Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
In Städten und Dörfern, welche nahe am Walde liegen, besucht der Leopard die Häuser nur allzu oft, raubt hier vor den Augen der Menschen irgend ein Tier und schleppt es fort, ohne sich durch das Geschrei der Leute beirren oder sein Wild sich entreißen zu lassen. Ihm ist jedes Haustier recht; er nimmt auch die Hunde mit Vorliebe, obgleich diese tüchtig sich
wehren. In vielen Gegenden Afrikas müssen die Eingeborenen für ihre Haustiere feste Ställe aus Pfosten und Knüppeln herstellen, damit sie nachts wenigstens gegen den Leoparden gesichert sind. |
Wenn der Leopard feine Jungen bedroht glaubt, angegriffen oder verwundet wird, stürzt er sich manchmal wie rasend auf seinen Gegner. So erzählt Cumming, daß einer seiner Freunde, welcher einen Parder nur verwundete, augenblicklich von ihm angesprungen, niedergeworfen und gräßlich zerfleischt, aber zum Glück doch gerettet wurde, weil der Gegner den nächsten Augenblick schon seiner eigenen Wunde erlag. So erging es auch im Hererolande dem jungen Erikson, dem bekannten südafrikanischen Jäger, als er zum erstenmal auf einen Leoparden schoß. Der Diener des Geistlichen Stella in den Bogosländern wurde, wie man mir mitteilte, durch einen Leoparden, auf welchen er geschossen hatte, getötet. Man kennt übrigens auch Beispiele, daß der Räuber, ohne irgend gereizt zu sein, den Menschen angriff. Kolbe berichtet, daß der Bürgermeister der Kapstadt unversehens von einem Leoparden angesprungen wurde; er konnte zwar nach hartem Kampfe das Tier überwältigen, hatte aber an seinen Wunden noch lange zu leiden. In Abessinien kommen alljährlich Unglücksfälle vor, selbst erwachsene, wehrhafte Leute werden von dem Leoparden angegriffen und umgebracht, Kinder nimmt er noch häufiger.
Auch in Westafrika gefährdet er manchmal Menschen. Pechuel-Loesche erzählt, daß dies an der Loangoküste Mitte der siebziger Jahre zweimal geschehen sei. Ein Leopard durchbrach in einem Fischerdorfe die Schilfwand einer Hütte und überfiel ein darin schlafendes menstruierendes Mädchen. Dieses war kräftig genug, sich des Räubers zu erwehren, der durch den im Dorfe entstehenden Aufruhr verscheucht wurde. Das Mädchen war übel zerklaut. Zum anderen kam gegen Abend ein Leopard in den Hof einer in Yumba errichteten Faktorei und griff einen auf der Veranda des Wohnhauses mit Messerputzen beschäftigten eingeborenen Knaben. Ein mutiger Hund fiel den Räuber an, der den Menschen fallen ließ, dafür den Beschützer packte und mit ihm in den nahen Wald entkam. Der Knabe er: lag seinen Verletzungen am nächsten Tage. Seit Menschengedenken waren dies die einzigen Fälle in jenem großen Küstenstriche, daß Leoparden sich ungereizt an Menschen vergriffen hatten; darum waren die Eingeborenen fest überzeugt, daß sie es mit Werwölfen zu thun hätten. Der Leopard von Yumba machte nach wie vor die Gegend unsicher. Einmal schritt er am hellen Tage über einen freien Platz vor einer Faktorei, 50 Schritt von dem Verwalter, der dort mit einem Haufen von lärmenden Eingeborenen verhandelte. Anstand, Schleichund Treibjagd waren gleich erfolglos, während der freche Räuber bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des breiten Banya gesehen wurde und Schafe, Ziegen, Hunde, Hühner schlug. Erst 2 Jahre später fügte es der Zufall, daß ein Engländer den Gefürchteten mit grobem Schrote niederstreckte, als er am hellen Tage etliche Schafe bis ins Gehöft verfolgte. Übrigens fürchtet man in Loango und benachbarten Gebieten die Leoparden nicht sonderlich: Männer, Weiber, Kinder durchstreifen furchtlos Wälder und Dickungen, wo sie hausen. Von richtigen Menschenfressern wird in Afrika nichts berichtet.
Anders in Indien. Die amtlichen Aufstellungen geben an, daß im letzten Jahrzehnte (bis 1886) von ihnen alljährlich je 194—300, zusammen 2368 Menschen getötet worden sind, während gleichzeitig alljährlich je 3047— 5466 der Bestien zur Strecke gebracht wurden. Wie viele von diesen Unglücksfällen aber durch gereizte und verwundete Tiere verursacht wurden, wird ebensowenig wie vom Tiger mitgeteilt. Sanderson sagt ausdrücklich, ihm sei kein Fall vorgekommen, daß Panther sich gleich Tigern zu Menschenfressern ausgebildet hätten, doch werde aus manchen Teilen Indiens darüber geklagt. Blanford schreibt, daß sie „gelegentlich sich ans Menschenfressen gewöhnen und dann, infolge ihrer Verwegenheit, sogar zu furchtbareren Geißeln werden als Tiger mit gleichen Gewohnheiten“.
Nach Sterndale und Forsyth litt besonders Ende der fünfziger Jahre die Bevölkerung der Zentralprovinzen durch die Panther, und Forsyth erzählt von einem, der 1858 in Seoni beinahe 100 Personen umbrachte, ehe er einem Schikari erlag. Er schlich in die Häuser, um Schläfer im Bette zu erwürgen, und erkletterte Bäume sowie Gerüste, um die Feldwächter zu erbeuten. Wurde er von einem Ende des Dorfes verscheucht, so eilte er nach dem anderen und fing dort während des Tumultes ein Opfer. Auf dasselbe Tier beziehen sich die viel schlimmer lautenden Angaben des anderen Augenzeugen, Sterndale, wonach der Menschenfresser ein Gebiet von einigen 30 km Durchmesser 3 Jahre lang heimsuchte und über 200 Menschen tötete, einmal 3 in einer einzigen Nacht. Er schien oft nur aus reiner Lust zu töten, denn vielfach wurden seine Opfer bis auf die zerbissene Kehle völlig unversehrt gefunden. Sterndale unterscheidet zwar gerade dieses Tier ausdrücklich als Leopard vom Panther, woraus aber nicht zu schließen, daß es zu den kleineren der Art gehörte, weil er die gebräuchlichen Bezeichnungen umgekehrt verwendet. Nach seinen Angaben war es bei aller Verwegenheit doch außergewöhnlich feig und konnte durch Geschrei und Zulauf von seinem Opfer verjagt werden.
Auch an dieses Tier heftete sich die Werwolfsage. Mann und Frau kehrten heim von einer Pilgerfahrt nach Benares; sie begegneten einem großen Panther, der die Frau in Furcht versetzte. Der Mann ermutigte sie mit der Versicherung, er führe ein Pulver bei sich, das er einnehme und sich dann in jegliches Wesen verwandeln könne. Er gab es der Frau, damit sie ihm den Rest eingebe, wenn er wiederkäme, verschluckte einen Teil davon, wurde zu einem Panther und verjagte den wirklichen, der im Wege stand. Als er aber zurückkehrte, um wieder seine wahre Gestalt anzunehmen, entsetzte sich die Frau vor ihm und ließ den Rest des Zaubermittels in den Schmutz fallen, wo es verloren ging. So mußte der Mann ein Panther bleiben, tötete in der Wut erst seine Frau und wurde dann der furchtbare Menschenfresser von Seoni.
Wenn nun auch die Berichte keineswegs übereinstimmen, jo können wir doch mit Blanford annehmen, daß in manchen Gebieten Indiens in der That mitunter auch Panther zu regelrechten Menschenfressern werden. Die Verführung mag viel dazu beitragen, wie denn die vorerwähnten Fälle sich gerade zur Zeit des blutigen Militäraufstandes ereigneten, der Leichen genug zum Fraße lieferte und die Tiere an Menschenfleisch gewöhnte. Empfängt man doch den Eindruck, als hätten um jene Zeit auch die menschenfressenden Tiger am schlimmsten gewütet. Nach Tennent wäre fast zu glauben, daß Panther auf Ceylon sich ebenfalls dem Menschenraube ergeben, doch sind die Angaben nicht genau genug, denn sie lassen nicht notwendig auf das Treiben eines Menschenfressers im vollen Sinne des Wortes schließen; solche Unglücksfälle ereignen sich vielmehr gelegentlich allenthalben, wo unsere Räuber hausen. Der Leopard oder Panther gilt eben deswegen für gefährlicher als der doch meist mit zu großer Freude am Schrecklichen geschilderte Tiger, weil er mutiger und verwegener ist, nicht die Scheu vor dem Menschen besitzt und ebensogut wie ein Haustier auch ein Kind oder einen Erwachsenen greift, je nachdem sie ihm gerade in den Wurf kommen. Harmlos wie den wildtötenden oder viehraubenden Tiger nennt ihn niemand in Indien.
Blanford führt an, er habe vielleicht eine Vorliebe für Schakale und Hunde; Sans derson nennt bloß Hunde. Im übrigen aber überfällt und frißt er alles, was sich ihm darbietet: Rinder, Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, Schweine, Antilopen, Affen, Pfauen, Hühner und alles kleinere Getier bis zur Maus und Eidechse; auch Aas verschmäht er nicht. Reisenden und Jägern hat er Pferde am Lagerplatze überfallen, doch wird kein Fall angeführt, daß er Personen des Gefolges geraubt habe. Großen Tieren soll er gleich dem Löwen und Tiger vielfach das Genick brechen — Baker berichtet einen solchen Fall von einem starken Stiere in Ceylon —, häufig aber auch bloß die Kehle aufreißen wie den kleineren.
Seine Beute sucht er abseits zu schleppen und zu verstecken; Forsyth versichert, daß er fie manchmal auf Bäume schaffe und in Astgabeln bewahre, und hat selbst den Körper eines frisch geraubten Kindes in dieser Lage eee Auch Blanford sagt: e sie nicht fressen, verbergen sie sehr häufig in Bäumen.“
Die Panther hausen sowohl im Innern wie an den Rändern großer Wälder als auch in Gestrüppbeständen und bebauten Stellen in der Nähe menschlicher Wohnsitze; nach Blanford sollen die kleineren Tiere, also die auch in Indien als Leoparden bezeichneten, nach Sanderson aber die größeren, demnach die Panther, die letztgenannten Ortlichkeiten, nach Elliot aber die kleineren die Felsennester bevorzugen — woraus sich wieder ergeben dürfte, wie schwierig zwischen beiden zu unterscheiden ist. Alle lieben vereinzelte Felsenkuppen, die, charakteristisch für Zentralindien, mit Blöcken und Trümmern des Gesteins übersäet sind und ihnen vortreffliche Schlupfwinkel bieten. Für diese scheint es nicht an Zuzug zu fehlen, denn Forsyth erzählt, und dies ist recht bezeichnend für die Häufigkeit der Tiere, daß ein Schikari auf einem dieser Hügel im Laufe der Jahre allein 52 Panther auf dem Anstande erlegt hat. Von solchen Raubburgen aus durchmustern sie, nach Sanderson, gegen Abend ihr Jagdgebiet nach verspätet wie zerstreut heimkehrendem Vieh und richten danach ihre Streifereien ein. Dabei geraten sie oft mit den Eingeborenen aneinander, und es ist gar nicht selten, daß in Dörfern oder angrenzenden Pflanzungen eins der Tiere nach tapferer Gegenwehr unter Lärm und Getümmel erschlagen wird, denn jedermann eilt herbei, am verhaßten Räuber sein Mütchen zu kühlen. Dabei gibt es denn Kratz- wie Bißwunden genug, und auch ernstere Unfälle kommen vor.
Die regelrechte Jagd auf sie ist schwieriger als die auf den Tiger. Obwohl es ihrer sehr viel mehr gibt, haben sie doch nicht dessen starkes Bedürfnis nach Wasser, sind nicht an bestimmte Ortlichkeiten gebunden und deswegen viel schwerer zu finden, zumal sie sich in erstaunlicher Weise allenthalben zu verbergen wissen. Daß sie außerdem mutigere und gewandtere Gegner als die Tiger sind und darum den Jägern die Erlegung nicht leicht machen, geht aus allen Berichten hervor. Sie springen manchmal kühn auf den Elefanten, ebenso greifen fie die Treiber an und werfen sich mit äußerster Wildheit immer wieder ihren Ver: folgern entgegen; eine Mutter wird ihre Jungen hartnäckig verteidigen, selbst unter Umständen, wo die Tigerin sie im Stiche lassen würde, und greift sogar an, ohne herausgefordert zu sein. Forsyth namentlich erzählt als Augenzeuge eine Reihe höchst bezeichnender Fälle, und Blanford bekräftigt jede Einzelheit.
Auch Sanderson hält den Panther für reizbarer, mutiger und viel entschlossener im Angreifen als den Tiger. Bei allen seinen Tigerjagden ist weder ihm noch einem seiner Treiber und Gehilfen jemals ein Leid widerfahren, während bei den seltener angestellten Pantherjagden ihm zweimal mehrere Leute übel zugerichtet worden sind. Einmal fuhr ein männlicher Panther, den sie auf einer Felsenkuppe in seinen Schlupfwinkeln nachspürten, unversehens auf sie los, zerbiß und zerklaute im Nu 2 Eingeborene sehr bedenklich und wurde von Sanderson im Anlaufe auf ihn selbst im letzten Augenblicke niedergeschossen. Ein anderer, der eingenetzt werden sollte, sprang sofort gegen die eben errichteten Wände, warf sie nieder, stürzte sich auf einen dabei stehenden Wächter, zerfleischte ihm den linken Arm und war verschwunden, ehe jemand helfen konnte. Er wurde verfolgt, in einem Gebüschklumpen versteckt gefunden und nochmals mit Netzen umstellt; er versagte jedoch eigensinnig, die Dickung zu verlassen, trotz der nach ihm geworfenen Knüppel und Steine. Die Verfolger waren zu erregt, um sich in Geduld zu fassen: Sanderson, begleitet von einem fest geschlossenen Haufen seiner mit Lanzen bewaffneten Getreuen, betrat den umnetzten Raum und rückte auf das Gebüsch los. Wie wir wissen, scheut der Tiger vor einer solchen Phalanx stets zurück; dieser Panther aber fuhr plötzlich aus seinem Verstecke, hatte blitzschnell
den dritten Mann links von Sanderson überworfen und zerklaut, dem Neben- und Hintermanne ebenso mitgespielt und war, rechts und links hauend, mitten durch die Leute gebrochen und auf Nimmerwiedersehen davon, ehe eine Lanze oder Kugel ihn fassen konnte. So hatte der nämliche Panther an einem Tage 4 seiner Verfolger kampfunfähig gemacht und sich selbst mit heiler Haut gerettet.
Wo der Leopard oder Panther vorkommt, führt man einen Vernichtungskrieg gegen ihn. Die Jagdarten sind natürlich höchst verschieden, weil das Feuergewehr nur hier und da eine Rolle spielt; im allgemeinen aber ist dieses doch die einzige Waffe, welche den Jäger sichert und ihm zugleich Erfolg verspricht. Die Schikaris in Indien stecken ein Zicklein oder einen Hund in eine mittels Hürden überdeckte Grube und setzen sich nahebeiauf einen möglichst sicheren Platz, von wo aus sie den herbeischleichenden Räuber niederschießen. Um ihn aber herbeizulocken, müssen sie den Köder zum Schreien bringen. Zu diesem Zwecke befestigen sie dem Zicklein oder Hund einen Angelhaken im Ohre und ziehen daran mittels einer Schnur, auf diese Weise Klagelaute nach Wunsch erzeugend. „Keine sentimentale Regung beeinträchtigt dabei die Anschläge des milden Hindu“, schreibt Forsyth. Wer scharfe Hunde besitzt und die Jagd des Räubers bei Tage betreibt, braucht sich weder in Asien noch in Afrika vor ihm zu fürchten. Die Hunde, welche freilich im höchsten Grade gefährdet werden, beschäftigen ihn und geben dem Jäger Zeit, mit aller Muße eine gute Ladung Rehposten oder eine sichere Kugel ihm auf das bunte Fell zu brennen.