Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Mut kann man den Affen nicht absprechen. Die stärkeren stellen sich selbst furchtbaren Raubtieren und dem noch gefährlicheren Menschen kühn zur Wehre und lassen sich auf Kämpfe ein, deren Ausgang für manchen Angreifer mindestens zweifelhaft ist. Selbst die zierlichen Meerkatzen gehen, gereizt oder in die Enge getrieben, ihren Gegnern zu Leibe. Größere Affen, namentlich Menschenaffen und Paviane, besitzen in ihren Zähnen furchtbare Waffen und können es mit einem Feinde wohl aufnehmen. Weibliche Affen lassen sich nur, wenn sie sich ihrer Haut wehren oder ihr Junges verteidigen müssen, in Streit ein, bethätigen dann aber ebenso große Tapferkeit wie die Männchen. Schon mit den größeren Pavianarten beginnt ohne Feuergewehr kein Eingeborener einen Kampf; dem Gorilla gegenüber wird er nicht einmal durch das Feuergewehr in allen Fällen zum überlegenen Gegner. Jedenfalls ist der Jähzorn, die beispiellose Wut der Affen, welche ihre Stärke noch bedeutend steigert, sehr zu fürchten, und die Gewandtheit, welche sie alle besitzen, nimmt ihrem Feinde nur zu häufig die Gelegenheit, ihnen einen entscheidenden Schlag e
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.
Sie kämpfen mit Händen und Zähnen, schlagen, kratzen und beißen. Vielverbreitete Angaben über andere Verteidigungsweisen find durch sorgfältige Beobachtungen nicht bestätigt worden. „Es wird erzählt“, sagt Pechuel-Loesche, „daß die Affen sich mit abgebrochenen Asten wehren, und es wird ziemlich allgemein angenommen, daß sie Steine, Früchte, Holzstücke und andere Gegenstände von oben herab auf ihre Gegner schleudern. Dieser Glaube entspringt wohl durchweg ungenauen Beobachtungen. Seine Anhänger und Verbreiter sahen vielleicht doch nur, was sie nach den mannigfaltigen Berichten voraussetzten, nicht, was wirklich geschah. Baumaffen brechen im übermütigen Spiele dürres Geäst ab, indem sie darauf springen, wippen und daran rütteln, aber sie werfen nicht damit nach einem etwa unten Stehenden, ebensowenig wie mit Früchten oder anderen Gegenständen, die sie vielleicht inden Händen halten und natürlich fallen lassen, wenn sie erschreckt werden und fliehen. Auch Paviane, davon ich besonders die Tschakmas zu hunderten recht oft und sorgfältig beobachten konnte, denken nicht daran, von ihren Felsensitzen mit Steinen nach Verfolgern zu werfen. Von den Stellen, wo sie sich gerade befinden, rollen und fallen zwar Felsbrocken herab, aber nur zufällig und auch dann, wenn kein Feind in Sicht ist. Denn die kräftigen Tiere wenden eifrig loses Gestein um, weil darunter allerlei Getier haust, dem sie nachstellen. Auch bei ihrem Umherklettern und lustigen Spielen, bei ihrer Flucht bringen sie — wie der Mensch, der an Berghalden herumsteigt — manche Felstrümmer aus dem Gleichgewichte, lösen sie Geröllanhäufungen, die dann zu Thal prasseln; ferner verursachen sie dies aus reinem Mutwillen, so wie Baumaffen einen brüchigen dürren Zacken loswippen. Ich habe mit meiner Frau, der das Gebaren der Paviane, als der oftmals einzigen und sehr lärmenden Lebewesen in den Felseneinöden Südwestafrikas, viel Vergnügen bereitete, gerade dieses Treiben eingehend beobachtet, um mich besonders davon zu überzeugen, ob sie wirklich werfen. Dies thun sie sicherlich nicht. Wohl aber können wir uns erklären, wie die entgegengesetzte Auffassung entstanden ist. Sind nämlich Tschakmas beunruhigt und gereizt, etwa weil man in der Nähe ihrer Felsensitze schleicht oder klettert, dann springen sie aufgeregt umher, bellen und grunzen, schlagen herausfordernd mit den Vorderhänden auf den Boden, scharren mit den Hinterbeinen und schnellen dabei auch allerlei lockere Gegenstände, besonders Felstrümmer, fort, an denen sie gleichsam ihr Mütchen kühlen. Selbstverständlich rollen und hüpfen manche der nach beliebigen Seiten geschnellten Steine die Gehänge und Wände hinab — aber ein zielbewußtes Abrollen oder gar Werfen ist das doch nicht zu nennen. Davon habe ich endlich auch im Lande lebende Europäer überzeugt, die bis dahin fest an das Steinschleudern der Affen glaubten. Ganz so werden es wohl auch andere Pavianarten treiben, die ich in der Wildnis nicht gesehen habe. Jeder Reisende sollte nur seinen eigenen Augen trauen und keine Gelegenheit ver: säumen, unbefangene sorgfältige Beobachtungen anzustellen.“
In der Gefangenschaft halten fast alle Affenarten gute Freundschaft; doch bildet sich bald ein ähnliches Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis wie unter einer freilebenden Bande. Der Stärkste erringt auch hier die Oberherrschaft und knechtet und peinigt den Schwächeren so lange, bis dieser sich fügt. Zarte Rücksicht zu nehmen, ist nicht der Affen Art; Übermut macht sich jederzeit geltend, selbst inniggeliebten Pfleglingen gegenüber. Größere Arten, und zwar die Männchen ebensowohl wie die Weibchen, nehmen sich der kleineren, hilfloseren regelmäßig an; starke Affinnen zeigen selbst Gelüste nach kleinen Menschenkindern oder allerlei jungen Tieren, welche sich tragen lassen. So abscheulich der Affe sonst gegen Tiere ist, so liebenswürdig beträgt er sich gegen Tierjunge oder Kinder, am liebenswürdigsten natürlich gegen die eigenen, und daher ist die Affenliebe sprichwörtlich geworden.
Die Affen gebären ein Junges, wenige Arten zwei. Dies ist regelmäßig ein kleines, häßliches Geschöpf, ausgestattet mit doppelt so lang erscheinenden Gliedmaßen, wie seine
Eltern sie besitzen, und einem Gesichte, welches seiner Falten und Runzeln halber dem eines Greises ähnlicher sieht als dem eines Kindes. Dieser Wechselbalg ist aber der Liebling der Mutter, und sie hätschelt und pflegt ihn in rührender oder — lächerlicher Weise; denn die Affenliebe streift, mindestens in unseren Augen, an das Lächerliche. Das Kind hängt sich bald nach seiner Geburt mit beiden Vorderhänden an dem Halse, mit beiden Hinterhänden aber an den Weichen der Mutter fest, in der geeignetsten Lage, die laufende Mutter nicht zu behelligen und ungestört zu saugen. Altere Affenkinder springen bei Gefahr auch wohl auf Schulter und Rücken ihrer Eltern.
Anfangs ist der Affensäugling gefühl- und teilnahmlos, um so zärtlicher aber die tutter. Sie hat ohne Unterlaß mit ihm zu thun; bald leckt fie ihn, bald lauft fie ihn wieder, bald drückt sie ihn an sich, bald nimmt sie ihn in beide Hände, als wolle sie sich an seinem Anblicke weiden, bald legt sie ihn an die Brust, bald schaukelt sie ihn hin und her, als wolle sie ihn einwiegen. Plinius versichert ernsthaft, daß Affinnen ihre Jungen aus Liebe zu Tode drücken; in der Neuzeit ist dies niemals beobachtet worden. Nach einiger Zeit beginnt der junge Affe mehr oder weniger selbständig zu werden, verlangt namentlich ab und zu ein wenig Freiheit. Diese wird ihm gewährt. Die Alte läßt ihn aus ihren Armen, und er darf mit anderen Affenkindern scherzen und spielen; sie aber verwendet keinen Blick von ihm und hält ihn in beständiger Aufsicht, geht ihm übrigens willig auf allen Schritten nach und erlaubt ihm, was sie gewähren kann. Bei der geringsten Gefahr stürzt sie auf ihn zu, läßt einen eigentümlichen Ton hören und ladet ihn durch denselben ein, sich an ihre Brust zu flüchten. Etwaigen Ungehorsam bestraft sie mit Knüffen und Püffen, oft mit förmlichen Ohrfeigen. Doch kommt es selten dazu; denn das Affenkind ist jo gehorsam, daß es manchem Menschenkinde zum Vorbilde dienen könnte, und gewöhnlich genügt ihm der erste Befehl seiner Mutter. In der Gefangenschaft teilt sie, wie ich mehrfach beobachtet habe, jeden Bissen treulich mit ihrem Sprößlinge und zeigt an seinem Geschicke einen solchen Anteil, daß man sich oft der Rührung nicht erwehren kann. Der Tod eines Kindes hat in vielen Fällen das Hinscheiden der gefangenen Mutter zur Folge. Stirbt eine Affin, so nimmt das erste beste Mitglied der Bande die Waise an Kindes Statt an, und die Zärtlichkeit gegen ein Pflegekind der eigenen Art ist kaum geringer als die, welche dem eigenen Kinde zu teil wird. Bei anderartigen Pfleglingen ist dies anders: hier zeigt sich der Affe oft als unerklärliches Rätsel. Er pflegt seinen angenommenen Liebling nach Möglichkeit, drückt ihn an sich, reinigt ihn, behält ihn unter steter Aufsicht, gibt ihm aber gewöhnlich nichts zu fressen, sondern nimmt das für das Pflegekind bestimmte Futter ohne Gewissensbisse zu sich, hält jenes auch, während er frißt, sorgsam vom Napfe weg. So habe ich an Pavianen beobachtet, wenn sie junge Hunde oder Katzen zu Pfleglingen erkoren hatten.
Es ist noch nicht ermittelt, wie viele Jahre der Affe durchschnittlich zu seinem Wachstume braucht. Daß diese Zeit bei den größeren Arten eine längere als bei den kleineren ist, versteht sich wohl von selbst. Meerkatzen und amerikanische Affen sind vermutlich in 3—4 Jahren erwachsen, Paviane aber bedürfen 8— 12 Jahre zu ihrem Wachstume, und die größeren Menschenaffen erreichen wahrscheinlich noch viel später ihre Mannbarkeit, da bei ihnen der Zahnwechsel kaum in einem früheren Lebensabschnitte als beim Menschen eintritt. Im Freileben scheinen alle Affen wenigen Krankheiten ausgesetzt zu sein; mindestens weiß man nichts von Seuchen, welche dann und wann unter ihnen wüten sollten. Wie hoch sie ihr Alter bringen, kann nicht bestimmt werden; doch darf man wohl annehmen, daß die Menschenaffen auch ein volles Menschenalter erreichen, vielleicht noch älter werden als der Mensch. Bei uns zu Lande leiden alle außerordentlich. Gewöhnlich pflegt die Lungenschwindsucht ihr Leben zu beenden. Ein kranker Affe ist eine Erscheinung, welche jedermann rühren muß. Der sonst so heitere Gesell sitzt traurig und elend da und schaut
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den mitfühlenden Menschen kläglich bittend, ja wahrhaft menschlich in das Gesicht. Je mehr er seinem Ende zugeht, um so milder wird er; das Tierische verliert sich, und die edlere Seite seines Geistes zeigt sich heller. Er erkennt jede Hilfe mit größtem Danke, sieht bald in dem Arzte seinen Wohlthäter, nimmt ihm gereichte Arzneien willig ein, gestattet sogar wundärztliche Eingriffe, ohne sich zu wehren. Auch bei übrigens gesunden Affen kränkelt in der Regel wenigstens der Schwanz; sein Ende wird wund, eitert, bekommt den Brand, und ein Glied nach dem anderen fällt ab.
Ich weiß nicht, ob ich irgend einen Affen als Hausgenossen anraten darf. Die munteren Gesellen bereiten viel Vergnügen, verursachen aber noch weit mehr Ärger. Auf lose Streiche aller Art darf man gefaßt sein, und wenn man eben nicht die Geisteskräfte des. Affen studieren will, bekommt man jene doch bald gründlich satt. Die größeren Arten werden auch mitunter gefährlich; denn sie beißen und kratzen fürchterlich. Als frei herumgehendes Haustier ist der Affe nicht zu dulden, weil sein ewig regsamer Geist beständig Beschäftigung verlangt. Wenn sein Herr solche ihm nicht gewährt, schafft er sie sich selbst und dann regelmäßig nicht eben zum Vorteile des Menschen. Einige Arten sind schon wegen ihrer Unanständigkeit nicht zu ertragen.
Das Leben und Treiben der zahmen, fast als Haustiere zu betrachtenden Affen in der Station der Loango-Expedition, wo außer Gorilla und Schimpansen noch mehrere Arten Meerkatzen, Mandrille und ein Mohrenaffe beobachtet wurden, schildert Pechuel-Loesche folgendermaßen: „Ein sehr fesselnder Charakterzug unserer Affen war es, irgend ein Geschöpf oder Ding zum Gegenstande ihrer Neigung oder doch Sorgfalt zu erwählen. Daraus erwuchsen die sonderbarsten Tierfreundschaften. Es ist ja allgemein bekannt, daß Affen die Kinder selbst irgend welcher anderen Art ohne weiteres annehmen, auf das zärtlichste beschützen und sich selbst von den Toten nicht trennen wollen. Wenn unser Schäferhund Trine uns wieder mit Jungen beschenkt hatte und diese von Flöhen wimmelten, so setzten wir sie zu den Meerkatzen ins Affenhaus. Dort wurden sie freudig aufgenommen, gleich emsig wie zart gesäubert und gehätschelt, während der alte Hund von außen ganz verständig zusah. Ein großes Gezeter gab es aber, wenn wir die Pfleglinge wieder abholten; man hatte sie unter sich verteilt und gedachte offenbar, sie dauernd zu behalten. „Der übermütige Mohrenaffe hielt treu zusammen mit dem Gorilla und mit dem Regenten des Gehöftes: dem stattlichen glatthaarigen Hammel Mfuka. Der Pavian Jack hatte Freundschaft mit einem straffen Ferkel geschlossen und versuchte auf dessen Rücken öfters die seltsamsten Reiterkünste; später trat an Stelle des munteren Schweinchens ein herangewachsener Hund, mit dem er in drolligster Weise spielte. Die unwirsche Isabella hatte sich einen Graupapagei erwählt; als sie ihm aber eines Tages die schönen roten Schwanzfedern einzeln auszurupfen begann, löste sich der merkwürdige Freundschaftsbund. „Der Mohrenaffe vertrug sich mit den Meerkatzen ausgezeichnet, wenn er und sie sich in vollständiger Freiheit austummeln durften; dann tollten sie gemeinschaftlich im Gehöfte, über Dächer, in Garten und Feld. Anders, wenn er angelegt war und die Meerkatzen in ihrer Behausung saßen; dann führten sie Krieg gegeneinander durch die Gitterstäbe des Affenhauses: Mohr schlug hinein, zauste und knuffte die zierlicheren Genossen, wenn immer er sie greifen konnte. Und diese hatten es auf seinen Stolz und zugleich besten Angriffspunkt: auf den schönen langen Schwanz, abgesehen. Wehe Mohr, wenn dieses buschige Anhängsel einmal an die Lücken der Affenhausstäbe geriet: im Nu hatten es die Meerkatzen hineingezogen und hingen sich daran, jo viele ihrer nur Halt fanden, jo daß Mohr, schmählich und hilflos gegen die Stäbe geklemmt, nun seine Mißhandlungen mit Zinsen heimgezahlt erhielt. „Man sagt den Affen nach, daß sie sehr lüstern nach gebrannten Getränken seien. Die unseren waren es nicht, bewiesen sogar einen großen Abscheu dagegen. Nachdem wir sie