Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
wird. Auch die Weibchen sind sehr aufgeregt, behalten jedoch die ihnen eigene Sprödigkeit trotzdem bei und beißen, schlagen, stoßen und wehren sich sonstwie gegen die sich nähernden Männchen, deren Zärtlichkeit sie sich später doch gefallen lassen. Die Paarung erfolgt bei vielen in der häßlichsten und uns widerstrebendsten Weise; sobald sie vorüber ist, tritt große Gleichgültigkeit zwischen beiden Geschlechtern ein, und die meisten Männchen bekümmern sich nun gar nicht mehr um die Weibchen, denen sie kurz vorher so glühende Liebeserklärungen machten. In geschlossener, länger als ein Jahr währender Ehe leben wahrscheinlich nur einige Wiederkäuer, namentlich mehrere kleine Antilopenarten und vielleicht auch noch einzelne Wale: alle übrigen sind der Vielehigkeit zugethan.
In der Regel genügt eine einmalige Begattung der brünftigen Säugetiere zur Befruchtung aller Eier, welche für eine und dieselbe Geburt zur Entwickelung gelangen, obgleich deren Zahl in sehr erheblichen Grenzen schwanken kann. Mehr als 24 Junge wirft kein Säugetier auf einmal; schon ihrer 14 oder 16 werden selten zugleich geboren. Alle großen Säuger gebären weniger und seltener Junge als kleinere, bei denen die Frucht schon innerhalb drei Wochen nach der Begattung ausgetragen und das geborene Junge in derselben Frist auch erzogen werden kann. Bei denen, welche länger als sechs Monate trächtig gehen, kommt regelmäßig nur. ein Junges zur Welt. Nur die Kloakentiere legen Eier.
Die Geburt selbst geht fast immer rasch und leicht vorüber, ohne daß irgend ein mitleidiges anderes Tier dabei behilflich wäre. Ein glaubwürdiger Mann hat mir allerdings erzählt, daß er eine solche Hilfe bei den Hauskatzen beobachtet und gesehen habe, wie eine ältere Katze die Nabelschnur der Kinder einer jüngeren Mutter abbiß; doch steht dieser Fall bis jetzt noch zu vereinzelt da, als daß wir von ihm folgernd etwas allgemein Gültiges sagen könnten. Sogleich nach der Geburt leckt die Mutter ihre Kleinen sorgfältig rein und wärmt sie mit ihrem eigenen Leibe. Einige Nager bauen vorher ein Nest und füttern dieses mit ihren abgerupften Haaren aus, um eine sanfte Wiege für ihre Jungen zu haben; die große Mehrzahl aber wirft dieselben auf die bloße Erde oder doch nur in eine nicht mit Nest versehene Höhle. Beim Ameisenigel gelangt das abgelegte Ei in einen sich kurz vor der Eiablage entwickelnden Brutbeutel am Bauche der Mutter, bei den Beuteltieren saugt sich das neugeborene Junge alsbald an einer der Zitzen im Beutel fest. Die Nachgeburt wird von vielen Tieren, welche sonst nie Fleisch anrühren, gierig aufgefressen, so von den Ziegen, Antilopen und Stachelschweinen. |
Die neugeborenen Jungen zeigen einen sehr verschiedenen Grad der Entwickelung. Bei den Beuteltieren ähneln sie einem rohen Stücke Fleisch; sie werden erst in der Hautfalte am Bauche gleichsam ausgetragen; auch die dem Eie entschlüpften Jungen der Gabeltiere sind klein und unförmlich; die meisten Raubtiere sind blind, wenn sie geboren werden, und öffnen erst nach einer oder zwei Wochen ihre Augen; viele Säugetiere dagegen kommen sehr ausgebildet zur Welt und sind im stande, ihrer Mutter schon wenige Stunden nach der Geburt zu folgen. Andere kommen zwar sehend zur Welt, jedoch so hilflos, daß die Mutter sie wochenlang mit sich herumtragen muß; so sehen wir die Kinder der Affen und Fledermäuse lange Zeit mit allen vier Gliedern fest angeklammert an ihrer Mutter hängen.
Jede Säugetiermutter liebt ihre Kinder ungemein und verteidigt sie mit Aussetzung ihres eigenen Lebens gegen jeden Feind, selbst gegen den Vater. Dieser bekümmert sich, streng genommen, gar nicht um sie, ja wird ihnen im Gegenteile oft geradezu gefährlich, indem er sie auffrißt, wenn er ihrer habhaft werden kann. Selten nimmt er mittelbar teil an der Pflege und Erziehung seiner Sprößlinge: er verteidigt sie nämlich zuweilen, wenn der Gesamtheit eine Gefahr droht, bei welcher er überhaupt eintritt. Um so mehr thut die Mutter. Sie allein ernährt, reinigt, leitet, straft und schützt, kurz erzieht ihre Kinder. Sie bietet ihnen das Gesäuge oder jagt später für sie, leckt und putzt sie, führt sie
aus dem Schlupfwinkel oder wieder in denselben zurück, spielt mit ihnen und lehrt sie ihre Nahrung erbeuten, gibt ihnen Unterricht, hält sie wohl auch durch Strafen zum Gehorsam an und kämpft für fie mit jedem Feinde, welcher es wagen sollte, fie anzugreifen. Die Liebe macht sie erfinderisch, friedliebend, mild, heiter gegen ihre Nachkommenschaft, oder auch heftig und wütend, bösartig und zornig nach außen hin. Sie lebt und sorgt bloß für ihre Kinder und scheint, solange sie diese vollständig in Anspruch nehmen, für nichts anderes Sinn zu haben. Selbst das ernsthafteste Tier wird als Mutter kindlich und spiellustig, wenn sein Kind dies wünscht. Ohne Übertreibung kann man behaupten, daß ihr die Liebe und Zärtlichkeit, der Stolz und die Freude der Mutter an den Augen abzulesen sind: man muß nur einen Hund, eine Katze, ein Pferd, eine Ziege in Gesellschaft ihrer Sprößlinge beobachten — keine Menschenmutter kann stolzer als sie auf ihr Kind sein. Und sie haben auch das vollste Recht dazu; denn alle jungen Säugetiere sind, wenn sie nur erst einigermaßen Herr ihrer Kräfte geworden, allerliebste Geschöpfe, welche ja selbst uns große Freude bereiten.
Man kann bei jeder Säugetiermutter. daß sie ihr Betragen gegen ihre Jungen mit der Zeit wesentlich verändert. Je mehr das junge Volk heranwächst, um so kälter wird das Verhältnis zwischen Mutter und Kind: die Alte kennt den Grad der Bedürftigkeit des letzteren genau und bestrebt sich, wie jedes Tier überhaupt, seine Nachkommenschaft so rasch wie möglich selbständig zu machen. Deshalb entzieht sie derselben nach einer gewissen Säugezeit zunächst die Milch und gewöhnt sie nach und nach, ihre Nahrung sich selbst zu suchen. Sobald dieser Zweck erreicht und das junge Tier selbständig geworden ist, endigt die Zärtlichkeit zwischen ihm und der Mutter, und jeder Teil geht nunmehr seinen eigenen Weg, ohne sich um den anderen zu kümmern. Die geistig begabtesten Tiere, wie die Pferde und Hunde, beweisen uns, daß sich Mutter und Kind sehr bald nach ihrer Trennung To voneinander entfremden, daß sie sich, wenn sie wieder zusammenkommen, gar nicht mehr kennen, während wir dagegen Beispiele haben, daß das geschwisterliche Verhältnis zweier Jungen lange Zeit sich erhalten kann. |
Die zur Erlangung der Selbständigkeit eines Säugetieres notwendige Zeit ist fast ebenso verschieden wie seine Größe. Unter denen des Landes bedarf der Mensch entschieden die meiste Zeit zu seiner Ausbildung, selbst der Elefant wird eher groß als er.
Wahrscheinlich erreichen nur die großen Huftiere und die größten Meersäuger ein höheres Alter als der Mensch. In demselben Grade, in welchem die Entwickelung verlangsamt ist, nimmt das Alter zu oder umgekehrt ab. Schon mittelgroße Säugetiere können, wenn sie 10 Jahre alt geworden sind, als greise Tiere betrachtet werden; bei anderen tritt das Greisentum vielleicht erst nach 20 Jahren ein: allein ein Alter von 30 Jahren, in welchem der Mensch doch bekanntlich erst zur vollen Blüte gelangt, ist schon sehr selten. Das Greisentum zeigt sich sowohl in der Abnahme der Kräfte wie auch im Ergrauen des Haares, im Verkümmern des Gebisses und der Waffen wie in der Verkleinerung gewisser Schmuckzeichen: so setzen alte Hirsche geringere Geweihe auf als vollkräftige, Raubtieren werden Zähne und Krallen stumpf, alten Elefanten brechen vielfach die Stoßzähne ab oder werden rissig und kernfaul. Ob der Tod unter den freilebenden Tieren vorwiegend durch Krankheiten oder aus Altersschwäche erfolgt, vermögen wir nicht zu beurteilen. Die kranken pflegen sich in die geheimsten Verstecke zurückzuziehen, wunde oder verkrüppelte der gesellig lebenden Arten werden von ihresgleichen verlassen, sogar ausgestoßen; sie enden ihr Dasein im Verborgenen. Wir dürfen wohl annehmen, daß sie verschiedentlich, jung wie alt sterben, daß ihnen kein besseres Los als dem Menschen beschieden ist. Seuchen, welche in entsetzlicher Weise unter Tieren unserer Klasse wüten, kommen vor; die Mäuse 3. B., welche sich zuweilen ins Unglaubliche vermehren, sterben in Zeit von wenig Wochen
in solcher Masse dahin, daß ihre kleinen Leichname verwesend die Luft verpesten. Ahnliches ist auch unter größeren Arten in Wald und Flur unserer Heimat wie in fernen Wildnissen beobachtet worden.; Das Tier steht unmittelbar unter dem Zwange der Natur. Wie die Erscheinungen sich vollziehen, widrige Ereignisse hereinbrechen, lebt es in Fülle oder leidet Mangel, friert, hungert, verschmachtet es, wird es jählings vernichtet. Die Not treibt es aus dem vertrauten Wohngebiete zu oftmals weiten Wanderungen, bis es entkräftet liegen bleibt und verendet. Es wird von selbstverschuldeten Unglücksfällen: Knochenbrüchen, Verlust des Augenlichtes, seiner Bewehrung, betroffen, wie sie ein falscher Tritt, ein verfehlter Sprung, der Kampf mit Nebenbuhlern mit sich bringen. In harten, schneereichen Wintern, während langer furchtbarer Dürren stirbt es eines elenden Hungertodes und erliegt Feuer und Rauch, wenn von Gras- und Waldbränden umzingelt. Es wird von Überschwemmungen überrascht und geht ermattet in den Wassern zu Grunde; es verkommt in Sturm und Kälte ungewöhnlicher Art, wird von Lawinen in die Tiefe gerissen, von Steinschlägen zermalmt, von stürzenden Urwaldriesen zerschmettert und selbst vom Blitzstrahl niedergestreckt. Und wie viele hauchen ihr Leben aus unter Zähnen und Krallen der Stärkeren, verlieren es durch Fallen, Schlingen, Gift und Geschosse des Menschen.
„Das Tier hat auch ein Schicksal“, jagt Scheitlin. „Es hängt von seinen Verhältnissen zur Natur und den natürlichen Umgebungen zu dem Menschen, wenn es mit ihm in Verkehr kommt, zum Teile auch von sich selbst ab. Oft muß es des Menschen Schicksal und der Mensch das des Tieres teilen; es geht mit ihm zu Grunde im Feuer und Wasser, in der Schlacht und im Kampfe. Manche Pferde sind Helden, für welche keine Kugel gegossen zu sein scheint, andere streckt die erste feindliche Kugel nieder. Das junge, schöne Füllen wird fast mit Gold aufgewogen, dann zugeritten, zu freien, frohen Wettrennen benutzt, bald darauf mit Stricken an eine Kutsche gespannt, doch immer noch mit Hafer gefüttert: es ist noch der Ruhm seines Kutschers, der Stolz seines Reiters. Dann geht es an einen Lohnkutscher über; rohe Menschen quälen es beinahe zu Tode. Es muß dennoch alltäglich wie ein Sklave ziehen; es hinkt, dennoch muß es laufen. Ist es ein Postpferd geworden, so geht es ihm nicht besser. Es wird halb oder ganz blind, seine Weichen und sein Vorderrücken bluten vom Riemenwerke, sein Bauch von Bremsenstichen. Ein armer, roher Bauer hat es für wenige Thaler auf Leben und Tod gekauft; es wird noch einige Jahre lang mit Stroh gefüttert, angeflucht, mit den groben Schuhen in die Rippen geschlagen und zuletzt, wenn es zehnmal auf der Straße erlegen, totgestochen, oder es krepiert endlich. Das ist der Fluch mancher Pferde, und diesen Fluch trägt mancher edle Hund, mancher Bär, mancher Büffel, manches andere Tier. Tagelöhner sind auch sie, und ihr Leben ist ein immerwährender Streit auf Erden. Von den höchsten Stufen der Ehre steigen sie zur tiefsten Schande herab; ihr Dasein geht vom üppigsten Überflusse bis zum nagendsten Hunger, von rascher Jugendfülle und Blüte zur elendesten Krankheit und Altersschwäche herab. Glücklich, daß wenigstens das tiefstehende Tier seinen Lebensfluch nicht erkennt, traurig, daß der Mensch vergessen kann, daß die höheren Tiere sehr wohl zwischen guter und schlechter Behandlung unterscheiden lernen! „Andere Tiere aber leben in Glück und Freude von Aang an bis zu Ende. Manches Hündchen wird wie ein Kind geliebt, gekost, geküßt, zu Tische geladen, kostbar gespeist, Arzten übergeben, beweint, begraben; mancher gelehrigeund gutmütige Hund hat ein Schicksal, dessen Glück dasjenige der meisten Menschen übertrifft, so daß er sagen müßte: das Los ist mir gefallen auf das lieblichste, mir ist ein schönes Erdenteil geworden. Er darf mit tanzen, mit denken, mit reisen, mit genießen, kurz, soweit er kann, gerade wie ein
Mensch thun; es wird an seinem Grabe noch geschluchzt. Mancher völlig untaugliche, bissige Hund, manches blindgewordene Pferd bekommt bis zu seinem Sterben ein schönes Gnadenbrot, wie es Tausende von Menschen, die es besser verdienten und eher bedürften, nicht bekommen. Auch das Tier hat sein Schicksal.“
Aber nicht bloß die wenigen Haustiere, welche hier aufgeführt wurden, müssen dem Menschen zollen mit Leib und Leben, mit ihren Kräften, Fleisch, Haut, Haar, Horn und Dünger: er hat noch weit mehr sich unterjocht und nutzbar gemacht, selbst solche, welche nicht mit ihm seine Wohnung teilen; zum Lasttragen, Ziehen und Reiten, zum Kriege wie zur Jagd, zum Post- und Hirtendienst, zu Gauklerkünsten und Kurzweil müssen sie ihm ihre Kräfte leihen. Zur Nahrung dienen ihm ihr Fleisch, ihre Milch, ihr Schmer und Fett und selbst ihre eigenen gesammelten Vorräte. Andere liefern Wohlgerüche, Spezerei und Arzneimittel, sehr viele müssen ihr Belz und Rauchwerk zu seiner Kleidung, ihre Haut zu Leder, ihre Wolle zu Gespinsten und Geweben hergeben, noch andere liefern Horn, Elfenbein, Zähne, Fischbein für seine Industrie, Dungstoffe für seinen Acker. Einen solchen Nutzen kann keine andere Klasse des Tierreiches für uns aufweisen, und deshalb eben sind die Säuger bei weitem die wichtigsten aller Tiere für den menschlichen Haushalt; deshalb eben kann man sagen, daß das bequeme Leben der Menschen, wie wir es gewohnt sind, ohne die Säugetiere geradezu unmöglich sein würde. Aber wir sehen auch wiederum aus dem Nutzen, welchen die Säugetiere uns gewähren, aus der treuen Hilfe, welche sie uns leisten, aus der Verbrüderung, welche sie mit uns eingehen, — wie nahe, wie innig verbunden wir, als die höchststehenden Säuger, mit den übrigen sind, denen wir unser Joch auferlegt haben.