße haben fünf Zehen mit halb einziehbaren Krallen. Kurze, breite Ohren, mäßig große Augen mit rundlichem Stern, die spitzige Schnauze und Nase, das weiche Fell sowie endlich die sehr entwickelte Drüsentasche zwischen After und Geschlechtsteilen vervollständigen die Merkmale der Gattung.
Die Zibethkatze oder Civette (Viverra civetta) hat ungefähr die Größe eines mittelgroßen Hundes, aber ein mehr katzenartiges Aussehen und steht in ihrer gesamten Erscheinung zwischen einem Marder und einer Katze mitten inne. Der gewölbte, breite Kopf hat eine etwas spitzige Schnauze, kurz zugespitzte Ohren und schiefgestellte Augen mit rundem Stern. Der Leib ist gestreckt, aber nicht besonders schmächtig, sondern einer der kräftigsten in der ganzen Familie; der Schwanz mittellang oder etwa von halber Körperlänge; die Beine sind mittelhoch und die Sohlen ganz behaart. Der nicht besonders lange Pelz ist dicht, grob und locker; eine aufrichtbare, ziemlich lange Mähne zieht sich über die ganze Firste des Halses und Rückens und ist selbst auf dem Schwanze noch bemerklich. Von der schönen aschgrauen, bisweilen ins Gelbliche fallenden Grundfarbe zeichnen sich zahlreiche runde und eckige, schwarzbraune Flecken ab, welche die allerverschiedenste Stellung und Größe haben, auf den Seiten
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Zibethkatze (Viverra civetta). ½ natürl. Größe.
des Körpers bald der Länge, bald der Quere nach aneinandergereiht sind und auf den Hinterschenkeln deutliche Querstreifen bilden. Die Rückenmähne ist schwarzbraun, der Bauch heller als die Oberseite, und die schwarzen Flecken sind hier weniger deutlich begrenzt. Der Schwanz, welcher an der Wurzel noch ziemlich dick behaart ist, hat etwa 6 — 7 schwarze Ringe und endigt in eine schwarzbraune Spitze. An jeder Seite des Halses befindet sich ein langer, viereckiger, schräg von oben nach hinten laufender, weißer Flecken, welcher oben und hinten durch eine schwarzbraune Binde begrenzt und oft durch einen schwarzbraunen Streifen in zwei gleiche Teile getrennt wird. Die Nase ist schwarz, die Schnauze an der Spitze weiß und in der Mitte vor den Augen hellbraun, während Stirn- und Ohrengegend mehr gelblichbraune und das Genick hinter den Ohren noch hellere Färbung zeigen. Ein großer schwarzbrauner Flecken befindet sich unter jedem Auge und läuft über die Wangen nach der Kehle hin, welche er fast ganz einnimmt. Der Leib des Tieres hat etwa 70, der Schwanz 35 cm an Länge; die Höhe am Widerriste beträgt 30 em. |
Die Heimat der Civette ist Afrika und zwar hauptsächlich der westliche Teil desselben, nämlich Ober- und Niederguinea. Auch im Osten Afrikas kommt sie, wenn auch nur
vereinzelt, vor; wenigstens ist sie den Sudanesen unter dem Namen „Sobat“ recht gut bekannt. Im jetzigen Deutsch-Ostafrika ist sie, laut R.Böhms, von Noack bearbeiteten, zoologischen Aufzeichnungen, anscheinend häufig, aber selten zu sehen. Böhm erhielt Mitte Januar ein vor wenigen Tagen geborenes Junges und im Juni säugende Junge. In Guinea soll sie unfruchtbare Hochebenen und Gebirge bewohnen, welche kümmerlich mit Bäumen und Sträuchern bewachsen sind. Wie die meisten Arten ihrer ganzen Familie ist sie mehr Nacht- als Tagtier. Den Tag verschläft sie; abends geht sie auf Raub aus und sucht kleine Säugetiere und Vögel, welche sie bewältigen kann, zu beschleichen oder zu überraschen. Namentlich die Eier der Vögel sollen ihre Leibspeise bilden, und man behauptet, daß sie im Aufsuchen der Nester großes Geschick zeige und dieser Lieblingsnahrung wegen selbst die Bäume besteige. Im Notfalle frißt sie auch Lurche, ja selbst Früchte und Wurzeln. Dies bestätigen auch die Erfahrungen der Güßfeldtschen Loango-Expedition, wonach überdies diese Tiere im Kongogebiete recht häufig sind, aber selten gesehen werden.
In der Gefangenschaft hält man sie in besonderen Ställen oder Käfigen und füttert sie mit Fleisch, besonders aber mit Geflügel. Wenn sie jung eingefangen wird, erträgt sie nicht nur den Verlust ihrer Freiheit weit besser, als wenn sie alt erbeutet wurde, sondern zeigt sich bald auch sehr zahm und zutraulich. Schon Belon erzählt, daß der florentinische Gesandte in Alexandrien ein zahmes Zibethtier besessen habe, welches mit den Leuten spielte und dieselben in die Nase, Ohren und Lippen kniff, ohne zu beißen, fügt aber hinzu, daß dies eine sehr große Seltenheit und bloß dann möglich sei, wenn man ein solches Tier sehr jung erlange. Alt eingefangene lassen sich nicht leicht zähmen, sondern bleiben immer wild und bissig. Sie sind sehr reizbar und heben sich im Zorne nach Art der Katzen empor, sträuben ihre Mähne und stoßen einen heiseren Ton aus, welcher einige Ahnlichkeit mit dem Knurren eines Hundes hat. Der heftige Moschusgeruch, welchen gefangene Civetten verbreiten, macht sie für nervenschwache Menschen kaum erträglich. Im Pflanzengarten zu Paris besaß man eine Civette 5 Jahre lang. Sie roch beständig nach Bisam. Im Zorne, wenn sie gereizt wurde, fielen ihr kleine Stücke Zibeth aus dem Beutel, während sie diesen sonst bloß aller 14— 20 Tage entleerte. Im freien Zustande sucht das Tier diese Entleerung dadurch zu bewirken, daß es sich an Bäumen oder Steinen reibt; im Käfig drückt es seinen Beutel oft gegen die Stäbe desselben. Der Beutel ist es, welcher ihm die Aufmerksamkeit des Menschen verschafft hat. Früher diente der Zibeth als Arzneimittel; gegenwärtig wird er noch als sehr wichtiger Stoff verschiedenen Wohlgerüchen beigesetzt.
Alpinus sah in Kairo die Civette in eisernen Käfigen bei mehreren Juden. Man gab den Gefangenen nur Fleisch, damit sie möglichst viel Zibeth ausscheiden und gute Zinsen tragen sollten. In seiner Gegenwart drückte man Zibeth aus, und er mußte für 1 Drachme 4 Dukaten zahlen. Aber auch in Lissabon, Neapel, Rom, Mantua, Venedig und Mailand, ja selbst inmanchen Städten Deutschlands und besonders in Holland wurde das Tier zu gleichem Zwecke in den Häusern gepflegt.
Um den Zibeth zu erhalten, bindet man das Tier mit einem Stricke an den Stäben des Käfigs fest, stülpt mit den Fingern die Aftertasche um und drückt die Absonderung der Drüsen aus den vielen Abführungsgängen heraus, welche in jene Tasche münden. Den an den Fingern klebenden, schmierigen Saft streift man mittels eines Löffels ab und bestreicht den Drüsensack mit Milch von Kokosnüssen oder auch mit Milch von Tieren, um den Schmerz zu stillen, welchen das Tier beim Ausdrücken erleiden mußte. In der Regel nimmt man zweimal in der Woche Zibeth ab und gewinnt dabei sehr verschieden angegebene Mengen. Im frischen Zustande ist er ein weißer Schaum, welcher dann braun wird und etwas von seinem Geruche verliert. Der meiste kommt verfälscht in den Handel, und auch der echte muß noch mancherlei Bearbeitung durchmachen, ehe er sich zum Gebrauche eignet. Anfänglich ist er
mit Haaren gemengt und sein Geruch so stark, daß man Übelkeiten bekommt, wenn man nur geringe Zeit sich damit zu schaffen macht. Um ihn zu reinigen, streicht man ihn auf Blätter des Betelpfeffers, zieht die feinen beigemengten Haare aus, spült ihn mit Wasser ab, wäscht ihn hierauf mit Zitronensaft und läßt ihn endlich an der Sonne trocknen. Dann wird er in Zinn- oder Blechbüchsen verwahrt und jo versendet. Die beste Sorte soll von der asiatischen Zibethkatze und zwar von Buru, einer der Molukkeninseln, kommen. Auch der javanische Zibeth soll besser sein als der bengalische und afrikanische. Doch beruht dies wohl alles auf dem Grade der Reinigung, welchen der Stoff erhalten hat. Gegenwärtig hat der Handel bedeutend abgenommen, weil der Moschus mehr und mehr dem Zibeth vorgezogen wird. Gewöhnlich liefern die Männchen weniger, aber besseren Zibeth als die Weibchen. Cecchi betont sogar ausdrücklich, indem er sich auf die Angaben der Züchter in Kaffa beruft, daß nur die Männchen wertvollen Zibeth liefern, während die Weibchen „eine ziemlich übelriechende Masse ausscheiden“ und darum gar nicht gefangen oder, wenn sie zufällig in die Netze geraten, freigelassen werden. Man „schneidet ihnen jedoch die Krallen ab, um fie bei anderen Gelegenheiten an den Fährten wiederzuerkennen“.
| Laut Cecchi, der vor einem Jahrzehnte in Kaffa weilte, fängt man dort jedes Jahr an
200 Zibethtiere, indem man, den Fährten folgend, ihre Schlupfwinkel aufspürt, diese mit Netzen umstellt und die Insassen durch Lärm heraustreibt. Sie werden auf dem Markte um Salztafeln oder Glasperlen im Werte von 80 Pfennig das Stück verkauft. Den meisten Zibeth liefern die Tiere zur Zeit ihrer größten Entwickelung. Sie werden in geräumigen, sauberen Hütten in so engen rechteckigen Käfigen gehalten, daß sie sich darin nicht umzudrehen vermögen. An der Vorderseite ist ein Futtertrog angebracht, an der Rückseite eine Offnung, durch welche die Wächter, vor den Bissen der Gefangenen geschützt, mittels eines hölzernen, mit Butter bestrichenen Spatels die Masse entnehmen können. Dem Fremden wird der Zutritt in den Raum ungern gestattet, weil man befürchtet, daß sein Blick die Absonderung des Zibeths störe. Der Züchter muß für reichliche und passende Ernährung der Tiere sorgen; gewöhnlich erhalten sie rohes oder halb gares, mit Butter zubereitetes Fleisch und mit Fleischbrühe gekochtes Mehl. Dann wird der Raum mittels aufgestellter Kohlenbecken geheizt, um dadurch die Absonderung des begehrten Stoffes zu erleichtern. Cecchi gibt an, daß 100 Zibethkatzen in 4 Tagen 6—7 Ochsen verbrauchen. Der Betrieb lohnt sich trotzdem sehr gut, da ein Tier alle 4 Tage 80- 100 g (?) Zibeth, im Werte etwa zwischen 158 und 6,7 Mark schwankend, liefert und den Großgrundbesitzern Kaffas ein Ochse nicht mehr als 16—2, Mark kostet. Der Zibeth gärt und verdirbt sehr leicht in hoher Wärme, weswegen er sorgsam an trockenen und kühlen Plätzen aufgehoben wird. Man verwahrt ihn gewöhnlich in Ochsenhörnern und verkauft ihn, je nach der von den Jahreszeiten beeinflußten Nachfrage, um 1—3 Salztafeln, wert 0,6— 1,58 Mark, das Wokit oder Thalergewicht zu 27 g. Kaffa ist so reich an Zibeth, daß keine Preissteigerung eintritt, auch wenn man an einem Tage bis 100 kg kaufte. Die Hauptmasse wird nach der Küste und dem Orient ausgeführt.