All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 139 of 188

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. 1. 33

Sumpfluchs (Lynx chaus). ½ natürl. Größe.

verschiedenen Biegungen und Windungen, welche die Seelenstimmung einer jagenden Katze bezeichnen, und äugt mit jenem ruhigen, fast starren Blicke, welcher unserem Hinze eigen ist, fast träumerisch gerade vor sich hin. Der Gehörsinn scheint ihn bei Tage jedenfalls mehr zu leiten als sein Gesicht; denn die Lauscher sind auch bei der größten Ruhe in beständiger Bewegung. Das geringste Geräusch ändert dieses träumerische Dahinschleichen: der Sumpfluchs erhebt den Kopf, die Lauscher richten sich nach kurzer, schneller Bewegung der bezeichneten Stelle zu, der ganze Leib duckt sich, verschwindet vollkommen im Grase, und schlangenartig kriecht das Tier an seine Beute heran, welche wohl in den meisten Fällen in seine Gewalt fällt. Bisweilen sieht man auch aus dem scheinbar ganz unbelebten Riedgrase heraus mit einem gewaltigen Satze ein Tier in die Höhe springen und im nächsten Augenblicke wie: der verschwinden: der Sumpfluchs hat einen Luftsprung nach irgend einem Vogel gemacht, welchen er aufgejagt hatte. Seine Beute besteht zumeist aus Mäusen und Ratten, sodann aber aus kleinen Erd- und Schilfvögeln aller Art, namentlich Wüstenhühnern, Lerchen, Regenpfeifern, Schilf- oder Riedgrassängern ꝛc. In den Gärten stiehlt er den Bauern ihre Hühner und Tauben, in den Fruchtfeldern schleicht er den Hasen und an den Wüstenrändern den Springmäusen nach. Größere Tiere soll er niemals angreifen; auch dem Menschen scheint er furchtsam auszuweichen; selbst derjenige, welchen ich verwundete, wagte nicht, mich anzuspringen. Gleichwohl wird er von den Arabern als ein sehr böses Tier gefürchtet, und diese Furcht hat sich auch auf die Europäer übertragen. Mein Diener erdreistete sich nicht, auf einen sehr schönen Sumpfluchs zu schießen, den er im Getreide auftrieb, und ein Reisegefährte des bekannten Schriftstellers Bogumil Goltz glaubte nun gar einen jungen Löwen in unserem Tiere zu erblicken, als er ihm auf der Jagd einmal begegnete. Angeschossen und in die Enge getrieben, weiß sich freilich auch der Sumpfluchs kräftig zu verteidigen. Dies erfuhr unter anderen ein Diener Dümichens, welcher einen mit zwei schlecht gezielten Schüssen bedacht hatte und das verwundete Tier greifen wollte. Letzteres wartete die Ankunft seines Feindes gar nicht ab, sondern sprang ohne weiteres auf den Mann los, krallte sich an ihm fest und zerfleischte ihm den Arm derartig, daß der schlechte Schütze monatelang an den Folgen der verfehlten Luchsjagd zu leiden hatte.

In Indien gilt die Dschangelkatze für bösartig und wehrhaft wie etwa unsere Wildkatze und nur sehr ausnahmsweise für zähmbar; verwundete haben den Schützen mehrmals ohne weiteres angenommen. Sie scheinen auch sehr dreiste Räuber zu sein, da verschiedene Fälle mitgeteilt werden, daß Dschangelkatzen vor den Augen der Jäger eben geschossene Pfauen fortschleppten. Auch dort lieben fie bevölkerte Gegenden und richten unter dem Haus: geflügel große Verheerungen an, indem sie auch aus reiner Mordlust töten. Blyth hörte ein Pärchen, das unter seinem Hause sich eingenistet hatte, des Abends manchmal höchst auffällige summende Laute von sich geben. Derselbe Gewährsmann berichtet, daß fie wohl Hühner und Enten, nach seiner Erfahrung aber niemals Gänse griffen. In Indien joll die Dschangelkatze zweimal im Jahre drei bis vier Junge werfen.

Gefangene Sumpfluchse sind selten in unseren Tiergärten; ich habe höchstens fünf von ihnen gesehen. Sie benehmen sich nach Art anderer Wildkatzen unfreundlich und wütend, wenn sie alt in Gefangenschaft gerieten oder aber schlecht behandelt wurden, ruhig und gemütlich dagegen, wenn sie als Junge unter die Botmäßigkeit des Menschen kamen und eine liebevolle Pflege erfuhren. Daß sie solcher zugänglich und ihrem Pfleger in hohem Grade dankbar sein können, beweist die nachstehende Mitteilung Dümichens. „Eines Tages, im Tempel von Denderah mit der Abnahme von Inschriften beschäftigt, hörte ich in einem der hinteren Räume des Tempels das Bellen meines Hundes. Demselben lauschend, erkannte ich, daß es aus einem unterhalb des Fußbodens befindlichen Raume herkam; der Tempel mußte also an dieser Stelle ein Kellergeschoß haben, welches ich noch nicht kannte. Dem

AL

N

0

N

f

W ÜST ENLVCHS

W ÜST ENLVCHS

Bellen nachgehend, war ich so glücklich, durch eine halb verschüttete Offnung in einen unterirdischen Gang und am Ende desselben in den Raum zu gelangen, in welchem der Hund sich mit einer Katze beschäftigte, mehr mit ihr spielend als sie angreifend. Freilich schien das Tier auch durchaus nicht fähig, dem Hunde Widerstand entgegenzusetzen, vielmehr im Verscheiden zu sein. Bei genauerer Besichtigung fand sich, daß ich keine Hauskatze, sondern einen jungen Sumpfluchs vor mir hatte, was mich auch keineswegs wundernahm, da ich letzterem bei meinen Streifereien in dem anstoßenden Wüstengebirge sehr oft begegnet war und ihn wiederholt in Tempelruinen mit dem Fangen von Fledermäusen beschäftigt gesehen hatte. Einer solchen Jagd war jedenfalls auch dieser „Tschaus“ nachgegangen, durch eine Offnung in den unterirdischen Raum des Tempels gelangt und nicht mehr im stande gewesen, an den glatten Mauern die bedeutende Höhe zu gewinnen. Selbst ich mußte, um wieder ans Tageslicht zu kommen, mehrere große Steine herbeitragen und meinen Hund zu der Offnung emporheben, um ihm die Freiheit zu verschaffen. Der halb verhungerte Sumpfluchs erregte mein Mitleiden, wurde deshalb von mir mitgenommen und baldmöglichst mit Milch und Fleisch bewirtet. Infolge dieser Erlabung, vielleicht auch der Wirksamkeit der freien Luft, erholte er sich zu meiner Freude und zum ersichtlichen Vergnügen des Hundes, welcher jeder Bewegung des geretteten und gewonnenen Freundes mit Teilnahme folgte und sein Wohlwollen gegen denselben durch fortgesetzte Versuche, mit ihm zu spielen, äußerte. Der Luchs hatte, als ich ihn ergriff, keine Versuche gemacht, sich widerspenstig zu zeigen, vielmehr alles über sich ergehen lassen, war heißhungerig über die ihm gereichte Nahrung hergefallen und gestattete es, daß ich ihn aufnahm und liebkoste. In vollstem Verständnis des ihm erzeigten Dienstes, blieb er von jetzt an mein unzertrennlicher Begleiter, folgte mir auf Schritt und Tritt, wohin ich mich auch wenden mochte, sprang zu mir aufs Kamel, wenn ich eine Reife antrat, durchwanderte jo mit mir gemeinschaftlich den größten Teil Nubiens und hielt sich, wenn ich stundenlang Inschriften abnahm, ununterbrochen in meiner Nähe. Auch mit dem Hunde blieb er freundschaftlich verbunden: Zank und Streit zwischen den beiden kamen nie vor, wohl aber spielten sie täglich stundenlang in der liebenswürdigsten Weise zusammen.“

Ebenso wie den Tschaus hat man den Wüstenluchs oder Karakal (Lynx caracal, Felis caracal, Caracal melanotis), ein schönes Tier von 65 - 75 em Leibes-, 25 cm Schwanzlänge und 40—45 cm Schulterhöhe, unter dem Namen Caracal zum Vertreter einer besonderen Gattung erheben wollen. Ihn unterscheiden von anderen Luchsen die schlanke Gestalt, die hohen Läufe, die langen, schmalen, zugespitzten Ohren, welche wie bei den nordischen Arten der Gattung starke Pinsel tragen, und das enganliegende Wüstenkleid: alle diese Unterschiede erscheinen jedoch zu unbedeutend, als daß sie zu solch einer Trennung berechtigen könnten. Der Karakal ist ein echtes Kind der Steppe oder Wüste und als solches auf das zweckmäßigste ausgerüstet. Seine Gestalt ist schmächtiger, namentlich schlanker als die seiner nordischen Verwandten, seine Läufe sind höher, befähigen ihn also zu besonderer Schnelligkeit im Laufen, die Lauscher verhältnismäßig größer und für Beherrschung weiterer Strecken geeignet, die Färbung endlich ist die eines Wüstenkleides, d. h. ein dunkleres oder helleres Fahlgelb ohne Flecken, welches nur an der Kehle und am Bauche ins Weißliche zieht und auf der Oberlippe durch einen großen schwarzen Flecken sowie durch einen schwarzen Streifen, welcher sich vom Nasenrande zum Auge zieht, und die schwarzen Ohren unterbrochen wird. Je nach der Gegend, aus welcher der Karakal kommt, dunkelt oder lichtet sich seine Färbung, vielleicht im Einklange mit der Farbe des Bodens, so daß man vom Isabellgelb an bis zu Braunrot alle Schattierungen des Wüstenkleides an ihm wahrnehmen kann. Dieselbe Gleichfarbigkeit mit der Umgebung, welche ein Tier vorzugsweise bewohnt, 33*

spricht sich bei allen Katzen sehr deutlich aus, und so auch bei dem Karakal. Die nordischen Luchse, welche vorzugsweise Wälder bewohnen, tragen ein Baum- und Felsenkleid, d. h. ihre allgemeine Färbung ähnelt jener der Stämme und Aste sowie jener der grauen Felswände des Nordens. Der Karakal ist nur in der Kindheit gefleckt, später aber ganz ungefleckt, und eine derartige Gleichfarbigkeit steht wiederum im vollständigen Einklange mit den Eigentümlichkeiten seines Wohnkreises; denn ein geflecktes Tier, welches auf dem einfarbigen Sandboden der Wüste dahinschleicht, würde in der hellen Nacht gerade durch seine Fleckenzeichnung leichter sichtbar werden aks durch jenes einfarbige Gewand.

Der Verbreitungskreis des Karakals ist groß. Er bewohnt ganz Afrika sowie die südlichen Gebiete Asiens mit Einschluß von Indien und zwar vornehmlich Wüsten und Steppen; Waldungen soll er gänzlich meiden. In Indien ist er, nach Blanford, nirgends häufig und fehlt gänzlich an der Malabarküste, in Bengalen und im östlichen Himalaja. Über sein Freileben wissen wir noch sehr wenig. Thevenot erzählt, daß man den Karakal nur in denjenigen Ländern finde, in denen auch der Löwe vorkomme, da er nicht allein Führer, sondern auch Kundschafter des letzteren sei, für ihn Beute aufsuche und von der durch den Löwen erlegten seinen Anteil erhalte; Sparrmann will in Erfahrung gebracht haben, daß er bei Tage in Rudeln auf größere Tiere Jagd mache und des Nachts Vögeln nachschleiche: der einen wie der anderen Angabe mangelt jedoch jede Begründung. Nach der Versicherung der von mir befragten Steppenbewohner Südnubiens, von denen ich erlegte Karakals erhielt, lebt unser Wüstenluchs, ihre „Khut el Chala“ oder Katze der Einöde, einzeln und begnügt sich in der Regel mit der Jagd kleiner Säugetiere und Vögel, lauert jedoch, wie es vom indischen ebenfalls berichtet wird, auch kleineren Antilopen auf und weiß diese ohne sonderliche Anstrengung durch Zerbeißen ihrer Halsschlagadern zu bewältigen; nach Angabe Tristrams ist er in den Oasen der nördlichen Sahara ein unwillkommener Besucher der Hühnerställe und raubt und mordet hier unter Umständen in verheerender Weise. In den Augen aller Jäger Ostsudans gilt er als ein äußerst bösartiges Geschöpf.

An gefangenen gemachte Wahrnehmungen widersprechen der Ansicht der Araber in keiner Weise; denn der Karakal scheint, im Verhältnis zu seiner Größe, das wütendste und unbändigste Mitglied der ganzen Familie zu sein. Ich habe ihn öfters in Gefangenschaft gesehen und gepflegt, niemals aber von seiner liebenswürdigen Seite kennen gelernt. Man braucht sich bloß dem Käfig zu nähern, in welchem er scheinbar ruhig liegt, um seinen ganzen Zorn rege zu machen. Ungestüm springt er auf und fährt fauchend auf den Beschauer los, als ob er ihn mit seinen scharfen Krallen zerreißen wolle, oder aber legt sich in die hinterste Ecke seines Kerkers auf den Boden nieder, drückt seine langen Lauscher platt auf den Schädel, zieht die Lippen zurück und faucht und knurrt ohne Ende. Dabei schauen die blitzenden Augen so boshaft wütend den Beschauer an, daß man es den Alten nicht verdenken kann, wenn sie diesen Augen geradezu Zauberkräfte beilegten. In keinem einzigen Tiergarten hat es bis jetzt gelingen wollen, das wütende Geschöpf zu zähmen; man hat es kaum dahin gebracht, daß es einem Wärter erlaubt hätte, in seinen Käfig zu treten. Einem gefangenen Karakal setzte man einen starken, bissigen Hund in sein Gefängnis. Jener fiel den ihm Furcht einflößenden Gegner ohne Besinnen an, biß ihn unter fürchterlichem Fauchen und Geschrei, trotz der mutvollsten und kräftigsten Verteidigung des Hundes, nach kurzem Kampfe nieder und riß ihm die Brust auf. Ungeachtet solcher Schandthaten und aller Bösartigkeit seines Wesens ist der Karakal der Zähmung nicht unzugänglich. Ob die alten Agypter, welche ihn sehr wohl gekannt, auf ihren Denkmälern vortrefflich dargestellt und ebenfalls einbalsamiert haben, ihn zähmten, bleibt fraglich; aus verschiedenen Berichten älterer Reisender dagegen scheint hervorzugehen, daß die Asiaten von alters her neben dem Gepard auch den Karakal zur Jagd abrichteten.

„Der künig der Tartaren sol heimische Löuwparden vnd Lüchß haben, welche er zu dem gejegt braucht“, bemerkt der alte Gesner, wohl Marco Polos Angaben wiedergebend. Noch heute wird der Karakal in Indien, wo er für unschwer zähmbar gilt, abgerichtet, um allerlei Wild zu fangen: kleine Hirsche und Antilopen, Füchse, Hasen, Pfauen, Kraniche und kleineres Geflügel. Manche indische Fürsten haben Karakals in ziemlicher Anzahl zu Jagdzwecken gehalten, da sie in vielfacher Hinsicht brauchbarer als Gepards sein sollen. Ein in etlichen Gebieten Indiens beliebtes Vergnügen ist es, nach Blyth, Karakals in Wettbewerb treten zu lassen, wieviel Vögel sie in kürzester Zeit töten können. Sie werden auf einen am Boden sitzenden Taubenschwarm losgelassen und wissen so geschickt anzukommen, daß die gewandtesten von ihnen oft bis ein Dutzend Tauben niederschlagen, bevor die Überfallenen davonfliegen können. Der die meisten erbeutet, ist Sieger, und sein Herr hat die Wette gewonnen. Am Vorgebirge der Guten Hoffnung hielt man noch im vorigen Jahrhundert das Fell des Karakals in hohem Werte, weil man ihm Heilkräfte gegen Gliederschmerzen und Fußgicht zuschrieb. Solche Felle wurden auch nach Europa verhandelt und hier ebenfalls gut bezahlt. Gegenwärtig ist dieser Gegenstand fast gänzlich von unserem Markte verschwunden.

Continue reading
Page 139 of 188