All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 142 of 188

Als Beutestück scheint dem Luchse jedes Tier zu gelten, welches er irgendwie bewältigen zu können glaubt. Vom kleinsten Säugetiere oder Vogel an bis zum Reh oder Auerhahn und Trappen hinauf it schwerlich ein lebendes Wesen vor ihm gesichert; an Rot-, Elchund Schwarzwild dürften wohl nur ausnahmsweise sehr starke Luchse sich vergreifen. Grö— ßeres Wild zieht er kleinerem entschieden vor; mit Mäusefangen z. B. scheint er sich nicht zu befassen: Nolcken wenigstens hat aus seiner einförmigen, geschnürten Spur nie ersehen können, daß er sich mit Mäusen abgegeben hätte. Demungeachtet glaube ich, daß auch ein Mäuschen, welches seinen Weg kreuzt, ihm nicht entgeht. Um die Gewandtheit der Luchse zu erproben, habe ich den von mir gepflegten wiederholt lebende Sperlinge, Ratten und Mäuse vorgeworfen, in keinem Falle aber beobachtet, daß eines dieser Tiere rasch genug gewesen wäre, der Klaue des Räubers zu entschlüpfen. Der fliegende Sperling wird mit ebenso großer Sicherheit aus der Luft geholt, wie die im Bewußtsein der Gefahr eiligst dem Käfiggitter zuflüchtende Ratte gefangen. Der Luchs stürzt sich mit einem einzigen Satze auf die Beute und schlägt höchst selten mehr als einmal nach ihr. Gewöhnlich hängt sie nach dem Schlage fest, ist im Nu auch mit den Zähnen gepackt und einige Augenblicke später bereits eine Leiche. Nunmehr beginnt das Spiel mit der Beute nach Katzenart. Die Ratte oder der Vogel wird vergnügt betrachtet, sorgfältig berochen und mit einer Pranke hin- und hergeworfen. Im Verlaufe des Spielens führt der Luchs dabei verschiedene Sprünge und Sätze aus, wie man sie sonst nicht von ihm bemerkt, schnuppert behaglich und wedelt fortwährend mit dem kurzen Schwanzstummel, welcher auch bei ihm seine Gefühle ausdrücken hilft. An das Fressen denkt er erst später, selbst in dem Falle, daß er sehr hungrig ist.

In dem an Hochwild armen, an Niederwild reichen Norden verursacht der Luchs ver: hältnismäßig wenig Schaden; in gemäßigten Landstrichen dagegen macht er sich dem Jäger wie dem Hirten gleich verhaßt, weil er nicht allein weit mehr erwürgt, als er zur Nahrung braucht, sondern auch von einer Beute nur das Blut aufleckt und die leckersten Bissen frißt, das übrige aber liegen läßt, Wölfen oder Füchsen zur Beute. Hier kehrt er höchst selten zum Luder zurück, während er, laut Nolcken, in dem wildarmen Livland dieses sehr gern annimmt und sogar derartig darauf versessen ist, daß er sich für einige Zeit in der Nähe desselben festlegt und die Jagd so ziemlich an den Nagel zu hängen scheint. Auch dem Viehstande fügt er in Livland wenig Schaden zu, wobei freilich zu berücksichtigen, daß alles Vieh vor Abend hereingetrieben und ihm somit keine Gelegenheit geboten wird, aus zahmen Herden Beute zu gewinnen. Ganz anders macht er in wild- und herdenreichen Gegenden sich

bemerklich. In den Schweizer Alpen lauert er, laut Schinz, Dachsen, Murmeltieren, Hasen, Kaninchen und Mäusen auf, schleicht den Rehen in den Waldungen, den Gemsen auf den Alpen nach, berückt Auer-, Birk-, Hasel- und Schneehühner und fällt räuberisch unter die Schaf-, Ziegen- und Kälberherden. Der beste Rehstand wird von einem Luchse, welcher dem rächenden Blei des Jägers geraume Zeit sich zu entziehen weiß, vernichtet, die zahlreichste Schaf- oder Ziegenherde mehr als gezehntelt. Ein Luchs, welcher vom Förster Wimmer im Liechtensteinschen Forste bei Rosenbach gefangen wurde, hatte sich hauptsächlich von Rehen und Schneehasen ernährt, aber auch die Gemsen sehr beunruhigt und in einer Nacht einmal sieben Schafe gerissen, so daß man zuerst nicht auf ihn, sondern auf den Bären Verdach warf, bis der weidgerechte Jäger an der Art des Risses ihn erkannte. Einmal riß er acht Schafe, ohne das Geringste von ihnen zu fressen. Solche Fälle stehen keineswegs vereinzelt da. Nach Bechstein tötete ein Luchs in einer Nacht 30 Schafe, nach Schinz ein anderer in geringer Zeit deren 30— 40 Stück, nach Tschudi ein dritter, welcher im Sommer des Jahres 1814 in den Gebirgen des Sunthales sein Unwesen trieb, mehr als 160 Schafe und Ziegen. Kein Wunder daher, daß Jäger und Hirt gleichmäßig bemüht sind, eines Luchses baldmöglichst habhaft zu werden.

Über die Fortpflanzung unseres Raubtieres fehlt noch genügende Kunde. Im Januar und Februar sollen die Geschlechter sich zusammenfinden, mehrere Luchskater oft unter lautem Geschrei um die Luchskatze kämpfen und diese 10 Wochen nach der Paarung in einer tief verborgenen Höhle, einem erweiterten Dachs- oder Fuchsbaue, unter einem überhängenden Felsen, einer passenden Baumwurzel und an ähnlichen versteckten Orten zwei, höchstens drei Junge bringen, welche eine Zeitlang blind liegen, später mit Mäusen und kleinen Vögeln ernährt, sodann von der Alten im Fange unterrichtet und für ihr späteres Räuberleben gebührend vorbereitet werden. Soungefähr steht es in Jagdbüchern und Naturgeschichten; nirgends aber finde ich eine Angabe von einem glaubwürdigen Augenzeugen. Selbst diejenigen Beobachter, welche alljährlich mit dem Luchse zusammenkommen, bekennen ihre Unkunde hinsichtlich der Fortpflanzung. Demungeachtet muß es doch dann und wann gelingen, ein solches Gehecke aufzufinden, da wir jung eingefangene Luchse erhalten und zwar in letzterer Zeit, wenn auch immer ungleich seltener als alle großen Katzen Afrikas, Südasiens und Amerikas, so doch fast alljährlich in einzelnen Stücken.

Gefangene Tiere dieser Art zählen unbedingt zu den anziehendsten aller Katzen. Ge: langen sie in den Besitz eines Pflegers, ohne in ihrer Jugend eine sorgfältige Erziehung genossen zu haben, so zeigen sie sich zwar nicht immer von ihrer liebenswürdigsten Seite, verfehlen aber nie, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich habe wiederholt Luchse gepflegt und einmal auch die beiden nächstverwandten Arten, unseren und den kanadischen Luchs, zusammengehalten, mehrere andere in verschiedenen Tiergärten beobachtet und kann somit aus eigener Erfahrung sprechen. Sie erscheinen im Vergleiche zu ihren Familiengenossen mürrisch, eigensinnig und faul, liegen, einem in Erz gegossenen Bilde vergleichbar, fast bewegungslos halbe Tage lang auf demselben Aste und beweisen nur durch Zusammenrümpfen der Lippen, durch Bewegen der Lauscher und Lichter und endlich durch Wedeln und Stelzen der Lunte, daß der Geist an der Ruhe des Leibes nicht teilnimmt, sondern ohne Unterlaß beschäftigt ist. Jede Handlung führen sie mit würdigem Ernste, verständiger Überlegung und eiserner Ruhe aus. Niemals denken sie daran, wie die übrigen Katzen, gierig nach einer Beute zu schauen oder zu springen, fassen vielmehr das ihnen vorgeworfene Fleischstück ruhig und fest ins Auge, nähern sich langsam, greifen blitzschnell zu, wedeln dabei rasch und kräftig mit der stummelhaften Lunte und fressen scheinbar ebenso mäßig und gelassen wie ein wohlerzogener Mensch, nicht mehr und nicht weniger, als sie bedürfen, dem übrigbleibenden verächtlich den Rücken kehrend. Ganz anders ist ihr Gebaren, wenn sie ein

lebendes Tier an sich vorübergehen sehen. Jeder an ihrem Käfig vorüberschleichende Hund, jeder vorüberfliegende Vogel, ja selbst jede dahinhuschende Maus erregt ihre Aufmerksamkeit aufs höchste. Die Augen heften sich augenblicklich auf die durch das feine Gehör erspähte Stelle, von welcher ein leises Rascheln wahrnehmbar war; sie nehmen eine malerische Stellung an und gewähren ein Bild des achtsamen Raubtieres, wie man ein schöneres kaum sich denken kann. Entfernt sich ein großes Beutestück von ihnen, so wird die Ungeduld ihrer Herr, und sie führen dann wie andere gefangene große Katzen die zierlichsten und gewandtesten Sätze aus, drehen und wenden sich in ihrem Käfig mit bewundernswürdiger Schnelligkeit, springen übereinander weg, ohne daß man die geringste Anstrengung bemerkt, nehmen von neuem eine lauernde Stellung an ꝛc. Jetzt sind sie ganz und vollständig bei der Sache und lassen sich durch den Beobachter dicht vor ihrem Käfig nicht im geringsten stören. All ihr Sinnen und Trachten beschäftigt sich ausschließlich mit dem verlockenden Wilde.

Zum Kummer aller Tiergärtner zählen sie nicht zu den Katzenarten, welche sich gut in Gefangenschaft halten, verlangen vielmehr die allersorgfältigste Pflege. Rauhe Witterung ficht sie allerdings wenig an, vorausgesetzt, daß sie einen allzeit trockenen Lagerplatz haben und vor dem Zuge geschützt sind; dagegen stellen sie weit höhere Ansprüche an die Nahrung als andere Katzen ihrer Größe, nehmen nur das beste Fleisch und verlangen einen Wechsel in dem ihnen dargereichten Futter, sollen sie dauernd sich wohl befinden. Auch bei sehr sorgsamer Behandlung erliegen sie oft plötzlichen Krankheiten, von denen man durch ihr verändertes Betragen vielleicht erst wenige Stunden vorher Kunde bekam, und gelten deshalb bei allen erfahrenen Tiergärtnern als höchst empfindliche und hinfällige Tiere. Ganz das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wenn dem gefangenen Luchse größere Freiheit gewährt werden kann. Wir verdanken Loewis einen ausgezeichneten Bericht über eine von ihm gefangen gehaltene Luchskatze. „Namentlich dreierlei“, jagt unser Gewährsmann, „it es, was ich mir als einer Erwähnung wert zu erachten erlaube: zuvörderst, daß der herrschenden Annahme zuwider auch ein katzenartiges Tier wie der Luchs in Bezug auf geistige Befähigung eine hervorragende Stellung unter den Raubsäugetieren einzunehmen berechtigt ist; zweitens, daß die Gesundheit eines gefangenen, an menschliche Behandlung gewöhnten Luchses nicht, wie man allgemein anzunehmen leider so oft gezwungen wurde, immer zart und schwer zu erhalten ist, und endlich, daß es keinen größeren Feind für die Hauskatzen gibt als den Luchs, was vielleicht das Nichtvorkommen des Luchses und der Wildkatze in gleichen Jagdgebieten und Bezirken erklärlich machen dürfte. „Wenige Monate genügten, meinem jungen Luchse seinen Namen Lucy genau unterscheiden zu lehren. Unter vielen Hundenamen, welche auf der Jagd von mir genannt wurden, fand er den seinen stets heraus und leistete mit musterhaftem Gehorsame dem Aufrufe Folge. Seine Abrichtung war ohne alle Mühe eine so feine geworden, daß er in der wildesten, leidenschaftlichsten, aber verbotenen Jagd nach Hasen, Geflügel oder Schafen innehielt, falls mein drohender Zuruf ihn erreichte, beschämt sich zu Boden warf und nach Art der Hunde Gnade für Recht erwartete. Die Bedeutung des Flintenschusses für Befriedigung seines Appetits lernte er rasch kennen. War er zu weit fort, um die rufende Stimme zu hören, so genügte das Knallen des Gewehres, ihn in angestrengter Eile herbeizuführen. Besonders wesentlich für Anerkennung seines Denkvermögens war mir auch die Art seiner thatkräftigen Jagd nach Hasen und Tauben, deren Fleisch als Kenner er gar wohl zu würdigen wußte. „Lucy machte freiwillig, sogar mit Liebhaberei, mir auf dem Fuße folgend, alle Herbstjagden mit. Stand ein armer Hase vor uns auf, oder gelangte sonst ein von der Meute verfolgter in die Nähe, so begann die hitzigste Jagd; und trotz seiner unbeschreiblichen Aufregung bei solcher Gelegenheit behielt er stets so viel Überlegung bei, um das Verhältnis

seiner Geschwindigkeit und Ausdauer zu der des Hasen, scheinbar wenigstens, zutreffend abzuschätzen. Denn nur, wenn letzterer ihm entschieden überlegen war, folgte er der so oft beschriebenen, den Katzenarten eigentümlichen, abweichenden Weise des Jagens, welche bekanntlich in nur wenigen, aber gewaltigen Sprungsätzen besteht. Waren aber die Kräfte gleichartig, dann jagte er durch dick und dünn, über Zäune und Hecken fort, wie ein Wind: hund dem Wilde folgend, und das Ergebnis war sodann oftmals ein günstiges. Nachdem er häufig bei mordlustigen Sprüngen nach am Boden sitzenden Tauben leer ausgegangen war, änderte er wohlweislich den Angriffsplan und sprang nicht mehr dem Sitzplatze des beflügelten Zieles zu, sondern fing nunmehr, durch einen tüchtigen Satz in die Höhe sich werfend, mit richtig eintreffender Berechnung die Taube auf ihrem luftigen Fluchtwege mit scharfen Krallen ab. „Gewöhnlich spricht man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich anders verhält, hat der von mir bezeichnete, jung aufgezogene genügend dargethan. Er hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem unbedachten Huhne, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, beunruhigende Träume und Alpdrücken. „Einst mußten mein Bruder und ich eine ganze Woche abwesend sein. Der Luchs ward unterdessen menschenscheu, suchte uns laut schreiend mit großer Unruhe und wählte, schon am zweiten Tage auswandernd, einen nahegelegenen Birkenwald zu seinem Aufenthalte, ohne Nahrung aus der Küche zu erhalten. Nur des Nachts kehrte er noch auf seinen gewohnten Platz am Schornsteine des Hauses zurück. Seine Freude bei unserer nächtlichen Rückkehr nach so langer Trennung kannte keine Grenzen. Wie ein Blitz flog er vom Dache hernieder an meinen Hals, bald meinen Bruder, bald mich mit seinen innigen Liebkosungen fast erdrückend. Von Stunde an kehrte er zu seiner gewohnten Lebensweise zurück und gab abends wieder, hinter dem Rücken meiner uns vorlesenden Mutter, auf dem Sofa lang ausgestreckt, gemütlich schnurrend, gähnend oder tüchtig schnarchend, allen Gästen ein seltenes, äußerst fesselndes Schauspiel ab. „Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, das Gesagte darthuende Szene. Der große Teich war im November mit einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem Schwänzchen vor Begierde hastig hin- und herwedelnd. Die wachsamen Nachkommen der Kapitolserretter werden unruhig und recken die Hälse bei der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, und wie ein Schleudergeschoß fliegt er mit gespreizten Pranken im Bogen mitten in die erschreckte Sippe,

Continue reading
Page 142 of 188