Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Das Weibchen bringt einmal im Jahre ein oder zwei Junge zur Welt, welche sich an der Brust festhalten, von der Mutter längere Zeit umhergetragen und sehr geliebt werden.
In der Gefangenschaft werden sie nach geraumer Zeit zahm, gewöhnen sich auch einigermaßen an die Personen, welche sie pflegen, zeigen sogar eine gewisse Anhänglichkeit an solche. Sie nehmen ihnen bald das Futter aus der Hand und versuchen weder zu beißen noch zu kratzen. Anders ist es, wenn man sie flügellahm geschossen hat oder sie plötzlich fängt: dann wehren sie sich heftig und beißen ziemlich derb. Man nährt sie in der Gefangenschaft mit gekochtem Reis, allerlei frischen oder getrockneten Früchten, gekochten Möhren, dem Marke des Zuckerrohrs und dergleichen; auch fressen sie dann und wann Kerbtiere. Wenn man ihnen Speisen und Getränke in der hohlen Hand vorhält, gewöhnt man sie bald daran, diese wie ein Hund zu belecken. Bei Tage find fie ruhig, obgleich fie zum Fressen sich herbeilassen; abends aber geht ihr Leben an.
Der Nutzen, welchen diese Flattertiere bringen, kann den von ihnen verursachten Schaden nicht aufheben; doch kommt der letztere in ihrer fruchtreichen Heimat nicht eben sehr in Be: tracht. Ihr Nutzen ist freilich auch gering. Sie werden gegessen, und Haacke findet, daß das Fleisch wohlschmeckend und dem Kaninchen- oder Hühnerfleische ähnlich ist. Namentlich jungeTiere, welche erst ein Alter von fünf Monaten „ haben, werden.. ihren Pelz soll man verwenden können.
Es ist anziehend und unterhaltend, die Ansichten verschiedener Völker über dieseTiere kennen zu lernen. Schon Herodot spricht von großen Fledermäusen in Arabien, welche auf der in Sümpfen wachsenden Pflanze Casia sich aufhalten, sehr stark sind und fürchterlich schwirren. Die Leute, welche die Casia sammeln, bedecken ihren ganzen Leib und das Gesicht bis auf die Augen mit Leder, um sie hierdurch von ihren Gesichtern abzuhalten, und können dann erst Ernte halten, „wiewohl Plinius sagt“, fügt der alte Gesner hinzu, „daß diß falsch, vnd allein vmb Gewinns willen erdacht sei“. Strabon erzählt, daß es in Mesopotamien, in der Nähe des Euphrat, eine ungeheuere Menge Fledermäuse gäbe, welche viel größer wären als an anderen Orten, gefangen und gegessen würden. Der Schwede Köping erwähnt zuerst, daß die Flatterhunde des Nachts in ganzen Herden hervorkämen, sehr viel Palmensaft tränken, davon berauscht würden und dann wie tot auf den Boden fielen. Er selbst habe einen solchen gefangen und an die Wand genagelt; das Tier aber habe die Nägel benagt und sie so rund gemacht, als wenn man sie befeilt hätte. Jeder unkundige Europäer, namentlich die weibliche Hälfte der Menschheit, erblickt in den Flederhunden entsetzliche Vampire und fürchtet sich fast vor den Ungeheuern. Die Hindus dagegen sehen in ihnen heilige Wesen. Als sich Hügel bei Nurpur befand und abends durch die Straßen ging, sah er über sich ein Tier fliegen, schoß mit seiner Doppelflinte nach ihm und erlegte eine Fledermaus von der Größe eines Marders. Augenblicklich rotteten sich die Leute zusammen, erhoben furchtbares Geschrei und wütendes Geheul und hielten ihm das gellende, kreischende Tier vor. Er sicherte sich dadurch, daß er sich mit dem Rücken an die Wand lehnte und die Flinte vorstreckte, konnte aber den Aufruhr nur durch eine Unwahrheit beschwichtigen, indem er sagte, er habe das Tier für eine Eule gehalten.
Die Flughunde im engeren Sinne (Pteropus) haben eine hundeartige Schnauze, ziemlich lange, nackte, zugespitzte Ohren und eine sehr entwickelte Flughaut, welche jedoch zwischen den Schenkeln nur einen schmalen Hautsaum bildet. Der Schwanz fehlt gänzlich. Das Gebiß besteht aus 4 Schneidezähnen in jedem Kiefer, jederseits einem Eckzahne, und je 5 Backenzähnen in den oberen, 6 Backenzähnen in den unteren Kiefern.
Die größte aller bekannten Arten, der Kalong, fliegende Hund (Pteropus edulis, P. assamensis, P. javanicus?), klaftert bei 40 cm Leibeslänge bis 155 m. Die Färbung des Rückens ist tief braunschwarz, des Bauches rostigschwarz, des Halses und Kopfes rostiggelbrot, der Flatterhaut braunschwarz.
Der Kalong lebt auf den indischen Inseln, namentlich auf Java, Sumatra, Banda und Timor, wie alle seine Familienglieder entweder in größeren Wäldern oder in Hainen von Fruchtbäumen, welche alle Dörfer Javas umgeben, hier mit Vorliebe die wagerechten
Aste des Kapok (Eriodendron) und des Durian (Durio zibethinus) zu feinem Ruhesitze sich erwählend. Unter Umständen bedeckt er die Aste so dicht, daß man sie vor Kalongs kaum noch unterscheiden kann. Einzelne Bäume sind buchstäblich mit Hunderten und Tausenden behangen, welche hier, solange sie ungestört sind, ihren Tagesschlaf halten, gestört aber scharenweise in der Luft umherschwärmen. Gegen Abend setzt sich die Masse in Bewegung, und einer fliegt in einem gewissen Abstande hinter dem anderen her; doch kommt es auch
vor, daß die Shwärme in dichterem Gedränge gemeinschaftlich einem Orte zufliegen. So erzählt Orley, daß ein Schwarm dieser Tiere mehrere Stunden brauchte, um über das in der Straße von Malaka vor Anker liegende Schiff fortzuziehen. Logan sah die Kalongs zu Millionen in den Mangrovesümpfen am Nordrande der Jnsel Singapur hängen und abends die Luft durch ihre Menge verdunkeln. „Dichtgedrängte Shwärme“, schreibt mir Haßkarl dagegen, „sah ich nie fliegen, sondern stet3 nur einzelne, diese aber allerdings in
Kalong (Pteropus edulis). ?/3 natürl. Größe.
großer Anzahl, de3 Abends bei Batavia meist strandeinwärts sich wendend.“ Unter Bäumen, welche sie eine Zeitlang als Schlafplätze benußt haben, sammelt sich ihr Kot in Massen an, und sie verbreiten dann einen so heftigen Geruch, daß man sie oft eher mittels der Nase als dur das Auge wahrnimmt. '; Von Sumatra schreibend, sagt Rofenberg: „Der Kalong ist eins der gemeinsten Tiere sowohl an der Küste wie auch im Inneren. Er lebt gesellschaftlich, oft in großen Trupps, und zieht mit Sonnenuntergang von seinem Ruheplaße oft weit waldeinwärts jeinem Futterorte zu. So zog während meines Aufenthaltes zu Lumut allabendlich eine Scar dieser Tiere in ziemlicher Höhe über die kleine Feste hin, von Nordwest nach Südost
streichend und vor Sonnenaufgang in entgegengesetzter Richtung nach der Insel Masallar zurückkehrend; dort war ihr Ruheplatz. Als ich auf ein ausnahmsweise ziemlich niedrig fliegendes Weibchen einen Schuß löste, fiel ein an dessen Zitzen hängendes Junge aus der Luft herunter; doch ehe dasselbe noch den Boden erreichte, hatte es die Mutter, welche ihm blitzschnell nachgestürzt war, mit den Zähnen gepackt, erhob sich in die Luft und eilte mit dem geretteten Kleinen davon.“
Ihre Nahrung besteht aus den verschiedensten Früchten, insbesondere mehrerer Feigenarten und der Mangos, denen zuliebe sie massenhaft in die Fruchtgärten auf Java einfallen, hier oft erheblichen Schaden anrichtend. Doch begnügen sie sich keineswegs einzig und allein mit pflanzlicher Nahrung, stellen im Gegenteile auch verschiedenen Kerfen und selbst kleinen Wirbeltieren nach. So hat sie neuerdings Shortt zu seiner Überraschung als Fischräuber kennen gelernt. „Als ich“, sagt er, „in Konlieveram mich aufhielt, wurde meine Aufmerksamkeit auf einen Regenteich gezogen, welcher einem vor kurzem gefallenen Regenschauer sein Dasein verdankte und buchstäblich mit kleinen Fischchen besäet schien, welche im Wasser spielten und über die Oberfläche desselben emporsprangen. Diese Erscheinung, das plötzliche Auftreten von Fischen in zeitweilig vertrocknenden und dann wieder mit Wasser sich füllenden Regenteichen war nichts Neues für mich; meine Aufmerksamkeit wurde vorerst auf eine Anzahl großer, etwas schwerfällig fliegender Vögel gerichtet, welche über dem Wasser rüttelten, mit ihren Füßen dann und wann einen Fisch ergriffen und hierauf mit ihrer Beute sich nach einigen Tamarindenbäumen begaben, um dort sie zu verzehren. Bei genauer Untersuchung fand ich, daß die vermeintlichen Vögel Kalongs waren. Durch die eintretende Dunkelheit des Abends verhindert, konnte ich sie nur kurze Zeit beobachten, kehrte aber am nächsten Abend eine Stunde früher zu dem Teiche zurück und bemerkte dasselbe. Nunmehr forderte ich meinen Gefährten Watson auf, sein Gewehr zu holen und einige der Tiere zu schießen, um mich vollständig zu überzeugen. Watson schoß zwei oder drei von ihnen, während sie fischten, und stellte es somit außer allen Zweifel, daß ich es mit Kalongs zu thun hatte. Bei einem späteren Besuche beobachtete ich wiederum dasselbe.“
Hier und da werden Kalongs verfolgt, weniger des von ihnen verursachten Schadens halber, als um sie für die Küche zu verwenden. Der Malaye bedient sich zu ihrer Jagd in der Regel des Blasrohres, zielt auf ihre Fittiche, den empfindlichsten Teil des Leibes, betäubt sie und bringt sie so in seine Gewalt; der Europäer wendet erfolgreicher das Feuergewehr an. Während des Fluges sind sie ungewöhnlich leicht zu schießen, denn ihre Flügel verlieren augenblicklich das Gleichgewicht, wenn auch nur ein einziger Fingerknochen durch ein Schrotkorn zerschmettert worden ist. Schießt man aber bei Tage auf sie, während sie schlafend an den Asten hängen, so geraten sie, wenn sie flüchten wollen, in eine solche Unordnung, daß einer den anderen beirrt und die Getroffenen, welche ihre Flügel dann nicht entfalten können, gewöhnlich so fest an die Zweige sich klammern, daß sie auch, nachdem sie verendet sind, nicht herabfallen. „Ich sah“, bemerkt Haßkarl noch, „daß Liebhaber vom Schießen in eine Masse dicht aufeinander und nebeneinander hängender Kalongs feuerten. Es fielen jedoch nur einige herunter, die übrigen flogen, obgleich sie sehr beunruhigt schienen, nicht weg, sondern krochen nur dichter auf- und übereinander, mit ihren langen Flügeln sich festhaltend.“ Jagor dagegen erzählt, daß eine durch Schüsse gestörte Gesellschaft von Kalongs nur zum Teile auf den Asten hängen blieb, während andere Scharen in der Luft umherschwirrten. Das Fleisch wird übrigens keineswegs allerorten und am wenigsten von Europäern gegessen. Wallace hebt als für die Bewohner von Batschian bemerkenswert hervor, daß sie fast die einzigen Menschen im Archipel seien, welche fliegende Hunde essen. „Diese häßlichen Geschöpfe“, sagt er, „werden für eine große Leckerei gehalten, und man stellt ihnen deshalb sehr nach, wenn sie im Anfange des Jahres in
großen Flügen auf der Insel erscheinen, um hier Fruchternte zu halten. Sie können dann während ihrer Tagesruhe leicht gefangen oder mit Stöcken heruntergeschlagen werden: man trägt sie oft korbweise nach Hause. Ihre Zubereitung erfordert eine große Sorgfalt, da Haut und Fell einen ranzigen, stark fuchsartigen Geruch haben. Aus diesem Grunde kocht man sie meist mit viel Gewürz und Zuthaten, und so zubereitet schmecken sie in der That vortrefflich, ähnlich wie ein gut gebratener Hase.“ Gefangene fügen sich rasch in den Verlust ihrer Freiheit, werden auffallend zahm und lassen sich auch sehr leicht erhalten. So wählerisch sie in der Freiheit sind, wo sie sich nur die saftigsten Früchte auslesen, so anspruchslos zeigen sie sich in der Gefangenschaft. Hier fressen sie jede Frucht, welche man ihnen bietet, besonders gern aber auch Fleisch.
Roch brachte einen männlichen Kalong lebend nach Frankreich. Er hatte ihn 109 Tage am Bord des Schiffes ernährt, anfangs mit Bananen, später mit eingemachten Früchten, dann mit Reis und schließlich mit frischem Fleische. Einen toten Papagei fraß er mit großer Gier, und als man ihm Rattennester aufsuchte und ihm die Jungen brachte, schien er sehr befriedigt zu sein. Schließlich begnügte er sich mit Reis, Wasser und Zuckerbrot. Bei der Ankunft in Gibraltar erhielt er wieder Früchte, und fortan fraß er kein Fleisch mehr. Nachts war er munter und plagte sich sehr, aus dem Käfig zu kommen; am Tage verhielt er sich ruhig und hielt sich wie unsere Fledermäuse an einem Fuße, eingehüllt in seine Flügel, in denen er selbst den Kopf verbarg. Wenn er feines Unrats sich entleeren wollte, hing er, ebenso wie die Fledermäuse, auch mit den Vorderklauen sich auf und brachte seinen Körper so in eine wagerechte Lage. Er gewöhnte sich bald an die Leute, welche ihn pflegten; namentlich seinen Besitzer kannte er vor allen, ließ sich von ihm berühren und das Fell krauen, ohne zu beißen. Ebenso hatte er sich gegen eine Negerin betragen, welche auf der Heimatinsel seine Pflegerin gewesen war. Ein anderer, jung eingefangener Kalong wurde bald gewöhnt, jedermann zu liebkosen, leckte die Hand wie ein Hund und war auch ebenso zutraulich.
Ein Flughund, welchen ich durch eigene Beobachtung, wenn auch nur in Gefangenschaft, kennen gelernt habe, der Flugfuchs, wie wir ihn nennen wollen, der Badul, Wurbagul und Toggul bawali der Inder (Pteropus edwardsi, P. medius, P. leucocephalus), erreicht eine Länge von 28— 32 cm und klaftert zwischen 11 1,25 m. Sein spärlich behaartes Gesicht und die nackten Ohren sind schwarz, der Kopf und die Oberseite vom Mittel-rücken an dunkelbraun, ein längs der Kehlmitte verlaufender Streifen, Brust und Bauch rötlichhellbraun; ein breites Nackenband, welches sich bis zur Rückenmitte herab verschmälert und um die Halsseiten herumzieht, ist gelblichfahlgrau, hinten, oben und unten, d. h. gegen den Kopf und Rücken hin, in Hellbraun übergehend, die Iris dunkelbraun, die Flughaut, wie bei den meisten Arten, schwarzbraun.