Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
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Ozelot (Felis pardalis). 1% natürl. Größe.
geteilt, und breite ununterbrochene Streifen ziehen sich längs der Seiten entlang; bei anderen zerteilen sich die Streifen in Flecken, und auf den Wangen finden sich breite schwarze Tüpfel; noch andere sind am ganzen Unterleibe schwarz gestreift, der Schwanz ist vollständig geringelt ꝛc. Die Weibchen unterscheiden sich von den Männchen durch schwächere Färbung der Flecken und kreisförmig gestellte Punkte auf den Schultern und dem Kreuze. Kappler führt noch an: Augen bläulichgrau, Nase fleischfarben.
Der Ozelot ist weit verbreitet. Er findet sich sowohl in den südlichen Gebieten von Nordamerika wie in Südamerika bis Peru, Bolivia und Paraguay. Er lebt mehr in den tieferen und menschenleeren Wäldern als in der Nähe von Ortschaften, obgleich er auch da vorkommt. Auf freiem Felde findet man ihn nie, wohl aber in Wäldern, in felsigen und sumpfigen Gegenden. An manchen Orten ist er häufig. Er scheint kein bestimmtes Lager zu haben. Den Tag über schläft er im dunkelsten Teile des Waldes zwischen undurchdringlichem Blatt- und Strauchwerke, zuweilen auch in hohlen Bäumen; in der Morgen- und Abenddämmerung, besonders aber bei Nacht, geht er auf Raub aus und zwar ebensogut in hellen, sternenklaren wie in dunkeln, stürmischen Nächten. Letztere sind ihm sogar angenehm,
weil er dann, unbemerkt von den Hunden, an die Bauernhöfe herankommen und dort nach Belieben würgen kann. In dunkeln Nächten hat der Hofbesitzer es nötig, das Hühnerhaus wohl zu verschließen; denn wenn der Ozelot unter die Hühner kommt, richtet er dort ein arges Blutbad an. Im Freien besteht die Nahrung unserer Pardelkatze aus Vögeln, welche sie entweder auf dem Baume oder auf ber Erde in ihren Nestern beschleicht, sowie aus allen kleineren Säugetieren, jungen Rehen, Schweinen, Affen, Agutis, Pakas, Ratten, Mäusen ꝛc. Man glaubt, daß der Ozelot die Schuld von der Verödung der Wälder an Hühnern und Vögeln trägt, und jedenfalls ist es begründet, daß er diesen Tieren großen Schaden thut. Auch den Affen soll er in ihrem laubigen Gebiete eifrig nachstellen. „Da diese Katze meist nur des Nachts auf Raub ausgeht“, sagt Rengger, „habe ich sie niemals auf ihren Jagden beobachten können; sie scheint aber große Streifzüge zu machen. Ich habe in den sogenannten Urwäldern ihre Fährte oft stundenlang verfolgt. Höchst selten stößt man auf Überreste ihrer Mahlzeit; gewöhnlich find es nur die Federn eines erlegten Vogels. Ich halte sie daher nicht für blutdürstig und glaube, daß sie nicht mehr Tiere auf einmal tötet, als sie zu ihrer Sättigung bedarf; diese Meinung hat sich auch an Gefangenen, welche ich gehalten habe, bestätigt. Sie klettert gut und springt, wo die Bäume dicht stehen, wenn sie gejagt wird, mit Leichtigkeit von einem Baume zum anderen, obwohl sie im Klettern noch immer nicht die Fertigkeit des Kuguars besitzt. Nur durch die Not gezwungen, wagt sie sich durchs Wasser, z. B., wenn fie durch Überschwemmung vom festen Lande abgeschnitten wird und das nächste Ufer zu gewinnen suchen muß; allein sie ist ein vortrefflicher Schwimmer. Nicht selten kommt es vor, daß ein durch Überschwemmung aus den Wäldern vertriebener Ozelot mitten in einer Stadt ans Land steigt. Ich selbst sah einen, welcher über einen Teil des Paraguaystromes geschwommen war, bei seiner Landung im Hafen von Assuncion erschießen. Der Ozelot lebt paarweise in einem bestimmten Gebiete. Der Jäger kann gewiß sein, nachdem er einen aufgescheucht hat, den anderen in nächster Nähe zu treffen. Mehr als ein Paar trifft man jedoch niemals in dem nämlichen Walde an. Männchen und Weibchen gehen nicht zusammen auf den Raub aus, sondern jedes jagt für sich; auch helfen sie einander nicht bei der Jagd oder bei feindlichen Angriffen. Die Begattungszeit tritt bei ihnen im Oktober ein und dauert bis in den Januar; ihre Tragzeit ist unbekannt. Selten übersteigt die Anzahl der Jungen zwei. Die Mutter versteckt ihre Sprößlinge in einem hohlen Baume oder in dem Dickichte des Waldes und trägt ihnen, sobald sie fressen | 3 können, kleine Säugetiere und Vögel zu.“
Dem Menschen schadet der Ozelot verhältnismäßig wenig: er fürchtet ihn und die Hunde 1zu sehr, als daß er bevölkerten Gegenden sich nähern sollte. Bloß Wohnungen, welche nahe an Wäldern liegen, werden hin und wieder von ihm heimgesucht; doch auch dann nimmt er höchstens ein paar Hühner oder eine Bisamente weg, trägt sie ins nächste Gebüsch und verzehrt sie sofort. Wenn ihm seine erste Unternehmung gelingt, kommt er gewöhnlich die nächsten Nächte wieder, bis er gefangen oder verscheucht wird. Man jagt ihn in Paraguay mit Hunden oder fängt ihn in Fallen. Er ist sehr scheu und flüchtig und sieht den Jäger bei mondhellen Nächten, noch ehe derselbe ihn gewahr wird. Vor dem Hunde flieht er in größter Eile auf Bäume und versteckt sich hier im dichtesten Laube der Krone. Ein ange-schossener Ozelot verteidigt sich herzhaft mit seinen Krallen gegen die Hunde und kann auch wohl dem Menschen gefährlich werden. Am leichtesten fängt man ihn vermittelst Fallen, in deren Hintergrund ein Käfig mit einem eingesperrten Huhne gestellt oder auch Rindfleisch als Köder angebracht wird. Der junge Ozelot wird häufig eingefangen und gezähmt. Gewöhnlich verraten die Jungen ihren Aufenthalt durch Miauen und werden somit, auch ohne Hilfe der Hunde, ziemlich leicht aufgefunden. Man zieht sie mit Milch auf und nährt sie späterhin größtenteils mit gekochtem
Fleische; bloße Pflanzennahrung macht sie krank. Füttert man sie aber nur mit rohem Fleische, so werden sie größer und schöner, als wenn man ihnen das Fleisch gekocht gibt. Auch alte Ozelots werden nach einiger Zeit zahm, wenngleich nur bis zu einem gewissen Grade; denn sie richten im Hofe immer noch allerlei Unheil an. Können sie sich eines kleinen Hundes oder einer Katze bemächtigen, so ergreifen sie das Tier beim Nacken, werfen es nieder und reißen ihm den Hals auf. Bei fortgesetztem Genusse von Katzenfleisch werden sie krätzig, stoßen während der Krankheit eigentümliche Klagelaute aus und sterben endlich. Dieselben Klagelaute hört man von ihnen, wenn sie irgendwie ihr Mißbehagen ausdrücken wollen. So miauen sie z. B. auf klägliche Weise, wenn man sie durch Hunger gezwungen hat, Kröten oder Schlangen zu fressen. Diese Tiere verursachen ihnen heftiges Erbrechen und schwächen ihre Verdauungskraft derartig, daß sie jede andere Speise wieder herausbrechen, allmählich abmagern und endlich auch sterben. Hausgeflügel können die gezähmten Ozelots nicht ersehen, ergreifen es, sobald sie es erreichen können, beim Kopfe oder beim Halse und töten es durch den ersten Biß. Dann rupfen sie vor dem Genusse mit dem Maule den größten Teil der Federn aus und verspeisen es. Nach der Sättigung belecken sie sich das Maul, die Pfoten und den übrigen Körper und legen sich schlafen. Ihren Kot verscharren sie nie, legen ihn aber häufig in ihrem Trinkgefäße ab.
Den größten Teil des Tages bringt der gefangene Ozelot schlafend zu. Dabei liegt er in sich zusammengerollt, wie unsere Hauskatzen es auch thun. Gegen Abend wird er unruhig und bleibt nun die ganze Nacht hindurch wach. Solange er jung ist, läßt er öfters einen miauenden Ton hören, besonders wenn er Hunger, Durst oder Langeweile verspürt; später vernimmt man diesen Ton nur bei krankem Zustande. Wird er im Fressen gestört, so knurrt er. Seine Zufriedenheit legt er durch Schnurren, seine Furcht oder seinen Zorn durch ein Schneuzen an den Tag. Alt eingefangene Ozelots unterwerfen sich wohl dem Menschen, schließen sich ihm aber niemals an. Der Verlust der Freiheit macht fie niedergeschlagen und gleichgültig gegen gute oder schlechte Behandlung. Sie lassen sich schlagen, ohne sich zu verteidigen, machen keinen Unterschied zwischen ihrem Wärter und anderen Menschen und bezeigen ihm weder Zutrauen noch Freude, wenn sie ihn sehen. Ganz jung und mit Sorgfalt aufgezogene hingegen werden in hohem Grade zahm. Gleich jungen Hauskatzen gaukeln sie miteinander, spielen mit einem Stücke Papier, mit einer kleinen Pomeranze und dergleichen. Ihren Wärter lernen sie bald kennen, springen ihm nach, belecken ihm die Hand, legen sich ihm zu Füßen nieder oder klettern an ihm empor. Gegen Liebkosungen sind sie sehr empfänglich und beginnen augenblicklich zu spinnen, wenn man ihnen schmeichelt. Niemals zeigen sie Falschheit. Mit den Hunden und Katzen, in deren Gesellschaft sie leben, vertragen sie sich sehr gut; dem Geflügel stellen sie aber doch noch nach. Früherer Strafen uneingedenk, springen sie, sobald ihnen die Lust ankommt, auf eine Henne und lassen sich im Augenblicke des Raubes durch keine Züchtigung abschrecken, das Tier zu ermorden. Ihrer unvertilgbaren Raubsucht wegen hält man sie gewöhnlich in einem Käfig oder an einem Stricke angebunden.
In den Käfigen unserer Tiergärten spielt der Ozelot keine hervorragende Rolle. Er ist träge oder doch wenig lebhaft, sieht sich die Welt anscheinend mit unzerstörbarem Gleichmute an, begnügt sich mit jedem Raume und verlangt nichts weiter, als daß derselbe rein und warm sei und es an der erforderlichen Nahrung ihm nicht fehle. Die meisten Ozelots, welche nach Europa gelangen, kommen in bereits gezähmtem Zustande an und entsprechen dem vorstehenden Bilde; alt eingefangene, welche Wutausbrüche gezeigt hätten, wie sie bei Leoparden an der Tagesordnung sind, habe ich nicht gesehen. Zu den häufigen Erscheinungen zählt der Ozelot übrigens nicht, und deshalb. es schwer, Paare zusammenzubringen und Junge zu erzielen.
Bestimmt unterschiedene Verwandte sind zwei andere Katzen Amerikas: der Marguay und die Langschwanzkatze. Erstgenannte, die Tigerkatze der Naturforscher, Tiergärtner und Händler (Felis tigrina, F. margay und guigna, Leopardus tigrinus), von den Spaniern Tigrillo genannt, erreicht höchstens die Größe unserer Hauskatze. Ihre Körperlänge beträgt 50, die des Schwanzes 30 em. Der weiche und schöne Katzenpelz hat oben und an den Seiten eine fahlgelbe Grundfarbe und ist unten, wie bei den meisten übrigen TN ä Katzen, weiß. Über die Wangen laufen zwei Streifen, zwei andere vom Augenwinkel über den Kopf bis ins Genick. Hier schieben sich nun noch andere ein, und so ziehen sich über
Tigerkatze (Felis tigrina). ½ natürl. Größe.
den Nacken sechs derselben, welche weiter hinten in breitere Flecken sich auflösen. An der Kehle stehen zwei schwarze Tupfflecken, vor der Brust breite Halbringe. In der Mitte des Rückens verläuft ein ununterbrochener Streifen und jederseits daneben mehrere Reihen Voll flecken, von denen viele einen helleren Hof umschließen. Die Beine und der Unterleib sind gefleckt, die Ohren schwarz mit weißen Flecken. Der Schwanz ist an der Spitze buschiger als an der Wurzel. In ihrer Lebensweise ähnelt diese Katze dem Ozelot fast in allen Stücken. Jung eingefangen und ordentlich gehalten, wird sie zu einem höchst gelehrigen und anhänglichen Tiere; alt eingefangen, beträgt sie sich allerdings sehr wild und ungestüm, nimmt jedoch nach einiger Zeit auch einen gewissen Grad von Zähmung an. Waterson hatte in Guayana einen jungen Marguay mit großer Sorgfalt aufgezogen, welcher in kurzer Zeit mit ihm auf das innigste befreundet wurde und ihm später wie ein Hund folgte. Gegen die Ratten und Mäuse, welche das Haus in Masse bevölkerten, lag er in einem ewigen Streite und wußte das von den verderblichen Nagern wahrhaft gepeinigte Haus in kurzer Zeit nach Möglichkeit zu reinigen. Er ging von Anfang an mit angeerbter Kenntnis der Ratten und ihrer Sitten zu Werke. Während der letzten Stunden des Tages, seiner besten Jagdzeit, schlich er im ganzen Haufe umher, vor jeder Offnung lauschend und jeden Winkel unterfuchend.
Seine Hilfe wurde außerordentlich wertvoll; denn die Ratten hatten vor seiner Zeit nicht weniger als 32 Thüren zerfressen und lustwandelten im ganzen Hause nach Belieben umher. Diesem Vergnügen that die Tigerkatze den gründlichsten Eintrag und gewann sich auch aus diesem Grunde immer mehr die Liebe ihres Erziehers.
Gefangene Marguays gelangen zuweilen auch nach Europa, gehören jedoch in den Käfigen unserer Tiergärten immer zu den Seltenheiten. Diejenigen, welche ich sah und beziehentlich pflegte, waren stille, anscheinend friedliche Geschöpfe, als entschiedene Nachttiere übertags aber auch langweilig, weil sie die meiste Zeit in sich zusammengerollt auf ihrem Lager liegen, ohne sich um die Außenwelt viel zu kümmern. Ihr sanftes Wesen, die Anmut ihrer Bewegungen und die Schönheit ihres Felles machen sie übrigens doch dem Pfleger lieb und wert. |
Häufigerals die beiden letztgeschilderten Arten der Familie scheint in den brafiliani-schen Wäldern die Langschwanzkatze (Felis macrura, F. wiedii, Leopardus tigri-