Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
zu gewöhnen. Nach etwa 6 Monaten sind sie für den Jagdgebrauch tauglich und werden von Liebhabern gut bezahlt. Man hält sie nie in Käfigen, sondern angelegt wie Hunde.
Daß die Zähmung nicht schwierig sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie unseren Jagdleoparden und bezweifle, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zuleide zu thun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Solange er nämlich wach ist, schnurrt er ununterbrochen nach Katzenart, nur etwas tiefer und lauter. Oft steht er stundenlang unbeweglich da, sieht träumerisch starr nach einer Richtung und spinnt dabei höchst behaglich. In solchen Augenblicken dürfen Hühner, Tauben, Sperlinge, Ziegen und Schafe an ihm vorübergehen: er würdigt sie kaum eines Blickes. Nur andere Raubtiere stören seine Träumerei und Gemütlichkeit. Ein vorüberschleichender Hund regt ihn sichtlich auf: das Spinnen unterbleibt augenblicklich, eräugt scharf nach dem gewöhnlich etwas verlegenen Hunde, spitzt die Ohren und versucht wohl auch, einige kühne Sprünge zu machen, um ihn zu erreichen.
Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Straßen zu lustwandeln. Solange er es bloß mit Menschen zu thun hatte, ging er immer ruhig mir zur Seite; anders aber wurde es, wenn uns Hunde begegneten. Er zeigte dann jedesmal eine so große Unruhe, daß ich auf den Gedanken kam, einmal zu versuchen, was er denn thun würde, wenn er wenigstens beschränkt frei wäre. Ich band ihn also an eine Leine von ungefähr 15 oder 20 m Länge, wickelte mir diese leicht um Hand und Ellbogen und führte ihn spazieren. Zwei große, faule Köter kreuzten den Weg. Jack, so hieß mein Gepard, äugte verwundert, endigte sein gemütliches Spinnen und wurde ungeduldig; jetzt faßte ich das Ende der Leine und warf die Schlingen zu Boden, so daß er Spielraum hatte. Augenblicklich legte er sich platt auf die Erde und kroch nun in der oben beschriebenen Weise an die Hunde heran, welche ihrerseits verdutzt und verwundert das sonderbare Wesen betrachteten. Je näher er den Hunden kam, um so aufgeregter, aber zugleich auch vorsichtiger wurde er. Wie eine Schlange glitt er auf dem Boden dahin. Endlich glaubte er nahe genug zu sein, und nun stürzte er mit drei, vier gewaltigen Sätzen auf einen der Hunde los, erreichte ihn, trotzdem daß dieser die Flucht ergriff, und schlug ihn mit den Tatzen nieder. Dies geschah in ganz absonderlicher Weise. Er hieb seine Krallen nicht ein, sondern er prügelte bloß mit seinen Vorderläufen auf den Hund los, bis dieser zu Boden fiel. Der arme Köter bekam Totenangst, als er das Katzengesicht über sich erblickte, und fing an, jämmerlich zu heulen; sämtliche Hunde der Straße gerieten in Aufruhr und heulten und bellten aus Mitleiden; ein dichter Volkshaufe sammelte sich, und ich mußte wohl oder übel meinen Gepard an mich nehmen, ohne eigentlich zum Ziele gekommen zu sein, d. h. ohne gesehen zu haben, was er mit dem Hunde beginnen würde. Dagegen veranstaltete ich in unserem Hofe einen großen Tierkampf, welcher überhaupt, zu meiner Schande muß ich es sagen, das Ergötzlichste ist, was ich sehen kann. Ich besaß zu derselben Zeit einen fast erwachsenen Leoparden, ein rasendes, wütendes Tier ohnegleichen, ich möchte fast sagen, einen Teufel in Katzengestalt — doch ich habe ihn ja schon beschrieben. Die Kette des Leoparden wurde also durch einen darangebundenen Strick verlängert und er aus seinem Käfig heraus in den Hof gelassen. Der Gepard seinerseits war ungefesselt und konnte nach Belieben den Kampf aufnehmen oder
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542 Vierte Ordnung: Raubtiere; erste Familie: Katzen.
abbrechen. Er befand sich gerade in höchst gemütlicher Stimmung und schnurrte besonders ausdrucksvoll, als ich ihn herbeiholte. Kaum aber ersah er seinen Herrn Vetter, als nicht nur alle Gemütlichkeit verschwand, sondern auch sein ganzes Aussehen ein durchaus anderes wurde. Die Seher traten aus ihren Höhlen heraus, die Mähne sträubte sich, er fauchte sogar, was ich sonst niemals vernommen hatte, und stürzte sich mutig auf seinen Gegner los. Dieser hielt ihm stand, und so begann jetzt ein Kampf und ein Fauchen, daß mir, ich will es gern zugeben, angst und bange dabei wurde. Der Leopard war bald niedergetrommelt, aber gerade jetzt wurde er furchtbar. Er lag auf dem Rücken und mißhandelte jenen mit seinen vier Tatzen; Jack aber achtete der Schmerzen nicht, sondern biß mutig auf den heimtückischen Vetter los und würde ihn jedenfalls besiegt haben, wenn ich dem Kampfe nicht ein Ende gemacht hätte. Zwei Eimer voll Wasser, welche ich über die wütenden Kämpen goß, unterbrachen den Streit augenblicklich. Beide sahen sich höchst verdutzt an, und der Leopard hielt es, der ihm höchst verhaßten Wasserbäder plötzlich sich erinnernd, trotz aller Wut und alles Fauchens doch für das Beste, so schnell als möglich seinen Käfig zu suchen, welcher dann auch sofort verschlossen wurde. Jack war schon wenige Minuten nach dem Kampfe wieder ganz der alte: er leckte, reinigte und putzte sich und begann wieder zu spinnen, als ob nichts geschehen wäre. | Wie zahm, gemütlich und liebenswürdig mein Jack war, mag aus folgendem hervorgehen. Einige deutsche Damen, welche sich gerade in Alexandrien befanden, waren gekommen, um meine Tiersammlung anzusehen, hatten mich aber nicht zu Hause gefunden, und so hatte ich ihrem Wunsche nicht genügen können. Ich versprach ihnen, wenigstens einige von meinen Tieren zu ihnen zu bringen, und führte diesen Scherz auch wirklich einmal aus, als ich erfahren hatte, daß die Damen just zusammen waren. Ich konnte mich auf Jack vollständig verlassen und durfte schon etwas wagen. Ihn an der Leine hinter mir fort-führend, betrat ich also das betreffende Haus, beschwichtigte die entsetzten Diener, welche mich mit dem fürchterlichen Raubtiere hatten kommen sehen und Lärm schlagen wollten, und stieg nun ruhig nach dem zweiten Stockwerke des Hauses empor. An dem rechten Zimmer angelangt, öffnete ich die Thüre zur Hälfte und bat um Erlaubnis, eintreten, zugleich aber auch meinen Hund mitbringen zu dürfen. Dies wurde zugestanden, und Jack trat gemächlich ein. Ein lauter Aufschrei begrüßte den Harmlosen und setzte ihn in höchste Verwunderung. Die geängstigten Frauen suchten sich so gut wie möglich zu retten und sprangen in ihrer Verzweiflung auf einen großen, runden Tisch, welcher mitten im Zimmer stand. Dies aber diente bloß dazu, Jack zu dem Gleichen aufzufordern, und ehe sich die Armen besannen, stand er mitten unter ihnen, spann höchst gemütlich und schmiegte sich traulich bald an diese, bald an jene an. Da war denn freilich die Furcht bald verschwunden. Die beherzteste Frau begann den hübschen Burschen zu liebkosen, und bald folgten alle übrigen ihrem Beispiele. Jack wurde der erklärte Liebling und schien nicht wenig stolz zu sein auf die ihm gewordene Auszeichnung. |
Schlegel erzählt von einem Gepard, welcher während des Tages frei umherlaufen durfte und nur des Nachts angebunden wurde. Sein Lieblingsplatz im Zimmer war, solange geheizt wurde, die Nähe des Ofens; er verließ diesen Ort oft halbe Tage lang nicht, so daß er nötigen Falls weggezogen oder weggetragen werden mußte. Bei kalter oder auch nur kühler Witterung vermied er es sorgsam, das Zimmer und den wärmenden Ofen zu verlassen, oder es geschah höchstens auf jo lange nur, als nötig war, um das Zimmer nicht zu verunreinigen, eine Rücksicht, welche er stets nahm und auch auf die übrigen Räume des Hauses ausdehnte. Kam der Abend heran, so ließ er sich gutwillig an die Kette legen, ja steckte selbst den Kopf in das vorgehaltene Halsband. Stets hörte er auf seinen Namen „Betty“, später auch auf einen anderen ihm von den Kindern beigelegten. Kindern war er besonders
zugethan, am meisten einem Mädchen von fünf Jahren, über welches er im Spiele oft hinwegsprang und zwar mit solcher Leichtigkeit, daß er, ohne eigentlich auszuholen, sich niederduckend und kurz zusammenziehend, oft in ziemlicher Höhe über die Kleine setzte. In seinem Umgange mit Erwachsenen zeigte er sich ernster, gemessener; mit anderen Tieren, Hunden und Katzen z. B., gab er sich gar nicht ab. Im Sommer lager gern auf der Sonnenseite des Gartens; bei Spaziergängen, zu denen ihn sein Gebieter mitnahm, rannte er nach Hundeart eine Strecke voraus, kam zurück, um wieder fortzueilen, bekundete aber keine Lust, zu jagen, und ließ Tiere, welche ihm begegneten, in Ruhe. Ins Wasser ging er nie: benetzte man ihn, so zitterte er wie vor Frost. Er hielt sich stets reinlich, leckte sich fleißig und war immer frei von Ungeziefer. Seine Nahrung bestand in gekochtem Fleische und Milchbrot.
Alter geworden und durch unverständig neckende Leute gereizt, zog er sich mehr von den Menschen zurück, ließ anstatt des gemütlichen Schnurrens ein ärgerliches Knurren hören, wenn eine ihm unangenehme Person sich ihm näherte, sprang, um sich zurückzuziehen, auf einen erhöhten Sitz, manchmal, ohne etwas umzustoßen, bis auf ein Pult, wurde auch gegen Tiere bösartig, biß Hunde und Katzen, erstere nicht, ohne selbst Wunden davonzutragen, zerriß dem Dienstmädchen den Rock, biß sogar nach seinem Herrn und wurde deshalb weggegeben. Ungeschickte Behandlung hatte ihn verdorben.
In unseren Tiergärten und Tierbuden hält sich der Gepard selten längere Zeit. Er stellt an die Nahrung zwar nicht höhere Ansprüche, ist aber zärtlicher und hinfälliger als Familienverwandte gleicher Größe. Bei rauher Witterung leidet er sehr, in einem kleinen Käfig nicht minder. Wärme und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, sind Bedingungen für sein Wohlbefinden, welche in gedachten Anstalten nicht erfüllt werden können. So verkümmert er unter den ihm so ungünstigen Verhältnissen meist in kurzer Zeit. Fortgepflanzt hat er sich meines Wissens in Europa noch nicht; auch aus Indien wird nicht berichtet, daß Tschitas in Gefangenschaft sich fortgepflanzt hätten.
Pollens und Schlegels Untersuchungen ergaben, daß ein bisher unter dem Namen Beutelfrett in der Familie der Schleichkatzen eingereihtes Tier noch zu den Katzen gezählt werden kann, aber als ein Bindeglied zwischen diesen und den Schleichkatzen anzusehen ist. Von den Katzen hat die Fossa den Gesamtbau, den Gesichtsausdruck und die ziemlich weit zurückziehbaren Krallen, von den Schleichkatzen die gestreckte Gestalt, die niedrigen Beine, die kurzen, eiförmig gestalteten Ohren, die langen Schnurren, eine merklich entwickelte Drüsentasche in der Aftergegend, die nackten Sohlen und andere Merkmale. Der Schädel ist gestreckter und minder breit als der der Katzen, der Unterkiefer weniger kräftig, der Raum zwischen Reiß- und Backenzähnen im Oberkiefer wie der erste Backenzahn größer als bei den Katzen; auch sind im Unterkiefer vier Backenzähne anstatt drei vorhanden.
Die Fossa der Madagassen oder Frettkatze, wie wir sie nennen können (Cryptoprocta ferox), erreicht eine Gesamtlänge von 1,5 m, wovon der Schwanz 68 cm wegnimmt, ist aber sehr niedrig gestellt, da die Beine nur 15 em Höhe haben. Der aus kurzen, aber dichtstehenden, etwas derben, auf dem Kopfe und an den Füßen wie abgeschoren erscheinenden Haaren bestehende Pelz hat rötlichgelbe Färbung, dunkelt aber auf der Oberseite, weil hier die einzelnen Haare braun und blaßgelb geringelt sind; die Ohren tragen innen und außen hellere Haare; die Schnurren sind teils schwarz, teils weiß gefärbt; der Augenstern, welcher graugrünlichgelb aussieht, ähnelt dem der Hauskatze.
Das Vaterland der Frettkatze ist die Insel Madagaskar. Man kennt sie hier allgemein, fürchtet sie in geradezu lächerlicher Weise, bezichtigt sie, sogar den Menschen anzugreifen, und erzählt eine Menge von Fabeln, in denen sie eine bedeutende Rolle spielt. Über ihr Freileben
fehlt uns genügende Kunde; denn kein Europäer hat sie bis jetzt genau beobachtet, und auch Pollen hat hauptsächlich Erzählungen der Eingeborenen wiedergegeben. Nach Angabe der Madagassen lebt die Fossa außer der Paarzeit einzeln in den Waldungen, besucht, um Hühner zu stehlen, fleißig die Gehöfte und zeichnet sich durch ebensoviel Kraft wie Blutgier aus. Für gewöhnlich auf dem Boden lebend, soll sie doch zuweilen den Halbaffen auf die Bäume nachsteigen und sie hier eifrig verfolgen, weil sie das Fleisch dieser Tiere besonders gern frißt. Während der Paarungszeit soll man 4—8 Frettkatzen zusammen antreffen, welche dann, nach der zu den entschiedensten Zweifeln herausfordernden Behauptung der Eingeborenen, ohne weiteres Menschen angreifen. Das sich zusammengefundene Paar begattet sich nach Art der Hunde und bleibt geraume Zeit auf das innigste vereinigt. Außerdem sagt man, daß die Fossa durch Kratzen mit den Füßen die Feuer verlösche, daß sie, um Hühner