Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
In vielen größeren Gesellschaften erwirbt sich das befähigtste Mitglied die Oberherrschaft und erlangt schließlich unbedingten Gehorsam. Unter den Wiederkäuern kommen regelmäßig die alten Weibchen zu solcher Ehre, namentlich diejenigen, welche kinderlos sind; bei anderen geselligen Tieren, z. B. bei den Affen, werden nur Männchen Zugführer und zwar erst nach sehr hartnäckigem, nebenbuhlerischem Kampfe, aus dem sie endlich als allgemein gefürchtete Sieger hervorgehen: hier ist die rohe Stärke maßgebend, bei jenen die Erfahrung oder der gute Wille. Das erwählte oder wenigstens anerkannte Leittier übernimmt die Sorge für den Schutz und die Sicherheit der ganzen Herde und verteidigt die schwachen Glieder derselben zuweilen mit Aufopferung. Minder Verständige und Schwächere schließen sich Klügeren an und leisten allen ihren Anordnungen zur Sicherung Folge.
Gewisse Säugetiere leben einsiedlerisch. Alte griesgrämige und bösartige Männchen werden gewöhnlich von dem Rudel oder der Herde verbannt und hierdurch nur noch mürrischer und wütender gemacht. Allein es gibt auch andere Säuger, welche überhaupt ein Einsiedlerleben führen und mit jedem Eindringlinge sofort in heftigster Weise den Kampf beginnen. Dabei kommt es nicht selten vor, daß der Sieger den Besiegten geradezu auf-frißt, und zwar läßt sich, wie bekannt, schon der Mensch eine solche Abscheulichkeit zu schulden kommen. Die Mehrzahl unserer Klasse wacht bei Tage und schläft bei Nacht; jedoch gibt es fast unter allen Ordnungen Tag- und Nachttiere. Einzelne haben keine bestimmte Zeit zum
Schlafen, sondern ruhen oder wachen, wie es ihnen gerade beliebt: so die Meertiere oder in den höheren Breiten auch die Landtiere während der Sommerzeit. Es mag im ganzen genommen vielleicht mehr eigentliche Tag- als Nachttiere geben, jedoch ist die Zahl derjenigen, welche bei Nacht lebendig und thätig sind, nicht viel geringer als die Menge derer, welche bei Tage ihrem Erwerbe nachgehen. Unter den Affen gibt es bloß einige nächtlich lebende Arten; die Fledermäuse dagegen schlafen fast den ganzen Tag, und nur wenige kommen aus ihren Schlupfwinkeln zum Vorscheine, solange die Sonne noch am Himmel steht; unter den Kerbtier- und Fleischfressern, den Nagern, Vielhufern und Wiederkäuern gibt es wenigstens sehr viele Nachttiere, wenn auch mehrere Arten der Wehrloseren solche erst aus Furcht vor Verfolgung geworden sein mögen. Die starken und die sehr flüchtigen oder auf Bäumen lebenden sind größtenteils Tagtiere, einer Verfolgung aber auch weniger ausgesetzt; es würde jedoch voreilig sein, wenn man behaupten wollte, daß alle Nachttiere feigere, schwächere, dümmere und plumpere Tiere seien als die, welche bei Tage thätig sind; denn wir brauchen eben bloß an die Katzen, Marder, Hirsche und andere, welche fast ohne Ausnahme bei Tage und bei Nacht wach sind, zu denken, um des Gegenteiles uns bewußt zu werden. Als allgemeine Regel kann gelten, daß die wehrloseren Tiere, welche durch ihren Aufenthalt nicht vor Gefahren geschützt sind, die Nacht zu ihrer Thätigkeit benutzen. Während ihres Wachens beschäftigen sich die meisten Säuger ausschließlich mit Aufsuchen ihrer Nahrung. Dieselbe kann höchst verschieden sein. Alle Mitglieder unserer Klasse sind selbstverständlich Pflanzenfresser oder aber Räuber, welche andere Tiere verzehren. Fast alle Erzeugnisse der beiden Reiche finden ihre Liebhaber. Die Pflanzenfresser verzehren ganze Pflanzen, z. B. Gräser, Disteln, Mose, Flechten, oder einzelne Teile von Pflanzen, als Blüten, Blätter, Früchte, Körner, Sämereien, Nüsse, Zweige, Aste, Dornen und Rinde. Die Raubtiere nähren sich von anderen Säugern oder von Vögeln, Kriechtieren, Lurchen, Fischen, Krebsen, Würmern und Weichtieren; einige fressen bloß ihre selbst erlegte Beute, andere lieben Aas; manche verschonen sogar ihr eigenes Fleisch und Blut nicht.
Diese Mannigfaltigkeit der Nahrung bedingt auch die Verschiedenheit des Erwerbes derselben, d. h. die Verschiedenheit in der Erbeutung und Aufnahme. Einige nehmen ihre Nahrung mit den Händen zu sich; der Elefant steckt sie mit dem Rüssel in das Maul; die größte Mehrzahl aber nimmt sie unmittelbar mit dem Maule auf, oft, nachdem sie dieselbe vorher mit den Tatzen erfaßt und festgehalten hat. Pflanzennahrung wird mit den Händen oder dem Rüssel abgebrochen, mit den Zähnen abgebissen, mit Zunge und Lippen abgerupft, mit dem Rüssel aus der Erde gewühlt, tierische Nahrung dagegen bei wenigen, 3. B. bei den Fledermäusen, Hunden, Fischottern, Robben und Walen, gleich mit dem Maule aufgenommen, bei anderen aber mit den Händen oder Tatzen erfaßt und dem Maule zugeführt und bei einigen auch mit dem Rüssel ausgegraben, jo von den Maulwürfen, Spitzmäusen, Igeln und Schweinen.
Die Säugetiere fressen viel, verhältnismäßig jedoch weniger als die Vögel. Dies steht auch mit ihrer geringeren Regsamkeit vollkommen im Einklange. Nach der Mahlzeit suchen sie die Ruhe und verfallen hierbei entweder bloß in einen Halbschlummer, wie die Wiederkäuer, oder in wirklichen Schlaf. Zum Spielen oder unnützen Bewegen zeigen sich, wie gesagt, nur wenige aufgelegt; es sind fast nur die Jungen, welche hierzu Lust haben und durch ihr tolles Treiben auch die gefälligen Alten aufzurütteln wissen. Bei guter und reichlicher Nahrung bekommen alle Säugetiere ein glattes, glänzendes Haarkleid und lagern im Zellgewebe und in den Leibeshöhlen viel Fett ab, welches bei einigen zur Erhaltung des Lebens während der Hungerzeit dienen muß. Einigen Pflanzen- und Kerbtierfressern nämlich geht während des Winters die Nahrung vollkommen aus, und sie sind zu klein
und zu schwach, als daß sie sich dagegen lange halten könnten. Zum Wandern in wärmere oder nahrungsreichere Gegenden unfähig, würden sie unbedingt zu Grunde gehen, wenn die Natur nicht in sehr merkwürdiger Weise für sie gesorgt hätte. Es scheint zwar, daß sie sich selbst schützen könnten, indem sie sich tief gelegene, dick und weich ausgepolsterte und deshalb warme Wohnungen unter der Erde bauen und in ihnen Vorratskammern anlegen, welche auch reichlich mit Nahrung versehen werden; allein die Natur übernimmt doch die Hauptsorge für ihre Erhaltung, und die eingetragene Nahrung dient bloß dazu, sie während der Zeit, in welcher sie wirklich noch Nahrung bedürfen, gegen das Verhungern zu schützen. Diese Säuger, welche so recht eigentlich als Schutzkinder der Natur erscheinen, bedürfen lange Zeit gar keiner Nahrung von außen her, sondern zehren, während sie in einen todesähnlichen Schlaf versinken, langsam von ihrem Fette: sie halten Winterschlaf.
Wenn der Herbst fast zu Ende geht und der Winter hereinbricht, ziehen die Schläfer in ihre künstlichen, sehr warmen Schlupfwinkel sich zurück, rollen sich zusammen und fallen nun bald in eine schlafähnliche Erstarrung. Ihr Herzschlag wird langsamer und ihre Atmungsthätigkeit dem entsprechend in auffallender Weise gemildert oder unterbrochen; die Körperwärme nimmt ab; die Glieder werden steif und kalt; der Magen und Darmschlauch entleeren sich vollständig und schrumpfen zusammen. Der Leib erhält hierdurch eine Fühllosigkeit, welche ohnegleichen ist. Um hierzu einen Beleg zu geben, will ich erwähnen, daß das Herz eines im Winterschlafe enthaupteten Murmeltieres noch drei Stunden nach seiner Tötung fortschlug, anfangs 16—17mal in der Minute, dann immer seltener, und daß der abgeschnittene Kopf nach einer halben Stunde noch Spuren von Reizbarkeit zeigte. Der Winterschlaf ist ein Scheintod; das Leben des Schläfers gibt sich bloß noch in Andeutungen kund. Allein auch nur aus diesem Grunde ist es möglich, daß das Tier überlebt. Wenn Herz und Lungen wie bei dem lebenden Tiere arbeiteten, würde das im Sommer gesammelte Fett, welches für mehrere Monate ausreichen muß, bald aufgezehrt sein; die geringe Atmungsthätigkeit aber verlangsamt den Verbrennungshergang im Innern des Körpers in günstigster Weise für die Erhaltung des Lebens. Ich habe bereits mitgeteilt, daß der Winterschläfer während seines Scheintodes etwa neunzigmal weniger atmet als im wachen Zustande, und füge hinzu, daß im entsprechenden Verhältnisse auch die Körperwärme herabgestimmt wird. Eine Messung, welche man bei einem im Winterschlafe befindlichen Murmeltiere vornahm, ergab bloß noch etwas über 8,75 Grad Celsius Wärme, während die Blutwärme der Säugetiere sonst durchschnittlich zwischen 35 und 37,5 Grad beträgt. Setzt man das schlafende Tier der Kälte aus, so erfriert es, wenn ich nicht irre, schon bei einer Wärme unter der seines Blutes während der Schlafzeit, und ebenso hat eine plötzliche Erwärmung des Scheintoten den Tod zur Folge; bringt man ihn aber allmählich in höhere und höhere Wärme, so erwacht er nach und nach, und seine Blutwärme steigt allgemach bis auf die gewöhnliche Höhe. Übrigens erträgt kein Winterschläfer auch solches gemachsame Erwecken mehrere Male nacheinander: jeder Wechsel während seines Halblebens ist ihm schädlich. Hieraus erklärt sich wohl auch, daß er sein Winterlager immer nur in Höhlen nimmt und diese durch sorgfältiges Verstopfen noch besonders gegen die äußere Luft und deren Wärmewechsel abzuschließen sucht. Es ist höchst merkwürdig, daß Siebenschläfer aus fremden Ländern, wenn sie zu uns gebracht werden, im Winter ebenfalls ihren Totenschlaf halten, während sie dies in ihrer Heimat gerade in der Zeit der größten Hitze thun. Allein wir sehen auch hieraus wieder, daß die Zeit der Dürre heißer Erdstriche eben nur mit unserem Wine verglichen werden kann, niemals mit unserem Sommer.
Mit dem Herannahen des Frühlings erwacht der Winterschläfer und fristet nun sein Leben zuerst mit den Schätzen, welche er im vorigen Sommer eintrug. Anfangs schläft er auch nach dem Erwachen aus dem Totenschlafe noch oft und lange, doch mehr in
gewöhnlicher Weise; sobald er aber sein Schutzlager verlassen kann, überkommt ihn große Aufregung; denn nunmehr geht er seinem Geschlechtsleben nach. Nur die kleineren Säugetiere verfallen in einen wirklichen Winterschlaf, die größeren, wie der Bär, schlafen zeitweilig, obschon tage- ja vielleicht wochenlang, nehmen aber während dieser Zeit ebenfalls nur wenig Nahrung zu sich.
Einige Säugetiere unternehmen zuweilen Reisen, um ihre Lage zu verbessern; doch kann man bei unserer Klasse nicht wie bei den Vögeln von einer wirklichen Wanderung sprechen. Es kommt allerdings vor, daß sie eine Gegend verlassen und in eine andere ziehen; der Weg aber, den sie zurücklegen, ist nie so lang, daß er mit dem Zuge der Vögel verglichen werden könnte. Von Nahrungsmangel gepeinigt, rotten sich die Lemminge, jene munteren und anziehenden Bewohner der nordischen Gebirge und Ebenen, in großer Masse zusammen und wandern nun gemeinschaftlich in die Tiefe hinab, versuchen sogar über Meeresarme zu setzen, gehen aber dabei fast regelmäßig zu Grunde; südafrikanische Antilopen, das Renntier und der Bison, der wilde Esel, die Seehunde und Wale treten aus demselben Grunde noch weitere Wanderungenan; einige Fledermäuse haben sogar einen beschränkten Zug: allein alle diese Reisen stehen unendlich weit hinter denen der Vögel zurück.
Das Leben der Säugetiere ist viel einförmiger als das der beweglichen Luftbewohner. Bloß die gescheiteren Arten suchen in dieses Einerlei einige Abwechselungen zu bringen, indem sie sich auf irgend welche Weise miteinander unterhalten. Bei dem großen Haufen teilt sich der Tag in Fressen und Schlafen, Schlafen und Fressen. Die Brunstzeit verändert dieses Betragen immer. Sie ist bei den meisten Säugetieren an einen bestimmten Jahresabschnitt gebunden und fällt entweder in das Frühjahr oder in den Herbst oder auch selbst in den Winter, je nachdem das Tier längere oder kürzere Zeit trächtig geht. Die Satz⸗ oder Wurfzeit der Säugetiere nämlich ist regelmäßig der Frühling, welcher für das Junge oder für die säugende Alte reichliche Nahrung bietet; und der Satzzeit entspricht nun die Brunstzeit. Während derselben zeigt sich das Säugetier oft in ganz anderer Weise als außerdem: die männlichen Tiere, welche sich sonst nicht um die weiblichen bekümmern, finden sich bei diesen ein und bekunden eine große Erregung ihres Geistes und Leibes. Mit den zunehmenden Gefühlen der Liebe wächst die Eifersucht und der Haß gegen etwaige Nebenbuhler; heftige Kämpfe werden zwischen diesen ausgefochten und Kampflustige zu denselben durch lautes Schreien eingeladen; selbst in der Seele des furchtsamsten Säugetieres regt sich der Mut und die Kampfeslust. Der als Sinnbild der Furchtsamkeit dastehende Hase kämpft mit seinem Nebenbuhler verhältnismäßig ebenso wacker wie der Löwe, wenn er auch seinen Liebesgegner nur tüchtig mit den Vorderpfoten ohrfeigt; der scheue Hirsch wird kühn und selbst dem Menschen gefährlich; die Stiere zeigen eine namenlose Wut; die Raubtiere aber scheinen gegen alle fremden Geschöpfe milder gesinnt zu werden, als sie es früher waren: die Liebe nimmt sie vorherrschend in Anspruch. In der verschiedenartigsten Weise machen die Männchen ihren Weibchen den Hof. Die Affen werden äußerst zudringlich und erlauben kein Sprödethun; die Hunde dagegen bleiben liebenswürdig, selbst wenn die Hündin noch so ärgerlich über die Liebeserklärungen sich stellt; die Löwen brüllen, daß die Erde zu erzittern scheint, und die verliebten Löwinnen gebärden sich, als ob sie ihre Liebhaber verschlingen wollten; die Katzen rufen mit unglaublicher Sanftheit sehnsuchtsvoll nach dem Gegenstande ihrer Schwärmerei, sind aber so reizbar gegen die Nebenbuhler, daß die zarten Töne bei deren-Anblick sofort in ein höchst wütendes Fauchen übergehen; die männlichen Maulwürfe sperren ihr Weibchen augenblicklich in einen ihrer unterirdischen Gänge ein, sobald es sich zu spröde zeigt, und lassen ihm hier Zeit, sich zu besinnen; die Wiederkäuer führen gleichsam zur Ehre des weiblichen Teiles große Kämpfe auf, müssen aber sehen, wie ihnen der Siegespreis oft von Feiglingen, welche den Zweikampf klug benutzen, entrissen