Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Das sind drei eigentümliche Gattungen von Maulwürfen, darunter der höchst sonderbare Sternmull, ebenso viele Gattungen marderartiger Geschöpfe mit Einschluß des gefürchteten Stinktieres und die ausgezeichnete Familie der Waschbären. Auch die Gabelantilope und die Bergziege der Trapper gehören den dem Reiche eigentümlichen Gattungen an. Die Mäuse Amerikas unterscheiden sich wesentlich von denen der übrigen Erde, auch eine eigentümliche Springmaus treffen wir hier an, außerdem aber die sehr sonderbaren Taschenratten, welche allerdings die Südgrenze des Reiches überschreiten. Der Präriehund, das Borstenschwein und das Opossum sind weitere Tiere, welche das arktische Reich der Neuen von dem der Alten Welt unterscheiden. Dann aber fehlen ersterem die Igel, Wildschweine und Bilche, während ihm nur ein einziges Schaf eigen ist.
Die Tierwelt des südamerikanischen Reiches ist beinahe so ausgezeichnet wie die Australiens, aber bei weitem reicher. Zahnarme, Beuteltiere und Nager bilden die Hauptmasse seiner Säugetiere. Zu ihnen gesellen sich die Greifschwanzaffen und Löwenäffchen, die Vampire, die Nasenbären und Pekaris, die Lamas und Alpakas. Von Zahnarmen finden wir hier allein die Faultiere, die Gürteltiere und Ameisenbären, unter den Nagern die Chinchillas und Agutis. Die Mehrzahl der Beutelratten ist auf Südamerika beschränkt. Es fehlen dem ganzen südamerikanischen Reiche die Schleichkatzen, und nur in Westindien finden sich einige wenige Arten von Insektenfressern, während Schafe, Rinder und Antilopen gleichfalls gänzlich fehlen und die Schweine, Elefanten und Nashörner der Alten Welt nur durch die kleinen Pekaris und Tapire ersetzt werden. So steht das südamerikanische Reich durch seinen Reichtum an eigentümlichen Säugetierformen, von denen viele ein altertümliches Gepräge tragen, verbunden mit seinem Mangel zahlreicher sonst weitverbreiteter Tiere da als das erste unter den großen tierkundlichen Reichen der Erde, in deren Darstellung wir Wallace gefolgt sind. Auf die Verbreitung der einzelnen Gruppen der Säugetiere werden wir bei der Besprechung einer jeden näher eingehen. Ganz im allgemeinen kann man noch sagen, daß sich der Verbreitungsbezirk einer Art in ostwestlicher Richtung regelmäßig weiter erstreckt als von Norden nach Süden hin.
Die Anzahl aller jetzt lebenden und bekannten Säugetierarten beträgt über zweitausend. Hiervon gehören etwa 150 Arten Europa (gegen 60 ausschließlich) an; ungefähr 240 Arten wohnen in Afrika, 350 Arten in Asien, 400 Arten in Amerika und gegen 140 in Australien. Hierzu würden die vorweltlichen Säugetiere zu zählen sein. Die Verbreitung derselben war eine andere, als die der jetzigen es ist. Nur wenige Vorweltssäuger haben die Zeit der Schuttlandsbildung überlebt und finden sich gegenwärtig noch; die übrigen sind ausgestorben und gestrichen aus dem Buche der Lebendigen. Aber Neu mayr hat es in feiner „Erdgeschichte“ trefflich verstanden, ihre auf uns überkommenen Reste neu zu beleben und mit den ins Leben Zurückgerufenen die Landschaften der Vorwelt zu bevölkern.
Leibliche und geistige Begabungen eines Säugetieres bestimmen seine Lebensweise in der ihm gegebenen Heimat. Jedes richtet sich nach seinen Gaben ein und benutzt die ihm gewordene Ausrüstung in der ergiebigsten Weise. Eine gewisse verständige Willkür in der Lebensart kann keinem Säugetiere abgesprochen werden. Sie sind natürlich mehr an eine gewisse Ortlichkeit gebunden als das leichte, bewegungslustige Volk der Vögel; allein sie wissen dafür eine solche Ortlichkeit vielleicht besser oder vielseitiger zu benutzen als diese.
Die Säugetiere sind wesentlich Landbewohner, und je einhelliger entwickelt eine Art unserer Klasse ist, um so mehr wird sie Landtier sein. Im Wasser finden wir daher bloß die ungleichmäßiger entwickelten, plumpesten oder massigsten, auf dem Lande dagegen die ebenmäßigsten, edelsten Gestalten. Die größten Landsäuger sind im Vergleiche zu den Walen Zwerge. Das Wasser erleichtert jede Bewegung einer großen, ungeschlachten Masse, und je leichter ein Tier sich zu bewegen vermag, um so größer kann es sein. Daß auch das Umgekehrte stattfindet, beweisen alle Tiere, welche zu ihrer Fortbewegung große Kraftanstrengung nötig haben, wie z. B. die Gräber und Flatterer, die Maulwürfe oder Fledermäuse. Bei ihnen ist die Körpermasse in demselben Verhältnisse verkleinert, in welchem sie bei den Wassersäugern sich vergrößert hat.
So zeigt sich also schon in der Leibesgröße eine Übereinstimmung mit der Lebensweise des Tieres. Noch mehr aber stimmt diese letztere mit der Ausrüstung überein. Daß ein Fisch⸗ oder Flossensäuger schwimmt oder ein Flattertier fliegt, versteht sich eigentlich von selbst, ebensogut aber auch, daß der Affe oder das Eichhorn oder die Katze klettern, der Maulwurf gräbt und die Viel- und Einhufer oder Wiederkäuer auf dem Boden laufen: ihre Gliederung weist sie dazu an. Hierzu kommt nun noch die Willkürlichkeit in der Wahl des Ortes, um den Aufenthalt eines Tieres zu bestimmen.
Hinsichtlich der Ordnungen läßt sich folgendes sagen: Die Affen der Alten Welt sind Baum⸗ oder Felsentiere, die der Neuen und die Affer aber ausschließlich Baumtiere; die Fledermäuse treiben sich in der Luft umher, schlafen aber auf oder in Bäumen und in Klüften; die Kerbtierräuber leben größtenteils auf dem Boden, einige aber auch unter der Erde und andere sogar auf Bäumen; die fleischfressenden Raubtiere bewohnen Bäume und Felsen, den Boden und das Wasser: doch gehört die größere Anzahl den Erdtieren an, und nur sehr wenige führen ein teilweise unterirdisches Leben; die Beuteltiere hausen auf der Erde, in Höhlen, im Wasser und auf Bäumen, die Nagetiere überall, nur nicht im Meere, größtenteils aber in Höhlen; die Zahnlosen find Erd-, Höhlen- und Baumtiere; die Huftiere leben wieder größtenteils auf dem Boden, einige aber auch im Sumpfe oder im Wasser selbst; die Flossenfüßer und Wale sind Wasserbewohner.
Es muß jedem, welcher beobachtet, auffallen, daß der Wohnkreis des Tieres häufig in dem Geschöpfe selbst sich kundgibt. Die Zusammengehörigkeit von Land und Tier offenbart sich nicht selten in den jedem Tiere eigentümlichen Formverhältnissen, namentlich aber sehr scharf und bezeichnend in der Färbung. Als allgemeine Regel kann gelten, daß das Säugetier eine Färbung besitzt, welche der vorherrschenden Färbung seines Wohnortes mehr oder weniger entspricht. Der außerordentliche Vorteil, welchen das Tier von einer solchen Gleichfarbigkeit mit seiner Umgebung ziehen kann, wird klar, wenn wir bedenken, daß das Raubtier an seine Beute möglichst unbemerkbar sich anschleichen, das schwache Tier aber sich vor dem Räuber möglichst gut verstecken muß.
Schon die Affen find durchgehends ihren Wohnorten gleich gefärbt und Braun, Graugrün und Grau die hauptsächlichsten Färbungen ihres Haarkleides; sie entsprechen eben der Baumrinde oder dem Gelaube und Grase sowie den Felsen, auf denen sie wohnen. Alle Flattertiere, welche auf Bäumen leben, zeigen ebenfalls eine braune oder grünliche Färbung, diejenigen, welche in Felsenritzen schlafen, das ungewisse Grau der Felsen oder der Dämmerung. Unter den Raubtieren finden sich viele, welche als wahre Spiegelbilder ihrer Heimat zu betrachten find. Der Wolf trägt ein echtes Erdkleid: das Fahlbraun und Grau seines Pelzes schmiegt sich allen Färbungen seines Wohnkreises an; Reineke, der Schleicher, zeigt uns, daß er bei uns zu Lande ebensowohl zum Nadel- wie zum Laubwalde paßt; sein Vetter im Norden, der Polarfuchs, legt im Winter ein Schneekleid, im Sommer ein Felsenkleid an; ein anderes Glied seiner Sippschaft, der Fenek, trägt das isabellfarbene
Gewand der Wüste. Die Hyänen, als Nachttiere, sind in Grau gekleidet, in diejenige Farbe, welche am ehesten dem Auge verschwindet. Löwe und Pardel, Gepard und Serval geben sich als echte Steppentiere zu erkennen; Braungelb ist Grundfarbe, aber allerlei anders gefärbte Flecken zeigen sich auf ihr: die Steppe ist bunter und kann daher auch bemalte Tiere beherbergen. Unsere nordischen Katzen entsprechen ihrer farbloseren Heimat und unserer trüberen Nacht: Grau ist ihre Hauptfärbung; der Karakal dagegen bekundet sich als echtes Wüstentier; der Tiger verschwindet zwischen den Rohrstengeln der Bambuswälder mit seinen schwarzen Streifen, der Leopard in den buntlaubigen Gebüschen Mittelafrikas; die amerikanischen Katzen stimmen gut zu ihren bunten Wäldern. In den Ginster- und Schleichkatzen sehen wir echte Erdtiere: Grau mit oder ohne Flecken und Streifen und ein überall hinpassendes, sehr schwer zu beschreibendes Graugrün sind die hauptsächlichsten Färbungen ihres Pelzes. Die Marder bekunden ihre Allseitigkeit auch im Felle. Beim Baummarder ist es braun, beim Steinmarder gräulicher, beim Iltis fahler; das Wiesel endlich wechselt seine Sommertracht mit dem Winter- oder Schneekleide. Unser Bär ist erdbraun, der Eisbär weiß, der Waschbär rindenfarbig. Die Beuteltiere zeigen ebenfalls Erd⸗, Gras⸗ oder Baumfärbung. Sehr deutlich tritt die Gleichfarbigkeit bei den Nagern hervor. Ich erinnere an die Hasen. Jeder Jäger weiß, was es sagen will, einen Hasen im Lager zu sehen: die Ahnlichkeit seines Pelzes und des Bodens ist so groß, daß man auf zehn Schritte Entfernung an ihm vorübergehen kann, ohne ihn zu bemerken. Der Wüstenhase ist natürlich isabellgelb, der nordische und Hochgebirgshase aber wechselt ein Sommer: und ein Winterkleid. Das Kaninchen, ein Höhlentier, hat graue Färbung. Unser Eichhörnchen ist fichtenrindenbraun, das nordische und fliegende dagegen sind birkenrindenfarbig. Feldmäuse haben ein graubraunes, Wüstenmäuse ein fahlgelbes, Steppenmäuse ein gelblichbraunes, oft gestreiftes Haarkleid. Unter den Wiederkäuern tragen die Hirsche ein Waldkleid, die Gemsen, Renntiere und Steinböcke ein Felsenkleid, die Antilopen ein Steppen⸗ oder Wüstenkleid. Die Einhufer geben sich wenigstens im Quagga, Zebra und wilden Esel als Steppentiere, die Vielhufer in ihrem unbestimmbaren Grau als Sumpfbewohner zu erkennen. Kurz, die angegebene Regel ist eine allgemeine, und Ausnahmen sind nicht häufig. Man wird selten irren, wenn man in einem braun, graugrün oder silbergrau gefärbten Säuger einen Baumbewohner, in einem dunkelgrau, fahlgelb, rötlichgrau, erdbraun und schneeweiß gefärbten einen Erdbewohner vermutet. Isabellgelb ist Wüstenfarbe, Dunkelgelb Steppenfarbe, Aschgrau Felsenfarbe; bei Nachttieren ist Grau vorherrschend, Tagtiere zeigen es mehr mit anderen Farben gemischt. Große Unsicherheit, Unbestimmbarkeit der Färbung läßt auf Vielseitigkeit in der Lebensweise schließen; bestimmte Färbung deutet auf einen abgeschlossenen bestimmten Wohnort des Tieres: einfach gelbe Tiere sind immer Wüstenbewohner, einfach weiße fast ausnahmslos Schneetiere.
Nicht alle, aber doch viele Säugetiere wechseln alljährlich ihr Kleid; es läßt sich dieser Vorgang jedoch kaum mit der Mauser der Vögel vergleichen. Bei den beschuppten Mitgliedern der Klasse, namentlich bei Schuppen- und Gürteltieren, ersetzen sich wahrscheinlich nur die gewaltsam ausgerissenen Panzerteile; bei denen, welche ein Stachelkleid tragen, wie Igel und Stachelschweine, fallen unzweifelhaft viele von den umgewandelten Haaren aus: es fragt sich nur, ob dies ebenso regelmäßig geschieht, wie bei behaarten Säugern die Härung erfolgt. Bei den Waltieren findet der Ersatz ihrer schleimigen Haut wohl in derselben Weise statt wie bei uns die Neubildung der Oberhaut; Beobachtungen hierüber fehlen aber noch gänzlich. Auch bei den Affen, insbesondere bei den Menschenaffen, habe ich keine innerhalb einer bestimmten, regelmäßig wiederkehrenden Frist vor sich gehende Härung, vielmehr nur ein allmähliches Nachwachsen der Haare bemerkt, und möglicherweise gibt es noch viele in den Wendekreisländern lebende Säugetiere, bei denen es sich ebenso
verhält. Unsere nordischen Säugetiere aber hären sich samt und sonders und zwar in einer wesentlich sich gleichbleibenden Weise. Nachdem die kalte Jahreszeit vorüber und der Früh: ling wirklich eingetreten ist, lockern sich die Wurzeln der Haare des bisher getragenen Kleides, und es fallen Grannen- und Wollhaare aus. Gleichzeitig sprossen neue Grannenhaare hervor, wachsen ziemlich rasch und durchdringen das filzige Gewebe des alten ab-gestoßenen Pelzes, welcher, wenn er reich war, noch geraume Zeit in flockigen Fetzen am Leibe hängen bleibt und erst nach und nach abgekratzt, abgescheuert und abgeweht wird; bald darauf beginnt auch das Nachwachsen der Wollhaare, deren raschere Entwickelung jedoch erst später im Jahre erfolgt. Es besteht daher das Sommerkleid der Säugetiere höherer Breitengrade und Gebirgsgürtel überwiegend aus Grannenhaaren, während im Winterkleide die Wollhaare vorherrschen, erstere mit Beginn der kalten Jahreszeit wohl auch gänzlich wieder ausfallen können. So geschieht es beispielsweise bei unseren Hoch—⸗ wildarten, deren Decke im Sommer aus Grannen- und wenigen, hier eigentümlich veränderten Wollhaaren, im Winter dagegen fast ausschließlich aus letzteren besteht. Eine doppelte Härung, d. h. ein vollständiges Wechseln des Kleides im Frühlinge und im Herbste, findet meines Wissens bei keinem Säugetiere statt; wohl aber kann ein Ausbleichen und Umfärben der Haare erfolgen. Die Härung beginnt plötzlich, das Nachwachsen der neuen Haare geschieht allmählich. Selbst sehr tüchtige Beobachter haben angenommen, daß das Fell solcher Tiere, welche ein dunkles Sommer- und ein weißes Winterkleid tragen, einer zweimaligen Härung unterworfen sei, sich jedoch, wie meine an gefangenen Eisfüchsen und Schneehasen angestellten, später mitzuteilenden Beobachtungen unwiderleglich darthun, vollständig geirrt.
Bei weitem die meisten Säugetiere sind gesellig und scharen sich deshalb mit anderen ihrer Art oder auch mit Gleichlebenden fremder Arten in kleine oder große Trupps zusammen. Niemals erlangen solche Verbindungen die Ausdehnung oder Kopfzahl der Flüge, welche die Vögel bilden; denn bei diesen thun sich, wie bekannt, oft sogar Millionen zu einem Ganzen zusammen. Bei den Säugern kommen nur unter gewissen Umständen Gesellschaften von Tausenden vor. Mehr noch als die gleiche Lebensweise vereinigt die Not: vor der Feuerlinie einer brennenden Steppe weichen selbst erklärte Feinde in dichtem Gedränge.