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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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männlicher Luchs von der Größe eines mittleren Hühnerhundes und sehr schöner Färbung, prachtvoll getigert an den Vorderläufen, dem Gebisse nach höchstens 4— 5 Jahre alt; sein Gewicht betrug 48 Pfund. Mein Schuß war ihm durchs Herz gegangen.“

Der Balg des Luchses gehört zu dem geschätztesten Pelzwerke; die e gelten als die schönsten und größten und werden, nach Lomer, gegenwärtig mit 25— 30 Mark bezahlt, standen aber vor 25 Jahren doppelt so hoch im Preise. Sibirien liefert alljährlich etwa 15,000, Rußland und Skandinavien etwa 9000 Felle. Die Luchse des östlichen Sibirien kommen, laut Radde, ausschließlich in den chinesischen Handel und werden von den mongolischen Grenzvölkern besonders begehrt. Man tauschte noch vor etwa 30 Jahren bei den Grenzwachen am Onon vorzüglich die hellen Felle vorteilhaft ein und trieb deren Wert bis auf 25 und 30 Rubel Silber oder 60— 70 Ziegel Thee. Rote Luchse sind viel billiger.

Luchsfleisch galt und gilt überall als schmackhaftes Wildbret. Ende des 16. Jahrhunderts sandte Graf Georg Ernst von Henneberg, laut Landau, zwei von seinen Jägern erlegte Luchskatzen nach Kassel an den Landgrafen Wilhelm. „Als thun wir Euer Liebden“, schreibt er, „dieselbigen wohl verwahrt und in dem Verhoffen, daß sie Euer Liebden nach Gelegenheit dieser noch währenden Winterszeit frisch zugebracht werden können, überschicken. Freundlich bittend, daß Euer Liebden wolle solche für lieb und gut annehmen und deroselben neben Ihrer Gemahlin und junger Herrschaft in Fröhlichkeit und guter Gesundheit genießen und wohlschmecken lassen.“ Kobell, dessen „Wildanger“ ich diese Angabe entnehme, bemerkt auch, daß noch zur Fürstenversammlung zu Wien im Jahre 1814 öfters Luchsbraten auf die Tafel der Herrscher gebracht wurde, sowie daß im Jahre 1819 Auftrag gegeben wurde, einen Luchs zu fangen, da dessen Wildbret dem Könige von Bayern als ein Mittel gegen den Schwindel dienen sollte. „Auch in Livland“, schreibt mir Oskar von Loewis, „wird das Luchsfleisch von vielen Leuten, nicht nur der arbeitenden Klassen, sondern auch der besseren Stände, gern gegessen und sogar geschätzt. Es ist zart und hellfarbig, dem besten Kalbfleische ähnlich und hat keinen unangenehmen Wildbeigeschmack, läßt sich vielmehr etwa mit dem der Auerhühner vergleichen.“ Die Amur-Eingeborenen sowohl wie alle zu ihnen kommenden mongolischen und mandschurischen Kaufleute erklären es, laut Radde, für besonders schmackhaft, und auch die Weiber sind von dem Genusse dieses Fleisches nicht ausgeschlossen, wie es beim Tigerfleische der Fall ist.

Im Süden Europas wird der Luchs durch einen etwas schwächeren Verwandten, den

Pardelluchs (Lynx pardinus, Felis pardina), vertreten. Ein von meinem Bruder Reinhold, Arzt der Gesandtschaften in Madrid, erlegtes schönes Männchen hat eine Länge von reichlich 1m, wovon 15 em auf den Schwanz kommen. Die Grundfärbung ist ein ziemlich lebhaftes Rotbräunlichfahl; die Zeichnung besteht aus schwarzen Streifen und Fleckenreihen; die einzelnen Haare sehen an der Wurzel grau, in der Mitte rostbräunlich und an der Spitze blaßfahlgelb, die der schwarzen Flecken und Streifen an der Wurzel dunkelgrau, an der Spitze mattschwarz aus. Der untere Teil der Wangen, Kinn und Kehle sind trübweiß, Nasenrücken und Mundseiten lichtgrau, zwei Streifen zwischen Nase und Auge lichtbraun, zwei Flecken vor und über dem Auge gelblichweiß, Stirn und Jochbogengegend fahlgrau, die stark entwickelten Barthaare oben bräunlichgrau, in der Mitte schwarz, unten fahlweiß, die Ohren an der Wurzel und an der Spitze schwarz, in der Mitte weißgrau, im langen Ohrbüschel tiefschwarz gefärbt. Über jedem Auge beginnt eine schmale, dunkle, auf der Oberstirn sich verzweigende, bis zum hinteren Ohrrande sich erstreckende Binde, dazwischen finden sich vier Längsbinden, welche gleichlaufend über den Nacken sich herabziehen, und von denen zwei noch über die Schultergegend sich fortsetzen, während die übrigen in Fleckenreihen sich auflösen. An jeder Seite des Halses tritt eine neue Binde dazu, so daß

534⁴4 Vierte Ordnung: Raubtiere; erste Familie: Katzen. der obere Teil des Halses sieben deutliche Binden trägt. Der seitliche und hintere Leib ist mit Flecken bedeckt, von denen die längs des Rückens verlaufenden sich in die Länge dehnen und teilweise zu Binden verlängern, während die seitlichen rundlich und diejenigen, welche auf Schenkeln und Schultern sowie auf den Beinen sich finden, klein und fast vollständig rund, die auf den Vorderläufen zu Tüpfeln geworden sind. Der Zehenteil der Vorderund Hinterläufe zeigt keine Flecken, die Innenseite der Beine Querbinden, die Vorderbrust undeutliche Ringel, die Unterseite wiederum verwischte Flecken. Auf der Oberseite des Schwanzes stehen an der Wurzel kleine Tüpfelflecken, in den letzten zwei Dritteln 3—4 Halbbinden, welche wie die Spitze schwarze Färbung haben, während der untere Teil des Schwanzes

Pardelluchs (Lynx pardinus) ½ natürl. Größe.

einfarbig, in der Mitte gelblichweiß, seitlich fahlgelb ist. Hinsichtlich der Gesamtfärbung und Zeichnung ähnelt der Pardelluchs dem Serval mehr als unserem Luchse. Bis jetzt hat man das Verbreitungsgebiet des Pardelluchses noch nicht mit vollster Bestimmtheit begrenzen können. Nach den Angaben einiger Beobachter soll es sich über den ganzen Süden Europas erstrecken, also alle drei südlichen Halbinseln in sich begreifen. Besonders häufig tritt unser Tier, der Lince oder „Lobo cerval“ der Spanier, auf der Pyrenäischen Halbinsel auf. „Hier“, schreibt mir mein Bruder, „findet er sich überall, wo es zusammenhängende Waldungen gibt, am liebsten da, wo Rosmarin oder immergrünes Eichengebüsch als Unterwuchs Dickichte bildet, in denen er möglichst ungesehen und ungehört seiner Jagd nachgehen kann. Nach meinen Erfahrungen bewohnt er am häufigsten Estremadura, das Scheidegebirge zwischen Alt- und Neukastilien, also die Sierra de Gata, Benjao, de Francia, Sierra de Guyaga, de Gredos und Guadarrama, deren Fortsetzungen nach Arragonien hin, die südlichen Pyrenäen und deren Ausläufer, Asturien und die baskischen Provinzen, findet sich aber auch in Südspanien, beispielsweise auf der Sierra Nevada und Sierra Morena und kommt selbst in den schwach belebten Bergen Murcias und Valencias

Pardelluchs (Lynx pardinus) !s natürl. Größe.

noch einzeln vor. Sein Gebiet erstreckt sich bis vor die Thore Madrids und anderer Städte. In der Nähe der Hauptstadt hat er sich in dem königlichen Lustgarten Pardo, einem wohlgepflegten Wildgehege, angesiedelt und dehnt seine Raubzüge gar nicht selten bis in die unmittelbarste Nachbarschaft der Stadt aus. Im Escorial besucht er die Gärten des Klosters, obwohl er der hohen Mauer wegen sich nur durch die Wasserabzüge einstehlen kann und deshalb in hier gestellten Tellereisen dann und wann gefangen wird. „Wenngleich der Pardelluchs im allgemeinen einzeln lebt, so findet man doch zuweilen auf einem kleinen Gebiete mehrere zusammen und zwar, was Beachtung verdient, unter Umständen ein Paar ältere mit seinen Jungen, woraus also hervorgehen würde, daß der Vater sich auch außer der Paarzeit mindestens dann und wann zu seiner Familie hält. Bei einer Jagd, welche von uns im Herbste des Jahres 1871 angestellt wurde, erlegten wir fünf Luchse, die beiden Alten und drei Junge. „In seinem Auftreten scheint der Pardelluchs ein treues Spiegelbild seines nordischen Verwandten zu sein. Wie dieser, weiß er sich ausgezeichnet zu verbergen und bei der geringsten Gefahr so sorgfältig gedeckt fortzustehlen, daß ein ungeübter Beobachter oder Jäger ihn selten oder nicht zu sehen bekommt. Die günstigen Umstände, unter denen er lebt, gestatten es ihm, auch in nächster Nähe des Menschen sein Wesen zu treiben, ohne diese unmittelbar zur Rache aufzufordern. Seine hauptsächlichste Nahrung besteht nämlich in wilden Kaninchen, an denen Spanien bekanntlich reicher ist als irgend ein anderes Land Europas, und nur höchst selten gestattet er sich Angriffe auf Haustiere der verschiedensten Art, sowie man auch nicht darüber klagen hört, daß er dem größeren Wilde merklichen Schaden thäte. Solange er Kaninchen hat, findet er es am bequemsten, diesen nachzugehen und um andere Beute sich nicht zu kümmern. Hat er ein Gebiet ausgeraubt, so begibt er sich in ein anderes, wie daraus hervorgeht, daß er regelmäßig da sich einzustellen pflegt, wo man Ka: ninchen hegt, und auch bald dort einfindet, wo man diese Tiere aussetzt, um ein Revier mit ihnen zu bevölkern. „Anfangs März wirft die Pardelluchsin 3—4 Junge, gewöhnlich in einer schwer zugänglichen, tiefen Felsspalte. Wird dieses Lager von einem Menschen entdeckt oder auch nur die Nähe desselben beunruhigt, so trägt die Mutter die Jungen nach einem anderen verborgenen Orte. Jäger, welche junge Luchse aufgefunden, aber aus Furcht, mit der Alten in Berührung zu kommen, sich nicht getraut hatten, sie sogleich mitzunehmen, und später in Gemeinschaft anderer Schützen nach dem Platze zurückkehrten, fanden, wie sie mir selbst erzählten, das Nest leer. Die selbständig und raubfähig gewordenen Jungen bleiben jedenfalls bis zum nächsten Herbste in Gemeinschaft der Mutter und trennen sich von ihr wahrscheinlich erst bei der nächsten Ranzzeit. „Die meisten Pardelluchse werden auf Treibjagden geschossen, einzelne auch gelegentlich der Jagd auf Kaninchen, andere, und zwar meist mit sehr gutem Erfolge, indem man sie reizt. Bei Treibjagden hat der Jäger dem erwarteten Raubtiere seine vollste Aufmerksamkeit zu widmen. Der Luchs erscheint bald, nachdem das Treiben angegangen ist, vor der Schützenlinie, weiß sich aber auch hier noch ausgezeichnet zu verbergen und sozusagen unter den Augen der Schützen durchzustehlen. Freie Plätze und breite Wege vermeidet er stets, versucht vielmehr lieber dicht neben dem Jäger vorüberzuschleichen, als sich auch nur auf Augenblicke frei zu zeigen. Sein ausgezeichnetes Gehör unterrichtet ihn jederzeit genau über den Stand des Treibens, weshalb auch ein Schütze, welcher sich nicht vollkommen laut- und bewegungslos verhält, vergeblich auf ihn wartet. Noch unterhaltender als diese Jagd ist es, den Pardelluchs zu reizen. Dies geschieht mittels einer Pfeife, welche den Schrei des Kaninchens täuschend nachahmt. Der Jäger begibt sich in ein Kaninchengehege, in welchem er den Luchs vermutet, wählt sich hier eine felsige oder dicht mit Büschen bestandene Stelle

und nimmt die Zeit wahr, in welcher die Landleute Siesta halten, es also auf weithin möglichst ruhig ist. Hinter Steinen oder im Gebüsche wohl verborgen, läßt er jetzt in Zwischenräumen sein Pfeifchen ertönen, wenn sich ein Luchs in der Nähe befindet, selten vergeblich. Denn schon nach der ersten Reizung erhebt sich das Raubtier von seinem Lager und kommt, Lauscher und Seher in beständiger Bewegung, lautlos herbeigeschlichen, in der Absicht, das vermeintliche Wild zu erbeuten. „Das Fleisch gilt in ganz Spanien als großer Leckerbissen und zwar keineswegs unter dem gemeinen Volke allein, sondern auch unter Gebildeten, ist von blendend weißer Farbe und soll dem Kalbfleische ähnlich schmecken. Ich habe es nie über mich vermocht, es zu versuchen. Das Fell wird vielfach verwendet und am meisten zu Jacken und Mützen verbraucht, besonders von Stierfechtern und deren Freunden, den Kutschern der Stellwagen, Zigeunern und anderen Leuten, welche sich mit Pferden beschäftigen. Nach Madrid allein kommen jährlich noch immer 200 —300 Felle von Pardelluchsen, welche in den benachbarten Gebirgen erlegt wurden.“

Auf die Luchse lassen wir ein eigentümliches Bindeglied zwischen Katzen und Hunden, die Jagdleoparden oder Geparde, folgen. Die Geparde tragen ihren Gattungsnamen Cynailurus — Hundskatze — mit vollem Rechte; denn sie sind wirklich halb Katzen und halb Hunde. Katzenartig ist noch der Kopf, katzenartig der lange Schwanz, hundeartig aber der ganze übrige Körper, hundeartig zumal erscheinen die langen Beine, deren Pfoten nur noch halbe Pranken genannt werden können. Noch ist hier die ganze Einrichtung zum Ein: ziehen und Hervorschnellen der Klauen vorhanden, aber die betreffenden Muskeln sind so schwach und kraftlos, daß die Krallen fast immer hervorragen und deshalb wie bei den Hunden durch Abnutzung gestumpft werden. Das Gebiß gleicht im wesentlichen dem anderer Katzen, die Eckzähne aber find ähnlich wie die der Hunde zusammengedrückt. Dieser Zwischenstellung entspricht das geistige Wesen unserer Tiere: ihr Gesichtsausdruck ist noch katzenähnlich; aber die Hundegemütlichkeit spricht schon aus den Augen hervor, welche Sanftmut und Gutmütigkeit bekunden.

Der derzeitige Stand unserer Kenntnisse berechtigt uns noch nicht, zu entscheiden, ob die Gattung der Geparde mehr als eine Art zählt. Einige Forscher nehmen unbedenklich an, daß die afrikanischen und asiatischen Jagdleoparden gleichartig seien, andere unterscheiden neben dem Tschita oder asiatischen Gepard, in Indien außer Tschita auch Laggar und

Sivungi, in Persien Hus-palang genannt (Cynailurus jubatus, Felis und Gueparda jubata), und dem Fah had oder afrikanischen Jagdleoparden, von den Kaffern Ngulule, von den Herero Onguirira genannt (Cynailurus guttatus, Felis und Gueparda guttata, venatica), noch den Tüpfelgepard (Cynailurussoemmerringii) und den wolligen Gepard (Cynailurus laneus). Die Entscheidung dieser Streitfragen hat für uns keine Bedeutung, da Lebensweise, Sitten und Betragen aller Jagdleoparden im wesentlichen dieselben zu sein scheinen. Der Tschita ist sehr schlank und schmächtig, auch viel hochbeiniger als die eigentlichen Katzen, der Kopf klein und mehr hundeartig gestreckt, als katzenartig gerundet, das Ohr breit und niedrig, das Auge durch seinen runden Stern ausgezeichnet, der Balg ziemlich lang und struppig, namentlich auf dem Rücken, die Grund: färbung des Pelzes ein sehr lichtes Gelblichgrau, auf welchem schwarze und braune Flecken stehen, die auf dem Rücken dicht gedrängt sind, ja fast zusammenfließen, auch an dem Bauche sich fortsetzen und selbst den Schwanz noch teilweise bedecken, da sie nur gegen das Ende hin zu Ringeln sich verbinden. Die Leibeslänge des Tschita beträgt nach Jerdon bis 137 cm, die Länge des Schwanzes bis 76 cm, die Höhe am Widerriste 76—84 cm. Dem Fahhad fehlt die Nackenmähne fast gänzlich; die Grundfarbe seines Pelzes ist fast orangengelb, der

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