Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Den ersten Löwenkampf gab der Adil Scävola, einen zweiten der Diktator Sulla. Dieser hatte schon 100 Löwen, Pompejus ließ aber 600 und Julius Cäsar wenigstens 400 kämpfen. Der Fang war früher eine böse Arbeit und geschah meistens in Gruben. Unter Claudius aber entdeckte ein Hirt durch Zufall ein leichtes Mittel, den Löwen zu fangen. Er warf ihm seinen Rock über den Kopf, und der Löwe wurde hierdurch so verblüfft, daß er sich ruhig fangen ließ. Im Zirkus wurde dieses Mittel dann oft angewendet. M. Antonius fuhr nach der pharsalischen Schlacht mit einer Schauspielerin durch die Stadt in einem Wagen, welchen Löwen zogen. Hanno, der uns schon bekannte Karthager, war der erste, welcher einen gezähmten Löwen mit seinen Händen regierte. Er wurde deshalb
jedoch aus seinem Vaterlande vertrieben, weil man glaubte, daß derjenige, welcher sich mit der Zähmung eines Löwen abgebe, auch die Menschen sich zu unterwerfen strebe; Hadrian tötete im Zirkus oft 100 Löwen auf einmal; Marcus Aurelius ließ ihrer 100 mit Pfeilen erschießen. Auf diese Weise wurden die Löwen so vermindert, daß man die Einzeljagden in Afrika verbot, um immer hinlänglich viele für die Kampfspiele zu haben. Doch erst mit der Erfindung des Feuergewehres schlug dem königlichen Tiere die Stunde des Verderbens.
Schon seit Ariftoteles und Plinius befteht unter den Forschern eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der systematischen Bestimmung dreier altweltlichen Katzen, der Pardel oder Parder, welche man Leopard, beziehungsweise Panther und Sun dapanther genannt und bald als Abänderungen eines und desselben Tieres, bald als besondere Arten betrachtet hat. Dem „Leoparden“ („Felis pardus, Leopardus antiquorum, Felis leopardus‘‘) schreibt man folgende Merkmale zu: Eine Gesamtlänge von 170— 200 em, wovon der Schwanz 60—80 em wegnimmt. Der Kopf ist groß und rundlich, die Schnauze wenig vorspringend, der Hals sehr kurz, der Leib kräftig, die Gestalt überhaupt gedrungen; die Beine sind mittelhoch und mäßig stark, die Pranken nicht besonders groß. Die Grundfärbung, ein blasses Rötlichgelb, dunkelt auf dem Rücken und geht in der Kehlgegend und auf der Vorderbrust in Licht- oder Weißgelb, auf der Unter- nebst Innenseite der Gliedmaßen in Gelblichweiß über, erscheint aber, weil die Flecken klein sind und ziemlich dicht stehen, verhältnismäßig dunkel. Über die Oberlippe verlaufen in wagerechter Richtung 3—4 ziemlich breite schwarze Streifen; ein großer länglichrunder, ebenso gerichteter Flecken zieht sich um den Mundwinkel herum, ein kleiner senkrecht gestellter findet sich über jedem Auge; im übrigen sind Gesicht, Scheitel, Nacken, Kopf- und Halsseiten, Schultern, Ober- und Unterarme, Schenkel und Beine auf der Außenseite, Kehle und Vorderbrust mit kleinen, in der Größe zwischen einer Erbse und einer Walnuß schwankenden, schwarzen, vollen, runden und rundlichen Flecken dicht bedeckt. Einige von ihnen laufen in der Schlüsselbeingegend zu schief tehenden Querbinden, andere, und zwar ihrer 2 oder 3 auf den Schultern und Beinen, zu unregelmäßigen Tüpfeln zusammen und werden hier durch schmale, sich netzartig zwischendurch ziehende Streifen der Grundfärbung getrennt. Hierdurch bilden sich gebrochene, im wesentlichen von oben nach unten verlaufende Reihen, während die Tüpfelung des Kopfes und Halses durchaus unregelmäßig erscheint. Einige wenige sind gesäumt, d. h. umschließen einen kleinen Hof, wie dies bei allen Flecken des Oberrückens, der Rumpfseiten und des Ober: schwanzes in der Wurzelgegend der Fall ist. Der Hof, welcher stets eine dunklere, in der Regel lichtrotgelbe Färbung hat, wird auf der Rückenmitte, über welche sich 2 oder 4 gleichlaufende Streifen ziehen, von einem ringförmigen oder zwei, meist zusammenfließenden halbmondförmigen Flecken eingefaßt, während ihn auf den Seiten, woselbst die Reihen eher nach der Quere als nach der Länge angeordnet find, 3—4, im letzteren Falle paarig stehende Mondflecken umgeben. Der Schwanz ist in der Wurzelgegend mit in die Länge gezogenen Hof- und Vollflecken, gegen die Spitze hin nur mit letzteren sehr unregelmäßig gezeichnet, an der Spitze unten aber fast reinweiß. Die Zeichnung der Unter- und Innenseite der Glieder endlich besteht entweder aus einfachen oder doppelten Vollflecken. Das Ohr ist außen grauschwarz, ein großer Flecken nach der Spitze weißlich; das Auge hat grünlichgelbe Iris und runden Stern. Weder die Geschlechter noch die Alten und selbständig gewordenen Jungen unterscheiden sich wesentlich voneinander; wohl aber gibt es dunklere und selbst schwarze Tiere. Ein glänzend braunschwarzer, nur im Sonnenglanze fleckig erscheinender Leopard wird in Abessinien Gesela genannt und seines hochgeschätzten Felles wegen eifrig verfolgt.
Der „Panther“ („Felis panthera, F. varia, Leopardus panthera, L. varius“) soll folgende Merkmale zeigen: Eine Gesamtlänge von 200—240 cm, wovon etwa 82—96 cm auf den Schwanz kommen. Der Kopf ist mäßig groß und länglichrund, die Schnauze deutlich vorspringend, der Hals kurz, der Leib kräftig, aber doch gestreckt; die kräftigen Beine find verhältnismäßig sehr stark, die Pranken groß. Die Grundfärbung, ein helles Oder: gelb, geht auf dem Rücken in Dunkelrötlichgelb, auf der Unterseite und den Innenseiten der Glieder in Gelblichweiß über, wie bei dem Leoparden, tritt aber weit lebhafter hervor, weil die Fleckenzeichnung eine durchaus verschiedene ist. Die dunkeln Streifen auf der Oberlippe sind wenig ausgeprägt, teilweise nur angedeutet; der länglichrunde Flecken in dem Mundwinkel unterscheidet sich nicht von dem des Leoparden; die Fleckenzeichnung des Kopfes ist spärlicher als bei diesem, die Flecken selbst find durchgehends etwas kleiner, und der Kopf
Leopard (Felis pardus). "ha natürl. Größe.
erscheint deshalb lichter. Außer dem Kopfe, dem Nacken, den Halsseiten, der Gurgel und Oberbrust, auf welcher mehrere Flecken ebenfalls zu 2 oder 3 Streifen zusammenfließen, zeigen nur die Vorderarme und Unterschenkel meist aus 2 oder 3 Einzelflecken zusammengeflossene Vollflecken, während Schultern und Oberschenkel wie der Rücken und die Seiten mit gesäumten oder Hofflecken besetzt sind. Alle Hofflecken oder Rosetten unterscheiden sich von denen des Leoparden durch ihre bedeutende Größe: der weite Hof ist lebhaft rötlichgelb, die ihn umgebenden Mondflecken find klein und schmal und gruppieren sich zu 2 und 3, 3 und 4, ausnahmsweise auch 5 um den Mittelflecken, jo daß jeder Hof von 5 — 7, beziehentlich 8 Mondflecken umringt wird. Über die Mittellinie des Rückens ziehen sich 2 gleichlaufende, neben ihnen 2 fast gleichlaufende Rosettenreihen, erstere meist aus geschlossenen, letztere aus
teilweise unterbrochenen, im Vergleiche zu denen der Seiten kleinen Mondflecken bestehend, während die Rosetten auf den Seiten sich wie beim Leoparden in ziemlich regelrecht schief von oben und vorn nach unten und hinten verlaufende Reihen ordnen. Auf der Oberseite des Schwanzes herrscht bis gegen die Mitte eine aus großen Rosetten gebildete Zeichnung, nach Art der des Rückens, während die Unterseite hier lichtere Mondflecken und der Schwanz in
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Schwärzling des Sundapanthers (Felis variegata). ½2 natürl. Größe.
der Endhälfte oben breite schwarze, durch schmale lichte Bänder getrennte Halbringe zeigt und unten einfarbig weiß ist. Die gelblich- oder reinweiße Unter- und Innenseite der Glieder endlich trägt große, länglichrunde, sehr einzeln stehende schwarze Flecken. Färbung und Zeichnung des Ohres sind wie beim Leoparden; die Iris aber sieht in der Regel gelb aus. Weiter nach Osten hin tritt eine Spielart des Panthers auf, welche Gray als besondere
Art (Leopardus japonicus) beschrieben hat, weil das Fell, dem Klima entsprechend, viel dichter und namentlich der Schwanz buschiger ist; eine andere mit ähnlichen Merkmalen (Felis tulliana) ist vorwiegend in Kleinasien heimisch.
Mit Leopard und Panther soll der Sunda- oder Langschwanzpanther (Felis variegata und chalybeata, L. pantherinus, macrurus und variegatus) von Sumatra
und Java, streng genommen, gar nicht zu verwechseln sein. Ihn sollen unterscheiden: der kleine, lange Kopf, der längliche Hals, der sehr gestreckte Leib, der mindestens rumpflange Schwanz, die niedrigen, kräftigen, mit verhältnismäßig sehr starken Pranken ausgerüsteten Beine sowie endlich die Fleckenzeichnung von beiden Verwandten. Flecken wie Rosetten sind viel kleiner und dunkler, stehen auch dichter als bei den Verwandten. Das Fell erhält hierdurch einen schwarzblauen Schimmer, welcher deutlich hervortritt, wenn man den Blick längs desselben streifen läßt. Die Grundfärbung ist dunkel lehmgelb, die der Höfe bräunlichgelb, die der Unter- und Innenseite der Glieder gräulich- oder gelblichweiß. Kopf, Nacken, Unterarme und Unterschenkel sind so dicht mit Tüpfelflecken gezeichnet, daß diese Teile fast schwarz erscheinen, die Halsringe sehr ausgesprochen, die Flecken der Schultern und Oberschenkel mit wenigen Ausnahmen voll, die auffallend dichtstehenden Rosetten aus 3—5 meist zusammengeflossenen Flecken gebildet, die Höfe immer klein, bei einzelnen Rosetten kaum sichtbar, die Schwanzflecken sehr in die Länge gezogen, unter sich meist verbunden, ihre Höfe ebenfalls klein, die dunkeln Halbbinden der Schwanzspitze nur durch sehr schmale lichte Zwischenräume getrennt, die Längsflecken der unteren Schwanzseite unregelmäßig. Der Ohrrand hat tiefschwarze Färbung. Die Iris ist grünlichgelb.
Der sogenannte Schwarzpanther oder schwarze Leopard („Felis melas, Leopardus melas“) ift nichts anderes als ein Schwärzling; denn er wird, wie bereits Reinwardt und Kuhl richtig bemerkten und wie, laut Rosenberg, jeder Javane weiß, mit dem gelben in einem und demselben Gewölfe gefunden und zwar sowohl auf den Inseln als auch auf dem Festlande. Nach Sanderson und Blanford sind diese schwarzen Stücke, die ganz die Farbe einer schwarzen Katze haben und nur unter gewisser Beleuchtung die Flecken er: kennen lassen, häufiger auf der Malayischen Halbinsel und in Südindien, besonders in Trawankur und Maisur, als in nördlicheren Gebieten. Nach Sanderson sollen sie ausschließlich in dichten großen Wäldern leben, nicht allenthalben, wie ihre heller gefärbten Artgenossen. Schwarze Tiere trifft man jetzt in fast allen Tiergärten, und in manchen wer: den sie regelmäßig gezüchtet. Wenn schwarze mit schwarzen Stücken gepaart werden, zeigt auch die Nachkommenschaft die gleiche Färbung.
Wenn nun auch Jäger, Händler ꝛc. nach äußeren Merkmalen und Lebensweise ziemlich sicher zwischen Leopard, als dem kleineren, gedrungener gebauten, und Panther, als dem größeren, schlanker gebauten, unterscheiden — etwa so wie jedermann zwischen leichten und schweren Pferden oder wie man in Indien zwischen dem stämmigen Tiger bergiger und dem schmächtigen ebener Gegenden unterscheiden gelernt hat — namentlich, wo es sich um äußerste Grenzen der Abweichungen handelt, so wird doch im System diese Trennung nicht anerkannt, weil sie nicht durchführbar ist. Panther und Leopard sind dort nur eine Art: Felis pardus, von westafrikanischen Bantuvölkern Ngo, in Persien Palang, in Indien Tschita, Adnara, Honiga, Kerkal und von den Malayen Harimau-bintang genannt. Größe, Kopfform, gedrungener oder schlanker Bau, Schwanzlänge, Länge und Dichte, Fleckung, Grundfarbe des Haarkleides finden sich in allen Abstufungen, und gelbliche oder rötliche sowie hell- bis dunkelbraune oder ganz schwarze Tiere, deren Fell nur noch unter gewisser Beleuchtung fleckig erscheint, sind aus den entlegensten Wohngebieten bekannt. Auch Weißlinge kommen vor. Die Größenunterschiede sind vielfach wohl auf Altersunterschiede, Standort und Ernährungsweise zurückzuführen. Immerhin vermögen Kenner ohne weiteres asiatische und afrikanische Felle zu unterscheiden.
Dem Brauche folgend, darf man sowohl vom Panther und Leopard als auch vom Panther oder Leopard sprechen; man kann auch im engeren Sinne — und dies soll hier befolgt werden — den afrikanischen: Leopard, den asiatischen: Panther nennen, obwohl die Leoparden in Nordafrika Panther genannt werden, obwohl ferner in Indien, wie auf Ceylon,
beide ebenfalls nebeneinander in der üblichen Weise unterschieden werden. Nur Sterndale nennt dort umgekehrt das stärkere Tier Leopard und das schwächere Panther. In ihrem Wesen, ihrer Lebensweise stimmen alle überein, sofern abweichende Größe und Stärke es zulassen. Jene nehmen vorlieb mit kleinerem Wilde und kleineren Haustieren, während diese auch Großwild und Großvieh aller Art sowie Menschen überwältigen und als Räuber dem Tiger am nächsten stehen, in Indien sogar vielfach für gefährlicher gelten. Ahnliche Beobachtungen werden wir auch aus Afrika erhalten, wenn dieses erst gründlicher durchforscht sein wird; daß auch hier die Größenverhältnisse und andere äußere Merkmale erheblich schwanken, ist jetzt nicht mehr zu bezweifeln. Von zwei westafrikanischen, sicherlich nicht mehr jungen Leoparden gibt Pechuel-Loesche folgende Maße: Körper und Kopf je 121 und 114 em; Schwanz (ohne Haarspitzen) je 59 und 67 cm; das stärkste Tier hatte sonach den kürzesten, übrigens vollständig gesunden Schwanz. Ein anderes, das leider nicht erlegt werden konnte, schätzte er nach mehrmaligem Erblicken und der deutlichen Fährte den bekannten größten gleich. Man vergleiche damit die Verhältnisse dreier von Jerdon, Tickell und Sterndale in Indien gemessener: Körper und Kopf je 145, 117 und 106 em, Schwanzlänge je 96,5, 86 und 75 em. Die Gesamtlänge unseres Räubers beider Weltteile dürfen wir im Durchschnitte zu 180— 240 cm festsetzen, wovon 60— 96 em auf den Schwanz kommen, der gewöhnlich 24 oder 25, vielleicht sogar 22— 28 Wirbel besitzt; die Schulterhöhe beträgt etwa 45—62 cm. Das Gewicht der kleineren Tiere der Art in Indien überschreitet nach Sanderson wohl kaum 25 Kg.