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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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„In einigen Teilen der Staaten Maine und Neubraunschweig“, so erzählt Audubon, „gibt es Landstrecken, welche früher mit großen Bäumen bestanden waren, teilweise aber durch Feuer verheert wurden und einen überaus traurigen Anblick gewähren. Soweit das Auge reicht, trifft es nach jeder Richtung hin auf hohe, geschwärzte, aufrecht stehende Stämme, von denen nur einzelne noch einen oder mehrere ihrer dicken Aste in die Luft strecken, während die größere Masse des Gezweiges, halb verbrannt und verkohlt, halb verfault und vermodert, den Boden deckt. Zwischen diesen Überbleibseln vergangener Tage ist eine neue Pflanzenwelt aufgeschossen; die Natur hat wieder begonnen, das Vernichtete zu ersetzen und auf Strecken hin bereits ein dichtes Unterholz gebildet. Der Mann, welcher solchen Wald betritt, muß seinen Weg sich mühsam bahnen, bald über Stämme klettern, bald unter ihnen wegkriechen oder auf einem der gefallenen dahingehen, um allen den verschiedenen Hindernissen auszuweichen, welche sich finden. In solchen Wäldern geschieht es, daß der Jäger, dessen Aufmerksamkeit bisher höchstens durch Wildhühner und andere Vögel beansprucht wurde, langsam und unhörbar ein großes Säugetier sich bewegen sieht, welches bestrebt ist, vor dem unwillkommenen Störenfriede sich zu verbergen. Der Kundige erkennt in ihm den Luchs, welcher listig genug ist, vor seinem gefährlichsten Feinde so rasch wie möglich sich zurückzuziehen. Ebenso oft mag es vorkommen, daß dasselbe Tier, auf einem starken Zweige gelagert und von dichtem Laube verhüllt, den Jäger an sich vorbeigehen läßt, ohne sich zu regen oder überhaupt ein Zeichen von seinem Vorhandensein zu geben. Auge und Ohr scharf auf den Feind gerichtet, nimmt es jede Bewegung desselben wahr, prüft und beurteilt jede seiner Handlungen, und auch nicht das leiseste Zucken verrät die gespannte Aufmerksamkeit des listigen Geschöpfes.“

Die Art der Gattung, welche der malerische Schriftsteller mit vorstehenden Worten uns vorstellt, ist der Polarluchs oder Pischu (Lynx borealis, Felis borealis, F. und Lynx canadensis), eines der wichtigeren Pelztiere Amerikas, unter den dortigen Luchsen der größte. Ein vollkommen ausgewachsenes Männchen erreicht eine Gesamtlänge von 1,15 m, wovon etwa 13 em auf den Schwanz gerechnet werden müssen, bei einer Schulterhöhe von etwa 55 em, steht also unserem Luchse etwas nach. Der Pelz ist länger und dicker als bei dem europäischen Verwandten, der Bart wie der Ohrpinsel mehr entwickelt, das einzelne Haar weich und an der Spitze anders gefärbt als am Grunde. Ein bräunliches Silbergrau ist die vorherrschende Färbung, die Fleckenzeichnung macht sich auf dem Rücken fast gar nicht,

an den Seiten nur wenig bemerklich. Letztere und die Läufe sind gewellt, jedoch so schwach, daß man die verschiedenen Farben nur in der Nähe wahrnehmen kann; bei einiger Entfernung verschmelzen sie dem Auge zu einem einzigen Farbentone. Auf den Außenseiten der Läufe tritt die bandartige Zeichnung etwas deutlicher hervor, wirkliche Flecken aber zeigen sich nur auf der Innenseite der Vorderläufe in der Gegend der Ellbogen. Die Färbung der Oberseite geht ohne merkliche Abstufung in die der fleckenlosen, schmutzig-, am Bauche dunkelgrauen Unterseite über. Die Nase ist fleischfarbig, die Lippe gelbbraun, der Lippenrand

Polarluchs (Lynx borealis). Vs natürl. Größe.

dunkelbraun, das Gesicht lichtgrau, die Stirn etwas dunkler, der Länge nach deutlich gestreift, das Ohr am Grunde graubräunlich, am Rande schwarzbraun, in der Mitte durch einen großen weißen Flecken gezeichnet, auf der Innenseite mit langen gelblichweißen Haaren besetzt, der Bart bis auf einen ziemlich großen schwarzen Flecken, welcher jederseits unterhalb der Kinnlade steht, lichtgrau, der Schwanz auf der Oberseite rötlich- und gelblichweiß gebändert, an der Spitze schwarz, auf der Unterseite gleichfarbig lichtgelb. Das einzelne Haar hat gelblichbraune Färbung an der Wurzel, hierauf einen dunkleren und sodann einen graugelblichen Ring und entweder schwarze oder graue Spitzen. Von den Schnurrhaaren sind die meisten weiß, einige wenige aber schwarz. Im Sommer spielt die Färbung mehr ins Rötliche, im Winter mehr ins Silberweiße. |

Das Verbreitungsgebiet des Polarluchses erstreckt sich über den Norden Amerikas, nach Süden hin bis zu den großen Seen, nach Osten hin bis zu dem Felsengebirge. Waldige

Polarluchs (Lynx borealis). Vs natürl. Größe.

Gegenden bilden feine Wohngebiete. Im allgemeinen stimmt feine Lebensweise mit der um: seres Luchses überein; wenigstens vermag ich nicht, aus den mir bekannten Beschreibungen der amerikanischen Forscher etwas herauszufinden, was dem widersprechen sollte. Nach der Schilderung von Richardson ist der Pischu erbärmlich feig und wagt sich nicht einmal an größere Säugetiere, sondern jagt bloß auf Hasen und kleine Nagetiere oder kleine Vögel. Vor dem Menschen und den Hunden flieht er stets; wird er gestellt, so sträubt er im Angriffe, wie alle Katzen, sein Haar, droht und faucht, läßt sich aber doch leicht besiegen, sogar mit einem Stocke erschlagen. Wegen dieser Ungefährlichkeit und Häufigkeit wird er sehr lebhaft gejagt. Audubon, welcher das Tier ausführlicher beschreibt, hält Richardsons Angaben teilweise für irrtümlich. Er schildert auch diesen Luchs als ein starkes, wehrhaftes Tier, welches sich seiner Haut zu wehren weiß. Ein gefangener, welchen ich pflegte, bestätigt seine Ansicht; mit ihm war durchaus nicht zu scherzen. Ungeachtet aller Bemühungen von meiner Seite, hat er nie sich entschließen können, ein freundschaftliches Verhältnis mit mir einzugehen. Er war ernst-ruhig, aber unfreundlich, fast mürrisch; jede feiner Bewegungen war kräftig, jedoch leicht und gewandt. Bei Tage lag er stundenlang regungslos auf seinem Baumaste, nachts wanderte er gemachsam im Käfig auf und nieder. Niemals sah man ihn ohne Not umherspringen, wie die meisten übrigen Katzen dies thun; er war träger als seine sämtlichen Verwandten.

Der Polarluchs ist neben dem ebenfalls in Amerika heimischen Rotluchs (Lynx rufus) die nützlichste Wildkatze, weil sein Fell vielfache Verwendung findet. Schon in den vierziger Jahren kamen, nach Lomer, besonders infolge der von der Hudsonbaigesellschaft erhöhten Fangvergütung, alljährlich 30 — 46,000 Felle nach Europa. Da seit einigen Jahren Luchspelze von der Mode bevorzugt werden, auch neue Jagdgründe erschlossen wurden, ist die Einfuhr auf 86,904 Stück (1888) gestiegen. Der Preis eines guten Felles, in den sechziger Jahren 12 — 16 Mark, verdoppelte sich bis 1885, stieg 1886 auf 25— 40 Mark und beträgt jetzt (1889) 30—33 Mark. Das Wildbret wird in Amerika gegessen; doch meint Audubon, daß ihm ein kräftiges Stück Büffellende unter allen Umständen lieber wäre als Luchsfleisch, es möge zubereitet sein, wie es wolle.

Unter den beiden übrigen zu besprechenden Mitgliedern der Gattung, welche sich wie der Polarluchs durch starken Bart und kurzen, stummelhaften Schwanz auszeichnen, steht der

Luchs oder Tierwolf (Lynx vulgaris, L. borealis, cervarius, lupulinus, Felis lynx und lupulina) an Schönheit, Stärke und Kraft obenan. Erst durch das Museum von Christiania bin ich über die Größe belehrt worden, welche ein Luchs wirklich erreichen kann; denn in unseren deutschen Sammlungen findet man gewöhnlich nur mittelgroße Tiere. Ein vollkommen ausgewachsener Luchs ist mindestens ebenso stark, nur etwas kürzer und hochbeiniger, wie die Leoparden, welche wir in unseren Tierschaubuden zu sehen bekommen. Die Länge seines Leibes beträgt reichlich Im und kann wohl auch bis zu 1,3 m steigen, der Schwanz ist 15—20 cm lang, die Höhe am Widerriste beträgt bis 75 cm. An Gewicht kann der Luchskater bis 30, ja, wie man mir in Norwegen sagte, sogar bis 45 kg erreichen. Das Tier hat einen außerordentlich kräftigen, gedrungenen Leibesbau, stämmige Glieder und mächtige, an die des Tigers oder Leoparden erinnernde Pranken, verrät daher auf den ersten Blick seine große Kraft und Stärke. Die Ohren sind ziemlich lang und zugespitzt und enden in einen pinselförmigen Büschel von 4 em langen, schwarzen, dichtgestellten und aufgerichteten Haaren. Auf der dicken Oberlippe stehen mehrere Reihen steifer und langer Schnurren. Ein dichter, weicher Pelz umhüllt den Leib und verlängert sich im Gesichte zu einem Barte, welcher zweispitzig zu beiden Seiten herabhängt und im Vereine mit den Ohrbüscheln dem Luchsgesichte ein ganz seltsames Gepräge gibt. Die Färbung des Pelzes ist

oben rötlichgrau und weißlich gemischt, auf Kopf, Hals und Rücken und an den Seiten dicht mit rotbraunen oder graubraunen Flecken gezeichnet; die Unterseite des Körpers, die Innenseite der Beine, der Vorderhals, die Lippen und die Augenkreise sind weiß. Das Gesicht ist rötlich, das Ohr inwendig weiß, auf der Rückseite braun und schwarz behaart. Der Schwanz, welcher überall gleichmäßig und gleich dick behaart ist, hat eine breite, schwarze Spitze, welche

Luchs (Lynx vulgaris). ½0 natürl Größe.

fast die Hälfte der ganzen Länge einnimmt; die andere Hälfte ist undeutlich geringelt, mit verwischten Binden, welche unten aber nicht durchgehen. Im Sommer ist der Balg kurzhaarig und mehr rötlich, im Winter langhaarig und mehr grauweißlich gefärbt; allein die ganze Färbung verändert sich in der mannigfaltigsten Weise, und auch die Flecken wechseln bei verschiedenen Tieren erheblich ab. Man hat deshalb nach den Bälgen mehrere Arten von Luchsen annehmen wollen, sich jedoch allmählich davon überzeugt, daß dies unthunlich ist; denn es sind in einem Gewölfe Junge von allen Farbenschattierungen und Zeichnungen gefunden worden. Das Weibchen scheint sich regelmäßig durch rötere Färbung und undeutlichere Flecken von dem Männchen zu unterscheiden; die neugeborenen Jungen sind weißlich.

Luchs (Lynx vulgaris). ½0 natürl Größe.

Die erzgelben Augen haben eine runde Pupille. Im Winterkleide wird die bräunliche Färbung durch Grau verdeckt, indem die im Spätherbste rasch wachsenden Grannenhaare an den Spitzen verbleichen und diese mehr und mehr zur Geltung kommen, je weiter ihre Verfärbung nach der Wurzel zu vorrückt.

Der Luchs war den Alten bekannt, wurde in Rom aber doch weit seltener gezeigt als Löwe und Leopard, weil es schon damals viel schwerer hielt, ihn lebend zu erlangen, als einen der erwähnten Verwandten zu bekommen. Den, welcher unter Pompejus gezeigt wurde, hatte man aus Gallien eingeführt. Über sein Freileben scheint man nichts gewußt zu haben, deshalb war dem Aberglauben vielfacher Spielraum gelassen. „Kein thier ist“, sagt der alte Gesner, Schilderungen der Alten wiedergebend, „daß so ein scharpffe gesicht habe als ein Luchß, dann nach der sag der Poeten söllen sy auch mit jren augen durchtringen die Ding so sunst durchscheynbar nit sind, als wänd, mauren, holtz, stein und dergleychen. Dargegen so jnen durch scheynbare Ding fürgehalten werden, so hassen sy jr gesicht und sterben daruon.“ In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs ungefähr dieselbe Rolle wie die Katze; denn wahrscheinlich ist er es und nicht seine Verwandte, welcher als Tier der Freyja aufgefaßt werden muß und deren Wagen zieht.

Noch im Mittelalter bewohnte er ständig alle größeren Waldungen Deutschlands und ward allgemein gehaßt, auch nachdrücklichst verfolgt. Ende des 15. Jahrhunderts galt er, laut Schmitt, in Pommern als das schlimmste Raubtier. „Den Luchs“, so heißt es in Peterdorps Verordnung, „wiel he de aergste ist, moth man flitig by Wintertieden nah: stellen, em mit Netten fangen, scheten.“ Von dieser Zeit an hat er in Deutschland stetig abgenommen und kann gegenwärtig als ausgerottet gelten. In Bayern, dem an sein Wohngebiet, die Alpen, angrenzenden Lande Süddeutschlands, war er noch zu Ende des vorigen undzu Anfange unseres Jahrhunderts eine zünftigen Jägern wohlbekannte Erscheinung. Laut Kobell, dem wir so viele anziehende Jagdbilder verdanken, wurden in den Jahren 1820—21 allein im Ettaler Gebirge 17 Luchse erlegt und gefangen; im Jahre 1826 fing man im Riß ihrer 5, bis 1831 noch ihrer 6. Im Forstamte Partenkirchen erbeutete man 1829 —30 in dem einen Reviere Garmisch 3, in Eschenloch 5, in der Vorderriß ebenfalls 5 Luchse. Zwei bayrische Jäger, Vater und Sohn, fingen in 48 Jahren, von 1790 bis 1838, 30 Stück der gehaßten Raubtiere. Der letzte Luchs wurde im Jahre 1838 im Rottenschwanger Reviere erbeutet; seitdem hat man noch im Jahre 1850 auf der Zipfelsalpe ihrer 2 gespürt, und wahrscheinlich sind auch in den letzten 20 Jahren noch einzelne aus Tirol herübergestreift, ohne wahrgenommen worden zu sein. Im Thüringer Walde wurden zwischen den Jahren 1773 und 1796 noch 5 Luchse erlegt, in diesem Jahrhundert meines Wissens nur ihrer 2, einer im Jahre 1819 auf dem Gothaer Reviere Stutzhaus und einer im Jahre 1843 auf Dörenberger Revier, letzterer nach langen vergeblichen Jagden. In Westfalen endete der letzte Luchs erweislich im Jahre 1745 sein Leben; auf dem Harze erlegte man die letzten beiden in den Jahren 1817 und 1818, in Deutschland überhaupt, mit Ausnahme der an Rußland grenzenden Teile, im Jahre 1846, worüber ich später ausführlicher berichten werde. Anders verhält es sich in den deutsch-österreichischen Ländern und in den an Rußland grenzenden Teilen Preußens. Hier wird fast alljährlich noch ein oder der andere Luchs gespürt; dort hat man noch in der Neuzeit so viele erlegt, daß von einer Ausrottung desselben noch nicht gesprochen werden darf. In der Schweiz wird er, laut Tschudi, nicht häufiger gefunden als die Wildkatze, war aber noch vor 30 Jahren keine Seltenheit, so daß allein in Bünden in einem Jahre sieben bis acht Stück getötet wurden. Gegenwärtig ist er auch hier recht selten geworden, obschon die Hochwälder der Walliser, Tessiner und Berner Gebirge, die Urner, Glarner, Oscher und Böxer Alpen ihn noch beherbergen. Über sein Vorkommen in Tirol fehlt mir die Kunde; von dem östlichen Teile der Alpen dagegen weiß ich zu sagen,

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