Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Nach 96tägiger Tragzeit kommen die Jungen zur Welt — wirklich reizende, von den Eltern hinsichtlich der Tracht durchaus verschiedene Tierchen. Sie haben ungefähr die Größe 6 Wochen alter Hauskatzen: ihre Gesamtlänge beträgt 25—30, die Leibeslänge, von der Schnauzen- bis zur Schwanzspitze, 15— 18 cm. Die Grundfärbung des feinen Pelzes ist ein lichtes Fahlgraubraun, welches auf dem Rücken am dunkelsten erscheint, auf der Unterseite in Lichtfahlgrau übergeht und auf der ganzen Außenseite durch schwarze rundliche Längs- und Querflecken gezeichnet wird. Auf der vorn weißen Oberlippe, am Nasenloche be: ginnend und bis zum hinteren Mundwinkel reichend, verläuft ein schwarzes, auf der Wange, vom hinteren Augenwinkel bis zum Ohre, ein zweites, innen weißes, außen schwarzes, licht gesäumtes Band, über den Hinterkopf endlich von einem Ohre zum anderen eine wenig deutliche Querbinde, welche drei über die Stirn sich ziehende Fleckenreihen nach hinten abschließt. Unter jedem Auge stehen zwei schwarze Rund-, auf der Vorderschultergegend schwarze Quer-, auf dem Hinterleibe ebenso gefärbte Längsflecken, welche auf dem Rückgrate zu einer kaum unterbrochenen Längslinie zusammenlaufen. Der Schwanz ist abwechselnd braun und schwarz geringelt, die Kehle sieht grauschwarz aus; die Innenseite der Beine zeigt lichtgraue Flecken und Streifen. 4 Pumaweibchen, welche bereits mehr als einmal geboren haben, sind ebenso zärtliche Mütter wie andere Katzen, während sie die Jungen des ersten Wurfes manchmal totbeißen und selbst auffressen. Letzteres geschieht bekanntlich bei sehr vielen Raubtieren, welche über ihre Mutterpflichten noch nicht klar geworden und erst durch Erfahrung lernen müssen, um was es sich den plötzlich erschienenen kleinen, unbehilflichen, aber doch krabbelnden Wesen gegenüber handelt. Wissen sie erst einmal, daß letztere „Fleisch von ihrem Fleische und Bein von ihrem Beine“ sind, so gestaltet sich ihr Betragen anders, und große und bewußte Zärtlichkeit tritt an die Stelle früherer Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Feindschaft und Mordlust. Die von mir beobachtete Pumamutter zog sich bereits einige Tage vor ihrer zweiten Niederkunft in eine ihr bereitete Wochenstube zurück, zeigte sich in der ersten Zeit nach der Geburt der Jungen nur auf Augenblicke, um ihre Nahrung zu nehmen oder sich zu entleeren, und verweilte die übrige Zeit bei ihren Kindern, beleckte und reinigte diese, spann
sie nach Katzenart in den Schlaf und begrüßte sie von Zeit zu Zeit mit Lauten der Mutterliebe, welche denen unserer Hauskatze ähneln, nur etwas kräftiger sind und ungefähr wie „Mierr“ klingen. Die Behandlung, welche sie ihren Kindern angedeihen ließ, war überhaupt die bei Hauskatzenmüttern übliche. Das Junge wurde wie ein Stück Fleisch hin- und hergeschleppt, mit der einen Pranke wie ein Spielball auf- und niedergerollt, im nächsten Augenblicke aber wieder höchst zärtlich beleckt und mit Schmeichellauten begrüßt, bei Kühle unter den zusammengelegten Beinen verborgen, gewärmt und behütet, dann wiederum anscheinend kaum beachtet. Doch duldete sie nicht, daß irgend jemand mit den Kleinen sich beschäftigte, mochte es nicht einmal leiden, wenn man letztere beobachtete, und suchte dies dadurch zu verhindern, daß sie sich zwischen die Jungen und die Beschauer stellte oder legte. Und doch war ihr Betragen gegen den geliebten Gemahl und ihre Bekannten kaum ein anderes geworden: ersterem antwortete sie stets, gegen letztere bekundete sie dieselbe Anhänglichkeit wie früher, ließ sich auch noch berühren und streicheln und legte nur dann ein gewisses Unbehagen an den Tag, wenn man sich, mehr als ihr genehm, mit ihren Kindern beschäftigen wollte. Die Jungen öffnen am neunten oder zehnten Tage die Augen, beginnen bald darauf sich lebhafter zu bewegen, zeigen sich anfänglich höchst ungeschickt, wanken und tappeln beim Gehen, fallen oft über den Haufen und kriechen schwerfällig an der Alten herum. Dies aber ändert sich sehr bald. Schon nach Verlauf von 5 oder 6 Wochen spielen sie nach Art kleiner Kätzchen unter sich und mit der gefälligen Alten, mindestens mit deren Schwanze. Von der zehnten oder zwölften Woche an verblaßt die Fleckenzeichnung, und mit der ersten Härung im Herbste geht das Kleid in jenes ihrer Eltern über. Damit sind sie selbständig und mehr oder weniger tüchtige Räuber geworden.
Wegen der blutdürstigen Grausamkeit und der damit im Zusammenhange stehenden, ganz unverhältnismäßigen Schädlichkeit des Kuguars wendet man alle Mittel an, um seiner sobald wie möglich los zu werden. Seine Jagd ist kaum gefährlich zu nennen; denn falls man vorsichtig ist, hat man selbst von einem verwundeten Puma, welcher von Schmerz gepeinigt auf seinen Angreifer losgeht, nicht viel zu fürchten. Im nördlichen Teile des Staates New Pork, in den Adirondack-Bergen, schoß Pechuel-Loesche einen starken Puma, der neben ihm durch das Buschwerk schlüpfte, mit grobem Schrote. Gewöhnlich sucht der feige Geselle, wenn er einen Menschen erblickt, sein Heil in der Flucht und entschwindet, weil er sich trefflich zu verstecken weiß, fast immer bald dem Auge. Im Walde ist er schwer zu erreichen, weil er, sobald er von Hunden aufgescheucht wird, auf Bäume klettert und in dem Gezweige seinen Weg weiter verfolgt. Die Gauchos, jene tolldreisten Reiter der Steppen oder Pampas von La Plata, finden ein besonderes Vergnügen in der Jagd des Puma, hetzen ihn auf offenem Felde mit großen Hunden oder schleudern ihm, indem sie ihm auf ihren flüchtigen Pferden nachsetzen, die niemals fehlende Wurfschlinge um den Hals, bringen ihr Pferd in Galopp und schleifen ihn hinter sich her, bis er erwürgt ist. In Nordamerika wird er gewöhnlich durch die Hunde auf einen Baum gejagt und von dort herabgeschossen. Auch fängt man ihn in Schlagfallen.
Unter vielen Jagdgeschichten, welche man erzählt, scheint mir folgende das Wesen des Tieres gut zu bezeichnen. Ein englischer Reisender, welcher in den Pampas wilden Enten nachjagte, kroch auf dem Boden mit seiner leichten Vogelflinte an die Vögel heran. Er hatte Kopf und Körper in das gewöhnliche Volkskleid, den Poncho, eingehüllt, um nicht aufzufallen. Plötzlich vernahm er ein kurzes, heiseres Gebrüll und fühlte beinahe gleichzeitig sich berührt. Schnell die Decke von sich abschüttelnd, sah er zu seiner nicht geringen Überraschung einen Kuguar auf Armeslänge vor sich. Dieser aber war auch nicht wenig erstaunt, blickte den Jäger verwundert einige Augenblicke an, wich langsam auf 10 Schritt zurück, blieb nochmals stehen und nahm endlich mit gewaltigen Sprüngen Reißaus.
In der Provinz St. Louis und in der Sierra von Mendoza sah A. Göring auf den Umzäunungen, in welche des Nachts die Weidetiere getrieben werden, viele Pumaköpfe aufgespießt. Er erfuhr, daß man diese Siegeszeichen hier aufstecke, um andere Pumas von dem Besuche der Hürden abzuhalten, gerade so, wie man in früheren Zeiten die Köpfe der gerichteten Verbrecher vor die Thore der Stadt, innerhalb deren Weichbildes sie den Lohn ihrer Sünden empfangen, zu pflanzen pflegte. Die Besitzer der Pumaköpfe hielten dieselben außerordentlich wert und erlaubten Göring nicht, einen von dem Pfahle herabzunehmen. Jene Leute haben den sonderbaren Aberglauben, daß der Puma sicherlich eine Herde überfällt, welche nicht durch den Kopf eines seiner Artgenossen gefeit wurde.
Alt eingefangene Kuguars verschmähen zuweilen das Futter und opfern sich freiwillig dem Hungertode; sehr jung eingefangene dagegen werden bald und rückhaltlos zahm. Rengger versichert, daß man den Puma zum Haustiere machen könne, wenn ihn nicht hin und wieder die Lust anwandele, seine Blutgier an dem zahmen Geflügel auszulassen. Man zieht ihn mit Milch und gekochtem Fleische auf; Pflanzennahrung ist ihm zuwider und muß wenigstens mit Fleischbrühe gekocht werden, wenn er sie genießen soll; auch erkrankt er bald, wenn man ihm kein Fleisch gibt. Warmes Blut, seine Lieblingsspeise, kann er, wie unser Gewährsmann jagt, in Mengen von 2/2—3 kg auf einmal ohne Nachteil trinken. Das rohe Fleisch beleckt er, wie viele Katzen es thun, bevor er es verzehrt; beim Fressen hält er, wie unsere Hauskatze, den Kopf auf die Seite. Nach der Mahlzeit leckt er sich zunächst die Pfoten und einen Teil des Leibes; dann legter sich schlafen und bringt so einige Stunden des Tages zu. Man muß dem gefangenen Kuguar viele Flüssigkeiten reichen, besonders im Sommer, weil ihm Blut das Wasser nicht gänzlich ersetzen kann und er auch, wenn er durstig ist, weit eher unter dem zahmen Federvieh Schaden anrichtet, als wenn man ihn reichlich mit Wasser versorgt. Er lernt seine Hausgenossen, sowohl Menschen als Tiere, nach und nach kennen und fügt ihnen keinen Schaden zu. Mit Hunden und Katzen lebt und verträgt er sich gut und gaukelt mit ihnen; dagegen ist er niemals im stande, der Lust zu widerstehen, Federvieh aller Arten anzugreifen und abzuwürgen. Nach Katzenart spielt er oft stundenlang mit beweglichen Gegenständen, zumal mit Kugeln.
Manche Kuguare läßt man frei im ganzen Hause herumlaufen. Sie suchen ihren Wärter auf, schmiegen sich an ihn, belecken ihm die Hände und legen sich ihm zärtlich zu Füßen. Wenn man sie streichelt, schnurren sie in ähnlicher Weise wie Katzen. Dies thun sie wohl auch sonst, wenn sie sich recht behaglich fühlen. Ihre Furcht geben sie durch eine Art von Schnäuzen, ihren Unwillen durch einen murrenden Laut zu erkennen; ein Gebrüll hat man niemals von ihnen vernommen. Daß sie aber in der Wildnis gelegentlich recht laut werden, geht aus der auf eine Anfrage erfolgten Mitteilung von A. Göring hervor, der jahrelang in Gebieten reiste, wo der Kuguar heimisch ist. Göring schreibt: „Der Puma macht sich sehr bemerkbar, und ich erinnere mich lebhaft der Nächte, welche ich in den Kordilleren, westlich von Mendoza, zubrachte, daß wenigstens ihrer zehn von allen Richtungen her einen Lärm vollführten, welcher uns kaum schlafen ließ. Gewöhnlich ist der Ton des Puma ein kurzes U-U', wenn er im Gebüsche herumschleicht, und weil diesem ‚U-U' der Lockruf einer Sägeracke (Momotus) ähnelt, nennen die Eingeborenen diesen Vogel Pajaro lion.“
Zwei von mir gepflegte Pumas begrüßten ihre Bekannten stets durch ein nicht allzulautes, aber scharfes und dabei kurz ausgestoßenes Pfeifen, wie ich es von anderen Katzen nie hörte. Nur durch eins wird der zahme Kuguar unangenehm. Er pflegt sich, wenn er seinen Herrn erst liebgewonnen hat und gern mit ihm spielt, bei seiner Annäherung zu verstecken und springt dann unversehens auf ihn los, gerade so, wie zahme Löwen auch zu thun pflegen. Man kann sich leicht denken, wie ungemütlich solche zu unrechter Zeit angebrachte Zärtlichkeit manchmal werden kann. Zudem gebraucht der Kuguar, wenngleich
nur spielend, feine Krallen und Zähne auf unangenehme Weile. Einzelne sollen jo zahm geworden sein, daß man sie geradezu zur Jagd abrichten konnte; doch bedarf diese Angabe wohl noch sehr der Bestätigung. Azara besaß einen jung aufgezogenen Kuguar über 4 Monate lang und erzählt außer ähnlichen Thatsachen auch noch, daß das Tier seinen Wärtern zum Flusse folgte und dabei die ganze Stadt durchkreuzte, ohne sich mit den Hunden auf der Straße in Streit einzulassen. Wenn er frei im Hofe herumlief, sprang er zuweilen über die Umzäunung hinweg, lustwandelte nach seinem Vergnügen in der Stadt umher und kehrte in das Haus zurück, ohne daß man ihn suchte. Das Fleisch, welches er bekam, bedeckte er nicht selten mit Sand; ehe er es aber fraß, wusch er es im Wasser ab, und währenddem verzehrte er es. Wenn er es rein erhielt, legte er es hübsch auf ein Brett und fraß es hier nach Art der Katzen, indem er das ganze Stück nach und nach hinterkaute, ohne es zu zerstückeln oder zu zerreißen.
Das Fell des Puma wird in Paraguay nicht benutzt, wohl aber im Norden von Amerika. An einigen Orten ißt man sein Fleisch, welches, laut Darwin, sehr wohlschmeckend und dem Kalbfleische ähnlich ist; einzelne Pflanzer in Carolina halten es sogar für einen Leckerbissen.
Der nächste Verwandte des Puma ist der Haguarundi (Felis yaguarundi, Puma yaguarundi), Gato murisco der Brasilier, ein schlankes, schmächtiges Tier, welches durch seinen gedehnten Körper und seinen langen Schwanz beinahe an die Marder erinnert. Der Kopf ist klein, das Auge mittelgroß, das Ohr abgerundet, die Behaarung kurz, dicht und von schwarzgraubrauner Farbe; die einzelnen Haare aber sind an der Wurzel tief schwarzgrau und vor der dunkelbraunen Spitze schwarz, weshalb das Tier bald heller, bald dunkler erscheint. Wenn der Paguarundi im Zustande vollster Ruhe sich befindet, liegen die Haare glatt auf, und dann treten natürlich die schwarzen Spitzen mehr hervor, das Fell wird also dunkler; erregt er sich aber, so sträubt sich sein Fell, und damit wird nun auch die lichtere Wurzel des Haares sichtbar, die Gesamtfärbung also lichter. Pfoten und Lippen fallen mehr ins Gräuliche; die Schnurren sehen braun aus. Bisweilen sind die Haare schwarz oder gelblich geringelt und ihre Spitzen grau. Das Weibchen unterscheidet sich von dem Männchen regelmäßig durch etwas lichtere Färbung. Die Größe des Yaguarundi ist viel geringer als die des Kuguars; denn die Länge des Leibes beträgt höchstens 55, die Länge des Schwanzes nur 32, die Höhe am Widerriste 34 cm.