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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Die Mannigfaltigkeit in Größe, Grundfarbe, Zeichnung muß allenthalben bedeutend, aber in den Hauptmerkmalen zugleich ziemlich beständig sein, da man einheimische Namen für gewisse Spielarten hat, sogar den Puma mit dazu rechnet, da selbst geübte Beobachter mehrere Arten unterschieden wissen wollten. Pöppig hielt die schwarze Unze, die „größte und furchtbarste von allen“, für eine besondere Art. Bates sah eine bei Ega am Amazonenstrome trinken, die aber bei seiner Annäherung davonlief, und fügt hinzu, daß in jener Gegend die schwarze häufiger sei als die gefleckte. Auch in Mexiko hört man viel von einem sehr starken, schwarzen Raubtiere erzählen, das vorzugsweise in entlegenen Wildnissen hausen soll, viel mehr als Jaguar und Kuguar gefürchtet und, laut Oswald, Karaguar oder Nachttiger genannt wird. Nach Kappler besteht in Guayana „kein Zweifel, daß entweder mehrere Arten des Jaguars vorkommen, oder die Zeichnung seines Felles sich durch Alter oder Standort sehr verändert“. Aus den neuesten Mitteilungen von K. von den Steinen geht hervor, daß in Mato Grosso nach äußeren Merkmalen ebenfalls Spielarten unterschieden, zu diesen von den Brasiliern ganz allgemein aber auch die Pumas gerechnet werden, die sich mit allen übrigen paaren sollen. Einer seiner Begleiter, ein tüchtiger Jäger, der über 50 Jaguare, darunter 3 schwarze, erlegt hatte, versicherte ihm, letztere seien, obwohl gewöhnlich das Gegenteil gesagt werde, durchaus nicht größer oder wilder als die anderen (so urteilt auch Hensel), nur sei ihre Witterung verschieden und den Hunden ungewöhnlich, so daß diese nicht herzhaft anfaßten.

Der Name Jaguar stammt aus der Sprache der Guaraner, welche das Tier „Jaguarette“, d. h. „Körper des Hundes“, nennen. Bei den Spaniern heißt er Tigre, bei den Portugiesen Onça. Sein Verbreitungskreis reicht von Buenos Aires und Paraguay durch ganz Südamerika bis nach Mexiko und in den südwestlichen Teil der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Am häufigsten findet er sich wohl in den gemäßigten Teilen von Südamerika, am seltensten in den Vereinigten Staaten, wo ihn der vordringende Weiße mehr und mehr verdrängt. Er bewohnt die bewaldeten Ufer der Ströme, Flüsse und Bäche, den Saum der Waldungen, welche nahe an Sümpfen liegen, und das Moorland, wo über 2 m hohe Gras- und Schilfarten wachsen. Auf offenem Felde und im Innern der großen Wälder zeigt er sich selten und nur, wenn er aus einer Gegend in die andere zieht. Wo ihn die Sonne überrascht, legt er sich nieder, im Dickichte des Waldes oder im hohen Grase, und verweilt dort den Tag über. Wie der Tiger, liebt er es sehr, die weiche Borke an Baumstämmen mit seinen Krallen zu bearbeiten und bevorzugt, nach Kappler, in Surinam

eine gewisse Baumart (Sapota milleri), deren Rinde auf eine Höhe von 2 m oft ganz zer: kratzt erscheint. Diesem Gewährsmann zufolge ist er auch in Guayana noch „ziemlich häufig“.

In der Morgen- und Abenddämmerung oder auch bei hellem Mond- und Sternenscheine, nie aber in der Mitte des Tages oder bei sehr dunkler Nacht, geht der Jaguar auf Raub aus. Alle größeren Wirbeltiere, deren er habhaft werden kann, bilden seine Nahrung. Er ist ein in jeder Hinsicht furchtbarer Räuber. So plump sein Gang auch erscheint, so leicht und geschwind kann er im Falle der Not sich bewegen. Seine Kraft ist für ein Tier von seinem Wuchse außerordentlich groß und kann nur mit der des Tigers und des Löwen verglichen werden. Die Sinne sind gut und gleichmäßig ausgebildet. Das lebendige Auge ist scharf, das Gehör vortrefflich, der Geruch aber, wie bei allen Katzen, nicht eben besonders entwickelt; doch vermag er immerhin noch eine Beute auf gewisse Entfernung zu wittern. So erscheint er leiblich vollkommen ausgerüstet, um als gefährliches Raubtier auftreten zu können. Er ist kein Kostverächter. Azara fand in seinem Kote die Stacheln eines Stachelschweins, Rengger im Magen Teile von Ratten und Agutis, woraus hervorgeht, daß er auch auf kleinere Tiere Jagd machen muß. Ebenso beschleicht er im Schilfe Sumpfvögel und versteht Fische sehr gewandt aus dem Wasser zu ziehen. Ja er mag, wie schon Pöppig anführt, sogar den Kaiman nicht verschonen. Bates sah bei einem Jagdausfluge eine frische Jaguarfährte an einem Tümpel mit frisch aufgerührtem Wasser, hörte bald darauf das Rauschen der Gebüsche, in denen das gestörte Raubtier verschwand, und fand einige Schritte weiterhin die Überreste eines bis auf den Kopf, das Vorderteil und die Panzerhaut aufgefressenen Alligators. Das Fleisch war noch ganz frisch und um den Leichnam herum die Fährte des Jaguars deutlich erkennbar; es konnte also keinem Zweifel unterliegen, daß der Alligator der Unze zum Frühstücke gedient hatte. Daß die Unze Kriechtiere verzehrt, ist nach den Beobachtungen von Humboldt, des Prinzen von Wied, Pöppigs, Bates' und Kapplers nicht in Abrede zu stellen. „Der Jaguar“, sagt A. von Humboldt, „der grausamste Feind der Arrua-Schildkröte, folgt dieser an die Gestade, wo sie ihre Eier legt. Er überfällt sie auf dem Sande, und um sie bequemer verzehren zu können, wendet er sie um. Die Schildkröte kann sich nicht wieder aufrichten, und weil der Jaguar ungleich mehr derselben wendet, als er in einer Nacht frißt, so benutzen die Indianer öfters seine List zu ihrem Vorteile. Man kann übrigens die Gewandtheit der Pfote des Tieres nicht genug bewundern, die den gedoppelten Panzer der Schildkröte ausleert, als wären die Muskularbande mit einem chirurgischen Instrumente gelöst worden.“ „Für einen geübten Jäger“, schreibt Rengger, „ist es nichts Seltenes, den Jaguar auf seinen Jagden beobachten zu können, besonders längs der Ströme. Man sieht ihn dann nach dem Ufer heranschleichen, wo er insbesondere den Wasserschweinen und den Fischottern nachstellt. Von Zeit zu Zeit bleibt er wie horchend stehen und sieht aufmerksam um sich; niemals aber konnte ich bemerken, daß er, durch den Geruch geleitet, mit zur Erde gestreckter Nase die Spur eines Wildes verfolgt hätte. Hat er z. B. ein Wasserschwein bemerkt, so ist es unglaublich, mit welcher Geduld und Umsicht er sich ihm zu nähern sucht. Wie eine Schlange windet er sich auf dem Boden hin, hält sich dann wieder minutenlang ruhig, um die Stelle seines Opfers zu beobachten, und macht oft weite Umwege, um diesem von einer anderen Seite, wo er weniger bemerkt werden kann, beizukommen. St es ihm gelungen, ungesehen dem Wilde sich zu nähern, so springt er in einem, selten in zwei Sätzen zu, drückt es zu Boden, reißt ihm den Hals auf und trägt das noch im Todeskampfe sich sträubende Tier in das Dickicht. Ofters aber verrät ihn das Knistern der unter seinem Gewichte brechenden dürren Reiser, ein Geräusch, auf welches auch die Fischer achten, wenn sie abends am Ufer des Stromes ihr Nachtlager aufschlagen, oder die Wasserschweine wittern ihn von ferne und stürzen sich mit einem lauten Schrei ins Wasser. Man will übrigens Jaguare

gesehen haben, welche hinter den Tieren her ins Wasser sprangen und sie im Augenblicke des Untertauchens erhaschten. Im Augenblicke, wo er ein Tier beschleicht, ist seine Aufmerksamkeit so sehr auf dasselbe gerichtet, daß er nicht achtet, was um ihn her vorgeht, und sogar starkes Geräusch nicht wahrnimmt. Kann er sich dem Wilde nicht nähern, ohne bemerkt zu werden, so legt er sich im Gebüsche auf die Lauer. Seine Stellung ist alsdann die einer Katze, welche auf eine Maus paßt, niedergeduckt, doch zum Sprunge fertig, das Auge unverwandt nach dem Gegenstande seiner Raubgier gerichtet und nur den ausgestreckten Schwanz hin und wieder bewegend. Aber nicht immer geht der Jaguar dem Wilde nach, oft versteckt er sich bloß in das Röhricht der Sümpfe und am Ufer kleinerer Bäche und erwartet hier ruhig die zur Tränke gehenden Tiere.“

In Viehherden richtet der Jaguar nicht unbedeutenden Schaden an. Er stellt besonders dem jungen Hornvieh, den Pferden und Mauleseln nach. Azara behauptet, daß er diese Tiere töte, indem er auf den Hals seiner Beute springe, eine Klaue in den Nacken oder an das Gehörn setze, mit der anderen die Spitze der Schnauze packe und den Kopf so schnell herumdrehe, daß er seiner Beute augenblicklich das Genick breche, also wie es von den großen Katzen der Alten Welt berichtet wird. Rengger hat dies nie beobachtet und auch bei toten Tieren keine Spur davon auffinden können. „Im Gegenteil“, fährt er fort, „habe ich immer bemerkt, daß der Jaguar seiner Beute, wenn sie in einem großen Tiere besteht, den Hals aufreißt oder, wenn sie nur ein kleines Tier ist, durch einen Biß im Nacken tötet. Stiere und Ochsen greift er selten und nur in der Not an; sie gehen mutvoll auf ihn los und verscheuchen ihn. Die Kühe sogar verteidigen ihr Junges mit Vorteil gegen den schlimmen Feind, werden aber dabei oft schwer verwundet. Pferde und Maulesel fallen ihm leicht zur Beute, wenn sie den Wäldern sich nähern.“

Der Jaguar erhascht seine Beute ebensowohl im Wasser wie auf dem Lande; auf Bäumen jagt er nicht, obwohl er sie nicht ungeschickt besteigt, wenn er verfolgt wird. Man hat viel gefabelt über die Art und Weise, wie er sich Fische zu verschaffen weiß. So soll er, um nur ein Beispiel anzuführen, die Fische durch den Schaum seines Speichels, oder indem er mit seinem Schwanze auf die Oberfläche des Wassers schlägt, an sich heranlocken. „Ein verständiger Jäger aber“, sagt Rengger, „dem ich manche gute Beobachtungen und manchen guten Rat für meine Reisen verdanke, belehrte mich eines besseren, und eigene Beobachtungen bestätigten mir später die Wahrheit seiner Aussage. Als ich an einem schwülen Sommerabende von der Entenjagd in meinem Nachen nach Hause fuhr, bemerkte mein Begleiter, ein Indianer, am Ufer des Stromes einen Jaguar. Wir näherten uns demselben und versteckten uns, um sein Treiben zu beobachten. Zusammengekauert saß er an einem Vorsprunge des Ufers, wo das Wasser einen etwas schnellen Lauf hatte, dem gewöhnlichen Aufenthalte eines Raubfisches, welcher im Lande Dorado heißt. Unverwandt richtete er seinen Blick aufs Wasser, indem er sich hin und wieder vorwärts bog, wie wenn er in die Tiefe spähen wollte. Etwa nach ¼ Stunde sah ich ihn plötzlich mit der Pfote einen Schlag ins Wasser geben und einen großen Fisch ans Land werfen. Er fischt also ganz auf gleiche Art wie die Hauskatze.“

Hat der Jaguar ein kleines Tier erlegt, so zehrt er es mit Haut und Knochen sogleich auf; von großer Beute aber, wie von Pferden, Rindern und dergleichen, frißt er bloß einen Teil, ohne Vorliebe für dieses oder jenes Stück des Körpers zu zeigen; nur die Eingeweide berührt er alsdann nicht. Nach der Mahlzeit zieht er sich in den Wald zurück, entfernt sich aber in der Regel nicht weiter als Stunde von der Stelle, wo er fraß, und überläßt sich dann dem Schlafe. Des Abends oder des anderen Morgens kehrt er zu seiner Beute zurück, zehrt zum zweiten Male davon und überläßt nunmehr den Rest den Geiern.

Mehr als zweimal frißt der Jaguar, nach Renggers Angabe, nicht von einem getöteten Tiere, noch weniger würde er ein Aas berühren, — letzteres dürfte jedoch, obwohl

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gegenteilige Beobachtungen nicht vorliegen, zu bezweifeln sein; er wird sich darin von seinen Verwandten schwerlich unterscheiden. In der Regel kehrt er, nachdem er sich gesättigt hat, überhaupt nicht wieder zum Raube zurück. Hat er seinen Fang in einiger Entfernung vom Walde gemacht, so schleppt er das erlegte Tier, es mag auch noch so schwer sein, dem Gebüsche zu. Unter Umständen schafft er eine schwere Beute sogar über einen Fluß hinweg. Nahe bei Azaras Wohnung tötete ein Jaguar ein Pferd, schleifte dasselbe 60 Schritt weit über einen Brachacker hinweg, dann in einen tiefen und reißenden Fluß und brachte es auf der entgegengesetzten Seite in Sicherheit. Niemals tötet die Unze mehr als ein Stück Vieh auf einmal und unterscheidet sich hierdurch sehrzu ihrem Vorteile von anderen größeren Katzenarten.

Ein Jaguar, welcher den Menschen nicht kennen gelernt hat, weicht ihm, wenn er ihm begegnet, ehrfurchtsvoll aus oder sieht ihn neugierig aus der Ferne an. „Nicht selten“, sagt Rengger, „stießen wir während unserer Reise in die Wildnis des nördlichen Paraguay auf eine oder mehrere Unzen, welche entweder in das Dickicht des Waldes flohen, oder sich am Saume niedersetzten und unseren Zug kaltblütig von weitem betrachteten. Es ist ohne Beispiel, daß in unbewohnten Waldungen ein Mensch von einem Jaguar zerrissen worden ist. Diejenigen Unzen aber, welche in bewohnten Gegenden oder an Flüssen, wo viel Schifffahrt getrieben wird, sich aufhalten, verlieren gar bald die Scheu vor dem Menschen und greifen auch ihn an. Der allgemeinen Sage nach sollen sie des Nachts auf die an das Ufer angebundenen Fahrzeuge sich gewagt und aufgehängtes Fleisch oder Hunde weggeschleppt, ja selbst Matrosen tödlich verwundet haben; gewöhnlich aber büßen die Menschen nur durch Unvorsichtigkeit ihr Leben ein: die Vorsichtigen wissen sich zu retten. So laufen die Besuche, welche die Raubtiere den Fischern abstatten, während sie bei widrigem Winde ihre Abendmahlzeit bereiten, gewöhnlich unblutig ab, weil die Schiffer beim geringsten Geräusche an Bord sich flüchten. Sie überlassen dem Jaguar das am Feuer bratende Fleisch, und dieser nimmt damit gewöhnlich auch gern vorlieb. Daß er das Feuer keineswegs scheut, ist ganz sicher.“ Humboldt erfuhr letzteres wiederholt. „Wir bemerkten zu unserer Überraschung“, sagt er, „daß die Jaguare hier unsere Feuer nicht scheueten. Sie schwammen über den Flußarm, welcher uns vom Lande trennte, und am Morgen hörten wir sie ganz in unserer Nähe brüllen.“ An einer anderen Stelle seines Reisewerkes berichtet er, daß ein Jaguar den treuen Hund der Gesellschaft sozusagen zwischen den Lagerfeuern herausholte und wegschleppte. Der Hund hatte abends, als er die Unze „brüllen“ hörte, unter der Hängematte seines Gebieters Schutz gesucht und war am nächsten Morgen doch verschwunden.

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