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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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daß er schon in Krain noch regelmäßig und in Kärnten dann und wann einmal auftritt. So wurden in Rosenbach, an der Krainer Grenze, im Jahre 1846 und im Jahre 1858 noch Luchse gespürt und gefangen.

Das gegenwärtige Wohngebiet unseres Raubtieres beginnt nach Osten hin mit den Karpathen; von hier und der preußischen Grenze aus nach Norden und Osten findet man es regelmäßig, in ganz Rußland und ebenso in Skandinavien noch ziemlich häufig, hier vom Süden des Landes an, soweit geschlossene Waldungen nach Norden hinaufreichen. Außerdem aber bewohnt der Luchs ganz Ostsibirien, wo das Land gebirgig und waldbedeckt ist, und Asien südwärts mindestens bis Turkistan und bis in den Himalaja, wo er im oberen Industhale vorkommt. Der tibetanische Luchs, der nicht in Wäldern, sondern notgedrungen im Gefelse lebt, wurde von Blyth, vornehmlich wegen seiner fahleren Färbung und etwas abweichenden Behaarung, als eine besondere Art (F. isabellina) aufgefaßt; Blanford hingegen hält diese Unterscheidung nicht für begründet.

Bedingungen für ständigen Aufenthalt dieses Raubtieres sind weite geschlossene, an Dickungen oder überhaupt schwer zugänglichen Teilen reiche, mit Wild der verschiedensten Art bevölkerte Waldungen. In dünn bestandenen Wäldern zeigt sich der Luchs, laut Nolcken, dem wir die beste Lebensschilderung des Tieres verdanken, nur ausnahmsweise, namentlich im Winter, wenn es sich für ihn darum handelt, einen solchen Wald nach Hasen abzusuchen, oder aber, wenn ihn ein allgemeiner Notstand, ein Waldbrand z. B., zum Auswandern zwingt. Unter solchen Umständen kann es vorkommen, daß er sich, wie es im Jahre 1868 im Petersburger Gouvernement geschah, bis in die Obstgärten der Dörfer flüchtet. Im Gegen: satze zum Wolfe, welcher fast jahraus, jahrein ein unstetes Leben führt, hält sich der Luchs oft längere Zeit in einem und demselben Gebiete auf, durchstreift dasselbe aber nach allen Richtungen, wandert in einer Nacht meilenweit, nicht selten ohne alle Scheu befahrene Wege annehmend, bis in die Nähe der Dörfer sich wagend und selbst einsam liegende Gehöfte besuchend, kehrt auch nach mehreren Tagen wieder in eine und dieselbe Gegend zurück, um sie von neuem abzuspüren. In der Regel lebt der Luchs nach Art seiner Verwandten ungesellig, da, wo er häufiger auftritt, wie in Livland, so verteilt, daß ein Gebiet von 25 qkm etwa vier oder fünf Stücke beherbergt. Doch kommen Ausnahmen vor. So wurden, laut einem Berichte der „Jagdzeitung“,im Jahre 1862 in Galizien vier Luchse hintereinander erlegt, am ersten Tage die beiden Alten, am zweiten deren zwei Junge, und ebenso sah ein Jäger in Galizien bei einem Treiben drei Luchse an sich vorübergehen. |

An Begabung leiblicher undgeistiger Art scheint der Luchs hinter keiner einzigen anderen Katze zurückzustehen. Der trotz der hohen Läufe ungemein kräftige Leib und die ausgezeichneten Sinne kennzeichnen ihn als einen in jeder Hinsicht trefflich ausgerüsteten Räuber. Er geht sehr ausdauernd, solange es die Not nicht fordert, nur im Schritt oder im Katzentrabe, niemals satzweise, springt, wenn es sein muß, ganz ausgezeichnet in wahrhaft erstaunlichen Sätzen dahin, klettert ziemlich gut und scheint auch mit Leichtigkeit Gewässer durchschwimmen zu können. Unter seinen Sinnen steht unzweifelhaft das Gehör obenan, und der Pinsel auf seinen Ohren darf demnach als eine wohlberechtigte Zierde gelten. Kaum weniger vorzüglich mag das Gesicht sein, wenn auch die neuzeitlichen Beobachter keine un: mittelbaren Belege für die Entstehung der alten Sage gegeben haben. Der Geruchssinn aber ist, wie bei allen Katzen, entschieden schwach; der Luchs vermag wenigstens nicht auf größere Entfernungen hin zu wittern und sicherlich nicht durch feinen Geruch irgend ein Wild aus zukundschaften. Daß er Geschmack besitzt, beweist er durch feine Leckerhaftigkeit zur Genüge, und was Tastsinn und Empfindungsvermögen anlangt, so bekunden gefangene deutlich genug, daß sie hierin den Verwandten nicht nachstehen. Als Tastsinn offenbart sich sein feines

Gefühl bei jeder Bewegung und jedenfalls auch beim Aufspüren und Aufnehmen einer bereits erkundeten und getöteten Beute. Wie allen Katzen sind ihm die Schnurrhaare im Gesichte geradezu unentbehrlich; mit ihnen muß er alles betasten, mit dem er sich näher be: fassen will. Die geistigen Eigenschaften unseres Raubtieres sind niemals unterschätzt worden: „Ist sunst ein röubig thier gleich dem Wolff, doch vil listiger“, jagt der alte Gesner und scheint vollständig recht zu haben, da auch alle neueren Beobachter, welche mit dem Luchse verkehrten, ihn als ein außerordentlich vorsichtiges, überlegendes und listiges Tier schildern, welches niemals seine Geistesgegenwart verliert und in jeder Lage noch bestmöglich seinen Vorteil wahrzunehmen sucht und wahrzunehmen weiß. Macht sich dies schon bei dem freilebenden Luchse bemerklich, so tritt es, wie wir später kennen lernen werden, bei gefangenen nur um so schärfer hervor, so daß wir jedenfalls berechtigt sind, ihn den klügsten Katzen beizuzählen. | Frühere Beobachter vergleichen die Stimme des Luchses mit dem Geheule eines Hundes, bezeichnen sie damit aber sehr unrichtig. Ich habe nur gefangene schreien hören und muß sagen, daß die Stimme sehr schwer beschrieben werden kann. Sie ist laut, kreischend, hochtönig, derjenigen verliebter Katzen entfernt ähnlich. „Ich habe nicht nur“, sagt Oskar von Loewis, „meine gezähmte Luchskatze, sondern auch wilde Luchse zur Nachtzeit in einsamen Wäldern schreien zu hören vielfach Gelegenheit gehabt. Aber niemals erlaubte die Stimme des Luchses auch nur eine entfernte Ahnlichkeit mit der des Hundes herauszufinden. Sein Geschrei ist vielmehr ein plärrend und brüllend hervorgestoßener Ton, welcher hoch und fein anhebt und dumpf und tief endet, im Klange eher dem Gebrülle des Bären gleichend. Ursachen des Geschreies waren bei meinem gezähmten und frei umherlaufenden Luchse Hunger und Langeweile. Das Knurren und Fauchen bei hochgekrümmtem Rücken war stets ein Zeichen der Wut, der kampfbereiten Verteidigung. Ein leises, feines, katzenartiges, unendlich sehnsüchtiges Miauen ließ meine Luchskatze bei lüsternem, mordlustigem Beobachten der Tauben und Hühner oder bei schmiegsamem Anschleichen zum Wilde hören. Das anhaltende Spinnen und Schnurren während Wohlbefindens, beziehentlich Streichelns mit der Hand war ganz katzenartig, nur gröber, derber als das der Hauskatze.“

Der Luchs ist, laut Nolcken, ein durchaus nächtliches Raubtier, versteckt sich mit Tagesanbruch und liegt, wenn er nicht gestört wird, bis zur Dunkelheit, wodurch er sich vom Wolfe, welcher meist schon gegen Mittag wieder zu wandern beginnt, wesentlich unterscheidet. Zu feinem Lagerplatze wählt er eine Felsenkluft oder ein Dickicht, unter Umständen viel: leicht auch eine größere Höhlung, selbst einen Fuchs- oder Dachsbau. Wenn er sich decken oder lagern will, geht er gern auf irgend einem Wege in die Nähe der Dickung, welche er ausgewählt hat, und setzt in mehreren weiten Sprüngen in das Gehölz. Geht der Weg hart an einem Dickichte vorbei, so wirft er sich manchmal so weit in dieses hinein, daß man die Spur von außen gar nicht sieht. Immer und unfehlbar wählt er die allerdichtesten Schonungen, junges Nadeldickicht und dergleichen, ohne sich dabei im übrigen viel um etwa stattfindenden Verkehr zu kümmern. Falls es gestattet ist, von dem Betragen des gefangenen Luchses auf das des freilebenden zu schließen, darf man annehmen, daß er den Tag über möglichst auf einer und derselben Stelle liegen bleibt. Er gibt sich einem Halbschlummer hin, nach Art unserer Hauskatze, welche in gleicher Weise halbe Stunden zu verträumen pflegt, aber doch auf alles achtet, was um sie her vorgeht. Seine feinen Sinne schützen ihn auch während solcher Träumerei vor etwaigen Überraschungen. Ich habe mich an dem gefangenen, welchen ich pflegte, wiederholt überzeugt, daß gerade der Sinn des Gehöres auch dann in voller Thätigkeit war, wenn der Luchs im tiefsten Schlafe zu liegen schien. Das leiseste Rascheln verursachte bei ihm ein Drehen und Wenden nach der verdächtigen Gegend, und die geschlossenen Augen öffneten sich augenblicklich, wenn das Geräusch stärker

wurde. Am tiefsten scheint er in den Früh- und Mittagsstunden zu schlafen; nachmittags reckt er sich gern, wenn ihm dies möglich ist, im Strahle der Sonne, legt sich dabei auch, falls er es haben kann, stundenlang auf den Rücken wie ein fauler Hund.

Bei eintretender Dämmerung wird er munter und lebendig. Während des Tages schien er zur Bildsäule erstarrt zu fein, mit Einbruch des Abends bekommt er Leben und Bewegung, erst in der Nacht aber macht er sich zur Jagd auf, bleibt jedoch häufig stehen, um zu sichern, wie eine Katze, wenn fie über einen freien Platz will, welcher ihr unficher erscheint. Soviel wie möglich hält er dabei seinen Wechsel ein. Im Winter scheint er dies regelmäßig und zwar in der Weise zu thun, daß er stets auf das genaueste in seine Spur wieder eintritt. Ein Verwechseln seiner Fährte mit der eines anderen Tieres kann wohl nur dem Unkundigsten geschehen; denn die Spur ist sehr groß, im Einklange mit den unverhältnismäßig starken Pranken größer als die eines starken Wolfes, auffallend rund und, weil der Abdruck der Nägel fehlt, vorn stumpf, der Schritt verhältnismäßig kurz. So bildet die Spur eine Perlenschnur, welche jeder, der sie nur einmal gesehen, leicht wiedererkennen muß. Beim Wechseln nun tritt der Luchs auf dem Hin- und Rückwege in die Spur ein, ja es thun dies in der Regel mehrere, welche gemeinschaftlich zur Jagd ausgehen. Frauen: feld, welcher einmal vier Luchse spürte, sagt hierüber folgendes: „Bei der ersten Entdeckung der Spur dieser Tiere waren nur zwei Fährten sichtbar, so daß wir anfangs auch bloß zwei Luchse beisammen vermuteten, ja später zeigte sich gar nur eine einzige Spur, in der sie alle vier einer in des anderen Fußstapfen traten. Auf einer Wiese im Walde, wo sie nach Raub ausgespäht zu haben schienen, ehe sie auf dieselbe heraustraten, zeigte sich die Spur von dreien, und erst auf einer lichten Stelle im Walde, wo sie ein Reh überraschten, fanden wir, natürlich mit immer größerem Erstaunen, daß ihrer vier beisammen waren; denn erst dort hatten sie sich alle getrennt, und der eine, unzweifelhaft der vorderste, hatte dieses Reh in zwei gewaltigen Sprüngen erreicht. Unmittelbar nach dem übrigens verunglückten Jagdversuche waren die Luchse mit schwach geschränkten Schritten wieder ruhig und nach einer kurzen Strecke abermals in einer einzigen Spur fortgezogen“. Bei weiterem Abspüren am nächsten Tage fand Frauenfeld, daß die vier Luchse nicht nur ganz denselben Weg, sondern auch, wenige schwierige Stellen abgerechnet, in der nämlichen Fährte zurückgekehrt waren, welche sie auf dem Herwege gebildet hatten, „so daß, nachdem sie alle vier hin und zurück, also achtmal, die Stelle berührt hatten, doch auf lange Strecken nur eine einzige Spur sichtbar war.“ Die eigentümliche Gestalt des Luchses läßt jede seiner Bewegungen auffallend, im ge: wissen Sinne sogar plump erscheinen. Man ist gewöhnt, in der Katze ein niedrig gebautes, langgeschwänztes Säugetier zu sehen und Bewegungen wahrzunehmen, welche den kurzen Läufen entsprechen, d. h. welche gleichmäßig, nicht ungestüm, weich und deshalb wenig bemerklich sind. Beim Luchse ist dies anders. Er tritt scheinbar derb auf und schreitet im Vergleiche zu anderen Katzen merklich weit aus. Fehlt ihm nun aber auch die Anmut seiner Verwandten, so steht er diesen an Gewandtheit durchaus nicht nach, klettert sehr geschickt und übertrifft sie, obgleich er keineswegs zu den ausgezeichnetsten Läufern zählt, doch in der Schnelligkeit und Ausdauer seiner Bewegungen. Was er leisten kann, sieht man bei frisch gefallenem Schnee am deutlichsten, da, wo er auf eine Beute gesprungen ist.

In dem ziemlich ausführlichen Jagdberichte, welcher gelegentlich der Erlegung des letzten Harzer Luchses veröffentlicht wurde, heißt es: „Am merkwürdigsten erschien der in der Nacht auf den 17. März erfolgte Fang eines Hasen, welcher durch die hintere Spur vollkommen deutlich wurde. Der Hase hatte am Rande einer jungen Tannendichtung, welche an eine große Blöße stieß, gesessen. Der Luchs war in dem Dickichte, wahrscheinlich unter Wind, an ihn herangeschlichen; der Hase aber mußte solches noch zu früh bemerkt haben und war

möglichst flüchtig über die Blöße dahingerannt. Demungeachtet hatte ihn der Luchs ereilt und zwar durch neun ungeheuere Sprünge von durchschnittlich je 13 Fuß Weite. Das Raubtier hatte also sein Wild förmlich gehetzt und diesem, wie aus der Fährte ersichtlich, alles Hakenschlagen, sein gewöhnliches Rettungsmittel, nichts genützt. Man fand nur die Hinterteile des armen Lampe noch vor.“ Daß der Luchs mit mehreren Sprüngen ein Wild verfolgt, ist übrigens eine große Ausnahme: bei den Raubanfällen, welche Frauenfeld abspürte, war der Räuber seiner Beute nicht weiter gefolgt, sondern unmittelbar nach verunglücktem Sprunge ruhig, als wäre nichts geschehen, weiter gegangen. Auch Nolcken, dem es mehrmals vergönnt war, Stellen zu finden, wo der Luchs beschlichen hatte, und von wo aus er auf seine Beute angesprungen war, beobachtete nie, daß jener mehr als drei oder vier weite Sätze gemacht hätte, und bemerkt ausdrücklich, daß der Luchs seine entgangene Beute niemals verfolge. „Sonderbarerweise“, fügt unser Gewährsmann noch hinzu, „habe ich noch nie eine Stelle gesehen, wo ihm sein Fang geglückt wäre. Es scheint demnach, als ob auch im Leben des Luchses Jagdunglück nicht ganz selten sei.“ Ebenso oft, wie er seine Beute aufsucht, belauert er sie auch und besteigt zu diesem Zwecke gern Felsblöcke und günstig gewachsene Aste von Bäumen, von wo aus er arglos sich nähernde Opfer bespringt.

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