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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Der Verbreitungskreis ift sehr groß: er umfaßt ganz Afrika und das ganze südliche Asien. „Der Panther“, schreibt A. Walter, „scheint sich dem Tiger gegenüber bezüglich seiner Verbreitung als eine dem Westen entstammende Form zu ergeben, was vielleicht besser als die systematischen Zeichnungsdebatten die Identität des afrikanischen Leoparden und asiatischen Panthers beweisen dürfte. Im Westen nämlich geht er weiter nach Norden als der Tiger, bleibt umgekehrt im Osten weit hinter jenem zurück. Von Persien, ebensowohl aber auch vom Hochlande Kleinasiens und des daranschließenden Armeniens reicht der Panther bis in den Kaukasus. Obzwar nunmehr schon arg gelichtet, ist er noch ein ständiger Bewohner des südlichen Daghestan, von woher z. B. Sakataly als ständiger Wohnort zu melden wäre. Am Westabfalle des Kaukasus zum Schwarzen Meere soll er noch weiter nördlich vordringen (nach einigen Berichten bis Anapa?), doch läßt sich bis jetzt dort der nördlichste Verbreitungspunkt noch nicht sicher angeben. In Mittelasien gebietet der mittlere und untere Oxus, bezüglich schon die diesen begleitende Turkmenenwüste seiner Verbreitung Halt. Jedenfalls kommt er in Turkmenien bloß dem Kopet-dagh und den kurzen Flußläufen zu, über deren Enden die Nordgrenze hier zu ziehen wäre. Während er in ganz Russisch-Turkistan, am unteren Oxus und Aral sowie im westlichen Buchara sicher fehlt, läßt sich über sein Vorkommen oder Fehlen im südöstlichen Zipfel Bucharas nicht sicher entscheiden. Die dürftigen Berichte von dorther lauten verwirrend, so daß auch der obere Oxus Grenze zu sein scheint.“ In Indien fehlt er nach Blanford im Pandschab und in Teilen von Sinde, ebenso kommt er in Hochasien nicht vor.

Unsere Tiere sind eigentlich schweigsam zu nennen, denn ihre nicht laute Stimme ist selten zu hören. An Gefangenen hat man gewisse klägliche, an Katzengeschrei erinnernde Laute wahrgenommen. Bisweilen lassen fie in der Wildnis einen 3—Amal wiederholten rauhen Ruf hören, der sich nach Pechuel-Loesche etwa durch ‚hura-ak' wiedergeben läßt, und, wenn erschreckt, gereizt oder angreifend, stoßen sie fast den nämlichen heiseren Schrei hustenartig scharf hervor, wohl auch gemischt mit dem unbeschreiblichen rasselnden Knurren, welches ein wütender Hund von sich gibt. Die Fülle ihrer Stimme ist jedenfalls nicht bedeutender als die eines mittelgroßen Hundes.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 30

Der Leopard oder Panther ist die schönste aller Katzen auf dem Erdenrund. Wohl sehen wir im Löwen den König der Tiere; wohl gilt der Tiger als der gefährlichste unter der grausamen Gesellschaft; wohl besitzt der Ozelot ein farbenreicheres Kleid: hinsichtlich der Einhelligkeit des Leibesbaues, der Schönheit der Fellzeichnung, der Kraft und Gewandtheit, Anmut und Zierlichkeit der Bewegungen aber stehen sie und alle übrigen Katzen hinter dem Leoparden zurück. Er vereinigt alles in sich, was die einzelnen Katzen im besonderen auszeichnet, weil er deren Eigenschaften in leiblicher wie in geistiger Hinsicht in vollkommenster Weise zur Geltung bringt. Seine samtne Pfote wetteifert an Weiche mit der unseres Hinz: aber sie birgt eine Klaue, welche mit jeder anderen sich messen kann; sein Gebiß ist verhältnismäßig viel gewaltiger als das seines königlichen Verwandten. Ebenso schön wie geschmeidig, ebenso kräftig wie behend, ebenso kühn wie verschlagen zeigt er das Raubtier in vollendeter Ausbildung.

Auf den ersten Blick hin will es scheinen, als wäre das Kleid des Leoparden viel zu bunt für einen Räuber, welcher durch lauerndes Verstecken und Anschleichen seine Beute gewinnen und vor dem scharfen Auge derselben sich decken muß. Allein bei einer oberflächlichen Betrachtung der Gegenden, in welchen das Tier heimisch ist, muß jede derartige Meinung verschwinden. Wer seine Wohngebiete aus eigener Erfahrung kennt, findet es ganz natürlich, daß zwischen ihrer Vegetation und ihrem Gesteine ein so farbenreiches Geschöpf, selbst in sehr geringer Entfernung, übersehen werden kann. Er findet sich überall, wo es zusammenhängende, dichte und hochwüchsige oder auch nur dünn bestandene Waldungen gibt, und zwar in verhältnismäßig großer Menge. Grasige Ebenen liebt er nicht, obwohl er in der Steppe eine keineswegs seltene Erscheinung ist, und in besiedelten Gegenden liegt er oft in Feldern und Pflanzungen oder im angrenzenden Gesträuche. Sehr gern zieht er sich in das Gebirge zurück, dessen reichbewachsene Höhen ihm nicht nur treffliche Versteckplätze, sondern auch reichliche Beute gewähren. In Abessinien bietet ihm noch ein Höhengürtel von 2000-3000 m über dem Meere alle Annehmlichkeiten, welche er sich wünschen kann. Gar nicht selten sucht er sich seinen Aufenthaltsort nahe an den menschlichen Wohnungen oder in diesen selbst und unternimmt von hier aus seine Raubzüge. So erzählte mir Schimper, daß ein Leopard in einem Hause der Stadt Adua in Abessinien sogar Junge warf. Unter allen Umständen aber wählt sich der schlaue Räuber Plätze, welche ihn soviel wie möglich dem Auge entziehen. Ungeachtet seiner nicht eben bedeutenden Größe ist der Leopard ein wahrhaft furchtbarer Feind aller Tiere und selbst des Menschen, obgleich er diesem so lange ausweicht, wie es angeht. In allen Leibesübungen Meister und listiger als andere Raubtiere, versteht er es, selbst das flüchtigste oder scheueste Wild zu berücken. Im Klettern steht er nur wenig anderen Katzen nach. Man trifft ihn fast ebenso oft auf Bäumen wie in einem Busche versteckt. Bei Verfolgung bäumt er regelmäßig. Wenn es sein muß, steht er nicht an, über ziemlich breite Ströme zu schwimmen. Erst bei seinen Bewegungen zeigt er sich in seiner vollen Schönheit. Jede einzelne ist so biegsam, so federnd, gewandt und behend, daß man an dem Tiere seine wahre Freude haben muß, so sehr man auch den Räuber hassen mag. Da kann man nichts gewahren, was irgend eine Anstrengung bekundet. Der Körper windet und dreht sich nach allen Richtungen hin, und der Fuß tritt fo leise auf, als ob er den leichtesten Körper trüge. Jede Biegung ist zierlich, gerundet und weich: kurz, ein laufender oder schleichender Leopard wird für jedermann zu einer wahren Augenweide wie nur noch ein zweiter, wenn auch weit kleinerer Räuber: die Genettkatze.

Leider steht fein geistiges Wesen mit seiner Leibesschöne, wenigstens nach unseren An-forderungen, nicht im Einklange. Der Leopard ist verschlagen, brshaft, wild, mordlustig, rachsüchtig und dabei nichts weniger als feig. In Afrika nennt man ihn, wie in Amerika

den Jaguar, stellenweise geradezu Tiger, weil man unter diesem Namen das Urbild eines blutdürstigen Wesens bezeichnet. Und wahrhaftig, keine andere altweltliche Katze kann den Namen des furchtbarsten Gliedes der Familie mehr als er verdienen. Er mordet alle Geschöpfe, welche er bewältigen kann, gleichviel, ob sie groß oder klein sind, ob sie sich wehren oder ihm ohne Abwehr zur Beute fallen. Antilopen, Schakale und Kleinvieh bilden wohl seine Hauptnahrung; aber er klettert auch den Affen auf den Bäumen, den Klippschliefern in dem Gefelse nach, bespringt Trappen und Perlhühner bis zu den kleinsten Vögeln herab und verschmäht sicherlich auch Lurche nicht. Alles Getier ist ihm recht; aber er verschlingt auch nach Pechuel-Loesches Beobachtungen die fetten Früchte der Olpalme. Den Pavianen ist er beständig auf den Fersen; er verhindert ein gefährliches Überhandnehmen dieser Tiere: dies sieht man in jenen Höhen, wo er nicht hinkommt.

Unter eingepferchten Herden soll er gelegentlich ein wirkliches Blutbad anrichten und in einer einzigen Nacht ein Dutzend und mehr Schafe töten. Deshalb wird er von den Viehhaltern auch weit mehr gefürchtet als andere Räuber, welche sich meist mit einer Beute begnügen. Den Hühnern schleicht er ohne Unterlaß nach. In Südafrika ist man der Ansicht, daß er Ziegen den Schafen vorziehe. „Der Farmer“, sagt Fritsch, „sieht es daher nicht ungern, wenn sein Hirt sich einige Ziegen hält, weil er weiß, daß, wenn Ziegen mit seinen Schafen weiden, der Leopard sicher die ersteren holen und sein Vieh verschonen wird.“ Dies ser Glaube ist wohl vornehmlich entstanden, weil jene nicht so flüchtig sind wie diese und besonders auch auf weiten Märschen, Reisezügen viel schneller ermatten als Schafe, zurückbleiben und somit dem Räuber leichter zufallen.

Mit der Kühnheit und Raublust verbindet der Leopard überdies die größte Frechheit. Dreist und unverschämt kommt er bis in das Dorf oder bis in die Stadt, ja selbst bis in die bewohnten Hütten hinein. Als sich Rüppell in der abessinischen Provinz Simen befand, packte ein großer Leopard unfern des Lagerplatzes und bei hellem Tage einen der Esel, wurde indessen noch zeitig genug durch das Geschrei der Hirtenknaben verscheucht. „Bei Gondar“, sagt derselbe Naturforscher, „wurden wir durch das Geschrei einer in unserem Haushofe befindlichen Ziege aus dem Schlafe geweckt. Es zeigte sich, daß ein Leopard über die 9 Schuh hohe Hofmauer geklettert war und die schlafende Ziege an der Kehle gepackt hatte. Ein Pistolenschuß, der aber nicht traf, verscheuchte das Raubtier aus dem Hofe, in welchem es die sterbende Ziege zurückließ. Nach 2 Stunden kam der Leopard wieder in den Hof gesprungen und drang sogar bis in mein Schlafzimmer, wo die tote Ziege lag! Als er uns aufspringen hörte, entfloh er abermals unverletzt. Sieben Tage später wurden wir nachts durch das Jammergeschrei unserer Haushühner geweckt, welche hoch oben an der Decke des Vorzimmers auf einer schwebend hängenden Stange saßen. Drei Leoparden auf einmal hatten uns einen Besuch zugedacht. Während nun mein Neger Abdallah mit gespanntem Gewehre das Knurren einer dieser Bestien in dem Vorhofe bei den Maultieren belauschte, sah ich die beiden anderen auf der Mauer des Hinterhofes, wohin ich mich begeben hatte, umhergehen und zwar mit leisem, aber so sicherem Tritte, daß ich darüber ganz erstaunt war. Die zu große Dunkelheit der Nacht machte einen sicheren Schuß unmöglich. Da es den Leoparden gelungen war, einige Hühner zu erhaschen, so konnten wir einer baldigen Wiederholung ihres Besuches gewiß sein. Wirklich erschienen sie auch schon in der nächsten Nacht wieder. Einer aber, welcher bereits zwei Stück Geflügel ertappt hatte, mußte mit dem Leben büßen, indem Abdallah ihm durch einen glücklichen Schuß die Wirbelsäule zerschmetterte.“

Von seiner kühnen Mordlust lieferte der Leopard auch mir einen schlagenden Beweis. Wir ritten vormittags durch einen Teil des Bogosgebirges. Da hörten wir über uns wieder einmal das stets zur Jagd herausfordernde Gebell der großen Paviane und beschlossen sofort, unsere Büchsen an ihnen zu erproben. Unsere Leute blieben unten im Thale, um die 30*

Maultiere zu halten; wir kletterten langsam an der Bergwand empor, wählten uns einen ziemlich passenden Platz und feuerten von da aus nach den oben sitzenden Affen. Es war ziemlich hoch, und mancher von den Schüssen ging fehl; einige hatten jedoch getroffen: die Opfer derselben brachen entweder zusammen oder suchten verwundet das Weite. Sosahen wir einen uralten Mantelpavian, welcher am Halse verletzt worden war, taumelnd und unsicher den Felsen herabkommen und an uns vorüberschwanken, mehr und mehr dem Thale sich zuwendend, woselbst wir ihn als Leiche zu finden hofften.

Urplötzlich entstand ein wahrer Aufruhr unter den Affen und wenige Sekunden später ein wüster Lärm unten im Thale. Sämtliche männliche Mantelpaviane rückten auf der Felskante vor, grunzten, brummten, brüllten und schlugen wütend mit den Händen auf den Boden. Aller Augen richteten sich zur Tiefe, die ganze Bande rannte hin und her; einige besonders grimmige Männchen begannen an der Felswand herabzuklettern. Wir glaubten schon, daß wir jetzt angegriffen werden sollten, und beeilten uns etwas mehr als gewöhnlich mit dem Laden der Büchsen. Da machte uns der Lärm unten auf die Tiefe aufmerksam. Wir hörten unsere Hunde bellen, die Leute rufen und vernahmen endlich die Worte: „zu Hilfe! zu Hilfe! ein Leopard!“ An der Bergwand hinabschauend, erkannten wir denn auch wirklich das Raubtier, welches auf geradem Wege unseren Leuten zueilte, sich aber bereits mit einem Gegenstande beschäftigte, welcher uns unkenntlich blieb, weil er durch den Leoparden verdeckt war. Gleich darauf fielen unten 2 Schüsse; dann wurde es bis auf das anhaltende Gebell der Hunde still. Die ganze Geschichte war so schnell vorübergegangen, daß wir noch immer nicht wußten, um was es sich eigentlich handelte. Wir stiegen deshalb ziemlich eilfertig in das Thal. Hier trafen wir unsere Leute in den verschiedensten Stellungen auf einen Busch starrend: dort stecke der Leopard, sagten sie. Vorsichtig näherte ich mich dem Busche, konnte aber, so sehr ich mich auch anstrengte, noch immer nichts von dem Tiere gewahren. Da deutete einer der Leute mit der Hand auf einen bestimmten Fleck. Hier, dicht vor mir, sah ich den Leoparden endlich liegen. Er war tot. Etwa 10 Schritt weiter thalwärts lag der ebenfalls getötete Hamadryas. | Nun klärte sich der Hergang auf. Beim Hinaufklettern waren wir unzweifelhaft außer: ordentlich nahe am Lagerplatze des Raubtieres vorübergegangen. Dann waren von uns etwa 10 Schüsse abgefeuert worden, deren Knall stets ein vielfaches Echo hervorgerufen hatte. Auf den thalwärts humpelnden verwundeten Affen hatte der Leopard sich gestürzt, ungeachtet der Menschen, welche er gesehen und gehört, ungeachtet der alle Tiere schreckenden Schüsse, ungeachtet des hellen, sonnigen Tages. Wie ein Reiter auf dem Rosse sitzend, war er auf dem Pavian in das Thal hinabgeritten, und nicht einmal das Schreien und Lärmen der Leute hatte ihn zurückgeschreckt. Der Koch hatte, wie er zugestand, „in der Todesangst“ die zweite Büchse seines Herrn aufgenommen, nach der Gegend hingehalten und dem Leoparden glücklich eine Kugel mitten durch die Brust gejagt. Dann hatte er auch den Hamadryas erlegt, wahrscheinlich ohne eigentlich zu wissen, in welcher Absicht. Wie sich später ergab, hatte der Leopard den Affen mit den beiden Vordertatzen gerade vorn am Maule gepackt und hier tiefe Löcher eingerissen, mit den Hinterbeinen aber im Gesäße des Tieres fest sich einzuklammern versucht oder sie, stellenweise wenigstens, nachschleifen lassen. Unbegreiflich war es uns, daß der Mantelpavian, trotz der früher erhaltenen Verwundung, von seinem furchtbaren Gebisse nicht Gebrauch gemacht hatte.

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