Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Stellungen verschiedener Menschenaffen (Schimpansen).
Stellungen verschiedener Menschenaffen (1–5 Orang-Utan, 6–8 Gibbon)
den Leib schwerfällig vorwärts, so daß die Füße zwischen die Hände zu stehen kommen. Dabei werden letztere seitlich aufgesetzt, die Tiere stützen sich also auf die eingeschlagene Faust der Hände und auf die Außenseite oder äußere Kante der Füße, deren Mittelzehen oft ebenfalls unter die Sohle gekrümmt werden, wogegen die große, weit abstehende Zehe als wesentliche Stütze des Leibes dient. Nur die Gibbons scheinen nicht im stande zu sein, in solcher Weise zu laufen, gehen vielmehr auf dem Boden in der Regel aufrecht, strecken dabei alle Zehen aus, spreizen die Daumenzehe bis zu einem rechten Winkel vom Fuße ab und halten sich mittels der ausgebreiteten Arme im Gleichgewichte, recken dieselben auch um so weiter aus, je schneller fie forttrippeln. Auch viele Hunds-, Neuwelts- und selbst Krallenaffen vermögen längere oder kürzere Strecken aufrecht gehend zurückzulegen; alle aber fallen, wenn sie das Gleichgewicht nicht länger erhalten können, auf die Vorderglieder nieder und gehen bei ernsterem Laufe, beispielsweise wenn fie verfolgt werden oder zum Kampfe schrei⸗— ten wollen, stets auf allen vieren. Die beigegebenen Tafeln bringen verschiedene Stellungen der Menschen-, später folgende Abbildungen solche der übrigen Affen zur Anschauung.
Einige Sippen der Ordnung schwimmen vortrefflich, andere gehen im Wasser unter wie Blei. Zu ersteren gehören die Meerkatzen, von denen ich einige mit der größten Schnelligkeit und Sicherheit über den Blauen Nil schwimmen sah, zu den letzteren wahrscheinlich die Paviane und vielleicht auch die Brüllaffen; von jenen ertrank uns einer, als wir ihn baden wollten. Die Schwimmunkundigen scheuen das Wasser in hohem Grade: man hat eine fast verhungerte Familie von Brüllaffen auf einem Baume gefunden, dessen Fuß durch Überschwemmung unter Wasser gesetzt worden war, ohne daß die Affen es gewagt hätten, nach anderen, kaum 60 Schritt entfernten Bäumen sich zu retten. Ulloa, welcher über brasilianische Tiere schrieb, hat daher für die armen, schwimmunkundigen Tiere eine hübsche Brücke erfunden, welche gewiß sehr gute Dienste leisten würde, wenn — die Affen sie benutzen wollten. Er erzählt, daß je ein Brüllaffe mit seinen Händen den Schwanz eines anderen packe, und daß in dieser Weise die ganze Gesellschaft eine lange Kette aus lauter Affengliedern bilde, welche vermittelst des Schwanzes des Endgliedaffen am Wipfel eines Uferbaumes befestigt und hierauf durch vereinigte Kraft aller Glieder in Schwingungen gesetzt werde, bis das Vorderglied den Zweig eines Baumes des jenseitigen Ufers erfassen und sich dort festhalten könne. Auf der solchergestalt hergerichteten Brücke sollen nun zuerst die Jungen und Schwächeren auf das andere Ufer übersetzen, dann aber der Vorderaffe die ganze Kette, deren Endglied seine Klammer löst, zu sich hinüberziehen. Prinz von Wied, ein sehr gewissenhafter Beobachter, nennt diese Erzählung bei ihrem rechten Namen: „eine spaßhafte Fabel“. | Alle Affen find außerordentlich starkgliederig und heben Lasten, welche verhältnismäßig für unsere schwachen Arme zu schwer sein würden: ein Pavian, den ich besaß, hing sich viele Minuten lang an einem Arme auf und hob seinen dicken Leib daran in die Höhe, so hoch es der Arm zuließ. Das gesellige Leben der Affen ist ein für den Beobachter sehr anziehendes. Wenige Arten leben einsiedlerisch, die meisten schlagen sich in Banden zusammen. Von diesen erwählt sich jede einzelne eine ständige Heimat, welche größeren oder geringeren Umfang haben kann. Die Wahl fällt regelmäßig auf Gegenden, welche in jeder Hinsicht günstig scheinen. Etwas zu knacken und zu beißen muß es geben, sonst wandert die Bande aus. Waldungen in der Nähe menschlicher Ansiedelungen sind ihnen in dürftigen Gebieten Paradiese: der verbotene Baum darin kümmert die Affen nicht, wenn nur die Apfel auf ihm gut sind. Mais: und Zuckerrohrfelder, Zwiebel-, Obst⸗, Melonen: und Bananenanpflanzungen gehen über alles andere; Dorfschaften, in denen jeder, welcher die unverschämten Spitzbuben züchtigt, den Aberglauben der Bewohner zu fürchten hat, sind auch nicht übel. Wenn sich die
Bande erst über den Wohnort geeinigt hat, beginnt das wahre Affenleben mit all seiner Lust und Freude, seinem Kampf und Streit, seiner Not und Sorge. Das stärkste oder älteste, also befähigtste männliche Mitglied einer Herde schwingt sich zum Zugführer oder Leitaffen auf. Diese Würde wird ihm nicht durch das allgemeine Stimmrecht übertragen, sondern erst nach sehr hartnäckigem Kampfe und Streite mit anderen Bewerbern, d. h. mit sämtlichen übrigen alten Männchen, zuerteilt. Die längsten Zähne und die stärksten Arme entscheiden. Wer sich nicht gutwillig unterordnen will, wird durch Bisse und Püffe gemaßregelt, bis er Vernunft annimmt. Dem Starken gebührt die Krone: in seinen Zähnen liegt seine Weisheit. Der Leitaffe verlangt und genießt unbedingten Gehorsam und zwar in jeder Hinsicht. Ritterliche Artigkeit gegen das schwächere Geschlecht übt er nicht: im Sturme erringt er der Minne Sold. Kein weibliches Glied der Bande darf sich einer albernen Liebschaft mit irgend welchem Grünschnabel hingeben. Seine Augen sind scharf, und seine Zucht ist streng; er versteht in Liebessachen keinen Spaß. Auch die Affinnen, welche sich oder besser ihn vergessen sollten, werden gemaulschellt und zerzaust, daß ihnen der Umgang mit anderen Helden der Bande gewiß verleidet wird; der betreffende Affenjüngling, welcher die Haremsgesetze des auf sein Recht stolzen Sultans verletzt, kommt noch schlimmer weg. Die Eifersucht macht diesen furchtbar. Es ist auch thöricht von einer Affin, solche Eifersucht heraufzubeschwören; denn der Leitaffe ist Manns genug für sämtliche Affinnen seiner Herde. Wird diese zu groß, dann sondert sich unter der Führung eines inzwischen stark genug gewordenen Mitbruders ein Teil vom Haupttrupp ab und beginnt nun für sich den Kampf und den Streit um die Oberherrschaft in der Leitung der Herde und in der Liebe. Kampf findet immer statt, wo mehrere nach gleichem Ziele streben; bei den Affen vergeht aber sicher kein Tag ohne Streit und Zank. Man braucht eine Herde nur kurze Zeit zu beobachten und wird gewiß bald den Streit in ihrer Mitte und seine wahre Ursache kennen lernen.
Im übrigen übt der Leitaffe sein Amt mit Würde aus. Schon die Achtung, welche er genießt, verleiht ihm Sicherheit und Selbständigkeit, welche seinen Untergebenen fehlt; auch wird ihm von diesen in jeder Weise geschmeichelt. So sieht man, daß selbst die Affinnen sich bemühen, ihm die höchste Gunst, welche ein Affe gewähren oder nehmen kann, zu teil werden zu lassen. Sie beeifern sich, sein Haarkleid stets von den lästigen Schmarotzern möglichst rein zu halten, und er läßt sich diese Huldigung mit dem Anstande eines Paschas gefallen, welchem eine Lieblingssklavin die Füße kraut. Dafür sorgt auch er treulich für die Sicherheit seiner Bande und ist deshalb in beständiger Unruhe. Nach allen Seiten hin sendet er seine Blicke, keinem Wesen traut er, und so entdeckt er auch fast immer rechtzeitig eine etwaige Gefahr. ö Die Affensprache darf ziemlich reichhaltig genannt werden; wenigstens verfügt jeder Affe über sehr wechselnde Laute für verschiedenartige Erregungen. Auch der Mensch erkennt bald die Bedeutung dieser Laute. Der Ausruf des Entsetzens, welcher stets die Mahnung zur Flucht in sich schließt, ist besonders bezeichnend. Er läßt sich allerdings sehr schwer beschreiben und noch weniger nachahmen; man kann eben nur sagen, daß er aus einer Reihe kurzer, abgestoßener, gleichsam zitternder und mißtöniger Laute besteht, deren Wert der Affe durch die Verzerrung des Gesichtes noch besonders erläutert. Sobald dieser Warnungston laut wird, nimmt die Herde eiligst die Flucht. Die Mütter rufen ihre Kinder zusammen; diese hängen im Nu an ihnen fest, und mit der süßen Bürde beladen, eilen sie so schnell als möglich nach dem nächsten Baume oder Felsen. Erst wenn der Leitaffe sich wieder ruhig zeigt, sammelt sich die Herde und beginnt dann nach kurzer Zeit den Rückweg, um die unterbrochene Plünderung wieder aufzunehmen.
Pechuel-Loesche, der Affen vornehmlich in westafrikanischen Wildnissen beobachtete, weiß folgendes über sie mitzuteilen: „Affen, besonders Meerkatzen, gibt es in großer Menge,
doch nicht allerorten. In verschiedenen Gegenden könnte man jahrelang leben, ohne auch nur einen zu sehen. Sie lieben nicht die Savannen mit ihren verstreuten Buschwäldern und Gehölzen, sondern bevorzugen die Wasserwälder der Flußniederungen und die Regenwälder der Gebirge. Die Nähe des Wassers ist ihnen Bedürfnis. Nur ausnahmsweise, wenn etwa leckere Beeren in der Savanne reifen, oder wenn die vielbegehrten Grashüpfer recht zahlreich auftreten, unternehmen die Waldaffen weitere Streifzüge aus ihrer Heimat in das Grasland. Dann begegnet man ihnen bisweilen in recht trockenen Steppenflecken, wo sie zwischen verdorrten und geknickten Grasbüscheln der Jagd auf Insekten obliegen oder im vielteiligen Gezweige des Gestrüppes umhersteigen, um Früchte zu pflücken. Paviane bevorzugen diese öderen Landschaften, wenn sie nur steinig und gebirgig sind. Die in Südwestafrika sehr zahlreich vertretenen Tschakmas habe ich im Hererolande regelmäßig nur in den trostlosesten Felseneinöden angetroffen, wo sie, auf den Höhen sitzend und entlang wandernd, den Fremdling mit weithallendem Gebelle begrüßen. „Die Meerkatzen schwimmen ausgezeichnet, die Paviane, mit Ausnahme des Mandrills, den ich kräftig schwimmen gesehen habe, wahrscheinlich schlecht oder gar nicht, da fie haupt: sächlich Gebiete bewohnen, die keine Gelegenheit zu Übungen im Wasser darbieten. Den menschenähnlichen Affen scheinen breite und tiefe Gewässer unüberwindliche Schranken zu sein. Da die in den üppigen tropischen Urwäldern lebenden Affen Überfluß an Nahrung haben, fügen fie den Pflanzungen der Eingeborenen keinen großen Schaden zu; man hört wenigstens darüber nicht klagen. Nur Schimpansen und Gorillas sollen Maniok und Erdnüsse ausgraben sowie die Früchte der Musaceen stehlen. Mir bekannte wohlgepflegte Gärten und Pflanzungen vieler Faktoreien sowie die unseren um Tschintschotscho an der Loangoküste sind in Jahren von wilden Affen niemals geplündert worden, während freilich die in unserem Gehöfte zahm gehaltenen sie recht gern besuchten. Dagegen schädigten Meerkatzen mehrmals unseren in öder Berggegend am Kongo, bei Vivi, angelegten Garten in frühester Morgenstunde. So ist wohl anzunehmen, daß namentlich die Affen, die überhaupt in armen Gegenden leben oder sie gelegentlich auf Streifzügen besuchen, die angebauten Feldfrüchte als willkommene Beute betrachten. „Wer Affen überlisten will, muß sehr vorsichtig zu Werke gehen. Besonders im Walde sind sie weit öfter zu hören als zu erblicken. Es erfordert Übung, bis das Auge geschickt wird, die beweglichen und gewandten Turner zwischen den Laubmassen zu erkennen, und nur zu oft verkünden ängstliche wie zornige Warnungsrufe, daß sie ihren Feind früher entdeckt haben. Mit hurtigen Sprüngen entfliehen sie aus dem Schußbereiche oder verbergen sich ganz still zwischen schützenden Blättern, um leise davonzuschleichen. Obwohl sie viel Leichtsinn besitzen und manchmal den Menschen mit erstaunlicher Unbefangenheit betrachten, sind sie doch in der Regel sehr scheu und beim Schmausen wie bei den tollsten Spielen sehr achtsam auf alles, was um sie vorgeht. „Am besten sind sie in den Morgen- und Abendstunden zu erlegen, wenn man im Kahne längs des Ufers mit dem Strome treibt, und recht gut mittels des Feldstechers zu beobachten, wenn man sich in der Mitte eines breiten Gewässers hält. Auch ist es lohnend, sich an einem günstigen Orte im Walde anzustellen, wo Bäume mit leckeren Früchten wachsen, oder sich anzubirschen, wenn der nicht zu verkennende Lärm von ferne eine wandernde Schar ankündigt. Unter solchen Umständen mag der Jäger beim hastigen Anlaufen sogar Geräusch im Buschwerke verursachen, ohne befürchten zu müssen, daß er sich verrate; sobald er aber in Bewegung gesehen wird, ist es mit der Jagd vorbei. Die behenden Tiere enteilen in der Höhe viel schneller, als er ihnen, durch Gewächse behindert, auf der Erde zu folgen vermag. Schon ein rasches Wenden des Auges, das Begegnen des Blickes genügt, sie zu vertreiben. Verhält man sich aber vollkommen still, ist man im Buschwerke wohl
verborgen, so kann man die übermütige Gesellschaft in unmittelbarer Nähe schmausen sehen, während Kerne, Schalen und angebissene Früchte herabregnen. „Gleich den Graupapageien verwüsten die Affen, wenn sie aus dem Vollen wirtschaften können, sehr viel mehr, als sie verzehren. Unter einer Olpalme mit reifen Fruchtständen liegen unversehrte und angebissene Früchte wie gesäet umher. Es muß ihnen recht schwierig sein, in den festgeschlossenen stacheligen Fruchtstand die erste Lücke zu brechen; man sieht es deutlich, wie sie von allen Seiten versuchen, die Stacheln wegbeißen und mit den Fingern bohren. Die Papageien sind vermöge ihres kräftigen Schnabels weit geschickter für diese Arbeit, die dann von den Affen weitergeführt wird. Unter einer stattlichen Anacardiacee mit kirschengroßen, in Trauben hängenden Früchten liegen in der Reifezeit, wenn die vergeudende Sippschaft einen Besuch abgestattet hat, die pflaumenblauen Beeren so dicht umhergestreut, daß man manchmal nicht gehen kann, ohne bei jedem Schritte etliche zu zertreten. Ahnlich ist es bei anderen guten Fruchtbäumen. Die scheinbare Verschwendung hat indes ihren Nutzen: des Nachts halten allerlei nicht kletternde Tiere, namentlich Wildschweine, eine dankbare Nachlese, und der erfahrene Jäger belauert sie dort. „Um die heiße Mittagszeit pflegen die Affen der Ruhe im Waldesdunkel; bis 9 Uhr morgens und nach 4 Uhr nachmittags sind sie am regsten und kommen dann besonders gern an die Ufer der Gewässer. „Alle mir bekannten Affenarten sind außerordentlich zählebig und bedürfen einer sehr gut sitzenden Kugel oder eines starken Schrotschusses — letzterer, Hasenschrot, ist für die meisten vorzuziehen — um unter Feuer zu verenden. Hat man sie nicht nahe und sicher, so schießt man besser gar nicht, weil die bloß verwundeten Tiere doch nicht zu erlangen sind. Bei strenger Beachtung dieser guten alten Jagdregel wird man nie in die traurige Lage kommen, einem sich in Todesqualen windenden Affen den Gnadenschuß geben zu müssen. „Das Fleisch der Jungen und die Leber aller Altersklassen ist zart und auch wohlschmeckend, doch hindern die begleitenden Gedanken den Europäer, sich mit der Speise auszusöhnen. Es soll übrigens keineswegs auf die so häufig hervorgehobene Ahnlichkeit eines zubereiteten Affen mit einem Kinde angespielt werden. Dieser verbrauchte und gänzlich unpassende Vergleich sollte endlich aus Reisebeschreibungen verschwinden, denn ungefähr mit dem nämlichen Rechte könnte ein gebratener Hase kinderähnlich genannt werden. Die Menschenähnlichkeit des Affen liegt in seinen Bewegungen, nicht in seiner Körperform. Eine Ausnahme bilden die seltenen Menschenaffen. Vielleicht könnte man sie, wenn sie am Spieße stecken,mit einiger Phantasie bei flüchtigem Hinblicke für Menschen halten. Aber schwerlich haben die Reisenden, welche immer wieder jenen beunruhigenden Vergleich vorbringen, jemals einen Schimpansen, viel weniger einen Gorilla braten sehen.“