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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Meine Gefangenen, ein Pärchen, lebten im vollsten Einverständnis gute Besondere Zärtlichkeiten erwiesen sie sich freilich nicht; Zank und Streit kamen jedoch ebenjo-wenig vor. Sie fraßen gleichzeitig aus einer Schüssel, tranken gemeinschaftlich aus einer Tasse und hingen friedlich dicht nebeneinander. Auf Gleichgültigkeit gegen Gesellschaft war dieses schöne Verhältnis nicht zurückzuführen: dazu sind die Flughunde zu leidenschaftlich. So gutmütig sie zu sein scheinen, so willig sie sich von uns behandeln, berühren, streicheln lassen, so heftig werden sie, wenn Fremde sie mutwillig stören oder necken. Ein höchst ärgerliches Knurren verkündet dann deutlich, wie zornig sie sind. Ihre Leidenschaft äußert sich auch zuweilen ihresgleichen gegenüber, und es ist immer gefährlich, zwei Flughunde, welche nicht durch eine längere Reise aneinander gewöhnt, vielleicht zusammen gefangen genommen worden waren, in einem Gebauer unterzubringen. Selbst die Gatten eines Paares, welche nur zeitweilig getrennt wurden, fallen unter Umständen bei der Wiedervereinigung übereinander her, kämpfen wütend miteinander und verletzen sich so gefährlich, daß einer von ihnen oder beide unterliegen. So fand man zwei seit kurzem zusammengebrachte

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Flugfüchse des Berliner Tiergartens in wütendstem, ingrimmigstem Kampfe auf Leben und Tod begriffen. Man trennte die aufs höchste erregten Tiere mit größter Mühe, war aber doch schon zu spät gekommen. Der Besiegte starb an seinen Bißwunden unmittelbar nach der Trennung, der noch vor Ingrimm zitternde und wütend schnarrende Sieger lag am anderen Morgen tot auf dem Boden feines Käfigs. Die Untersuchung ergab, daß beide Flugfüchse gegenseitig an derselben Stelle, dem Schultergelenke, sich angegriffen hatten. Bei dem zuerst unterliegenden waren Oberarm, Seitenbrust und Achselgegend von Bissen förmlich zerfetzt, die Blutgefäße zerrissen und die Brustmuskeln teilweise abgebissen. Diese wütenden Kämpfe erklären sich, wenn man bedenkt, daß die Flughunde, welche keine geschlossenen Gesellschaften bilden, mit Fremden nichts zu thun haben wollen und wahrscheinlich jeden Eindringling bekämpfen. Ein erkrankter Genosse wird dem gesunden in wenig Tagen der Trennung ebenso fremd wie jeder neue, den man zu ihm bringt. Geschlechtliche Rücksichten kommen nicht zur Geltung, und der Zweikampf beginnt. N

Leider halten sich gefangene Flugfüchse auch bei der besten Pflege nicht allzu lange Zeit. Man kann ihnen alles ersetzen, nur die ihnen so notwendige Flugbewegung nicht. Infolgedessen bekommen sie früher oder später Geschwüre an verschiedenen Stellen ihrer Fittiche und gehen an diesen schließlich zu Grunde. Gleichwohl sollen einzelne Stücke im Londoner Tiergarten mehrere Jahre gelebt und sich fortgepflanzt haben. Auch meine Gefangenen haben mehrere Jahre im Käfig gelebt.

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Die Gattung der Nachthunde (Cynonycteris) unterscheidet sich von den eigentlichen Flughunden dadurch, daß ihre Mitglieder einen kurzen Schwanz sowie einen von der Flughaut umhüllten Daumen haben und die Zitzen auf der Brust stehen. Das Gebiß und alle übrigen Merkmale stimmen mit denen der Flughunde überein. Die Gattung verbreitet sich hauptsächlich über Afrika.

Eine längs des Weißen und Blauen Flusses ausschließlich auf Delebpalmen hausende

Art derselben ist der Palmenflughund (Cynonycteris stramineus, Pteropus stramineus), ein stattliches Tier von 22— 25 cm Leibeslänge und gegen 1m Flugweite. „Der massige Kopf“, sagt Heuglin, „mit bulldoggenartig gefalteten Lippen und großen Augen gleicht noch dem eines Hundes; der straffe Pelz ist am Vorderhalse glänzend orangegelb, oben gelblich- oder gräulichweiß, unten rußschwarz.“

Dohrn beobachtete, mündlichen Angaben zufolge, diese Art auf den Prinzeninseln; Heuglin fand sie am oberen Weißen Nile auf. Dort erscheinen die Palmenflughunde unmittelbar nach Sonnenuntergang, sobald die Papageien von ihren Plünderungen in den Feldern nach den Gebirgswäldern zurückgekehrt sind, um nun ihrerseits das Tagewerk jener fortzusetzen. In großen Banden bemerkt man fie nicht, vielmehr immer nur in Gesellschaften von 6—20 Stücken, welche in langen Reihen hintereinander herfliegen und bloß in der Nähe gewisser Bäume mit weichen Früchten, beispielsweise des Mango, des Melonenbaumes und Abacate, sich sammeln, hier merklich Schaden anrichtend. Auch am Weißen Flusse leben sie nur in kleinen Gesellschaften und paarweise. Bei Tage halten sie sich unter den dürren Blätterbüschen der Delebpalmen verborgen; mit der Dämmerung beginnen sie umherzuschwärmen. „In mondhellen Nächten“, sagt Heuglin, „sind die Palmenflughunde immer wach und in Bewegung, lärmen dabei auch viel durch Aufsitzen an Zweigen und selbst im Fluge bei raschen Wendungen. Ihre Nahrung besteht vorzüglich in Früchten, unter denen sie Feigen allen übrigen vorziehen. Zur Zeit der Reife der Sykomoren beschmutzen sie sich oft Kopf und Hals mit einer dicken gelben Kruste von Saft und Samen. Während der Reife der Delebpalmenfrüchte halten sie sich fast ausschließlich an diese und fressen sich

buchstäblich so in dieselben ein, daß sie mit den schweren Nüssen herabgeschossen werden können. Wir hatten einstmals einen dieser bissigen Burschen lebendig gefangen und setzten ihn in Ermangelung eines Behälters in einen kleinen aus Palmblattstielen gefertigten Bauer, welcher die Nacht über auf einer Packkiste unfern meines Zeltes am Ufer stand. Kaum war es dunkel geworden, als dem Gefangenen die Lust ankam, sich Bewegung zu machen. Quäkend und schreiend arbeitete er in seinem engen Bauer umher und zog durch den Lärm Dutzende seiner Verwandten herbei, welche trotz unseres Schießens die ganze liebe Nacht hindurch kräftig und wütend gegen den Käfig stießen, wie Raubvögel auf den Uhu, ohne Zweifel in der Absicht, ihren Gefährten zu befreien.“

Zu derselben Gattung gehört auch die einzige Art der Familie, welche ich kennen gelernt habe, der Nilflughund (Cynonycteris aegyptiacus, Pteropus aegyptiacus, P. geoffroyi), welcher sich über ganz Agypten und Nubien verbreitet und in der Nähe von größeren Sykomorenbeständen regelmäßig vorkommt, auch schon im Delta keineswegs selten ist. In einzelnen Naturgeschichten wird angegeben, daß er bei Tage in den Gewölben der Pyramiden Herberge suche. Dies ist entschieden unwahr: er schläft wie seine Gattungsverwandten auf Bäumen.

Es war uns ein eigentümlicher Genuß, an den schönen, lauen Sommerabenden Agyptens die Flughunde zu belauschen, wenn sie über die sonst von niemand benutzten Früchte der Sykomoren herfielen und in den laubigen, schönen Kronen dieser Bäume ihre Abendmahlzeit hielten. Meine Diener, zwei Deutsche, schienen anfangs auch gewillt zu sein, in den Tieren die entsetzlichen Blutsauger zu erblicken, und verfolgten sie zuerst aus Rachegefühlen, später aber wirklich nur aus Freude an der anziehenden Jagd, welche sie oft bis Mitternacht fesselte. Wir erlegten viele und anfangs ohne große Mühe; später aber wur: den die Flughunde scheu und kamen stets nur still und gewöhnlich von der entgegengesetzten Seite angeflogen, so daß es sehr schwer hielt, sie inden dunkeln Baumkronen wahrzunehmen. Die flügellahm Geschossenen kreischten laut, bissen auch lebhaft und ziemlich empfindlich um sich. Meine Gefangenen starben nach kurzer Zeit; andere Forscher haben dasselbe Tier oft lange lebend erhalten und sehr zahm und zutraulich gemacht. Zelebor z. B. brachte ein Pärchen von ihnen nach Schönbrunn und hatte beide so an sich gewöhnt, daß sie augenblicklich herbeigeflogen kamen, wenn er ihnen eine Dattel vorhielt. Auch von Fremden ließen sie sich streicheln und ihr Fell krauen. f

Alte ausgewachsene Flughunde dieser Art erreichen etwa 16 cm Körperlänge und eine Flugweite von 90—95 cm. Der kurze, weiche Pelz ist oben lichtgraubraun, unten heller, an den Seiten und Armen blaßgelblich; die Flughäute haben graubraune Färbung.

Eine dritte Art von Nachthunden,der Halsbandflughund (Öynonycteris collaris) aus Südafrika, eine kleine Art mit isabellfarbenem Pelze und schönem goldgelben Halsbande beim Männchen, hält in Gefangenschaft ungleich besser aus als der Flugfuchs, da seine Flügel nicht von Anschwellungen und Geschwüren befallen werden. Im Londoner Tiergarten hat er sich seit nahezu 20 Jahren regelmäßig fortgepflanzt.

Von etwa 300 mit Sicherheit unterschiedenen Fledermausarten gehören etwa 195 zu den Glattnasen (Gymnorhina), einer neuerdings in drei Familien getrennten Abteilung. Alle hierher gehörigen Flattertiere stimmen in folgenden Merkmalen überein: die Nase ist einfach, ohne blätterigen Anhang, das Ohr stets mit einem Deckel versehen; diespitzhöckerigen Backenzähne tragen Leisten, welche nach Art eines W verlaufen. Im übrigen

ist das Gebiß sehr verschieden und darauf die Einteilung der Gattungen begründet worden. Von Schneidezähnen, welche durchgängig spitzig sind, stehen im Oberkiefer 2, 4 oder 6, können hier jedoch auch gänzlich fehlen; unten finden sich gewöhnlich 4, seltener 6, ausnahmsweise nur 2. Außerdem besteht das Gebiß in stark entwickelten Eckzähnen, oben aus 1—3, unten aus 2—3 kleinen Lückzähnen und 3 Backenzähnen in jeder Reihe, jo daß also die Anzahl sämtlicher Zähne zwischen 28 und 38 wechselt. Das Sporenbein erreicht innerhalb dieser Gruppe seine größte Entwickelung und trägt bisweilen einen seitlichen Hautlappen, dessen Fehlen oder Vorhandensein als Merkmal für die Unterscheidung verschiedener Gattungen gilt. Die Größe der Glattnasen schwankt erheblich: es gibt Arten unter ihnen, welche bei ungefähr 13 em Leibeslänge bis 60 em klaftern, und solche, deren Leibeslänge kaum 3 und deren Flugweite höchstens 18 em beträgt. Soviel bis jetzt bekannt, treten die Glattnasen in größter Anzahl in Amerika auf; nächstdem hat man die meisten in Europa gefunden; es unterliegt aber wohl kaum einem Zweifel, daß Asien und Afrika reicher an ihnen sind

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Gerippe des Mäuseohrs. Natürl. Größe. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

als unser heimatlicher Erdteil. Mit Ausnahme der kalten Gürtel verbreiten sie sich über die ganze Erde, steigen auch im Gebirge bis zu beträchtlicher Höhe empor. Ihre Aufenthaltsorte sind die oben angegebenen; doch darf man vielleicht sagen, daß die große Mehrzahl von ihnen Bäume, und zwar das Gezweige und die Rinde derselben ebensowohl als Löcher in ihnen, Felsenhöhlen vorziehen. Bei vielen Arten leben die Artgenossen untereinander in größter Eintracht, bei anderen als Einsiedler, welche höchstens in kleinen Gesellschaften zusammen kommen. Die Nahrung besteht fast ausschließlich in Kerbtieren, dann und wann auch in kleinen Wirbeltieren; namentlich mögen die großen Arten öfter, als man glaubt, über kleinere Ordnungsgenossen herfallen und sie verzehren. Ob es unter ihnen Arten gibt, welche Früchte fressen, ist zur Zeit noch nicht mit Sicherheit festgestellt. Im allgemeinen darf man wohl sagen, daß gerade die Mitglieder dieser Familie zu den allernützlichsten Säugetieren gehören, und daß an ihnen auch nicht der geringste Makel haftet. Hinsichtlich ihrer Begabung stehen sie den Flughunden nach, sind aber viel bewegungsfähiger als diese. Ihr gewandter Flug zeichnet sich durch jähe und plötzliche Wendungen aus, so daß es Raubvögeln fast unmöglich wird, sie während desselben zu fangen. Laufend und kletternd bewegen sie sich mit viel Geschick. Unter ihren Sinnen steht wahrscheinlich durchgängig das Gehör obenan, auf dieses folgen wohl das Gesicht und Gefühl, auf sie erst Geruch und Geschmack. Für ihr geistiges Wesen gilt das bereits Gesagte.

Die Familien heißen Stummelschwänze, Grämler und Gleichschwänzler. Bei den Stummelschwänzen (Brachyura) ist die Wurzel des Daumens von einer besonderen Haut umfaßt, und die Schenkelflughaut ragt weit über den Schwanz hinaus, dessen Ende

Gerippe des Mäuſeohrs. Natürl. Größe. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

auf der Querseite derselben frei heraussteht; bei den Grämlern (Gymnura) ist der Daumen von einer Haut teilweise umfaßt, die Schenkelflughaut ihrer ganzen Länge nach an den Schwanz angewachsen, welcher weit über die Spitze derselben hinausgeht; bei den Gleich schwänzlern (Vespertiliones) endlich hat die Schenkelflughaut ungefähr dieselbe Länge wie der Schwanz, so daß dieser gerade von ihr umschlossen wird oder eben nur mit der äußersten Spitze über sie herausragt. Die Stummelschwänze haben in Europa keinen, die Grämler nur einen einzigen Vertreter, welcher die Mittelmeerländer bewohnt; von den Gleichschwänzlern oder Fledermäusen im engsten Sinne dagegen kennt man 29 unserem Erdteile angehörige Arten. Aus ihnen wollen wir uns einige zur eingehenderen Besprechung erwählen.

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Bindeohren (Plecotus) nennt man einige weitverbreitete, in wenigen Arten vorkommende Fledermäuse mittlerer Größe, welche sich durch folgende Merkmale auszeichnen: Die Ohren sind über dem Scheitel miteinander verwachsen; der Ohrdeckel ist lang und nach der Spitze hin verschmälert; die Flügel kennzeichnen sich durch ihre Kürze und Breite, befähigen daher auch nur zu flatterndem und wenig schnellem Fluge; der Schwanz kommt der Rumpflänge etwa gleich; das Sporenbein trägt keinen nach außen vorspringenden seitlichen Hautlappen. In jedem Zwischenkieferaste stehen oben 2 Vorderzähne, im Unterkiefer 6 geschlossene Schneidezähne; hierauf folgen jederseits oben und unten 1 starker Eckzahn, im Oberkiefer jederseits 2 einspitzige und hinter denselben 3 vielspitzige, im Unterkiefer 3 einspitzige und 3 vielspitzige Backenzähne, von denen oben 1, unten 2 als Lückzähne angesehen werden müssen. Das Gebiß besteht also aus 36 Zähnen.

Die Ohrenfledermaus, langohrige Fledermaus, das Groß- oder Langohr (Plecotus auritus, Vespertilio auritus, V. cornutus, V. otus, V. brevimanus), erreicht bei einer Flugweite von 24 cm eine Länge von nur 8,4 em, wovon über 4 em auf den Schwanz gerechnet werden müssen; das Ohr, welches außer allem Verhältniszur Leibeslänge steht, mißt 3,3 cm. Lange Haare besetzen das Gesicht bis an den Hinterrand der Nasenlöcher und rings um die Augen; weißliche Barthaare hängen an den Seiten bis über den oberen Lippenrand abwärts; der übrige Pelz ist ziemlich lang, in der Färbung veränderlich, oberseits graubraun, auf der Unterseite etwas heller, bei jungen Tieren dunkler als bei alten. Die einzelnen Haare sind in der Wurzelhälfte schwärzlich, in der Endhälfte heller gefärbt. Alle Flughäute sind dünn und zart, glatt und nur in der nächsten Umgebung des Körpers spärlich und äußerst fein behaart und von lichtgraubrauner Färbung. Das besonders auffallende Ohr, welches der Rumpflänge etwa gleichkommt, hat 22— 24 Querfalten und biegt sich in regelmäßiger Rundung nach hinten. Der Ohrdeckel erreicht nicht ganz die Mitte der Ohrlänge, ist nach der Spitze hin verschmälert und merklich nach außen gebogen, und wie das Ohr selbst äußerst zart und dünnhäutig.

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