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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Schon ganz junge Jaguare haben scharfe und spitze Zähne; im ersten Jahre werden dieselben gewechselt, nach 2— 3 Jahren haben fie ihre volle Größe erreicht. Sobald die Unzen ihre Kraft fühlen, gegen das dritte Jahr hin und noch früher, ermangeln fie nicht, zum Schaden ihres Herrn von ihren Zähnen Gebrauch zu machen. Vergebens werden ihnen die Eck- und Schneidezähne bis auf die Wurzel abgefeilt und die Klauen von Zeit zu Zeit beschnitten: fie können vermöge ihrer großen Kraft auch ohne Waffen Unglück stiften. So sah Rengger einen zahmen und in dieser Weise verstümmelten Jaguar, auf welchen die Kinder des Hauses ohne Scheu sich zu setzen pflegten, seine sonst geliebte Wärterin, ein

zehnjähriges Negermädchen, in einem Anfalle von böser Laune mit einem Schlage der Tatze in den Nacken zu Boden werfen und über fie herfallen. Obwohl ihm das Kind sogleich entrissen wurde, hatte er mit seiner zahnlo sen Kinnlade doch schon einen Arm zerquetscht, und es dauerte mehrere Stunden, bis das Mädchen wieder zu sich kam. Weibliche Jaguare sind leichter zähmbar als männliche, und wenn man den letzteren durch Verschneidung einen Teil ihrer Wildheit zu nehmen sucht, werden sie fast noch tückischer als vorher, gehen auch, weil sie sehr fett werden, gewöhnlich nach kurzer Zeit zu Grunde. Solange sie noch jung sind, kann man sie durch Schläge bändigen; später hält es schwer, ihrer Meister zu werden. Großmut und Erkenntlichkeit find dem Jaguar fremd; er zeigt keine ausdauernde Anhänglichkeit für seinen Wärter oder für ein mit ihm auferzogenes Tier, und es ist daher immer eine gewagte Sache, ihn länger als ein Jahr, ohne ihn einzusperren, in der Gefangenschaft zu halten. | In den Käfigen unserer Tiergärten und Tierbuden benimmt sich der Jaguar ganz wie der Pardel. Die von mir nach Beobachtung verschiedener Jaguare in Tiergärten gefaßte Meinung, daß er sich schwierig zähmen und kaum zum „Arbeiten“ abrichten lasse, ist durch Kreuzberg, einen unserer erfahrensten und geschicktesten Tierbändiger, widerlegt worden. Gerade die wildesten Jaguare werden in der Regel die gelehrigsten Schüler eines Meisters dieser gefährlichen Kunst, müssen jedoch erst vollständig sich bewußt geworden sein, daß sie an dem Bändiger einen Herrn über sich haben, gegen dessen Willen jede Auflehnung vergeblich ist. Gefangene Jaguare haben sich wiederholt fortgepflanzt, und zwar nicht allein in Tiergärten, sondern auch in Tierschaubuden. Ebenso paart sich der Jaguar mit Leopard, Panther und Sundapanther und erzielt kräftige, fortpflanzungsfähige Blendlinge. Der von Fitzinger als eigene Art aufgestellte Grauparder (Leopardus poliopardus) war, nach der von Kreuzberg mir gegebenen Versicherung, der Sprößling eines Jaguars und eines schwarzen Sundapanthers. Pardel haben sich zweifellos verschiedene Male erfolgreich mit dem Jaguar gepaart und jedesmal ähnliche Blendlinge erzeugt; und einer der letzteren warf, nachdem er mit einem Leoparden gekreuzt worden war, Junge, von denen das eine dem Vater Leopard, das andere der Mutter Grauparder in allen wesentlichen Stücken glich. In Brasilien wird allgemein versichert, daß Unzen sich auch mit Pumas paaren.

Seiner Schädlichkeit wegen wird der Jaguar in bewohnten Gegenden auf alle mögliche Weise gejagt und getötet. In Südamerika bedienen sich Indianer ihrer mit dem mörderischen Urarigifte getränkten Pfeile. Weit verwegener als diese Jagd ist die folgende. Der Jäger umwickelt mit einem Schaffelle den linken Arm und bewaffnet sich mit einem zwei-schneidigen Messer oder Dolche von etwa 2 Fuß Länge. So ausgerüstet, sucht er mit 2 oder 3 Hunden den Jaguar auf. Dieser bietet wenigen Hunden sogleich die Spitze; der Jäger | naht sich ihm und reizt ihn gewöhnlich mit Worten und Gebärden. Plötzlich springt der | Jaguar mit weit aufgerissenem Rachen auf den Jäger zu, richtet sich aber zum Angriffe wie unser Bär in die Höhe. In diesem Augenblicke hält der Jäger den beiden vorderen | Pranken des Tieres den umwundenen Arm vor und ftößt ihm, mit dem Körper etwas nach rechts ausweichend, den Dolch in die linke Seite. Der getroffene Jaguar fällt durch den Stoß um so eher zu Boden, als es ihm schwer wird, in aufrechter Stellung das Gleichgewicht zu bewahren, und die Hunde werfen sich über ihn her. War die erste Wunde nicht tödlich, so macht er sich wohl wieder von den Hunden los und stürzt sich von neuem auf seinen Gegner, welcher ihm alsdann einen zweiten Stich versetzt. Rengger kannte einen Indianer aus der Stadt Bajada, welcher über 100 Jaguare auf diese Weise erlegt hatte. Er war ein leidenschaftlicher Jäger, büßte aber im Jahre 1821 auf einer solchen Jagd doch das Leben ein. Göring hörte von einem Gaucho erzählen, welcher wegen seiner Jagden

den Namen „Tigertöter“ erhalten hatte. Dieser kühne Mann hatte viele Jaguare ebenfalls mit dem Messer erlegt. Nach Angabe Renggers wird die Unze in Paraguay meist auf folgende Art gejagt: Ein guter Schütze, in Begleitung von zwei Männern, von denen der eine mit einer Lanze, der andere mit einer 5 Fuß langen zweizackigen Gabel bewaffnet ist, sucht mit 6— 10 Hunden den Jaguar auf. Sowie nun die Jäger des Jaguars ansichtig werden, stellen sie sich nebeneinander, den Schützen in der Mitte. Dieser sucht ihm einen Schuß in den Kopf oder in die Brust beizubringen. Nach einem Treffschusse fallen die Hunde über ihren grimmig gehaßten Feind her und drücken ihn zu Boden, wo seine Niederlage leicht vollendet wird. Fehlt aber der Schuß, oder wird der Jaguar nur leicht verwundet, so greift er oft an. Sobald er sich dabei aufrichtet, hält ihm der mit der Gabel bewaffnete Jäger diese vor, und der Lanzenträger gibt ihm von der Seite einen Stich in die Brust, zieht aber die Lanze sogleich wieder zurück und macht sich auf einen zweiten Stoß gefaßt. Während des Kampfes suchen die Hunde den Jaguar niederzureißen, indem fie ihn beim Schwanze fassen; nur sehr starke greifen ihn von der Seite an. Bei solcher Jagd sind selbst die beherztesten und geübtesten Männer gefährdet; denn da der Kampfplatz gewöhnlich im Dickichte des Waldes ist, bedarf es nur eines geringen Hindernisses, um den Stoß des Lanzenträgers unsicher zu machen. Die Paraguayer greifen den Jaguar übrigens zu Pferde auch bloß mit dem Lasso an, werfen ihm die Schlinge um den Hals, schleifen ihn im Galopp fort und erwürgen ihn, manchmal mit Hilfe eines zweiten Lasso, der in entgegengesetzter Richtung angezogen wird. Auf dem Anstande wird der Jaguar ebenfalls erlegt. Hier und da gräbt man auch Fallgruben oder stellt bei einem vom Jaguar getöteten Opfer Selbstschüsse.

Das Fell des Jaguars hat in Südamerika nur geringen Wert und wird höchstens zu Fußdecken und dergleichen verwendet. Das Fleisch einer Unze, von der von den Steinen aß, erwies sich zäh; dagegen sagt er von dem einer zweiten erlegten: „Das Unzenfleisch schmeckt fett wie Schweinebraten. Zu den Koteletten würde Rotkraut vorzüglich passen.“ Gewisse Teile des Jaguarleibes werden als Arzneimittel angewendet. So meint man, daß das Fett gegen Wurmkrankheiten und die gebrannten Krallen gegen Zahnschmerzen gute Mittel seien. Außerdem wird das Fett von den Wilden zum Einreiben ihres Körpers benutzt, und sie glauben dadurch ebenso stark und mutig zu werden wie das Raubtier selbst. Besonders gefährliche Jaguare, welche sich nur schwer aus der Nähe der Dörfer vertreiben lassen und die Bewohner derselben stets mit ihren Überfällen bedrohen, werden, wenn sie getötet worden sind, nicht benutzt; denn die Indianer sind überzeugt, daß sie eigentlich gar keine Tiere, sondern zauberhafte Wesen oder die Hüllen verstorbener lasterhafter Menschen seien.

Der Mbaracaya oder Tschati — Chati — (Felis mitis, F. chati und maracaya, Leopardus maracaya) ähnelt in feinem Leibesbau dem Jaguar, unterscheidet sich aber nicht nur durch seine Zeichnung, sondern ebenso durch seine weit geringere Größe von dem gefürchteten Räuber; auch ist der Kopf verhältnismäßig kleiner und der Schwanz verhältnismäßig kürzer. Der Tschati gehört aber immerhin noch zu den größeren Katzen; denn seine Körperlänge beträgt rund 80, die des Schwanzes 30 und die Schulterhöhe 40 cm. Der Grundton der Färbung ist mehr gelblich als rötlich, der Grundfarbe des Leopardenfelles ziemlich ähnlich, die Unterseite rein weiß. Auf dem Kopfe, Rücken, am Schwanze und unten an den Beinen heben sich einfache, schwarze Tüpfel ab, welche ebenso unregelmäßig in ihrer Gestalt wie in ihrer Anordnung, weil bald langgezogen, bald rund, bald in Streifen geordnet, bald wirr durcheinander gestreut sind. Ein Flecken über dem Auge und die Backen

sind rein weiß, die Ohren innen weiß, außen schwarz mit weißem oder gelbem Flecken. An den Seiten des Kopfes verlaufen zwei schwarze, unter der Kehle zieht ein brauner Streifen hin. Die Endhälfte des Schwanzes zeigt schwarze Binden und einige Ringel vor der Spitze. Die Jungen haben ein struppigeres und streifig geflecktes Haarkleid; aber auch bei den Alten ändert die Grundfarbe und die Beschaffenheit der Flecken und Streifen vielfach ab. Er ist in Südamerika bis nach Patagonien verbreitet.

Der Tschati ist ein höchst eifriger Jäger und wagt sich schon an ziemlich große Tiere, beispielsweise kleine Hirsche. Den Hühnerzüchtern, welche in der Nähe der Waldungen wohnen, ist er ein sehr unangenehmer und ungemütlicher Nachbar, und jeder, welcher Hühner hat, mag sich vor ihm in acht nehmen; denn, wie es scheint, zieht er Geflügel allem übrigen Wilde vor und stattet deshalb den Hühnerhäusern häufig Besuche ab. Eine Mauer oder ein Pfahlzaun rings um das Gehöft schützt nicht gegen seine nächtlichen Besuche, weil er es ebensogut versteht, durch die schmalsten Offnungen sich zu drängen, wie über hohe Umfassungen zu klettern. Dabei ist er äußerst vorsichtig bei seinen nächtlichen Überfällen, läßt gewöhnlich nicht das geringste Anzeichen von seinen Besuchen zurück und nur am nächsten Morgen durch einige Blutspuren oder zerstreute Federn oder mehr noch durch die fehlenden Hühner erkennen, daß er wieder einmal da gewesen sei. Innerhalb zweier Jahre wurden nicht weniger als 18 Tschatis von einem Landeigner um sein Gehöft herum gefangen; hieraus mag hervorgehen, daß sie an manchen Orten häufig genug sind.

Man sagt, daß der Tschati in Paaren lebe und jedes derselben einen besonderen Jagdgrund besitze, ohne daß jedoch die beiden Gatten bei der Jagd sich behilflich wären. Während des Tages liegen die Tiere sorgfältig verborgen in dem dunkeln Schatten der Wälder und schlafen, bis die Sonne zur Rüste gegangen ist und die Dunkelheit über das Land sich senkt. In Mondscheinnächten scheuen sie sich, an ein Gehöft heranzuschleichen; je dunkler und stürmischer aber die Nacht ist, um so mehr scheint sie dieser Katze geeignet, einen Überfall auf die von den Menschen geschützten Tiere zu versuchen.

In der Gefangenschaft ist der Tschati ein sehr liebenswürdiges und anhängliches Tier, welches seinen Herrn durch sein angenehmes Wesen und die hübschen und anmutigen Streiche erfreut. Einer, welcher von dem erwähnten Landbesitzer gefangen worden war, wurde so vollständig zahm, daß man ihm zuletzt die Freiheit gab. Doch jo liebenswürdig und ums gänglich er auch gegen seinen Herrn sich bewiesen hatte, so mord- und raublustig zeigte er sich den Hühnern gegenüber. Seine Mordsucht war viel zu tief in ihm eingewurzelt, als daß sie hätte ausgerottet werden können. Das Tier benutzte jeden Augenblick, um im eigenen Hause oder in der Nachbarschaft einen Überfall zu machen, und verlor auf einem dieser Streifzüge durch den Speer eines erbosten Landwirts sein Leben.

In Brasilien jagt man den Tschati mit Hilfe der Hunde, vor denen er sofort bäumt, dem Jäger sodann zur leichten Beute werdend. Die Neger und selbst einige Urbewohner essen das Fleisch, obgleich der Tschati, laut Prinz von Wied, einen unangenehmen Geruch von sich gibt. Aus dem schönen Felle, welches für Pferdedecken zu klein ist, bereiteten die brasilianischen Jäger zuzeiten der Reise des Prinzen Regenkappen für ihre Gewehrschlösser.

An den Mbaracaya schließt sich der Ozelot oder die Pardelkatze (Felis pardalis, Leopardus pardalis) an. Seine Länge beträgt 1,53ö— 1,40 m, wovon der Schwanz 40— 45 em wegnimmt, die Höhe am Widerriste etwa 50 cm; das Tier kommt also unserem Luchs an Leibesumfang annähernd gleich, steht jedoch an Höhe weit hinter diesem zurück. Der Leib ist verhältnismäßig kräftig, der Kopf ziemlich groß, der gegen die Spitze verdünnte Schwanz mäßig lang, das Ohr kurz, breit und abgerundet, der Augenstern länglich-eiförmig,der Pelz dicht, glänzend weich und dabei ebenso bunt wie geschmackvoll gezeichnet. Seine Grundfärbung

Mbaracaya. Ozelot: Verbreitung. 505-

ist auf der Oberseite ein bräunliches Grau oder Rötlichgelbgrau, auf der Unterseite ein gilbliches Weiß. Von den Augen zieht sich jederseits ein schwarzer Längsstreifen zu den Ohren. Die Oberseite des Kopfes zeigt kleine Tüpfel; auf den Wangen verlaufen Querstreifen und von diesen aus ein Kehlstreif, über den Rücken mehrere Längsstreifen, meist vier, längs des Rückens eine Reihe schmaler schwarzer Flecken, unter denen größere hervortreten, an den Seiten gekrümmte Längsreihen breiter bandförmiger Längsstreifen, welche von den Schultern bis zum Hinterteile reichen und lebhafter als die Grundfarbe, schwarz gesäumt, oft auch in der Mitte dunkel punktiert sind. Den Unterleib und die Beine zeichnen volle Flecken, welche auf dem Schwanze in Ringe übergehen. Diese Färbung ändert übrigens sehr ab: oft sind die schwarzen Längsstreifen des Rückens durch breitere fahle Streifen in acht

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