Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
läßt; — bei einem echten Fresser heißt schmecken leben, und leben schmecken! Hierin stehen die Vögel wieder unendlich weit zurück hinter den Säugern.
Der Geruchssinn erreicht bei den letzteren ebenfalls eine äußerst hohe Entwickelung. Ein vergleichender Überblick der verschiedenen Tierklassen belehrt uns, daß gerade der Geruch schon bei niederen Tieren einer der ausgeprägtesten Sinne ist: ich will bloß an die Kerbtiere erinnern, welche dem Blumendufte nachschwärmen oder zu Aas- und Kothaufen von fern herangezogen, ja schon durch den eigentümlichen Geruch ihrer Weibchen herbeigelockt werden. Die Fische erscheinen in der Nähe eines Aases, welches ihnen vorgeworfen wird, in Flüssen sogar von oben her, aus derjenigen Richtung, nach welcher hin das Wasser doch unmöglich Vermittler des Riechstoffes sein kann; bei den Kriechtieren und Lurchen aber ist der Geruch so schlecht, daß sie wenigstens nichts mit ihm aufspüren können; mag man auch behaupten, daß einige Schlangen ihre Weibchen mit Hilfe dieses Sinnes aufsuchen und finden. Unter den Vögeln haben wir bereits viele, welche tüchtige Spürnasen besitzen, wenn auch die Erzählungen, welche Geier und Raben Aas und andere stinkende Stoffe auf Meilen hin wahrnehmen lassen, auf irrigen und mangelhaften Beobachtungen beruhen. Sie leitet das Gesicht. Anders verhält es sich bei den Säugern. Hier finden wir viele Tiere, deren Geruchssinn eine wahrhaft überraschende Ausbildung erlangt hat. Der Geruch ist selbstverständlich nur befähigt, gasförmige Stoffe zur Sinneswahrnehmung zu bringen; wie es aber möglich, bloß noch Spuren solcher Gase aufzuspüren und zum Bewußtsein gelangen zu lassen, ist ein Rätsel. Ein Hund spürt die bereits vor Stunden getretene Fährte seines Herrn unter tausend anderen Menschenfährten unfehlbar aus oder folgt dem Wilde, welches gestern einen gewissen Weg ging, auf diesem Wege durch das zu vollem Bewußtsein kommende Riechen, d. h. Ausscheiden des einen eigentümlichen Geruches aus hundert anderen Gerüchen, und hat dazu nicht mehr Anhalt als die Gase, welche von einer augenblicklichen Berührung des Stiefels oder Hufes und des Bodens herstammen. Dies uns zu denken oder klar vorzustellen, halte ich für unmöglich. Ebenso unvorstellbar für uns Stumpfsinnige ist diejenige Ausbildung des Geruches, welche wir „Wittern“ nennen. Daß ein Hase den verborgenen Jäger, welcher im Winde steht, auf 30 Schritte Entfernung riechen kann, erscheint uns nicht gar so merkwürdig, weil selbst unsere Nasen, welche doch durch Stubenluft und alle möglichen anderen edeln oder unedeln, unserem geselligen Leben notwendig anhängenden Düfte hinlänglich entnervt sind, die eigentümlichen Gerüche unserer Haustiere auf 10—20 Schritt, die des Wildschweines auf noch weitere Entfernung, wahr: zunehmen vermögen: daß aber ein Ren den Menschen noch auf 500 Schritt hin wittert, ist unbegreiflich, und ich würde es nicht geglaubt haben, hätte ich es nicht durch eigene Beobachtung erfahren müssen. Nach Selous wittert der afrikanische Elefant die mehrere Stunden alte Fährte eines Menschen sofort, wenigstens in der offenen Landschaft, in der Strauchsteppe. Spüren und Wittern sind gleich wunderbar für uns, weil wir weder die eine noch die andere Höhe des Geruches auch nur annähernd erreichen können.
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß alle Tiere, welche gute Spürer oder Witterer sind, feuchte Nasen besitzen. Man kann also, so sonderbar dies auch klingen mag, von der mehr oder weniger feuchten Nase aus regelmäßig auf die Höhe des Geruches schlie⸗ ßen. Die Nase der Katze ist schon viel trockener als die des Hundes, die des Affen noch trockener als die der Katze, die des Menschen wieder trockener als die des Affen, und die gradweise abnehmende Fähigkeit des Geruchssinnes der betreffenden Säuger steht hiermit im vollen Einklange. Es würde uns hier zu weit führen, wollten wir alle Abstufungen der Ausbildung des Geruchssinnes von den riechunfähigen Walen an bis zu den spürenden und witternden Säugetieren verfolgen, und es mag deshalb genügen, wenn ich noch angebe, daß unter den Feuchtnasen wiederum diejenigen am ausgezeichnetsten wirken, deren
Geruchswerkzeuge noch besonders beweglich oder zu echten Schnüffelnasen umgewandelt find. In den Nasenbären oder Koatis und in den Schweinen lernen wir solche Schnüffler kennen, dürfen dabei aber nicht vergessen, daß auch die Nasen der Hunde, Schleich- und Ginsterkatzen, Marder und anderer höchst beweglich sind. Daß die Fledermäuse, welche noch besondere Nasenanhänge besitzen, den Feuchtnasen nicht nachstehen, ist leicht erklärlich: eine derartige Ausbildung des Sinneswerkzeuges, wie sie sich bei ihnen kundgibt, kann nur zur Schärfung des Sinnes dienen. Endlich glaube ich noch anführen zu müssen, daß diejenigen Wohlgerüche, welche stumpfsinnige Nasen angenehm kitzeln, für alle feinriechenden Tiere abscheuliche Dinge sind: jeder Hund wendet sich mit demselben Ekel von dem Kölnischen Wasser ab wie vom Schwefelwasserstoffgas. Nur stumpfsinnige Tiere berauschen sich in Düften, wie die Katze in denen des Baldrians; die wahren Geruchstiere meiden alle nervenerregenden Gase mit Sorgfalt, ja mit Angst, weil starke Gerüche für sie wahrscheinlich geradezu schmerzlich sind — wie vielfach auch für die auf niederer Gesittungsstufe stehenden Menschen, die sogenannten „Wilden“.
Fraglich erscheint, ob bei den Säugern der Sinn des Geruches von dem des Gehöres überboten wird oder nicht. So viel steht fest, daß der letztere in unserer Klasse eine Entwickelung erreicht wie in keiner anderen. Der Gehörssinn ist zwar schon bei den tiefer stehenden Klassen des Tierreiches ziemlich ausgebildet, jedoch nirgends in dem Grade wie bei den zwei oberen Klassen; allein das vollkommenste Ohr der Vögel steht immer tiefer als das Säugetierohr. Daß die Vögel ganz vortrefflich hören, geht schon aus ihren tonkünstlerischen Begabungen hervor: sie erfreuen und beleben sich gegenseitig durch ihren liederreichen Mund und durch ihr Gehör, welches ihnen eben das Reich der Töne erschließt. Es ist aber bemerkenswert, daß auch unter ihnen nur diejenigen liederbegabt sind oder nur diejenigen sich in Klängen und Tönen berauschen, welche das am wenigsten entwickelte Gehör besitzen, während den Feinhörigen, allen Eulen z. B., dieselben Töne, welche andere Vögel entzücken, ein Greuel sind. Geradeso ist es bei den Säugern. Hier zeigt schon der äußere und noch mehr der innere Bau des Ohres die höhere Begabung des entsprechenden Sinnes an; die Begabung aber kann sich so steigern, oder der Sinn kann sich so verfeinern, daß ihm Klänge, welche stumpferen oder dazu erzogenen Ohren wohllautend erscheinen, gellend oder unangenehm werden. Ein musikalisches Gehör ist deshalb noch nicht fein zu nennen; es kann auf einer tieferen Stufe der Entwickelung als das eines wirklich feinhörenden Tieres stehen, und wenn man von seiner Ausbildung spricht, kann dies immer nur mit Rücksicht auf die Grenzen seiner besonderen Begabung geschehen. Beim Menschen steht der Sinn des Gehöres wie der des Geruches auf einer tieferen Stufe als bei anderen Säugern; dies thut aber seiner Stellung unter den Lebewesen durchaus keinen Abbruch: denn eben die gleichmäßige Ausbildung aller Sinne ist es, welche ihn über alle Tiere erhebt. Die Hörfähigkeit der Säuger ist sehr verschieden. Taub ist kein einziger von ihnen: wirklich feinhörig aber sind nur wenige. Das äußere Ohr gibt einen so ziemlich richtigen Maßstab zur Beurteilung der geringeren oder größeren Entwickelung des Sinnes; d. h. alle Tiere, welche große, stehende und bewegliche Ohrmuscheln besitzen, hören besser als diejenigen, deren Ohrmuscheln hängend, klein oder gar verkümmert sind. Mit dem äußerlich verbesserten Sinneswerkzeuge vermehrt sich die Empfänglichkeit für die Töne; um es mit wenig Worten zu sagen: großohrige Säuger hassen, kleinohrige lieben Töne und Klänge. Ob der Delphin entzückt dem Schiffe folgt, von dessen Bord Musik zu ihm herabklingt, bleibe dahingestellt; aber der Seehund erscheint an der Oberfläche des Wassers, wenn der Fischer leise und klangvoll pfeift, freilich aber auch, wenn bloß an den Bootsrand geklopft wird; das Roß wiehert vor Lust beim Schmettern der Trompeten; das Kamel stelzt frischer dahin,
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wenn die Zugglocke läutet; der Bär erhebt sich beim Tone der Flöte; der Elefant, welcher wohl einen großen Ohrlappen, aber keine große Ohrmuschel besitzt, bewegt seine Beine tanzartig bei der Musik, unterscheidet sogar schmelzende Arien von kräftigen Märschen oder Kriegsgesängen. Aber keines dieser Tiere gibt einen für uns angenehmen, wohltönenden Laut von sich wie die tonbegabten Vögel, welche die Musik lieben und durch sie zum Singen und Jubeln aufgemuntert werden; sie ähneln vielmehr noch den Kriechtieren, der Schlange z. B., welche von der Pfeife ihres Beschwörers herbeigelockt wird, ihr gehorcht. Anders benehmen sich die feinhörigen Säuger beim Empfinden der Töne und Klänge, welche ihren Ohren zu stark sind. Der Hund erträgt den Baß des Mannes, nicht aber den Sopran der Frau; er heult beim Gesange des Weibes wie bei Tönen aus Blaswerkzeugen, während er die milderen Saitentöne schon viel besser leiden mag. Noch auffallender gebärdet sich eine großohrige Fledermaus, wenn sie Musik hört: sie gerät in peinliche Unruhe, zuckt mit den Vordergliedern und begleitet die äußeren Bewegungen mit zitternden Lauten ihrer Stimme; ihr sind die starken Töne geradezu entsetzlich. Wie sich das Wild beim Hören geller Töne benimmt, weiß ich nicht: ich glaube aber, daß es ebenso empfindlich gegen sie ist wie die anderen großohrigen Tiere.
Nach Pechuel-Loesches Beobachtungen werden Flußpferde durch lauten eintönigen Lärm, besonders durch das Schlagen metallener Gegenstände, nicht bloß neugierig gemacht, sondern manchmal auch herangelockt. Ihre Neigung, die besonders bei alten einsamen Bullen zu bemerken ist, in der Dunkelheit und, wo sie noch nicht beschossen worden sind, auch am Tage Kähne auf ziemlich weite Strecken zu begleiten, glaubt er wenigstens teilweise durch ihr Gefallen am Lärme, am laut schallenden Gesange der Ruderer erklären zu dürfen, obschon er als den hauptsächlichen Beweggrund ihre Lust am Wettschwimmen, die bei den Walen noch entschiedener vorhanden ist, betrachtet. Sein zahmer Streifenwolf wurde durch eine wohllautende Stimme, wenn man ruhig und singend betont zu ihm sprach, förmlich bezaubert; Gesang oder lärmende Musik der Eingeborenen waren ihm gleichgültig, Trompetentöne jagten ihn in die Flucht. Ein sehr stattlicher afrikanischer Widder von der glatthaarigen Rasse der Eingeborenen und ebenso ein alter Mandrill wurden durch Geigenspiel außerordentlich erfreut. Seine Meerkatze, die jahrelang in völliger Freiheit in Europa lebte, versuchte regelmäßig, wenn jemand laut oder leise pfiff, in drolligster Weise die Töne vom Munde wegzuhaschen, öffnete wohl auch die Lippen des Pfeifenden mit den Fingern, um in der Mundhöhlung nachzusehen. Klavierspiel, wenn frische Weisen kräftig vorgetragen wurden, regte sie eine kurze Zeit zu übermütiger Lustigkeit an, aber nicht lange; denn sie kam bald heran und verlangte mit Gebärden und leisen Klagelauten, daß aufgehört werde. Trotzdem liebte sie es sehr, durch tolles Herumspringen auf den Tasten sich selbst Musik zu machen. Getragene, leicht gespielte Melodien gefielen ihr so gut, daß sie sich gewöhnlich auf den Schoß des Spielenden legte und lange Zeit behaglich zuhörte, bis die angeborene Rastlosigkeit sie wieder davontrieb. Andere Affen verschiedener Art, die in afrikanischen Faktoreien gehalten wurden, zeigten beim Vernehmen von Tönen abweichendes Verhalten. Lauten Gesang, besonders von Weibern, begleiteten die einen mit Gelärm, während andere davon bloß aufgeregt wurden oder neugierig zuhörten. Einen Trompetenstoß beantworteten sie alle mit Gezeter, die Schimpansen mit wütendem Geheule, der Gorilla mit Angstlauten, wobei er sich zugleich jo regelmäßig entleerte, daß Trompeten stöße bei ihm gleich einer stets wirksamen Medizin angewendet wurden. Affenbanden im Urwalde zetern auf bei einem plötzlichen nahen „Jauchzer“, bei einem Schusse, der ihnen nicht gilt, auch bei einem recht schmetternden Donnerschlage. Der stattliche Hammel Mfuka, der Regent und Friedensstifter unter den Tieren des Hofes zu Tschintschotscho, konnte lautes Sprechen oder Schreien nicht leiden. Wurde ihm irgend jemand im Gehöfte zu laut,
und dergleichen ereignet sich in Afrika oft, so näherte er sich dem Störer, gewann ihm die Kehrseite ab und rannte ihn kunstgerecht in kurzem Anlaufe nieder. Ein merkwürdiger Musikliebhaber war ein stattlicher Pelikan, der inSao Paulo de Loanda wohlbekannt und auch gefüttert sich sowohl in der Stadt als auch an der nahen Bai aufhielt. Wenn des Abends das Orchester spielte, erschien er unbekümmert zwischen den Lustwandelnden auf der Promenade und hörte gravitätisch umherspazierend der Musik zu.
Übrigens läßt sich über die wirkliche Schärfe des Gehörssinns nichts Bestimmtes sagen. Wir sind nur im stande, bei den einzelnen Tieren von bezüglicher Schärfe zu reden; die Höhe der Entwickelung des Sinnes läßt sich nicht messen. Daß sehr viele Säuger noch Geräusche hören, welche wir durchaus nicht mehr wahrnehmen können, ist sicher: wie weit dies aber geht, wissen wir nicht. Es steht wohl fest, daß eine Katze wie die Eule das Geräusch, welches eine Maus beim Laufen verursacht, vernimmt; allein wir vermögen nicht zu bestimmen, auf welche Entfernung hin sie die leisen Fußtritte noch vom Rascheln des Windes unterscheiden können. Die großohrige Fledermaus hört wahrscheinlich das Fluggeräusch kleiner Schmetterlinge, von deren Bewegung wir entschieden nichts mehr durch den Gehörssinn wahrnehmen können, der Wüstenfuchs vielleicht das Krabbeln eines Käfers im Sande noch auf ein gutes Stück; unser Fuchs läßt sich durch Nachahmen des Mäusegezwitschers vom Jäger im Freien auf ziemliche Entfernung reizen. Das Wild vernimmt den Schall der Fußtritte des Jägers auf 100, vielleicht 200 Schritt: alle diese Angaben aber beweisen gar nichts und gewähren uns keinen Anhalt zu genauer Bestimmung.