Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Der Yaguarundi bewohnt Südamerika von Paraguay an nördlich bis Panama, nach O. Stoll vielleicht darüber hinaus bis in das südliche Guatemala, wo er Gato de monte genannt wird. In Paraguay, wo ihn Rengger trefflich beobachtete, haust er in den Wäldern; doch liebt er den Saum derselben, dichtes Gesträuch und Hecken mehr als den eigentlichen tieferen Wald. Auf offenem Felde trifft man ihn nie. Er hat ein bestimmtes Lager und bringt in ihm die Mittagsstunden gewöhnlich schlafend zu. Namentlich morgens und abends, doch auch nicht selten bei Tage geht er auf Raub aus; bei sehr stürmischem Wetter aber verläßt er seinen Schlupfwinkel nicht und wartet lieber, bis die Gelegenheit günstiger geworden ist. Seine Hauptnahrung besteht aus Vögeln sowie aus kleinen und jungen Säugetieren, aus Mäusen, Agutis, Kaninchen, vielleicht sogar Kälbchen von den in Südamerika lebenden kleinen, kaum die Größe unseres Rehes erreichenden Hirschen. Doch erfuhr Azara auch, daß er auf größere Tiere sich stürze, nach Art des Luchses in deren Hals festbeiße und von dem geängstigten Opfer nicht abschütteln lasse, sondern hängen bleibe, bis dieses verendet sei. Bei weitem den größten Teil seiner Nahrung holt er sich aus den Gehöften der Menschen und nähert sich deshalb sehr häufig den Wohnungen. Rengger beobachtete nicht nur seine Raubzüge, sondern gab ihm sogar Gelegenheit, Jagden vor seinen Augen auszuführen. In der Nähe einer Bromelienhecke, in welcher ein Yaguarundi sich aufhielt,
band unser Forscher eine Henne an einer langen Schnur fest und stellte sich sodann auf die Lauer. Nach einiger Zeit streckte der Räuber bald hier, bald dort den Kopf zwischen den Bromelien hervor und sah sich vorsichtig um. Hierauf suchte er unbemerkt der Henne sich zu nähern, duckte dabei den Körper ganz auf die Erde und schlich so vorsichtig, daß kaum die Grashalme sich bewegten. Als er seinem Schlachtopfer bis auf 6 oder 8 Fuß sich genähert hatte, zog er den Körper zusammen und machte einen Sprung nach der Henne, packte sie sofort mit den Zähnen beim Kopfe oder am Halse und versuchte, sie nach der Hecke zu tragen. Hühnerarten scheinen überhaupt zu seinem Lieblingswilde zu gehören, und er soll dieselben, wie der genannte Forscher versichert, auch von den Bäumen herabholen, während sie schlafen. Niemals aber tötet er mehr als ein Tier auf einmal. Macht er nur kleine Beute, welche ihn nicht vollkommen sättigt, so zieht er zum zweiten Male auf Raub aus und holt sich wieder ein Stück, bis er seinen Hunger gestillt hat. |
Gewöhnlich lebt der Haguarundi paarweise in einem bestimmten Gebiete und unternimmt von hier aus kurze Streifereien. Nicht selten teilt er seinen Jagdgrund auch mit anderen Paaren, was sonst nicht die Art der Wildkatzen ist: Renggers Hunde jagten einmal sechs erwachsene Yaguarundis aus einer einzigen Hecke heraus. Zur Zeit der Begattung, welche in die Monate November und Dezember fällt, kommen natürlich mehrere Männchen zusam—⸗ men; man hört sie dann in dem Bromeliengestrüppe sich herumbalgen und dabei fauchen und kreischen. Etwa 9—10 Wochen nach der Begattung wirft das Weibchen 2—3 Junge auf ein Lager im dichtesten Gesträuche, in einem mit Gestrüppe überwachsenen Graben oder in einem hohlen Baumstamme. Niemals entfernt sich die Mutter weit von den Jungen. Sie versorgt diese, sowie sie größer werden, mit Vögeln und kleinen Nagetieren, bis sie die hoffnungsvollen Sprößlinge selbst zum Fange anleiten und deshalb mit sich hinaus auf die Jagd nehmen kann. Bei herankommender Gefahr aber überläßt sie ihre Kinder feig dem Feinde und wagt niemals, fie gegen Menschen oder Hunde zu verteidigen. Der Yaguarundi greift überhaupt den Menschen nicht an, und seine Jagd ist deshalb gefahrlos. Man schießt ihn entweder auf dem Anstande oder fängt ihn in Fallen oder jagt ihn mit Hunden, denen er nur im äußersten Notfalle sich widersetzt. Gewöhnlich sucht er seinen Verfolgern in dichtem Unterwuchse zu entschlüpfen; kommen sie aber zu nahe, so bäumt er auf oder springt selbst ins Wasser und sucht schwimmend sich zu retten.
Rengger hat mehrere jung aufgezogene VHaguarundis in Gefangenschaft gehalten. Sie wurden so zahm wie die sanfteste Hauskatze; ihre Raubsucht war aber doch zu groß, als daß unser Gewährsmann ihnen hätte gestatten können, frei im Hause umherzulaufen. Deshalb hielt er sie in einem Käfig oder an einem Seile angebunden, welches sie niemals zu zer⸗ rR beißen versuchten. Sie ließen sich gern streicheln, spielten mit der Hand, welche man ihnen darhielt, und äußerten durch ihr Entgegenkommen oder durch Sprünge ihre Freude, wenn man ihnen sich näherte, zeigten jedoch für niemand insbesondere weder Anhänglichkeit noch Widerwillen. Sobald man sie auch nur einen Augenblick frei ließ, sprangen sie auf das Federvieh im Hofe los und fingen eine Henne oder eine Ente weg. Selbst angebunden suchten fie Geflügel zu erhaschen, wenn solches in ihre Nähe kam, und versteckten sich vorher listig zu diesem Zwecke. Keine Züchtigung konnte ihnen ihre Raubsucht benehmen, nicht einmal fie bewegen, einen schon gemachten Raub fahren zu lassen. Auch Kapplers Erfahrungen stimmen damit überein. Ganz jung eingefangen und mit Milch und Fleisch auf: gezogen, werden die YHaguarundis (von denen er glaubt, daß es wie beim Jaguar mehrere Spielarten gebe) sehr zahm: „Ich hatte längere Zeit einen; er lief frei im Hause herum, spielte mit den Affen und der Hauskatze und war gegen jedermann zutraulich. Leider war ihm nicht abzugewöhnen, sich jeden Tag ein Huhn zu fangen, und da ich mich nicht entschließen konnte, das so zutrauliche Tier einzusperren, gab ich es weg.“ Rengger hob
Haguarundis, welche ein Küchlein im Maule hatten, beim Halsbande auf und schleuderte sie mehrere Male in der Luft herum, ohne daß sie ihren Raub aus den Zähnen ließen! Entriß man ihnen denselben mit Gewalt, so bissen sie wütend um sich und sprangen nach der Hand, welche ihnen den Fraß abgenommen hatte. Dem Fleische gaben die Gefangenen vor dem Blute den Vorzug, und Pflanzenkost fraßen sie bloß, wenn der wütendste Hunger sie dazu zwang. Warf man ihnen ein Stück Fleisch vor, so suchten sie dasselbe zu verstecken, ehe sie es fraßen. Sie kauen wie unsere Hauskatze, halten dabei ihre Speise aber mit den Vorderpranken fest. Wenn sie gesättigt sind, belecken sie ihre Tatzen und legen sich schlafen. Ist es kalt, so rollen sie sich zusammen und schlagen den Schwanz über Rumpf und Kopf zurück, ist es aber warm, so strecken sie alle vier Beine und den Schwanz gerade von sich. Wenn man ihnen morgens nichts zu fressen gibt, bleiben sie fast den ganzen Tag
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Eyra (Felis eyra). ½ natürl. Größe.
wach und gehen unaufhörlich am Gitter ihres Käfigs auf und nieder; wekden sie hingegen am Morgen gut gefüttert, so schlafen sie den Mittag und den größten Teil der Nacht über.
Zwei Yaguarundis, welche man in einen und denselben Käfig einsperrt, leben in größter Eintracht miteinander. Sie belecken sich gegenseitig, spielen zusammen und legen sich gewöhnlich nebeneinander schlafen. Nur beim Fressen setzt es zuweilen einige Schläge mit den Tatzen ab. Übrigens kennt man bis jetzt noch kein Beispiel, daß sie in der Gefangenschaft sich fortgepflanzt hätten, und auch Renggers Bemühungen, dies zu bewerkstelligen, blieben vergeblich. Nach Europa, und zwar nach London, kam der Yaguarundi nur in einzelnen Stücken.
Fast alle südamerikanischen Katzen sind schlank gebaute Tiere; die Eyra (Felis eyra, Puma eyra), Gato vermelho der Brasilier, aber ist so lang gestreckt, daß sie wenigstens in dieser Beziehung als Bindeglied zwischen Katzen und Schleichkatzen zu betrachten ist. Die Färbung ihres weichen Haares ist ein gleichmäßiges Lichtgelblichrot; nur auf der Oberlippe befindet sich auf jeder Seite ein gelblichweißer Flecken, da, wo die dem Flecken gleichgefärbten Schnurrhaare stehen. Die Körperlänge des Tieres beträgt gegen 53, die des Schwanzes gegen 32 und die Schulterhöhe etwa 27 em. Das Vaterland teilt fie mit dem Yaguarundi.
Die Eyra bethätigt ihr vielversprechendes Außere nicht. Man möchte glauben, daß sie alle Eigenschaften der Katzen und Marder in sich vereinige; sie ist jedoch auch nicht gewandter als der Haguarundi, und nur ihr unersättlicher Blutdurst, ihre Grausamkeit ftellen fie, vom Raubtierstandpunkte betrachtet, über jenen und beweisen, daß die Marderähnlichkeit noch anderweitig begründet ist. Auch die Eyra lebt paarweise. Azara, ihr Entdecker, versichert, daß keine andere Katze dieses kleine Raubtier in der Schnelligkeit übertreffen könne, mit welcher es einer einmal gefaßten Beute den Garaus zu machen wisse. Rengger hielt Eyras in der Gefangenschaft, ohne sie eigentlich zähmen zu können. Sie waren noch so klein, daß sie kaum auf den Beinen sich halten konnten, und griffen doch bereits Geflügel an, obwohl es ihnen an Kraft fehlte, dasselbe zu überwältigen; ja, einer der kleinen Raub: mörder wurde vom Haushahne durch einen Sporenschlag in den Hals getötet. Der andere mußte wegen seiner unbezähmbaren Raubsucht immer eingesperrt werden, und als er einmal frei kam, würgte er ohne Verzug mehrere junge Enten ab. Die Raubsucht abgerechnet, war das Tier sehr zahm, spielte in seiner Jugend mit Katzen und Hunden, mit Pomeranzen und Papier und war besonders einem Affen zugethan, wahrscheinlich, weil dieser es von den lästigen Flöhen befreite. Mit zunehmendem Alter wurde die Eyra unfreundlicher gegen andere Tiere, blieb aber zutraulich und sanft gegen Menschen, falls letztere sie nicht beim Fressen störten. Übrigens machte sie keinen Unterschied zwischen ihren Wärtern und fremden Personen, zeigte auch weder Gedächtnis für empfangene Wohlthaten noch für erlittene Beleidigungen.
Eyras kamen wiederholt lebend nach London. Von zweien derselben nahm J. Wolf die Abbildung, welche wir hier benutzt haben.
Unter den gefleckten bis längsgestreiften Katzen Amerikas steht das verrufenste aller
Raubtiere der Neuen Welt, der Jaguar oder die Unze (Felis onza, F. panthera, Leopardus onza), als das größte und stärkste Mitglied obenan. Wir kennen ihn schon aus den ersten Nachrichten, welche uns über Amerika zugekommen sind; doch hat auch jetzt noch immer fast jeder Reisende etwas über ihn zu berichten, obwohl in einer Weise, welche die früheren Schilderungen von seiner Furchtbarkeit übertrieben erscheinen läßt. Daß bei den Beschreibungen viele Fabeln untergelaufen sind, ist leicht erklärlich: man kannte das Tier zu wenig und vertraute zu sehr den landläufigen Geschichten.
Der Jaguar zeigt in seiner Gestalt mehr den Ausdruck von Kraft als von Gewandtheit und erscheint etwas schwerfällig. Der Körper ist nicht so lang wie der des Leoparden oder Tigers, und die Gliedmaßen sind im Verhältnis zum Rumpfe kürzer als bei jenen Katzen. Ein vollkommen erwachsener Jaguar mißt nach Rengger 145 cm von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel und 68 em von hier bis zur Schwanzspitze; A.von Humboldt berichtet aber auch von einzelnen, welche mindestens ebenso groß wie der Königstiger waren; Pöppig gibt die Länge ohne Schwanz sogar zu 180— 200 em an. Am Widerriste wird die Unze etwa 80 em hoch, etwas darüber oder darunter. Der Pelz ist kurz, dicht, glänzend und weich, an der Kehle, dem Unterteile des Halses, der Brust und dem Bauche länger als an dem übrigen Körper. Die Färbung ändert vielfach ab, ebensowohl was die Grundfarbe als was die Fleckenzeichnung anbelangt. Bei den meisten ist jene rötlichgelb, aus: genommen im Innern des Ohres, an der unteren Schnauze, den Kinnladen, der Kehle und der übrigen Unterseite sowie an der Innenseite der vier Beine, wo Weiß vorherrscht. Das Fell ist überall gezeichnet, teils mit kleineren schwarzen, kreisförmigen, länglich oder auch unregelmäßig gestalteten Flecken, teils mit größeren Flecken und Ringen, welche gelblichrot und schwarz umrandet sind und in ihrer Mitte einen oder zwei schwarze Punkte tragen.
Er ieer
JAGUAR.
Die vollen Flecken befinden sich besonders am Kopfe, am Halse, an der Unterseite des Leibes und an den Gliedmaßen, sind da, wo die Grundfarbe weiß ist, spärlicher, aber größer und unregelmäßiger als an den übrigen Teilen und bilden zuweilen an der inneren Seite der Beine Querstreifen. Auch an der hinteren Körperhälfte sind sie größer als an der vorderen, und am hinteren Dritteile des Schwanzes, welches schwarz ist, bilden fie 2— 3 volle, d. h. um den Ober- und Unterteil des Schwanzes sich ziehende, Ringe. Bei allen Abänderungen findet sich immer ein schwarzer Flecken an jedem Mundwinkel und ein anderer mit einem weißen oder gelben Punkte in der Mitte an dem hinteren Teile des Ohres. Auf dem Rücken fließen die Flecken zu einem unregelmäßigen Streifen, welcher auf dem Kreuze sich in zwei teilt, zusammen; an den Seiten des Körpers bilden sie mehr oder minder gleichlaufende Längsreihen. Etwas Genaueres läßt sich nicht sagen, denn man findet kaum zwei oder drei Felle, welche durchaus gleichmäßig gezeichnet sind. Der weibliche Jaguar hat im allgemeinen etwas blässere Färbung als der männliche, auch weniger ringförmige Flecken am Halse und auf den Schultern, dafür aber mehr und deshalb natürlich kleinere an den Seiten des Leibes. Schwarze Jaguare sind nicht allzu selten. Das Fell hat bei ihnen so dunkle Färbung, daß die schwarzen Flecken sich wenig abheben.