Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Das vielberufene „Brüllen“ des Jaguars kann übrigens nicht sonderlich eindrucksvoll sein. Frühere Reisende haben entweder die Bezeichnung sorglos gewählt, oder Stimmen anderer Tiere dafür genommen, oder die Laute in der ihnen unheimlichen fremden Natur allzu großartig aufgefaßt. Pöppig spricht zwar auch von „einem furchtbaren, dröhnenden Gebrüll, welches zumal in stillen Nächten schauerlich aus den Wäldern hervorklingt“, wobei natürlich dahingestellt bleiben muß, woher es stammt, sagt aber doch, daß die Unze, wenn sie Lagerplätze und Wohnsitze umschleiche, bloß „ein kurzes, abgebrochenes, aber fortgesetztes Grunzen“ hören lasse. Neuere Reisende wissen nichts vom Brüllen zu berichten. Appun spricht nur von dem „katzenähnlichen Geschrei“ des Jaguars; Pechuel-Loesche hat vergeblich etwas wie Brüllen zu hören erwartet; Sachs vernahm im Lager am Orinokoufer nächtlicherweile „leises, katzenartiges Winseln, lautes Geheul“, aber nur „dumpfe, tief grollende Töne in unmittelbarster Nähe. Meine Begleiter“, fährt er fort, „erwachten, der Indianer murmelte gleichgültig: ‚der Tiger tft nahe‘, und fachte das Feuer an.“ Bei K. von den Steinen findet sich der bezeichnende Satz: „Nachts ‚brüllte der Jaguar“, d. h. vom jenseitigen Ufer erklang unausgesetzt ein ziemlich kläglicher Katzen-, fast Unkenton.“ Auf besondere briefliche Anfragen erfolgte Mitteilungen von Forschern wenden sich ausnahmslos
gegen das Brüllen. „Selbst wo sie häufig sind“, schreibt A.Göring, „ist es mir nur einigemal vorgekommen, daß ich sie hörte, und zwar einmal ganz nahe bei mir, während das Tier unser Lagerfeuer umkreiste. Das waren aber nur kurz ausgestoßene Töne, die sehr leise an unser Ohr klangen, noch lange nicht so etwas wie Brüllen.“ Sievers meldet: „Soweit meine Erfahrung reicht, kann von einem Brüllen nicht gesprochen werden. Die Brüllaffen machen jedenfalls sehr viel mehr Lärm, und ich glaube, daß Reisende oft Brüllaffengetöse auf Rechnung des Jaguars gesetzt haben, wie es mir anfangs auch gegangen ist. Stark ist das Geschrei des Jaguars gewiß nicht.“ Und A. Stübel antwortet: „Ich besinne mich nicht, jemals bei meinem Verweilen im Urwalde — auch nicht auf dem Wege nach Moyobamba — durch das „Brüllen“ des Jaguars beunruhigt worden zu sein. Die Bezeichnung ‚Gebrüll' scheint mir in keinem Falle richtig gewählt; höchstens würde man von einem Geheul sprechen können; ‚katzenähnliches Gejchrei‘ dürfte am treffendsten sein.“ Schließlich äußert sich K.von den Steinen folgendermaßen: „Wie das Auge, das sich vergebens nach Farbenpracht und Blütenfülle umschaut, am Tage zu kurz kommt, so wird zur Nachtzeit das Ohr elendiglich um die in Aussicht gestellten Genüsse betrogen, wenn es mit gespannter Aufmerksamkeit darauf lauscht, daß nun ‚ver Urwald lebendig werde‘, ja und vor allem, daß endlich einmal der Humboldtsche Jaguar brülle. Ich bin ganz Ihrer Ansicht; mag ein gereiztes oder kämpfendes Tier vielleicht gelegentlich stärker grollende Töne von sich geben, die man bei einiger Phantasie mit Brüllen bezeichnen kann, — aber an die programmmäßige Brüllmusik in der Nähe der Lagerplätze glaube ich nicht mehr. Unter allen Umständen ist die Häufigkeit Übertreibung oder unwahre Verallgemeinerung. Wir haben den Jaguar nicht sehr oft gehört; von Brüllen war niemals die Rede. Die Töne, welche dem stärksten Affekt zu entsprechen schienen, ließen sich höchstens als ein lautes, grimmiges und meinetwegen unheimliches Knurren bezeichnen. Unsere Leute haben sich in einer Nacht gewaltig darüber gestritten, ob ein lautes, klagendes Knurren dem Socco-boi, einem reiherähnlichen Vogel, oder der Unze entstamme. Mein Vetter hat von dem Jaguar in seinem Tagebuche an einer Stelle vermerkt: ‚hao, hao, hao, hao-e-o, wie einer, der an starken Leibschmerzen leidet“, nun, das ist weniger poetisch, aber für unsere Frage charakteristisch, denn es entspricht bestenfalls dem Wehegeheul einer verliebten oder hungrigen Katze, aber nicht einem Gebrüll.“ Nach diesen Zeugnissen kann wohl vom „Brüllen“des Jaguars fernerhin nicht mehr die Rede sein; gleich den Pardeln und dem Tiger ist er überhaupt kein häufig laut werdendes Tier, knurrt, grunzt, heult und läßt höchstens ein seiner Größe entsprechendes Katzengeschrei hören.
Azara behauptet, daß der Jaguar, wenn er einen Trupp schlafender Menschen ie erst die Neger oder die Indianer und nur nachher die Weißen töte. Dies ift, wie Rengger berichtet, ein Irrtum. Der Jaguar mordet, gleich wie bei den Tieren, nie mehr als einen Menschen auf einmal, wenn er sich nämlich nicht verteidigen muß. So viel aber scheint richtig, daß er den Farbigen dem Weißen vorzieht, falls man nicht den Umstand falsch gedeutet hat, daß er jenem so viel mal öfter als diesem begegnet. Man erzählt, daß Menschen, welche am Tage unversehens auf einen Jaguar stießen, denselben durch lauten Zuruf und sonstiges beherztes Verhalten zurückgeschreckt haben; die Angabe erscheint nach Beobachtungen an anderen großen Katzen durchaus glaubwürdig.
In der Ebene von Maynas verstrich, nach Pöppig, kaum ein Jahr ohne Verlust eines Menschenlebens. Die Unzen kamen bei hellemTage in die Ortschaften, um Hunde zu holen, welche ihre Lieblingsspeise bilden. Besonders berüchtigt war der Weg durch einige dichte Wälder, von Sapuosa bis Moyobamba, weil auf ihm innerhalb eines Menschenalters gegen 20 Indianer zerrissen worden sind, welche man als Fußboten versandt hatte. Einer von Schom burgks Indianern trug auf seiner Brust die Narben von den Zähnen eines Jaguars, 32˙⁰
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welcher ihn, als er noch Knabe war, an der Brust gepackt und fortgeschleppt, aber doch wieder losgelassen hatte, als seine Mutter mit dem Wildmesser auf ihn losgestürzt war. In den Urwäldern am Ufer der peruanischen Anden wohnt, laut Tschudi, die Unze am liebsten in der Nähe der Dörfer und umkreist sie allnächtlich, entführt auch Hunde, Schweine und manchmal Menschen. Weit entfernt, sich vor den letzteren zu fürchten, stürzt sie sich auf einzelne und dringt, wenn der Hunger sie treibt, selbst bei Tage in die Walddörfer. Kappler, der volle 45 Jahre in Guayana verlebte, sagt: „Man hat übrigens bis auf einen einzelnen neueren Fall kein Beispiel, daß der Jaguar einen Menschen angefallen oder getötet hätte, wiewohl er auf Pflanzungen oft Vieh und Schweine schlägt.“ Nach alle diesem darf man wohl annehmen, daß die Unze nicht in allen Gebieten Menschen gleich stark gefährdet, daß sie überhaupt, wie der Tiger, vom Wilde lebt, zum Viehräuber wird und nur vereinzelt und bedingungsweise sich das Menschenfressen angewöhnt.
Der Jaguar bleibt an einem und demselben Aufenthaltsorte, solange er hier etwas erbeuten kann und man ihn nicht gar zu sehr beunruhigt. Wird ihm die Nahrung knapp oder die Verfolgung seitens der Menschen zu arg, so verläßt er die Gegend und zieht in eine andere. Seine Wanderungen führt er während der Nachtzeit aus. Er scheut sich dabei nicht, durch die bevölkertsten Gegenden zu streifen; selbst der breiteste Strom hält ihn nicht auf. Er ist ein trefflicher Schwimmer.
Man sollte glauben, ein schwimmender Jaguar wäre leicht zu töten; allein er ist auch im Wasser noch furchtbar. Nur gewandte Kahnführer getrauen sich ihn anzugreifen; denn wenn er sich verfolgt sieht oder gar verwundet fühlt, wendet er sich manchmal gegen den Nachen. „Ich war“, erzählt Rengger, „im Jahre 1819 kurz nach meiner Ankunft in Assuncion Augenzeuge eines zum Glücke bloß lächerlichen Auftrittes bei einer solchen Jagd. Es kam ein Jaguar vom jenseitigen Ufer des Stromes dahergeschwommen. Drei Schiffsleute, Ausländer, sprangen, trotz der Warnung eines Paraguayers, mit einer geladenen Flinte in ihren Nachen und ruderten dem Tiere entgegen. In einer Entfernung von 1— 2 m feuerte der vorderste die Flinte auf den Jaguar ab und verwundete ihn. Dieser aber ergriff, ehe sichs die Schiffer versahen, den Rand des Nachens und stieg trotz aller Ruder- und Kolbenschläge an Bord. Nun blieb den Schiffsleuten nichts übrig, als ins Wasser zu springen und sich ans Land zu retten. Der Jaguar setzte sich im Kahne nieder und ließ sich wohlgemut E stromabwärts treiben, bis er, von einigen anderen Jägern verfolgt, seinerseits ins Wasser sprang und das nahe Ufer gewann. 3\ N „Das jährliche Anschwellen der Ströme und Flüsse vertreibt die Jaguare von den Ini;seln und den mit Wald bewachsenen Ufern, so daß sie sich zu dieser Zeit mehr den bewohnten 2 “Gegenden nähern und Schaden unter Menschen und Vieh anrichten. Sind die Überschwemmungen groß, so ist es nicht selten, einen Jaguar mitten in einer am hohen Ufer gelegenen Stadt oder in einem Dorfe zu sehen. In Villa Real wurde im Jahre 1819 einer getötet, in der Hauptstadt im Jahre 1820 ein anderer, zwei in Villa del Pilar. Als wir bei hohem Wasserstande im Jahre 1825 in Santa Fe landeten, erzählte man uns, daß vor wenigen Tagen ein Franziskanermönch, als er eben die Frühmesse lesen wollte, unter der Thüre der Sakristei von einem Jaguar zerrissen worden sei. Es geschieht übrigens nicht immer ein Unglück, wenn ein solches Raubtier in eine Stadt sich verirrt; denn das Gebell der verfolgenden Hunde und der Zulauf von Menschen verwirren dasselbe so sehr, daß es sich zu verbergen sucht. Die Wunden, welche der Jaguar beibringt, sind immer höchst gefährlich, nicht nur ihrer Tiefe, sondern auch ihrer Art wegen. Weder seine Zähne noch seine Klauen sind sehr spitz und scharf, und so muß bei jeder Wunde Quetschung und Zerreißung zugleich stattfinden. Von solchen Verwundungen aber ist in jenen heißen Ländern und bei dem gänzlichen Mangel an ärztlicher Hilfe der Starrkrampf die gewöhnliche Folge.“
Den größten Teil des Jahres lebt der Jaguar, nach Renggers Beobachtungen, allein; in den Monaten August und September aber, wenn die Begattungszeit eintritt, suchen sich beide Geschlechter auf. „Treffen sich zur Begattungszeit mehrere Männchen bei einem Weibchen, so entsteht hier und da ein Kampf zwischen ihnen, obwohl sich der schwächere Teil gewöhnlich von selbst zurückzieht. Beide Geschlechter bleiben nicht lange beisammen, höchstens 4—5 Wochen, und trennen fi dann wieder. Während dieser Zeit sind sie für den Menschen gefährlich. Die Tragezeit des Jaguars kenne ich nicht bestimmt; jedoch nach der Begattungszeit und der Zeit, in welcher man schon Junge findet, mag fie 3—3!/2 Monate sein. Das Weibchen wirft gewöhnlich 2, selten 3 Junge und zwar im undurchdringlichsten Dickichte des Waldes oder in einer Grube unter einem halbentwurzelten Baume. Die Mutter entfernt sich in den ersten Tagen nie weit von ihren Jungen und schleppt sie, sobald sie dieselben nicht sicher glaubt, im Maule in ein anderes Lager. Überhaupt scheint ihre Mutterliebe sehr groß zu sein: sie verteidigt die Jungen mit einer Art von Wut und soll stundenweit den Räuber derselben brüllend verfolgen. Nach ungefähr 6 Wochen wird sie schon von der jungen Brut auf ihren Streifereien begleitet. Anfangs bleibt diese im Dickichte versteckt, während die Mutter jagt, später aber legt sie sich in Gesellschaft mit ihr auf die Lauer. Sind die Jungen zu der Größe eines gewöhnlichen Hühnerhundes herangewachsen, so werden sie von ihrer Mutter verlassen, bleiben aber oft noch einige Zeit bei einander.“ In der Färbung unterscheiden sie sich von den Alten; doch schon im siebenten Monate sind sie denselben gleich.
Nicht selten zieht man junge Jaguare in Häusern auf. Dazu müssen sie aber als Säuglinge eingefangen werden, weil sie sonst nicht mehr sich bändigen lassen. Sie spielen mit jungen Hunden und Katzen, besonders gern aber mit hölzernen Kugeln. Ihre Bewegungen sind leicht und lebhaft. Sie lernen ihren Wärter sehr gut kennen, suchen ihn auf und zeigen Freude bei seinem Wiedersehen. Jeder Gegenstand, welcher sich bewegt, zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sogleich ducken sie sich nieder, bewegen ihren Schwanz und machen zum Sprunge sich fertig. Wenn sie Hunger und Durst oder Langeweile haben, lassen sie einen eigenen miauenden Ton hören, doch bloß, solange sie noch jung sind; denn von den Alten vernimmt man ihn nicht mehr. Niemals hört man sie in der Gefangenschaft brüllen. Beim Fressen knurren sie, besonders wenn jemand sich ihnen nähert. An Wasser darf man sie nicht Mangel leiden lassen. Zum Fressen legen sie sich nieder, halten mit beiden Tatzen das Fleisch, biegen den Kopf auf die Seite, um auch die Backenzähne gebrauchen zu können, und kauen nach und nach Stücke davon ab. Nicht starke Knochen fressen sie, von großen dagegen bloß die Gelenke. Nach der Mahlzeit legen sich zahme Jaguare gern in den Schatten und schlafen, und haben sie sich satt gefressen, so erzürnen sie sich nicht so leicht, und man kann dann mit ihnen spielen; auch Haustiere und Hausgeflügel, welches ihnen sonst nicht nahen darf, können dann unbeschadet an ihnen vorbeigehen. Man hält die gefangenen in Südamerika nicht in Käfigen, sondern bindet sie mit einem ledernen Seile im Haushofe oder auch vor dem Hause unter einem Pomeranzenbaume an. Nie fällt es ihnen ein, am Seile zu nagen. Ihr Atem hat, wie bei fast allen Raubtieren, einen üblen Geruch, ebenso das frische Fell, das Fleisch und das Fett, der Harn und der Kot.