Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Darstellungen des Leoparden finden sich häufig auf ägyptischen Denkmälern. „Das älteste, mir bekannte Bild“, belehrt mich Dümichen, „gehört dem bei Besprechung des Löwen bereits erwähnten Grabe des Ptah-Hotep (S. 459) auf dem Pyramidenfelde an und stammt aus dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Unter den Darstellungen und Inschriften
dieses Grabes, welche ich in meinen ‚Nejultaten ꝛc.“ veröffentlicht habe, sieht man auf der einen Wand in der zweiten Reihe von oben einen Leoparden im Käfig, welcher von Männern getragen wird. Im Grabe des Nomarchen Nehera zu Beni Hassan ist an der einen Wandseite eine prächtige Jagdszene abgebildet: unter den dort dargestellten Tieren, auf welche Fürst Nehera und sein Sohn Necht ihre Pfeile abdrücken, erblicken wir auch den Leoparden. Dagegen sieht man in dem unter der Thutmosis-Herrschaft im 17. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung errichteten Terrassentempel von Deir-el-Bahheri, dessen hauptsächlichste Bilder ich in meiner ‚Flotte einer ägyptischen Königin‘ veröffentlicht habe, mehrere wohl: gelungene Abbildungen, welche, nach Ihrer Versicherung, ganz unverkennbar den Panther darstellen. Höchst bezeichnend für das mildere Wesen dieses Tieres ist, daß es von Männern am Stricke geführt wird. Ein an der linken Schulter befestigtes Leopardenfell war das besondere Abzeichen hoher priesterlicher Würde; aber auch die Göttin Safech, ‚Die Herrin der Schrift und Vorsteherin der Bibliotheken“, wie sie in den Inschriften genannt wird, trägt gewöhnlich das Fell des Pardels. Unter den Tributen aus südlichen Ländern, welche auf verschiedenen Denkmälern durch Bild und Schrift bezeichnet werden, gewahrt man wiederholt große Haufen von Fellen, welche in den begleitenden Inschriften „Felle von Pardeln des Südens' genannt werden. Geschichtliche Texte endlich, welche die Heldenthaten eines Königs erzählen, erwähnen nicht selten, daß Seine Majestät allerhöchst in Wut gerieten, gleich einem Leoparden“.“ |
Von den Römern wurden Leoparden und Panther vielfach zu den Kampfspielen in der Hauptstadt benutzt. Letzterer war zu der Römer Zeiten in Kleinasien viel häufiger als gegenwärtig, und Caelius schrieb an Cicero, welcher damals Landvogt in Sizilien war: „Wenn ich inmeinen Spielen nicht ganze Herden von Pardeln zeige, wird man die Schuld auf Dich werfen.“ Scaurus war der erste, welcher unter feiner Adilitätswürde 150 gescheckte Tiere schickte; dann sandte Pompejus 410, Augustus aber 420 Stück. Früher war es durch einen alten Senatsbeschluß verboten, die sogenannten „afrikanischen Tiere“ nach Italien zu bringen; der Tribun Aufidius aber stellte einen Antrag an das Volk und erwirkte die Erlaubnis, daß sie zu den circensischen Spielen kommen dürften. Dies geschah im Jahre 670 nach Erbauung Roms. Den Namen Leopard hat zuerst der Geschichtschreiber Julius Capitolinus am Ende des 3. Jahrhunderts gebraucht, weil man glaubte, daß das Tier ein Bastard von Panther und Löwe sei. Hierauf bezieht sich wohl auch eine Stelle des Plinius, welcher die Tiere ziemlich gut kennt, aber sagt, daß es der Löwe rieche, wenn ein Panther mit einer Löwin zu thun gehabt habe, und sich dann räche. Derselbe Naturforscher erzählt, daß die Pardel durch ihre Witterung alle vierfüßigen Tiere anlocken, durch ihren garstigen Kopf aber wieder abschrecken; deshalb verstecken sie sich, um die durch den Wohlgeruch herangezogenen Tiere zu fangen. An einer anderen Stelle heißt es, daß die Löwen, Pardel und alle anderen des Geschlechtes rauhe Zungen haben wie eine Feile und damit die Haut des Menschen ablecken. Daher werden auch die gezähmten wütend, wenn sie bis auf das Blut gekommen sind. Die Griechen nennen den Leoparden Pardalis; Aristoteles spricht einige Male von ihm. Er erzählt, daß er vier Zitzen habe, daß er gescheckt sei, daß er in Asien, niemals aber in Europa vorkomme, daß die Weibchen mehr Mut hätten als die Männchen, und daß sie sich zu heilen wüßten, wenn sie mit dem Kraute Pardalianches sich vergiftet hätten, da sie dann Menschenkot suchten und dieser ihnen hälfe. Das Kraut töte auch die Löwen, und deshalb hingen die Jäger Menschenkot an einen Baum, damit das Tier nicht weit weggehe; springe es danach in die Höhe, so ginge es zu Grunde. Oppian unterscheidet zwei Arten von gefährlichen Pardalis, größere, derbere (Panther), und kleinere (Leoparden), welche aber jenen an Stärke nichts nachgeben. Nach dem Dichter sind sie die Amme des Bacchus gewesen, und deshalb lieben sie auch den Wein.
Die Fabelei einzelner Schriftsteller des Altertums findet noch bis zu Gesners Zeiten unbedingten Glauben. „Ist ein grausames, grimmiges, frässiges und geschwindes Thier“, schildert unser alter Freund, „und begierig zu zerreissen und Blut zu vergiessen. — Die Leoparden wohnen gemeiniglich bey den Flüssen, an solchen Orten, so mit Bäum oder dickem Gesträuch besetzt sind: Sie trincken überauß gern Wein, sauffen sich daran voll, und werden bißweilen also truncken gefangen: Sie überfressen sich auch bißweilen, alsdann legen sie sich in jhre Hölen schlaffen, biß sie außgedäuet haben: So sie Gifft gefressen, so bringen sie sich mit Menschenkoth wiederumb zu recht. — Mit verwunderlicher List soll der Leopard die Affen fangen, wie Alianus schreibet, und zwar auff folgende Weise: — Wann der Leopard einen Hauffen Affen außgespehet hat, so legt er sich nah bey jhnen nider auf den Boden, streckt die Bein von jhm, sperrt den Rachen und Augen weit auff, und hält den Athem an sich, gleich als ob er todt wäre, wann dann die Affen solches ersehen, haben sie grosse Freud drüber, und trauen jhm doch nit gar zu wol, sondern schicken Anfangs den Kühnesten herab, das Spiel und den Handel recht zu erfahren, welcher mit verzagtem Hertzen hinzuschleicht, und bald wieder davon wischt: Zuletzt besiehet er jhm die Augen, merckt auff den Athem, ob nicht etwann noch ein Leben vorhanden: Der Leopard aber hält sich gantz still, als wäre er todt. So nun die anderen Affen den ersten unverletzt umb seinen Feind herumb gauckeln sehen, lassen sie die Forcht fahren, lauffen all herzu, freuen sich, tantzen und springen auff und umb den todten Feind her, als ob sie seiner spotteten. Wann dann der Leopard vermeinet, daß sie müd gnug und gantz Sorgloß worden, und das Spiel am besten ist, so springt er unversehens auf, ergreifft und zerreist jhrer einen guten Theil, und braucht die Besten und Fettesten zu seiner Speiß und Nahrung. — Das Pantherthier soll selten, und eine blinde Frucht gebähren, gleich wie auch die Katzen, und dieselbige mit grossem Schmertzen, soll eine kleine Frucht seyn. Zu Zeiten vermischt sich dasselbige Panterthier mit dem Wolff, daher wird ein Thier gebohren Thoes genannt, woran die Gestalt fleckicht, der Kopff aber dem Wolff gleich ist: Von diesem wird under dem Wolff ein mehrers gemeldet werden. — Der Löp vergleicht sich sehr einem dapfferen, auffrichtigen und redlichem Manne, der Leopard aber, oder das Panterthier einem bösen, argen und tückischem Weibe, hat auch zu solcher Arglistigkeit und Schalckheit, die mit Forcht gemischt ist, eine rechte Form, Gestalt, und zugehörige Gliedmassen von der Natur bekommen. — Eine wunderliche grosse Liebe tragen sie gegen jhre Jungen, von welcher Demetrius Physicus eine schöne History beschreibet, wie nemblich ein Mann einem Leoparden auff der Straß begegnet seye, dem der Leopard geliebkoset, als wann er etwas von ihm begehrte, der Mann sey Anfangs erschrocken, doch zu letzt dem Leoparden zu willen worden, welcher jhn zu einer Gruben geführt, worein seine Jungen gefallen gewesen, welche dann der Mann herauß gezogen, den das Thier mit vielen liebkosenden Gebärden, als ob es jhm für solchen Dienst danckete, wiederumb auff seine Strasse gewiesen. — Einsmals wolt auch ein Leopard nicht von einem Zieglein fressen, weil es mit jhm aufferzogen und gespeist worden. Doch schreiben etliche, daß wie zahm er immer gemacht, auch ob er gleich von Jugend auff auffgezogen werde, fo laß er doch feine Tück nit, gleich wie die bösen Weiber. — Der Leopard ist bey allen Thieren verhast, und fliehen jhn fast alle Thier, auch der Drach selber. — Ein solchen Haß soll er auff die Menschen haben, daß er auch die gemahlten Bilder zerreisse, soll auch dem Hahn und Schlangen sehr zuwider seyn. Seine Klauen ziehet es gleich wie die Löwen zu sich, daß sie nicht stumpff und untüchtig zum Streiten werden. — Das Thier, jo Hyna, Vielfraß oder Grabthier genannt wird, ist dem Leoparden auffsetzig: Es soll auch der Leopard, wann er dessen ansichtig wird dermassen erschrecken, daß er jhm keinen Wider: stand begehrt zu thun, und wann jhr beyder Felle beyeinander gehenckt werden, so fällt dem Fell deß Leoparden das Haar auß, wann Plinio zu glauben. Auß welcher Ursach die Agyptier, wann sie andeuten wollen, daß der Edlere, Stärckere, und Grössere, von dem Geringern
könne überwunden werden, solche zwey Felle zusammen gemahlet haben. — Asculapius schreibt, daß so der Leopard ein todten Menschen-Kopff ersehe, so nehme er die Flucht.“
Wahrscheinlich schließt sich eine große Katze Innerasiens, der Irbis, am nächsten an die Pardel an.
Der Irbis oder Schneeleopard (Felis uncia, F. irbis, Leopardus irbis und uncia), von Buffon ungerechtfertigterweise Unze, in Tibet Ikar, Sig, Satschak, von den Leptschas Phale genannt, steht an Größe dem Panther kaum nach; seine Gesamtlänge beträgt etwa 220 em, die Schwanzlänge rund 90 em, die Schulterhöhe 60 em. Die Grundfärbung des Pelzes ist weißlichgrau mit lichtgelblichem Anfluge, wie gewöhnlich auf dem Rücken dunkler und an der Unterseite weiß. Die schwarzen Flecken, welche sich deutlich
N.
| \
Irbis (Felis uncia). "ıo natürl. Größe.
abzeichnen, sind auf dem Kopfe klein und voll, am Halse größer und ringförmig und am Rumpfe endlich zu einem Tüpfelring mit dunkler Mitte ausgedehnt. Auf dem Rücken verläuft eine dunkle Linie, welche sich auf dem mattschwarz gefleckten Schwanze unterbrochen fortsetzt; auf der Unterseite stehen Vollflecken. Die kurzen, stumpfen Ohren sind am Grunde und an der Spitze schwarz, in der Mitte aber weiß, die in vier Reihen geordneten Schnurren teils weiß, teils schwarz. |
Schon durch feine Bekleidung bekundet der Irbis, daß er in kälterer Gegend lebt als der Leopard. Seine Heimat ist das mittlere Asien bis nach Sibirien hinauf. „Er löst“, laut schriftlicher Mitteilung von A. Walter, „den Panther in den turkistanischen Gebirgen ab, bevölkert den Altai und die südsibirischen Stöcke, geht durch Südostbuchara, den Pamir, Kaschmir nach Osten durch ganz Tibet. Aus Persien melden ihn Blanford und Finsch, doch dürfte es sich hier doch fragen, ob nicht vielleicht eine Verwechselung mit der F. tulliana vorgelegen, die lange Zeit allgemein mit ihm zusammengeworfen, wodurch es fast unmöglich wurde, seine Verbreitung abzugrenzen. Die vorwiegend in Kleinasien heimische F. tulliana glauben Danford und Alston gewiß mit Recht auf eine auffallend helle und
langhaarige Spielart des echten Panthers zurückführen zu dürfen, keinesfalls auf F. uncia.“ Jerdon, der dem Schneeleoparden die Höhen von 3000 —6000 m in Innerasien als Wohngebiet zuweist, läßt ihn doch westwärts bis nach Smyrna verbreitet sein, während Blanford gleich A. Walter die Verwechselung mit F. tulliana annimmt, auch bezüglich Persiens jetzt Zweifel äußert. Im Himalaja ist der Irbis häufiger auf der tibetanischen als der indischen Seite, wird in den Hochthälern des Indus und Setledsch gefunden und steigt nach Scully im Winter unter 3000 m bis zu 2000 m herab. „Der Irbis“, bemerkt Radde, „ist selbst in denjenigen Gegenden Südostsibiriens, in denen der Tiger häufig auftritt, sehr selten. Über das Vorkommen desselben im östlichen Sajan, den Baikalgebirgen und in Trans: baikalien hat sich während meiner Reise nichts ermitteln lassen. Ebenso konnte bei zweimaliger Durchreise des oberen Amurlaufes hierüber nichts in Erfahrung gebracht werden. Erst bei den Birar⸗-Tungusen gewannen die Erkundigungen solche Gewißheit, daß ich den Irbis als ein sehr seltenes Tier der Fauna des Burejagebirges zuzählen darf. Er scheint demnach in Westsibirien in größerer Häufigkeit verbreitet zu sein, da nach Lessings mündlichen Mitteilungen er sich einzeln sogar in der Umgegend von Krasnojarsk zeigen und im südlichen Altai nicht gar selten sein soll. Die Birar-Tungufen weisen ihm die hochgrasigen, steppenartigen Flächen am Sungari als eine Gegend an, wo er nicht selten lebt. Es war diesen Leuten bekannt, daß der Irbis gern auf Bäume klettert und von ihnen aus die Beute überfällt, wie es der Luchs auch thut; sie gaben aber sogleich zum Unterschiede von letzterem den langen Schwanz an. Von seiner List wußten sie manches Beispiel zu erzählen. Man fürchtet ihn bei weitem nicht so wie den Tiger und versichert, daß mehrere gute Hunde ihn auf einem Baume stellen.“ Im Himalaja nährt er sich von Wildschafen, Wildziegen, Nagetieren, Vögeln, raubt auch die kleineren Haustiere und soll sogar Pferde angreifen, aber man hat, laut Blanford, nie gehört, daß er auch Menschen überfalle.