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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Fossa (Cryptoprocta ferox). Vs natürl. Größe.

zu rauben, rings um die Hühnerställe einen höllischen Gestank verbreite, welcher die Hühner umbringe, und dergleichen mehr. Ein gefährlicher Hühnerräuber ist sie jedenfalls; denn das von Pollen getötete Männchen, „ein Mörder ersten Ranges“, hatte in kurzer Frist 1 Truthahn, 3 Gänse und etwa 20 Hühner weggeschleppt. Nach Versicherung des betrübten Eigen-tümers von besagtem Federvieh soll die Fossa nicht einmal mit derartiger Beute sich begnügen, sondern unter Umständen auch junge Schweine und andere Haustiere überfallen und morden. Kein Wunder daher, daß sie von den Madagassen ingrimmig gehaßt und möglichst ausgerottet, ja selbst vor dem Tode gequält wird.

Die Jagd ist nicht besonders schwierig. Pollen wurde, als er einigen madagassischen Jägern seine Absicht, eine Fossa zu erlegen, kundgegeben hatte, von diesen vor Aufgang des Mondes nach einem Dickichte in der Nähe des kurz vorher beraubten Dorfes geführt und die Fossa mit Hilfe eines Hahnes, welchen man durch Anziehen einer ihm an das Bein ge: bundenen Schnur zum Krähen oder zum Gackern zu bewegen wußte, aus seinem Verstecke herbeigelockt. Nach Verlauf einer halben Stunde, welche der Hahn durch fein Geschrei ausfüllte, vernahm man von fern ein Knurren nach Art des Hundes und sah bald darauf zwei Schattengestalten durch das Gras huschen oder gleiten. Etwas näher gekommen, blieben die

Foſſa (Cryptoprocta ferox). Vs natürl. Größe.

Raubtiere unbeweglich stehen, um zu sichern, fo daß sich Pollen entschließen mußte, seinerseits an sie heranzuschleichen, um zu Schusse zu kommen.

Von der lächerlichen Furcht der Madagassen vor der Fossa erzählt unser Gewährsmann eine ergötzliche Geschichte. Zudse, der eingeborene Jäger Pollens, begegnete einer Fossa, welche bei seinem Erscheinen ihre Überraschung fauchend zu erkennen gibt. Anstatt dem gehaßten Feinde entgegenzurücken, wirft der mutlose Schütze, am ganzen Leibe zitternd, sein Gewehr weg, erklettert einen Baum und verweilt in dem sicheren Gezweige, bis die Frettkatze im nächsten Gebüsche verschwunden ist.

Das Fleisch der Fossa wird von den Eingeborenen gegessen und wegen seiner Schmackhaftigkeit geschätzt.

Die Mitglieder der Familie der Schleichkatzen (Viverridae), zu welcher die Fossa uns führt, unterscheiden sich von den Katzen durch ihren langgestreckten, dünnen, runden Leib, welcher auf niedrigen Beinen ruht, durch den langen, dünnen Hals und verlängerten Kopf sowie durch den fast ausnahmslos langen, meist hängenden Schwanz. Die Augen find gewöhnlich klein, die Ohren bald größer, bald kleiner, die Füße vier- oder fünfzehig und die Krallen bei vielen zurückziehbar. Neben dem After befinden sich zwei oder mehrere Drüsen, welche besondere, aber selten wohlriechende Flüssigkeiten absondern und diese zuweilen in einer eigentümlichen Drüsentasche aufspeichern.

Im allgemeinen ähneln die Schleichkatzen unseren Mardern, statt welcher sie die südlichen Länder der Alten Welt bewohnen. Anderseits erinnern viele von ihnen an die Katzen, ja an die Bären, und man darf wohl sagen, daß sie der Ausgangsgruppe der Raubtiere nahestehen. Von den Mardern unterscheidet sie hauptsächlich das Gebiß, welches schärfer und spitzzackiger ist und zwei wahre Backenzähne in jeder Kieferhälfte enthält. Die einen wie die anderen besitzen ein echtes Raubtiergebiß mit großen, schlanken, schneidigen Eckzähnen, kleinen Schneidezähnen und zackigen, spitzen Lück- und Backenzähnen. Bei den Schleichkatzen zählt man 36 oder 40 Zähne und zwar oben und unten 6 Schneidezähne und 1 Eckzahn, 3 oder 4 Lück- und 2 Backenzähne. Der Schädel ist gestreckt, die Brauenfortsätze des Stirnbeins sind stark entwickelt, die Jochbogen wenig abstehend.

Die Schleichkatzen fehlen gänzlich in Australien und bewohnen, mit Ausnahme einer einzigen amerikanischen Art, deren Stellung innerhalb der Familie noch zweifelhaft ist, den Süden der Alten Welt, also vorzugsweise Afrika und Südasien. In Europa finden sich drei Arten der Familie und zwar ausschließlich in den Ländern des Mittelmeeres, die eine nur in Spanien. Die Schleichkatzen erschienen bereits in der Vorzeit auf der Erdoberfläche. In der gegenwärtigen Schöpfung zeichnen sie sich wie die Marder durch großen Formenreichtum aus und zwar auf weit beschränkterem Gebiete als diese. Ihre Aufenthaltsorte sind so verschieden wie sie selbst. Manche wohnen in unfruchtbaren, hohen, trockenen Gegenden, in Wüsten, Steppen, auf Gebirgen oder in den lichten Waldbeständen regenarmer Gebiete Afrikas und Hochasiens, andere bevorzugen die fruchtbarsten Niederungen, zumal die Ufer von Flüssen oder Rohrdickichte, vor allen übrigen Orten; diese nähern sich den menschlichen Ansiedelungen, jene ziehen sich scheu in das Dunkel der dichtesten Wälder zurück; die einen führen ein Baumleben, die anderen halten sich bloß auf der Erde auf. Felsspalten und Klüfte, hohle Bäume und Erdlöcher, welche sie sich selbst graben oder in Besitz nehmen, dichte Gebüsche ꝛc. bilden ihre Behausung und Ruheorte während derjenigen Tageszeit, welche sie der Erholung widmen.

Die meisten Schleichkatzen sind Nachttiere, viele aber richtige Tagtiere, welche sich, mit usschluß der Mittagszeit, solange die Sonne am Himmel steht, jagend. nach

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.

Sonnenuntergang aber in ihre Schlupfwinkel zurückziehen. Nur sehr wenige dürfen als träge, langsam und etwas schwerfällig bezeichnet werden; die größere Anzahl steht an Be hendigkeit und Lebhaftigkeit hinter den gewandtesten Raubtieren nicht zurück. Einige Gattungen geben sich als echte Zehengänger kund, während andere beim Gehen mit der ganzen Sohle auftreten; einzelne Arten klettern, die meisten sind auf den Boden gebannt. Vorzugsweise dem Wasser gehört keine Schleichkatze an. Ihr Tagleben und ihre Vorliebe für den Aufenthalt auf dem Boden unterscheidet die Schleichkatzen von den Mardern, denen sie in mehr als einer Hinsicht ähneln; mehr noch aber weichen beide Tiergruppen hinsichtlich ihres Wesens voneinander ab. Die Marder sind, wie bekannt, unruhige, unstete Tiere, welche, einmal in Bewegung, kaum eine Minute lang in einer und derselben Stellung, ja kaum an demselben Orte verweilen können, vielmehr unablässig hin- und herlaufen, rennen, klettern, schwimmen, scheinbar zwecklos sich bewegen, und alles, was sie thun, mit einer fast unverständigen Hast ausführen: die Schleichkatzen sind beweglich wie sie, viele von ihnen mindestens ebenso gewandt; allein ihr Auftreten ist doch ein ganz anderes. Eine gewisse Be: dachtsamkeit macht sich bei ihnen unter allen Umständen bemerkbar. Ungeachtet aller Behendigkeit erscheinen ihre Bewegungen gleichmäßiger, einhelliger, überlegter und deshalb anmutiger als die der Marder. Den Ginsterkatzen gebührt hinsichtlich der Beweglichkeit die Krone. Es gibt kaum andere Säugetiere, welche wie die kleineren schlanken Arten dieser Gruppe in förmlich schlangenhafter Weise über den Boden dahingleiten. Geschmeidig wie sie, flüchtig und ebenfalls behende, wenn es sein muß, treten die Rollmarder doch sehr verschieden auf. Sie verdienen den von mir der Familie gegebenen Namen Schleichkatzen am meisten; denn kein mir bekanntes Mitglied ihrer Ordnung schleicht so bedachtsam und so vorsichtig wie sie dahin. Die Schnelligkeit, mit welcher sie auf ihre Beute springen, steht mit der Langsamkeit ihres gewöhnlichen Ganges im sonderbarsten Widerspruche. Anders wiederum bewegen sich die Tagtiere der Familie: die Mangusten. Sie haben die niedrigsten Beine unter allen Verwandten; ihr Leib schleppt beim Gehen fast auf dem Boden, und die Seitenhaare des Bauches berühren diesen wirklich; sie schleichen aber nicht, sondern trippeln mit ungemein raschen Schritten eilfertig dahin, können jedoch auch in einen teilweise sehr schnell fördernden hüpfenden Galopp verfallen. Auch sie sind rastlos, jedoch nicht unstet. Auf ihrem Gange untersuchen sie alles; dies aber geschieht mit einer gewissen Folgerichtigkeit: sie gehen ihren Weg fort und schweifen wenig von der einmal angenommenen Richtung ab. Ihre Bewegungen sind mehr sonderbar als anmutig, reißen nicht zur Bewunderung hin, fallen aber auf, weil man Ahnliches bei anderen Säugetieren nicht bemerkt. Erforderlichen Falls legen übrigens auch die Mangusten eine Gewandtheit an den Tag, welche höchlichst in Erstaunen setzt. Unter den Sinnen steht wahrscheinlich bei allen Schleichkatzen der Geruch obenan. Sie spüren wie Hunde, beschnüffeln jeden Gegenstand, welcher ihnen im Wege liegt, und vergewissern sich durch ihre Nase über das, was ihnen aufstößt. Als der zweitschärfste Sinn dürfte das Gesicht zu bezeichnen sein. Das Auge ist bei den verschiedenen Gruppen abweichend gebildet, der Stern bei der einen kreisrund, bei anderen geschlitzt. Am hellsten und klügsten sehen die Mangusten in die Welt; das blödeste Auge haben die Palmenroller oder Rollmarder. Bei ihnen zieht sich der Stern im Lichte des Tages bis auf einen haarfeinen Spalt zusammen, welcher in der Mitte eine rundliche Offnung von kaum Hirsekorngröße zeigt; bei den Mangusten ist er fast kreisrund, bei den Zibethkatzen länglichrund. Erstere bekunden sich als vollständige Nachttiere, und gerade ihr langsames Schleichen bei Tage beweist, daß sie wie blind im Dunkeln tappen und in grellem Lichte sich mehr nach Geruch und Gehör als nach ihrem Gesichte richten müssen. Die Zibethkatzen sehen wahrscheinlich bei Tage ebensogut wie bei Nacht, die Mangusten unzweifelhaft bei Tage am besten, erfahrungsmäßig

auch in weite Ferne. Das Gehör scheint bei den verschiedenen Gruppen ziemlich gleichmäßig entwickelt, aber doch merklich stumpfer zu sein als die beiden ersterwähnten Sinne. Ob im übrigen der Geschmack das Gefühl oder dieses den Geschmack überwiegt, mag dahingestellt bleiben. Gefühl und zwar ebensowohl Tastsinn als Empfindungsvermögen bekunden alle, nicht minder aber auch Geschmack, denn sie sind wahre Leckermäuler, denen Süßigkeiten aller Art höchst willkommen zu sein pflegen.

Die geistigen Fähigkeiten der Schleichkatzen dürfen nicht unterschätzt werden. Alle Arten der Familie, welche ich im Freileben oder als Gefangene kennen gelernt, bekunden viel Verstand und einen in hohem Grade bildsamen Geist. Sie erkennen bald ihnen gespendete Freundlichkeiten an, unterscheiden schon nach wenigen Tagen ihren Wärter von anderen Leuten und beweisen durch ihr Benehmen ihre Dankbarkeit für die ihnen gespendete Pflege. Demgemäß ändern sie ihr Betragen nach den Umständen, und auch diejenigen unter ihnen, welche sich anfänglich wild und unbändig zeigten, werden binnen kurzem zahm und fügsam, lernen den ihnen gegebenen Namen kennen, achten auf den Anruf und nehmen ihren Freunden schon in den ersten Wochen ihrer Gefangenschaft vorgehaltenes Futter vertrauensvoll aus der Hand. Wenige Tiere lassen sich leichter behandeln, schneller zähmen als sie, und zwar kann man keineswegs sagen, daß die Zähmung nur eine scheinbare, mehr auf Gleichgültigkeit als auf Verständnis beruhende sei; denn gerade die gefangenen zeigen, wie gut sie zwischen Leuten, welche ihnen wohlwollen oder nicht, zu unterscheiden wissen. Sie bekunden Zu- und Abneigung, kommen denen, welche fie gut behandeln, freundlich und ohne Mißtrauen entgegen, weichen aber anderen, von denen sie irgend eine Unbill zu erdulden hatten, entweder scheu aus oder suchen sich gelegentlich nach besten Kräften und Vermögen zu rächen. Anderen Tieren gegenüber betragen sie sich sehr verschieden. Gleichartige leben meist im tiefsten Frieden zusammen, verschiedenartige fallen sich gegenseitig wütend an und kämpfen erbittert auf Tod und Leben miteinander. Auch fremde der gleichen Art, welche zu zusammengewöhnten Stücken gebracht werden, haben im Anfange viel zu leiden, und nicht einmal Geschlechtsunterschiede werden jederzeit berücksichtigt. Funkelnden Auges betrachten die Eingesessenen den Eindringling; gesträubten Haares und unter wütendem Fauchen oder Zetern greifen sie ihn an. Dann gelten alle Vorteile, welche eines der Tiere über das andere erringen kann. Zum Knäuel geballt, rollen und wälzen sich die Streiter in rasender Eile durch den Käfig; der eine ist bald oben, bald unten, bald in der Schlupfkammer, bald außerhalb derselben. Bei Gleichstarken macht ein solcher Kampf nicht viel aus, denn schließlich tritt, namentlich wenn die geschlechtliche Liebe ins Spiel kommt, doch der Friede ein; ein Schwächerer aber schwebt dem Stärkeren gegenüber stets in Todesgefahr. Wirkliche Freundschaftsverhältnisse sind selten, obschon auch sie vorkommen. So habe ich Rollmarder gepflegt, welche wahre Musterbilder zärtlicher Gatten waren, alles gemeinschaftlich thaten, zu gleicher Zeit außerhalb ihres Schlafkastens erschienen, gleichzeitig und fast ohne neidische Regungen fraßen, hübsch miteinander spielten und große Sehnsucht an den Tag legten, wenn sie getrennt wurden, auch niemals mit den anderen in Streit und Hader gerieten, während solcher bei sonst gut sich vertragenden Mangusten selten gänzlich ausbleibt.

Nur die Zibethkatzen und die Palmenroller verbreiten einen merklichen Moschus- oder Bisamgeruch. Die oben erwähnten Drüsen sondern eine ölige oder fettige, schmierige und stark riechende Masse ab, welche sich in dem Drüsenbeutel absetzt, gelegentlich entleert wird und, wie es scheint, mit der geschlechtlichen Thätigkeit zusammenhängt. Es ist behauptet worden, daß der Geruch in geschlossenen Räumen unleidlich werden, Kopfschmerz und Ekel erregen könne; an den von mir gepflegten Gefangenen habe ich solche Erfahrungen nicht gemacht. Der Gestank, welcher von Mardern, oder die kaum minder unangenehme Ausdünnung, welche von Wildhunden herrührt, ist weit unerträglicher als der Geruch, welchen 35 *

die Zibethkatzen erzeugen. Ein im Freien stehender Käfig, in welchem sich mehrere dieser Tiere befinden, verbreitet einen wirklichen Wohlgeruch, weil hier der Bisamduft sich rascher verflüchtigt. Zu- und Abnahme des Geruches ist von mir nicht beobachtet worden.

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