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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Da der Leopard oder Panther so viel verwegener und raublustiger als der Tiger ist, wird er auch leichter überlistet; man wendet all die Fangweisen an, die schon beim Tiger und Löwen angeführt worden sind. In Abessinien hatte Pater Filippini gegen ein Viertelhundert Leoparden in Fallen gefangen, welche nach Art der Mäusefallen eingerichtet, aber selbstverständlich viel größer find. Eine Henne oder eine junge Ziege wurde in der hinter: sten Abteilung der Falle als Köder ausgesetzt. Früher oder später überwog die Raublust doch alle Schlauheit, und der Räuber saß im Kerker, wo ihn der Pater dann am anderen Morgen mit aller Ruhe und Sicherheit totschoß. Einmal fing sich auch ein Löwe in einer solchen Falle; für ihn aber war noch keine Kugel gegossen. Er schlug erzürnt mit einem Prankenschlage die Fallthür entzwei und entwich. Dieselbe Falle wendet man in Südafrika an. Es ist für die ganze Umgegend ein Fest, wenn eine von ihnen ihren Zweck erfüllt und den gehaßten Räuber in die Gewalt des Menschen gebracht hat.

Asiatische Große verwenden bei ihren Kampfspielen statt des Tigers auch den Panther. Einen solchen Rompok auf Java schildert aus jüngster Zeit Hans Meyer. „Ein nach vielen Tausenden zählender Schwarm von Eingeborenen umstand dicht gedrängt einen viereckigen Teil der Wiese. Dieser innere, etwa 500 Schritt in Länge und Breite messende Raum war der eigentliche Kampfplatz, welcher durch eine lebendige Mauer speertragender Javanen — wohlverstanden, keine Bediensteten oder inländische Soldaten, sondern lauter sporteifrige Sa-vanen, die zu ihrem eigenen Vergnügen dastanden — nach allen Seiten hin abgegrenzt war. Dort, wo auf der einen Flanke eine Tribüne für den Residenten und Regenten errichtet war, standen die Speerträger etwas dichter, an anderen Stellen nur in einem Gliede; im ganzen waren es ihrer 1800— 2000. Dahinter drängte sich die Menge der Zuschauer, alle Bäume der Umgebung waren voll von ihnen. In der Mitte des Platzes stand ein großer länglicher Kasten von Holz, der das Kampftier enthielt, und hinter ihm, das Gesicht der Tribüne des Fürsten zugewandt, kauerten auf der Erde 8 Eingeborene, gleichfalls speerbewaffnet, die eigentlichen Kämpfer. Neben ihnen hockte ein nur mit seinem Kris bewaffneter junger Mann in rotem Jäckchen, eine Art Picador, dessen Aufgabe es ist, den Käfig zu öffnen. Punkt 5 Uhr erscholl das Zeichen von der Tribüne. Die Lanzenträger nahmen die Scheiden von den frischgeschliffenen Speerspitzen und fällten die Waffe wie zum Sturm,

die 8 Rompok-Kämpfer thaten, in 2 Glieder hintereinander aufgestellt, desgleichen, und der Picador trat vor den Kasten, grüßte knieend nach der Tribüne hin, wandte sich dann dem Kasten zu, schnitt mit dem Kris einige Stricke durch und zog mit kräftigem Rucke die beiden Längswände heraus. Ein prachtvoller Panther wurde sichtbar. Der Picador aber wiederholte knieend feinen Gruß und trat, ohne nur einen Blick zurückzuwerfen, mit gemessenem Schritte hinter seine 8 Genossen. Angesichts solcher stoischen Ruhe verlor ich die Besorgnis für den kühnen Mann sofort. Vom Lichte anfänglich geblendet, kroch die Bestie geduckt aus ihrem engen Gefängnis; darauf, durch einen Steinwurf des Picadors aufgeschreckt, machte sie einen Satz seitwärts und sah sich verblüfft in dem sonderbaren Kreise um. In geschlossener Reihe rückten langsam die 8 Speerträger gegen ihn an, plötzlich bemerkte er sie, legte sich schweifschlagend auf den Boden und sprang mit einemmal in hohem Bogen gegen den Feind. Von 2 Lanzenspitzen im Sprunge getroffen, fiel das Tier zurück, lief nach der anderen Seite und rannte, laut aufbrüllend vor Wut und Schmerz, an der ihm überall entgegenstarrenden Lanzenreihe entlang. Da blieb es stehen, drehte sich blitzschnell wieder gegen die ankommende Phalanx, machte von neuem einen Sprung und fiel zum zweitenmal zurück, diesmal einen gebrochenen Speerschaft im Leibe. Jetzt rannte es blind in die Speere, und es war ein widerlicher Anblick, wie das am Ende kraftlose Tier, von allen 8 Speeren zugleich getroffen, blutüberströmt und die hervorquellenden Eingeweide nach sich schleppend, zuletzt einen Versuch zur Flucht machte. Da endlich tönte von der Tribüne ein zweites Signal, und zu Hunderten stürzten die Lanzenträger aus der umstehenden Menge auf das Tier, von dem am Ende nur noch eine unförmige Masse sichtbar war, denn jeder wollte seine Waffe mit dem Blute weihen. Da ein zweites Raubtier nicht vorhanden war, verlief sich das Volk schnell, und / Stunde später lag wieder tiefer Friede auf dem Platze. „Nicht immer nehmen die Kämpfe ein so gutes Ende. Oft durchbricht ein Tiger in rasendem Ansturm die Reihen der Lanzenträger und wird erst nach hartem Kampfe draußen überwältigt, oder ein Panther springt über die Phalanx hinweg und erklettert einen der umstehenden Bäume, so daß die daraufsitzenden Zuschauer herabfallen wie reifes Obst, bis ihm ein herzhafter Javane seinen Kris in die Weichen bohrt, oder eine Bestie schlägt noch im letzten Augenblicke ein paarmal um sich und teilt Wunden aus. Das gehört aber von Rechts wegen dazu, denn ohne dies hat der barbarische Sport für den ‚Inlander' nicht feinen höchsten Reiz erreicht.“ Wohl nirgends benutzt man von dem erlegten Raubtiere etwas mehr als das bunt gezeichnete Fell, welches seiner Schönheit halber überall in hohem Werte steht und in Europa zu Schabracken und Zimmerschmuck Verwendung findet. Im Sudan wird es sehr geschätzt und zwar mehr von den Negern als von den Mohammedanern, welche es höchstens zu Fußdecken gebrauchen, während die Neger in ihm ein Siegeszeichen erkennen. Auch unter den Bantuvölkern steht es in Ansehen, und Würdenträger lieben es, sich außer mit den Krallen noch mit Stirnbinden ꝛc. von Pardelfell zu schmücken; es gilt vielfach als eine königliche Zier, die dem gemeinen Manne nicht zukommt. Ostafrikanische Häuptlinge pflegen die Köpfe getöteter Pardel auf Stangen am Hauptthore ihres Dorfes aufzupflanzen.

Die Paarungszeit des Leoparden fällt in die Monate, welche dem Frühlinge der betreffenden Länder vorausgehen. Dann sammeln sich oft mehrere Männchen an einem Orte, schreien abscheulich nach Art verliebter Katzen, aber viel lauter und tiefer, und kämpfen ingrimmig untereinander. Wie man an Gefangenen erfuhr, wirft das Weibchen nach etwa 90tägiger Tragzeit 3—5 Junge, welche blind zur Welt kommen und am zehnten Tage ihre Augen öffnen. Vom freilebenden ist die Tragzeit nicht genau bekannt. Blanford meint, daß sie beim Panther wohl 15 Wochen umfassen könne. In Indien werden die Jungen, 2—4, etwa im Februar und März geboren. Es sind kleine, allerliebste Geschöpfe, ebensowohl

was ihre schöne Zeichnung als ihr hübsches Betragen betrifft. Sie spielen lustig wie die Katzen untereinander und mit ihrer Mutter, welche sie zärtlich liebt und mutvoll verteidigt. Freilebend verbirgt diese ihre Nachkommenschaft in einer Felsenhöhle, unter den Wurzeln eines starken Baumes, in dichten Gebüschen; sobald die Kleinen aber einmal die Größe einer starken Hauskatze erreicht haben, begleiten sie die Alte bei ihren nächtlichen Raubzügen und kommen, dank des guten Unterrichts, welchen sie genießen, bald dahin, sich selbst ihre Nahrung zu erwerben. Eine säugende Alte wird zu einer Geißel für die ganze Gegend. Sie raubt und mordet mit der allergrößten Kühnheit, ist aber dennoch vorsichtiger als je, und so kommt es, daß man nur in seltenen Fällen ihrer oder der Jungen habhaft werden kann. Übrigens thun die Leoparden auch schon während ihrer Paarungszeit an ein und demselben Orte viel Schaden, obschon sie, solange sie durch die Liebe beschäftigt werden, weniger blutgierig und räuberisch sein sollen. Man hat bisweilen ihrer 6—8 zu gleicher Zeit bemerkt. Obgleich nur die allerwenigsten Leoparden, welche man jung oder alt fängt, nach Europa gebracht werden, ist die schöne Katze doch in allen Tiergärten und Tierschaubuden eine gewöhnliche Erscheinung. Bei gehöriger Pflege hält der Leopard die Gefangenschaft lange aus. Er verlangt, wie alle Katzen, einen warmen und reinlichen Käfig und täglich etwas mehr als 1 kg gutes Fleisch, ist aber im übrigen sehr anspruchslos. Bei besonders guter Laune springt er in schnellen, eigentümlich künstlichen Sätzen, welche gewöhnlich 2 durcheinander geschlungene Kreise bilden, unaufhörlich in seinem Käfig auf und ab. Zur Ruhe wählt er, solange er mit seiner Umgebung sich noch nicht befreundet hat, die dunkelste Ecke seines Käfigs, später mit Vorliebe einen erhöhten Baumast und dergleichen. Ungestört hält er einen mehrere Stunden währenden Mittagsschlaf; so fest er aber auch zu schlafen scheint, so sicher vernimmt er jedes Geräusch: die Ohren spitzen, die Augen öffnen sich, um nach der Ursache desselben zu forschen, und seine volle Aufmerksamkeit wird rege. Jedes Tier, welches an seinem Käfig vorübergeht, erweckt seine Raublust: lautlos duckt er sich nieder, legt sich zum Sprunge zurecht und verfolgt alle Bewegungen der ersehnten Beute, auch wenn er durch unzählige Versuche erprobt hat, daß das Gitter des Käfigs jeden Raubversuch vereitelt. Seine Raubtiernatur macht sich eben geltend; er versucht wenigstens, einen Raub auszuführen. Gewährt man ihm mehr Freiheit, als er zeitweilig genoß, so macht sich der alte sündhafte Adam sofort wieder bemerklich, und man lernt jetzt in ihm das Raubtier kennen, wie es war und ist.

Während meines Aufenthaltes in Afrika hielt ich einen männlichen Pardel geraume Zeit in Gefangenschaft, konnte es aber niemals zu einem erträglichen Verhältnis zwischen mir und ihm bringen. Sobald ich mich dem Käfig näherte, drückte er durch Grinsen und Zähnefletschen, wohl auch durch ein heiseres Fauchen seine Unzufriedenheit aus, und wenn ich mich ihm nur einen Zoll weiter als gewöhnlich näherte, durfte ich sicher darauf rechnen, daß er mit einer seiner Tatzen nach mir schlug, natürlich regelmäßig dann, wenn ich es mich am wenigsten versah. Ich hatte ihn, wie alle die Raubtiere, welche ich bei mir führte, mittels einer langen Kette noch besonders fesseln lassen, und so durfte ich mir schon das Vergnügen gewähren, ihn zuweilen aus dem Käfig herauszulassen. Sobald er auf den Hof trat, begann er förmlich zu rasen, sprang wie toll empor, dehnte sich, zog Gesichter, fauchte und warf die wildesten Blicke nach allen Seiten. Dabei ging er jedem, welcher sich ihm näherte, sofort zu Leibe und gebärdete sich so sprechend, daß wir wohl wußten, er würde uns niederreißen, wenn er uns erlangen könnte. Je mehr ich die Kette durch einen angebundenen Strick verlängerte, um so toller wurden seine Bewegungen, um so mehr steigerte sich seine Wut. Die ganze Wildheit des freilebenden Tieres, welche lange gewaltsam unterdrückt worden war, schien durchzubrechen, der Blutdurst regte sich, und seine Augen drohten der ganzen übrigen Tiergesellschaft Tod und Verderben. Gurgelnd flogen die Affen an den

Wänden, Stöcken und Säulen empor, ängstlich meckerten die Ziegen, wie toll rannten die Strauße in ihrem Käfig auf und nieder, grollend blickte der Löwe auf den rasenden Roland. Dieser versuchte auf alle nur mögliche Weise freizukommen, und mehrmals wurde es uns angst und bange bei diesen Beobachtungsproben. Das allerschwierigste war, den Leoparden wieder in seinen Käfig zurückzubringen. Aus freien Stücken ging er nicht hinein, und gezwungen konnte er kaum werden. Drohungen vermochten gar nichts über ihn: wenn wir ihm die Peitsche vorhielten, zeigte eruns dagegen seine Pranken; wenn wir ihn anschrieen, fauchte er; wenn wir auf ihn losgingen, legte er sich zum Sprunge zurecht. Es galt, seinen Trotz zu brechen, ohne ihn dabei zu mißhandeln; denn er war nicht mein Eigentum, und ich mußte ihn schonen. Ich wagte nicht einmal, mich der aus dem Felle des Nilpferdes geschnittenen Peitsche zu bedienen, welche bei anderen Tieren gewöhnlich vollkommen ausreichte; ich wagte es aus dem Grunde nicht, weil mir die Peitsche nicht lang genug erschien, und ich doch das Tier bis zum Käfig treiben mußte. Deshalb nahm ich einen neuen Stallbesen und befestigte diesen an einer langen dünnen Stange: damit bekam er seine Prügel; aber sie fruchteten nichts, und ich mußte auf andere Mittel denken. Das beste von allen war, wie ich zufällig entdeckte, ihn mit Wasser zu begießen, und dabei leistete mir nun wieder eine große Spritze die vortrefflichsten Dienste. Sobald er einen Eimer Wasser über den Kopf bekommen hatte oder durch den Strahl der Spritze dauernd eingenäßt wurde, suchte er so schleunig als möglich in seinen Käfig zu kommen; und später brachte ich ihn so weit, daß ich ihm bloß die Spritze und den Besen zu zeigen brauchte,um ihn augenblicklich dahin zu vermögen, seinen Schlupfwinkel zu suchen.

Und doch lassen Pardel sich ebenfalls abrichten, fast ebensogut wie Löwe oder Tiger, wenn auch in der Regel nicht in derselben Zeit. Gerade die wildesten Stücke sollen oft wenn auch nicht die zahmsten werden, so doch die gelehrigsten sein. Doch ist das Wesen der Tiere sehr verschieden geartet: einzelne lernen in 8— 14 Tagen ihre sogenannten Kunststücke, andere nehmen keine Lehre an, werden deshalb von den Tierbändigern als „Dumme“ bezeichnet und baldmöglichst abgeschafft. Panther, welche von Jugend auf mit verständigen Pflegern Umgang hatten, werden ebenso zahm wie andere große Katzen, nehmen gern Liebkosungen von bekannten Personen entgegen, schnurren dabei behaglich nach Katzenart und schmiegen sich, den gelenken Leib schlangenartig biegend, zärtlich an ihren Gebieter an oder reiben sich wenigstens behaglich an den Gittern ihres Käfigs. Ein Panther, welchen ich pflegte, antwortete durch ein absonderliches Schnauben auf den Anruf, sprang mir und anderen Bekannten freudig entgegen, langte mit der Pranke nach mir, in der Absicht, mich an sich heranzuziehen, ließ sich streicheln und liebkosen und leckte mit großer Zartheit die ihm gereichte Hand — ganz wie ein wohlerzogener Hund. Niemals dachte er daran, von seinen Krallen Gebrauch zu machen: die gefährlichen Pranken blieben in der Hand seines Freundes immer weich und samtig. Kreuzberg besaß einen anderen Panther, welcher so artig war, daß man ihm gestatten durfte, mit der Familie das Zimmer zu teilen und mit den Kindern zu spielen. Eines der letzteren, ein vierjähriges Mädchen, stand in hoher Gunst bei dem Tiere und durfte mit ihm verkehren wie mit einem Hunde, beispielsweise auf seine Brust sich legen und in solcher Stellung einschlafen, ohne irgend welche Tücke befürchten zu müssen. Volles Vertrauen aber erwirbt sich der Pardel doch nur in den seltensten Fällen: sein unbändiges Wesen, sein Jähzorn und eine ihm kaum abzusprechende Tücke, welche klar und deutlich in dem Gesichte ausgedrückt ist, läßt stets einen hinterlistigen, bösen Streich befürchten.

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