Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Auf der Reise von Chartum nach Kairo, welche wir auf dem Nil zurücklegten, wurde sie, solange das Schiff in Fahrt war, in einen Käfig eingesperrt, sobald wir aber anlegten, jedesmal freigelassen. Dann sprang sie wie ein übermütiges Füllen lange Zeit umher und entleerte sich stets zunächst ihres Unrates; denn ihre Reinlichkeitsliebe war so groß, daß sie niemals ihren Käfig während der Fahrt beschmutzte. Bei diesen Ausflügen ließ sie sich mehrere Male dumme Streiche zu schulden kommen. So erwürgte sie unter anderem in einem Dorfe ein Lamm und fing sich in einem zweiten einen kleinen Negerknaben; doch vermochte ich zum Glücke den Bedrängten zu befreien, da sie gegen mich überhaupt nie widerspenstig sich zeigte. In Kairo konnte ich, sie an der Leine führend, mit ihr spazieren gehen, und auf der Überfahrt von Alexandrien nach Triest holte ich sie tagtäglich auf das Verdeck herauf, zur allgemeinen Freude der Mitreisenden. Sie kam nach Berlin, und ich sah sie 2 Jahre nicht wieder. Nach dieser Zeit besuchte ich sie und wurde augenblicklich von ihr erkannt. Ich habe nach allem diesen keinen Grund, an den vielen ähnlichen anderen Berichten, welche wir schon über gefangene Löwen haben, zu zweifeln.
Bei guter Nahrung dauert, wie schon bemerkt, der Löwe viele Jahre in der Gefangenschaft aus. Er bedarf etwa 4 Kg gutes Fleisch täglich. Dabei befindet er sich wohl und wird beleibt und fett. Es wird wohl niemand wundernehmen, daß der Afrikaner den Löwen mit allen Mitteln zu vertilgen sucht, welche er in seiner Macht hat. So schlimm, als man es sich bei uns vorstellt, ist jedoch die Furcht vor dem Löwen nicht. Man begegnet dem Gewaltigen da, wo er ständig vorkommt, auch keineswegs alltäglich. Er bricht nicht fortwährend in die Hürden ein, sondern sucht sich auch in der Wildnis seine Nahrung; ja er wird durch seine Jagden einzelnen Volksstämmen sogar nützlich. Die Buschmänner verdanken ihm oft ein saftiges Mahl. Wo er gejagt hat, durchspüren sie früh am Morgen die Umgegend, und hier fallen ihnen oft noch ansehnliche Reste von dem Wilde zu, das der Löwe in der Nacht geschlagen hat. Sie stehen sogar nicht an, den Räuber von seiner Beute zu vertreiben, damit für sie möglichst viel übrigbleibe.
Aber auch Nordafrikaner klagen wenig über die Verluste, welche sie durch den Löwen erleiden. Man spricht wohl von seinen Raubthaten, aber kaum mit Entrüstung über die Einbuße an Vieh, welche man erlitten hat oder zu erleiden fürchtet, nimmt diese vielmehr als eine Schickung, als etwas Unvermeidliches hin. Ansiedler europäischer Abkunft haben
andere Begriffe von dem Werte des Eigentums als die harmlosen Afrikaner. Nach der Be: rechnung Jules Gérards verursachten im Jahre 1855 etwa 30 Löwen, welche sich in der Provinz Constantine aufhielten, allein an Haustieren einen Schaden von 135,000 Mark unseres Geldes: ein einziger Löwe verbrauchte demnach für 4500 Mark Vieh zu seiner Nahrung. Im Jahre 1856 zu 1857 sollen sich nach demselben Berichterstatter inBona allein 60 Löwen aufgehalten und 10,000 Stück großes und kleines Vieh gefressen haben. Weiter im Innern ist der Schade verhältnismäßig weit geringer, weil die Viehzucht, welche den einzigen Erwerb der Bewohner bildet, in ganz anderer Ausdehnung betrieben wird als in den Ländern, in denen der Ackerbau überwiegt. Gleichwohl ist er noch immer empfindlich genug, und der arme Herdenmann möchte manchmal verzweifeln über die Verwüstungen, welche der Löwe anrichtet. Im Atlas wird der Löwe auf verschiedene Weise gejagt. Wenn er die Nähe des Lagers eines Beduinenstammes aufsucht und allzu lästig wird, umringen die waffenfähigen Männer das Gebüsch, in welchem ihr Hauptfeind sich verborgen hat, und suchen ihn durch Geschrei und Schüsse herauszutreiben. Erscheint er endlich, so senden sie ihm so viele Kugeln zu, daß er gewöhnlich erliegt, manchmal freilich nicht eher, als bis er einige seiner Verfolger übel zugerichtet oder getötet hat. Auch auf dem Anstande erlegt man den Löwen. Die Araber graben eine Grube, decken sie von oben fest zu, so daß nur die Schießlöcher offen sind, und werfen ein frisch getötetes Wildschwein davor; oder sie setzen sich auf Bäume und schießen von dort herab. Außerdem fangen die Araber des Atlas den Löwen in Fallgruben, welche 10 m tief und 5 m breit find. Sobald das königliche Tier in der Grube liegt, läuft von weither alles zusammen, und es entsteht ein entsetzlicher Lärm ringsum. Jeder schreit, schimpft und wirft Steine hinunter. Am tollsten treiben es aber die Weiber und Kinder. Zuletzt schießen die Männer das Tier zusammen. Erst wenn es vollkommen regungslos daliegt, wagt man sich hinab und bindet ihm Stricke um die Füße, an welchen man die Leiche mühselig heraufwindet; denn der ausgewachsene männliche Löwe kann bis 200 kg schwer werden. Jeder Knabe bekommt ein Stück vom Herzen zu essen, damit er mutig werde. Die Haare der Mähne benutzt man zu Amuletten, weil man glaubt, daß derjenige, welcher dergleichen Haare bei sich trage, vom Zahne des Löwen verschont bleibe.
Zur Vervollständigung vorstehender Mitteilungen will ich meinen alten Reisegefährten und Freund, Leo Buvry, noch einiges erzählen lassen: „Es kommt nur noch selten vor, daß die Eingeborenen Algeriens frei und offen dem Löwen den Krieg erklären und ihn in seinem Verstecke aufstören, bis er den Kampf annimmt. Das heutige Geschlecht der Araber, obwohl es ihm durchaus nicht an Mut fehlt, zieht es vor, ihn auf minder gefahrvolle Weise zu bekämpfen. Man spürt seine Fährte auf und gräbt zur Seite derselben ein etwa 2 m tiefes Loch, welches nach oben zu sich verengert und den Getreidegruben ähnlich ist. In dieses Loch versteckt sich der Araber und überdeckt die Offnung mit Zweigen. Dort lauert er viele Nächte, bis der Löwe auf einem seiner Streifzüge wieder einmal diesen Weg aufnimmt. Ist das Raubtier nahe genug am Verstecke, so zielt der Jäger nach dem Kopfe oder dem Herzen. Bei der herrschenden Finsternis ist der Schuß immer unsicher; denn verwundet der Jäger den Löwen bloß, jo faßt dieser alles Umstehende ‚mit seinen grimmigen Tatzen“. Gewöhnlich entfernt er sich nicht so bald von dem Orte, an dem er verwundet wurde, sondern sucht nach dem verborgenen Feinde und erhält sodann die zweite nun tödliche Kugel. Jetzt kriecht der Araber aus seinem Verstecke hervor, zündet ein großes Feuer an, wickelt sich in seinen Burnus und bringt auf diese Weise den Rest der Nacht zu.“ Nächsten Tages legt er die Beute der Obrigkeit vor, um die gesetzmäßige Belohnung dafür zu empfangen. Das Fell wird verhandelt und auch der Körper, welchen der Schlächter zerwirkt und an Europäer verkauft; in Algerien wird der Löwe auch von diesen gern gegessen. „Die Araber fangen junge
Löwen entweder in Fallgruben oder folgen in dem frischgefallenen Schnee der Fährte der Mutter bis zu ihrem Verstecke und rauben in ihrer Abwesenheit die Jungen. Daß ein solches Unternehmen nicht ohne Gefahr ist, leuchtet ein.“
Über wenige Tiere ist von jeher so viel gefabelt worden und wird noch heutigestags so viel gefabelt wie über den Löwen. Die Nachrichten über ihn laufen, wie leicht begreiflich, bis in das graueste Altertum zurück. Die altägyptischen Denkmäler stellen ihn in den verschiedensten Lagen seines Lebens dar und überzeugen uns, daß die alten Agypter ihn sehr gut gekannt, auch schon ganz richtig eingeordnet haben. „Die altägyptische Sprache“, bemerkt Johannes Dümichen, welcher das Nachstehende für das „Tierleben“ niederzuschreiben die Güte gehabt hat, „kennt für Löwe und Katze nur ein und dasselbe Wort. Die Gruppe, durch welche dieses in der Bilderschrift bezeichnet wird, hatte die Aussprache, Maau“, ein Wort, in welchem die klangbildliche Grundlage nicht zu verkennen ist. Ob diese Gruppe in den Inschriften nun die eine oder die andere Bedeutung hat, entscheidet das Determinativ, d. h. dasjenige Bild, welches der voranstehenden Gruppe noch zur besonderen Erläuterung nachgestellt ist, inunserem Falle also das Bild eines Löwen oder das einer Katze. Außer ‚Maau‘ kommen noch vor die Worte ‚Ar‘ und „Tam, letzteres insbesondere zur Be: zeichnung einer Sonnengottheit, welche in der im östlichen Delta gelegenen Stadt Tal, dem Zoan der Bibel und Tanis der Griechen, dem heutigen San, unter dem Bilde eines Löwen, als Schützer der Pforten des Ostens und siegreicher Kämpfer gegen den asiatischen Baal verehrt wurde. Daß die alten Agypter dem Löwen die erste Stelle unter allen Raubtieren einräumten, unterliegt aus dem Grunde keinem Zweifel, als das Wort ‚Maau‘ allgemein zur Bezeichnung der ganzen Ordnung gebraucht wurde. So heißt es in dem nach seinem Besitzer genannten Papyrus Harris: „O Herr der Götter, wolle abwehren von mir alle wilden Raubtiere (Maau⸗-u) des Landes, die Krokodile in dem Strome und die Schlangen alle, welche stechen'. In dem hieroglyphischen Schriftsystem, als ein Klangbild gebraucht, it das Bild eines ruhenden Löwen der Vertreter des Lautes AR oder L, welche in der ägyptischen Sprache noch nicht getrennt waren, daher wir noch im Koptischen, der Tochter des Altägyptischen, dieselben Worte, in denen in den entsprechenden hieroglyphischen Gruppen das Zeichen des ruhenden Löwen als Vertreter des R oder L auftritt, bald mit R, bald mit L geschrieben finden. „Auf Denkmälern aus fast allen Zeiten des ägyptischen Reiches, auch schon auf solchen, denen wir ein Alter von mindestens 4000 Jahren zuschreiben müssen, wie z. B. in den Gräbern bei den Pyramiden von Sakhara, begegnen uns unter dem Bilderschmucke der Wände in Tempeln und Grabkammern nicht selten Darstellungen freilebender und gezähmter Löwen, und zwar kommt, was Beachtung verdient, nicht bloß der afrikanische, sondern auch der asiatische Löwe vor, letzterer bald von asiatischen Völkerschaften als Tribut herbeigeführt, bald von den auf Kriegszügen in Asien weilenden Königen verfolgt. Die älteste mir bekannte Darstellung einer Löwenjagd weist eine Grabkammer bei Sakhara auf, deren Bilderschmuck unzweifelhaft zu den gelungensten Schöpfungen altägyptischer Kunst gehört und der Tierbilder wegen den Tierkundigen empfohlen sein mag. Der Inhaber des Grabes, in den Inschriften Ptah-Hoteb genannt, ein hoher Würdenträger des Reiches unter König Tatkara-Assa, dem Tancheres der fünften Manethonischen Dynastie, wahrscheinlich derselbe, welcher die unter dem genannten Könige so berühmt gewordenen Weisheitssprüche über den Umgang mit Menschen schrieb, beweist, daß er auch mit Tieren umzugehen und ihre Jagd auszuüben verstand. Im ersten Teile meiner „Resultate einer archäologischen Expedition“ habe ich sämtliche Darstellungen und Inschriften der vier Wände und unter ihnen auch die erwähnte Jagdszene wiedergegeben. Es ist hier nicht, wie auf anderen Bildern, ein Angriff auf den Löwen mit Speer und Lanze, sondern ein Überlisten
des Raubtieres dargestellt. Dieses hat man herbeigelockt durch ein als Köder dienendes Rind, dessen Entsetzen der Künstler in der naivsten Weise zum Ausdrucke zu bringen gesucht hat, während eine noch zusammengekoppelte Meute edler Windhunde des Augenblickes harrt, von dem Jagdherrn losgelassen und zur Überwältigung des Löwen verwendet zu werden. Die andere Hälfte des großen Gemäldes zeigt uns einen schwach bemähnten Sennar- oder Senegallöwen hinter Schloß und Riegel, in einem von mehreren Männern getragenen Käfig, zum Beweise, daß die Jagd geglückt, oder daß man schon in jener frühen Zeit im stande war, das gewaltige Raubtier einzufangen. Doch dies nicht allein: die alten Agypter verstanden nicht bloß den Gepard, sondern sogar den Löwen zu zähmen und ihn zur Jagd sich dienstbar zu machen. Auf vielen Bildern sehen wir den Herrscher, wie er mit Speer und Lanze der Tiere König entgegentritt, und vernehmen, daß Amenophis III. sich rühmt, in den ersten 10 Jahren seiner Regierung nicht weniger als 110 Löwen erlegt zu haben; auf anderen finden wir Darstellungen des Königs und eines Löwen, welcher gemeinschaftlich mit ihm gegen die andringenden Feinde kämpft. So z. B. ist der König Ramses der Große in den nubischen Felsentempeln von Derr und Abu Simbal abgebildet in Begleitung eines ihm zur Seite kämpfenden Löwen, und die über letzteren zur Erläuterung des Bildes dienende hieroglyphische Inschrift lautet: ‚Der Löwe, Begleiter Seiner Majestät, reißt in Stücke seine Feinde.“
Die Bibel erwähnt den Löwen an vielen Stellen, und die Hebräer haben eine ganze Anzahl Namen für ihn. Griechen und Römer erzählen sehr ausführlich von dem königlichen Tiere und berichten dabei eine Masse von Märchen mit. Des Löwen Knochen sollen so hart sein, daß sie Feuer geben; er soll die kleinen Tiere verachten, die Weiber schonen ꝛc.; die starke und grausame Löwin soll nur ein einziges Junges in ihrem ganzen Leben werfen, weil dasselbe mit seinen scharfen Krallen den Tragsack zerreiße, genau wie es der Viper auch gehe. Aristoteles weiß, daß die Löwin mehrmals Junge wirft, und daß die jungen Löwen sehr klein sind und erst im zweiten Monate gehen können, weiß sogar, daß es zwei Arten Löwen gibt: kürzere mit krauserer Mähne, welche die furchtsameren, und längere mit dichterer Mähne, welche die stärkeren find. Plinius jagt, daß die jungen Löwen anfänglich unförmliche Fleischklumpen seien, nicht größer als ein Wiesel, daß sie nach 2 Monaten kaum sich rühren könnten und erst nach dem sechsten gehen lernten. Sie tränken selten, fräßen nur einen Tag um den anderen und könnten dann wohl 3 Tage fasten, verschlängen alles ganz und zögen das, was der Magen nicht fassen könne, mit den Klauen wieder aus dem Rachen, um nötigen Falls entfliehen zu können. Unter allen reißenden Tieren sei der Löwe allein gnädig gegen Bittende, verschone die, welche sich vor ihm niederwerfen, und ließe seinen Grimm mehr gegen die Männer als gegen die Weiber, gegen die Kinder nur beim ärgsten Hunger aus. In Libyen glaube man, daß er das Bitten verstehe; denn eine gefangene Frau erzählte, sie sei von vielen Löwen angefallen worden, habe sie aber alle durch Zureden besänftigt und immer gesagt, daß sie nur eine Frau wäre, flüchtig und krank, eine Bittende vor dem Großmütigsten, über alle übrigen Tiere Befehlenden, eine Beute, welche seines Ruhmes nicht würdig wäre: da habe sie der Löwe gehen lassen.