Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Hierauf beschränkt sich das über das Freileben des Irbis Bekannte. Von seinem Betragen in Gefangenschaft weiß ich nichts zu berichten. Sicherem Vernehmen nach gelangten zwar im Jahre 1871 zwei lebende Irbis in den Tiergarten zu Moskau, wurden dort aber meines Wissens nicht beobachtet und endigten binnen kurzem ihr Dasein.
Die Tüpfelkatze oder fischende Katze, in Indien Banbiral, Bagh-dascha, Machbagral, auf Ceylon Handun-diva genannt (Felis viverrina, F. viverriceps, himalayana, celidogaster, Viverriceps viverrina), erreicht höchstens die Größe unserer Wildkatze. Die Gesamtlänge eines männlichen Tieres, das 7,7 Kg wog, gibt Blanford zu 105 em, wovon 29 em auf den Schwanz entfallen, die Schulterhöhe zu 38 em. Nach Jerdon aber beträgt die Gesamtlänge bis 118 em und manchmal noch mehr, die Schwanzlänge bis 32 em, die Schulterhöhe bis 40 em. Der Pelz ist grob, ohne Glanz. Die Grundfärbung ist ein schwer zu bestimmendes Gelblichgrau, welches bald mehr ins Gräuliche, bald mehr ins Bräunliche spielt, je nachdem die Mittelfärbung der an der Wurzel dunkelgrauen, in der Mitte gelblichen, an der Spitze bräunlichen oder schwärzlichen Haare mehr oder minder zur Geltung gelangt. Die Unterseite ist heller. Das Tier ist durchaus getüpfelt, die Tüpfel sind stets viel länger als breit, wechseln jedoch bei verschiedenen Tieren in Größe, scharfer Begrenzung und Deutlichkeit. Über die Stirn verlaufen 2 aus dichtstehenden Flecken gebildete Seiten- und 3—5 nicht unterbrochene Mittellängsstreifen, welche sich zwischen den Schultern in Tüpfelflecken auflösen, aber am Rücken entlang deutlich sich fortsetzen; über die Wangen, welche wie Oberlippe, Kehle und Unterseite grauweißlich aussehen, ziehen sich 2 ununterbrochene Seitenstreifen. An den Beinen finden sich in der Regel aus Flecken gebildete Querbinden; der Schwanz ist 8— 9mal, unterseits meist unterbrochen, geringelt. Das rundsternige Auge hat erzgelbe, das Ohr, mit Ausnahme eines eiförmigen hellen Mittelfleckens,
schwarze, innen weißliche Färbung. Die Unterseite der Pfoten ist braun. Vielfache Abänderungen der Grundfärbung und Zeichnung haben verleitet, Spielarten unserer Katze als besondere Arten zu beschreiben.
Das Verbreitungsgebiet der Tüpfelkatze umfaßt Ceylon, in Südindien die Malabarküste, im Norden, wahrscheinlich schon von Orissa an, das Gangesgebiet bis hinüber zum Indusgebiete, aber die Gegenden am Fuße des Himalaja westwärts nur bis Nepal, ferner ganz Barma, Südchina und die Malayische Halbinsel. Sie soll auch, laut Swinhoe, in Formosa vorkommen; von ihrem Auftreten auf den großen Sundainseln ist nichts bekannt. Über ihr Freileben wird wenig, aber ziemlich übereinstimmend berichtet. Sie bevorzugt feuchte Dickungen an Flüssen, Mündungsgebiete, die unter der Herrschaft der Gezeiten stehen, und Sümpfe, weil sie, im Gegensatze zu den meisten Katzen, sich vielleicht mit Vorliebe von Wassertieren, besonders Fischen, nährt. Nach Buchanan Hamilton frißt sie sogar Süßwassermollusken;
Tüpfelkatze (Felis viverrina). ½ natürl. Größe. (Nach Wolf.)
Hodgson erhielt eine, die eine große Schlange verzehrt hatte. Blanford aber meint ganz richtig, daß sie wie alle ihre Verwandten wohl auch die Säugetiere und Vögel fressen wird, die fie erbeuten kann. Sie raubt auch, nach verschiedenen Berichten, Hunde, Schafe, wagt sich selbst an junge Kälber und hat, laut Baker, in Malabar sogar einige Male kleine Kinder von den Wohnsitzen weggeschleppt. Daß sie ein gefährliches und starkes Tier ist, geht auch aus einer Mitteilung von Blyth hervor, wonach ein ihm frisch gebrachtes männliches seinen zahmen jungen weiblichen Leoparden tötete, obwohl dieser ungefähr doppelt so groß wie der Angreifer war. Rainey wurde von einer, die nachts in das Hühnerhaus eingebrochen war, in dem Augenblicke angenommen, als er die Thür öffnete.
Die Tüpfelkatze in Gefangenschaft gilt gewöhnlich für wild, bösartig und unzähmbar. Blyth hat bessere Erfahrungen gemacht und ist der Ansicht, daß gerade sie nicht schwierig zu zähmen sei. Gefangene, welche im Londoner Tiergarten gepflegt wurden, waren scheu und unfreundlich, auch ebenso schwer zu behandeln und zu erhalten wie andere Wildkatzen, von denen sie übrigens durch eine höchst unangenehme Ausdünstung, welche ihre Beobachtung und Pflege äußerst unbehaglich machte, sehr zu ihrem Nachteile sich unterschieden. In ihrer Heimat ist dieser üble Geruch nicht in allen Fällen bemerkt worden.
Durch einen großen Teil Asiens tritt eine kleine gefleckte Katze auf: die Zwergkatze oder der Kueruck, Leopardenkatze, Wagati, Tschita Billa, Ban Biral der Inder,
Rimau akar der Malayen (Felis bengalensis, F. undata, minuta, javanensis, sumatrana). Sie hat etwa die Größe unserer Hauskatze, ist aber vielfach auch merklich kleiner, obwohl höher gestellt. Nach Jerdon mißt fie im ganzen 88— 96 cm, wovon 28— 30 em auf den Schwanz kommen; nach Tickell hatte eine in Barma erlegte eine Gesamtlänge von 65 em bei 24 em Schwanzlänge. Blanford sagt: „Einige Messungen ergeben für den Schwanz mehr als halbe Körperlänge, doch ist er meistens kürzer, manchmal vielleicht nicht mehr als ein Drittel der Länge von Körper und Kopf.“ Ihre Grundfärbung ist oberseits bräunlichfahlgrau, mehr oder weniger ins Graue spielend, unterseits weiß, die
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Zwergkatze (Felis bengalensis). ½ natürl. Größe.
Fleckung oben dunkelrostbraun, unten braunschwarz. Ein bezeichnendes Merkmal bilden vier Längsstreifen, von denen zwei über den Augen, zwei zwischen ihnen zu beiden Seiten der Nase beginnen, und welche sich gleichlaufend über Stirn, Scheitel und Nacken ziehen, auf der Stirn bei manchen Stücken noch einen kurzen undeutlicheren fünften zwischen sich aufnehmend. Die Augenstreifen wenden sich nach den Schultern zu, die Mittelstreifen folgen der Rückenmitte und nehmen in der Schultergegend, wo alle in Flecken sich auflösen, eine längs des Rückens mit ihnen in annähernd gleichem Abstande verlaufende, aus länglichen Tupfen bestehende Fleckenreihe zwischen sich auf. Hinter dem Ohre beginnt ein undeutlicher Streifen, welcher jene seitlich begrenzt, aber kaum bis zu den Schultern reicht. Vom Auge verläuft ein kürzerer Streifen nach dem Mittelhalse, von der mittleren Wange ein anderer nach dem Kinnladenwinkel, woselbst er mit einer Kehlbinde V-förmig zusammenfließt. Die Oberbrust zeigt drei bis vier mehr oder weniger geschlossene dunkle Querbinden; die Leibesseiten, Schultern und Schenkel sind mit rundlichen, kleinen Tupfflecken gezeichnet; der Schwanz ist oben ebenfalls getüpfelt, unten dagegen weißlich, an der Spitze dunkler; die Füße sehen gelbgrau, die Zehen bräunlichgrau aus. Zur ferneren Kennzeichnung möge dienen, daß der Nasenrücken und eine Schnurrbartbinde rostbraun, ein Streifen jederseits zwischen Auge und Nase und ein
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anderer schmälerer unter jedem Auge weißgelb, die Ohren außen braunschwarz, mit weißem Flecken gezeichnet, innen weißlich, die rundsternigen Augen endlich braun gefärbt find.
Wie die Größe, so wechseln auch Färbung und Zeichnung außerordentlich ab, und da zudem das Verbreitungsgebiet sehr umfangreich ist, „gibt es auch“, wie Blyth schreibt, „endlose Spielarten dieser hübschen kleinen Katze, und Arten mögen nach Belieben, um nicht zu sagen zum Überdrusse, danach aufgestellt werden“. So erklären sich die zahlreichen für sie üblichen Benennungen, von denen noch folgende angeführt seien: Felis ogilbii, jerdoni, herschelii, wagati, javensis, chinensis, nipalensis, pardochrous, inconspicua und Leopardus ellioti, horsfieldi ꝛc.
Durch Schrencks und Raddes Forschungen scheint festgestellt worden zu fein, daß der Verbreitungskreis der Zwergkatze viel weiter sich ausdehnt, als man bisher angenommen hatte. Man kannte unser Tier als Bewohner des festländischen Indien und der Sundainseln und vermutete, daß es auch in Japan vorkomme; die genannten Forscher aber glauben, eine im Amurlande gefundene Art ebenfalls als gleichartig mit ihm ansehen und ebenso die chinesische Wildkatze als Zwergkatze bestimmen zu dürfen. Über das Freileben dieser ist bis jetzt noch wenig bekannt. Nach Blanford ist sie gemein im Himalaja westwärts bis Simla, im unteren Bengalen, Assam, Barma, auf der Malayischen Halbinsel, in Südchina, auf Sumatra, Java, Borneo und den Philippinen, seltener im südlichen Vorderindien. Jerdon und Sterndale weisen ihr auch Ceylon als Wohngebiet zu, obwohl die besten Kenner der Insel sie nicht anführen. H. von Rosenberg erwähnt nur, daß er eine lebendige auf Sumatra erlangt habe. Nach Junghuhn tritt sie in vielen Waldungen Javas sehr häufig auf, lebt auf den bemoosten Zweigen der Bäume, 20—30 m über dem Boden, und steigt fast niemals aus dem Laubgewölbe zum Boden hernieder. „Sie übertrifft alle anderen Tiere (?) an Flüchtigkeit im Klettern und Springen, lebt hauptsächlich von Vögeln, welche sie in ihren heimatlichen Wäldern im Überflusse erhascht, und wird von den Javanen beim Fällen der Bäume oft lebendig gefangen.“ Man sagt, daß sie zu den wildesten, blutgierigsten Arten ihres Geschlechtes zählt. Die Thatsache, daß man eine aus dem Amurlande stammende, als Kueruck angesprochene Wildkatze in einem Schafstalle, in welchem sie bereits ein Lamm erwürgt hatte, überraschte und erschlug, spricht für jene Angabe. Elliot sagt ebenfalls, daß fie außer Hühnern Hasen, sogar kleinere Hirsche überfallen soll, und Me Master erzählt, daß er eine ein Huhn fast so groß wie sie selbst glücklich fortschleppen sah, obwohl sie mit Geschrei verfolgt und mit allerlei Gegenständen beworfen wurde. Gefangene, welche ich in den Tiergärten von Amsterdam und Rotterdam sah, und andere, welche ich selbst pflegte, widersprachen dem nicht. Ich gab mir die größte Mühe, sie zu zähmen; doch scheiterten meine Versuche an der tollen Wut dieser Katze. Blindwütend fauchte und zischte sie, sobald man ihrem Gefängnisse sich nahte. Auch der Wärter, welcher seine Tiere sehr gut behandelte, hatte sich nicht mit ihr befreunden können. Er mußte sich bei dem Füttern sehr sorgfältig in acht nehmen; denn der Kueruck hieb nach der Hand, anstatt nach dem Fleische. Sobald man ihn störte, pflegte er sich mit gekrümmtem Katzenbuckel in eine Ecke zurückzuziehen, sträubte den Balg und knurrte und tobte mit wütenden Blicken, bis man ihn wieder verließ. Sein Lieblingsaufenthalt war ein starker Baumast in seinem Käfig. Auf ihm verweilte er, in sehr zusammengekauerter Stellung sitzend, oft stundenlang, ohne sich zu rühren. Seine Bosheit machte ihn jedermann verhaßt, und sein Tod, welcher nach einem jähen Witterungswechsel erfolgte, verursachte uns wenig Bedauern; denn wir hatten schließlich allen Hoffnungen, das wütende Tier zu zähmen, vollständig entsagt.
Es würde unrichtig sein, vorstehend gegebenen und von den meisten Forschern bestätigten Beobachtungen mehr als beziehentlichen Wert zuzusprechen. Bei allen klugen Tieren, welche in unsere Käfige gelangen, kommt bei Beurteilung ihres Betragens wesentlich in
Betracht, ob sie im Alter oder in der Jugend in Gefangenschaft gerieten, und wie sie in der Jugend behandelt wurden. Eine Katze mag wilder oder bösartiger sein als die andere: unzähmbar aber ist keine einzige von ihnen. Dies beweist auch die Zwergkatze. Junghuhn bemerkt zwar ebenfalls, daß die von ihm aufgezogenen Jungen wohl miteinander spielten wie Hauskatzen, wenn sie allein und unbemerkt zu sein glaubten, gegen den Menschen jedoch scheu blieben und ihr wildes Wesen nicht ablegten; Bodinus hingegen besaß eine solche, welche keineswegs in der geschilderten Weise sich gebärdete, vielmehr verhältnismäßig zahm und zutraulich war. Schmidt ist auf die von ihm gepflegten wenigstens nicht schlecht zu sprechen. „Die Tierchen“, sagt er, „welche wir geradeswegs von Java erhielten, klettern behende, gehen selbst auf dünnen Asten sehr sicher, springen auch gut. Oft ziehen sie sich mit einem gewandten Satze auf einen an der Wand ihres Käfigs angebrachten Baumknorren zurück, wo sie dann stundenlang zu sitzen pflegen. Sie sind ruhig, aber weder zahm noch zutraulich, obwohl sie mit der Hand sich berühren lassen. Eine derartige Liebkosung scheint ihnen jedoch nicht eben angenehm zu sein, weil sie gewöhnlich ruhig weitergehen. Zuweilen lassen fie einen Ton hören, welcher wie ein kurzes rauhes ‚Mau‘ klingt. Sie verbreiten einen starken Bisamgeruch.“ Blanford kannte eine im Käfig gehaltene, die sehr zahm erschien, jedenfalls dem Rufe folgte.
Im Käfig geborene Zwergkatzen würden unzweifelhaft noch in weit höherem Grade zahm, die Nachkommen einiger Geschlechter möglicherweise bereits zu halben Hauskatzen werden. Die Stammmutter unseres Hinz steht, wie wir oben gesehen haben, an Wildheit und Bösartigkeit nicht hinter der Zwergkatze zurück und hat uns doch eines der liebenswürdigsten und vortrefflichsten Haustiere geliefert.
Den Serval könnte man als Vertreter einer besonderen Gattung gelten lassen, hat ihn auch zu solchem erhoben, schließlich jedoch immer wieder mit den übrigen Katzen vereinigt. Gestalt und Wesen stempeln ihn zu einem Verbindungsgliede zwischen Katzen und Luchsen. Er ist im ganzen schmächtig gebaut, aber hoch gestellt, sein Kopf länglich, seitlich zusammengedrückt, wegen der auffallend großen, an der Wurzel breiten, an der Spitze eiförmig zugerundeten Ohren absonderlich hoch erscheinend, sein Schwanz mittellang, so daß er höchstens die Ferse erreicht, das Auge klein, merklich schief gerichtet, der Stern länglichrund, die Behaarung ziemlich lang, dicht und rauh.