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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Bis in spätere Zeiten wurden die Fledermäuse selbstverständlich zu den Vögeln gerechnet, obgleich schon der alte Ges ner hervorhebt, daß die Fledermaus ein Mitteltier zwischen

einem Vogel und einer Maus sei, also billig eine fliegende Maus genannt, und weder unter die Vögel noch unter die Mäuse gezählt werden könne. Von den Fledermäusen sagen die Deutschen diesen Reim: f „Ein Vogel ohn' Zungen, Der säugt seine Jungen.“

Die von Gesner gegebene Zusammenstellung aller richtigen und unrichtigen Beobachtungen der Alten über die Fledermäuse und die Verwendung der letzteren zur Vertreibung aller möglichen Krankheiten sind in hohem Grade erheiternd. „Der Salamander vnd die Flädermauß geberen jre Jungen also, daß sie mit keine Häutlein oder Nachgeburt vberzogen sind, ohn Zweiffel darumb, daß sie erstlich Eyer empfahe, welches doch in den Schärmäusen, Mäusen vnd andern dergleichen Thieren, so denen gleich sind, nicht geschicht. Albertus sagt, daß dieser Vogel als auch der Widhopff, zu Winterszeit schlaffe. Mit gebranntem äbheuw gereuchert, werden die Flädermäuß vertrieben, als Africanus vnd Zoroastres lehren. Der Baum Ahorn, zu Latein Platanus genennt, ist diesen Flädermäußen gantz zuwider: dann so man das Laub vnder alle Eingäng oder Fenster deß Hauses henkt, so kompt keine darein, als Plinius vnd Africanus zeugen. Der Storck vnd die Flädermauß sind feinde: dann die verderbt dem Storcken allein mit jhrem anrühren seine Eyer, wo er nicht mit dem vorgenannten Laub, in sein Nest gelegt, dem fürkompt, darab dann die Flädermäuß ein Abscheuen haben, als Aelianus, Piles vnd Zoroastres außweisen. Es ist auch ein vergifftes Omeissengeschlecht in Italia, von Cicerone Salipuga, gemeiniglich Salpuga Betica genennt, welchen das Hertz der Flädermäuß gantz zuwider ist, als dann auch allen andern Omeissen, sagt Plinius. Darumb so die Kautzen die Omeissen von jhren Jungen treiben wollen, legen sie einer Flädermauß Hertz in jhr Nest, als Oppianus lehret. Ein Feckt von einer Flädermauß auff ein Omeissen Nest gelegt, wirt keine herfür kommen, sagt Orus. So einer angehender Nacht ein gleissend Schwert außstreckt, To fliehen die Flädermäuß darzu, vnd verletzen sich etwan also, daß sie herabfallen. So die Häwschrecken etwan einen Flecken oder strich eines Lands verwüsten, werden sie vber den Ort hinaußfliehen, wo man an die höchsten Bäum dieses Lands Flädermäuß bindet, als Democritos in Geoponicis ausweiset. So die Flädermäuß vber jhre Gewonheit zu Abend viel vnd stäts fliehen, ist es ein zeichen, daß der nachgehende Tag warm vnd schön sein wirt. „Die Flädermauß ist ein unreiner Vogel, nicht allein im jüdischen Gesetz verbotten, sondern auch ein Greuwel anzusehen. Nimb ein Flädermauß, haw jhr den Kopff ab, derre vnd zermahle sie, darvon gib denn so viel als du in dreyen Fingern behalten magst, mit einem Syrup vnd Essig dem Kranken zu trinken. Oder so du siben feiste geköpffte Flädermäuß genommen, vnd wohl gereiniget hast, so schütte in einem vergläserten Geschirr Essig darüber, vnd so du das Geschirr wol verstrichen hast, so stell es in einen Ofen, daß es darinn koche, darnach so du das Geschirr widerumb aufgezogen vnd gekältet hast, so zertreibe die Flädermäuß mit den Fingern im Essig, darvon gib dem Krancken alle Tag zwei Quintlein schwer zu trinken. Dann diese Artzney hat man erfahren, Auicenna von den Artzneyen deß Miltzes lehret. Ein Salb so das Haar hinweg nimbt: Lege viel lebendige Flädermäuß in Bech, laß die darinn verfaulen, vnd schmire einen Ort damit wo du wilt, als Galenus lehret. Zum Podagra: Nimb drey Flädermäuß, vnd koch die in Regenwasser, darnach thu diese stück darzu, zermahlten Leinsamen vier Vntz, drey rohe Eyer, ein Becherlein Oel, Rinderkaat, vnd Wachs, eines jeden vier Vntz. Diß alles zusammengethan, rühre vnder einander, vnd so du denn schlaffen gehen wilt, so leg es etwan dick vber, als Galenus lehret. Für das Gesücht der Hände ist Flädermäußöl dienstlich, welches also bereitet wirt: Nimb zwölff Flädermäuß vnd Safft von dem Kraut Almarmacor oder Marmacor genennt, welches von etlichen für St. Johanneskraut oder Melissen gehalten wird, vnd alt Oel, ana libra s. Osterlucey,

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 22

Bibergeil, ana drach. iiij. Costi drach. iij. Diß soll gar eingesotten werden, daß kein Safft vom Kraut, sondern allein das Oel verbleibe, als Auicenna lehret. Deß Viehes Krimmen so es im harnen erleidet, wirt mit einer angebundenen Flädermauß gelegt, lehret Plinius. So der Habich den hinfallenden Siechtag hat, so koch Flädermaus, vnd gib ihm die zu essen, es hilfft. Dem klagenden vnd weinenden Habich wirff eine Flädermauß fürzu essen, welcher drei Körnlein von Läußkraut gessen hab, vnd binde jhn an die Stang, däwet ers nicht bald, fo wirt er zween Tag weinen, hernach aber wirt er aufhören, als Demetrius Constantinopolitanus zeuget. Wie man diß Thier zur Artzney brauchen sölle schreibet weitleufftig Bucasis. Die Aschen darvon schärpffet das Gesicht, sagt Auicenna. Die Zauberer brauchen dieses Blut mit sampt dem Kraut Strobeldorn genennet, wider Schlangenstich, als Plinius lehret. Ihr Blut aber wirt also gesammlet: Man entköpfft fie under den Ohr, da wirt das Blut also warm herfür gerunnen, auffgestrichen, damit es das Haar vertreibe eine Zeitlang, oder daß nicht mehr wachse, jo man das offt mit Einreiben aufstreicht, als Arnoldus in dem Buch von den Weiberzierden redt. Man sagt, daß die Jungfrawenbrüst mit diesem Blut bestrichen, eine Zeitlang nicht groß werden. Diß aber ist falsch, als auch das, daß es nemlich kein Haar vnder den üchsen wachsen lasse. Diß Blut hat wohl Krafft, Haar zu vertreiben, aber nicht für sich selbst, vnd allein, wo man nicht hernach Vitriol, oder grossen Bangensaamen darauff spreitet, dann also wirt entweder das Haar gar hinweg genommen, oder es wächst nicht länger dann Gauch. Zu diesem braucht man auch jhr Hirn, welches dann zwiefach ist, nemlich weiß und rot. Etliche thun das Blut vnd die Lebern darzu, als Plinius lehret. Diß Blut streicht man auf die Zittermäler. Das Haar so dich in den Augen jrret reiß auß, vnd bestreich es mit diesem Blut so noch frisch, so wirt dir kein anders darinn wachsen. Diß Blut mit Kreuzbeerstaudensafft vnd Honig angestrichen, schärpffet das Gesicht, dienet auch zum Sternfell in den Augen. Für das Grimmen sol das Blut einer zerissenen Flädermauß dienen, oder so das allein auf den Bauch gestrichen wirt, als Plinius vnd Marcelius außweisen. Auff diß gehört eine Salb, die nicht läßt Haar wachsen: Vermisch diß Hirn mit Weibermilch vnd bestreich den Ort damit. Darzu dienet auch Igelgall, so man dißes Hirn, mit sampt einem Theil Hundsmilch, darunder vermischt. Schwalmen oder Flädermäußhirn mit Honig, sol den Anfang des Wassers so in das Aug kompt, hindern. So eine Spitzmaus ein Viehe gebissen hat, legt man diese Gallen mit Essig darüber, jagt Plinius. Flädermäußkaat verblendet etwan die Augen, als Arnoldus de Billanoua lehret. Milch oder Harn von der Flädermauß vertreibet den Nagel oder flecken im Aug. Man vermeinet gemeiniglich, dieser Harn sei vergifft, wiewohl ich etliche damit besprengt, keinen Schaden empfangen, gesehen hab. So einer jhr Blut in ein Tuch empfangen, vnd einem Weib vnwissend vnder jhr Haar gelegt, vnd bei jhr schläffet, wird fie zu stund em: pfahen. Es hat noch andere Gebräuch mehr, die man nicht sagen sol, sagt Kiranides.“

Die Anzahl der vorweltlichen Fledermäuse, von denen man Kunde erlangt hat, ist sehr gering. In dem Bernsteine hat man Fledermaushaare und in verschiedenen Steinbrüchen versteinerte Knochenüberreste der Handflügler gefunden. Dagegen kennt man etwa 300 sicher unterschiedene Arten lebender Flattertiere, von denen auf Europa ungefähr 35 kommen. Eine außerordentlich große Formverschiedenheit, trotz der Ahnlichkeit im ganzen, macht die Einteilung und Bestimmung der Flattertiere selbst für Forscher sehr schwierig. Uns genügt es, einige der eigentümlichsten Formen zu betrachten. Wer sich genauer über den Gegenstand unterrichten will, nehme Karl Kochs Buch: „Das Wesentlichste der Chiropteren“ zur Hand: das Lesen dieses vortrefflichen Werkes hat mir einen Genuß bereitet, wie selten ein anderes ähnlicher Richtung.

Die erste Hauptabteilung wird gebildet durch die Familie der Flughunde oder fruchtfressenden Fledermäuse (Pteropina).

Alle zu dieser Gruppe gehörigen Flattertiere bewohnen ausschließlich die wärmeren Gegenden der Alten Welt, namentlich Südasien und seine Inseln, Mittel- und Südafrika, Australien und Ozeanien. Ihrer Größe wegen sind sie seit den ältesten Zeiten als wahre Ungeheuer verschrieen worden. Sie, die harmlosen und gemütlichen Tiere, hat man als scheußliche Harpyien und furchtbare Vampire angesehen; unter ihnen suchte man die greulichen Wesen der Einbildung, welche sich auf schlafende Menschen setzen und ihnen das Herzblut aussaugen sollten; in ihnen sah man die zur ewigen Verdammnis verurteilten Geister Verworfener, welche durch ihren Biß unschuldige Lebende ebenfalls wieder zu Verworfenen verwandeln könnten. Kurz, der blühendste Aberglaube beschäftigte sich mit wahrem Behagen mit diesen Säugetieren, welche weiter nichts verschuldet haben, als etwas eigentümlich gebildet zu sein, und in ihrer Ordnung einige kleine und eben wegen ihrer geringen Größe ziemlich unschädliche Mitglieder zu besitzen, welche sich des Frevels der Blutaussaugung allerdings schuldig machen.

Die Naturwissenschaft kann die abergläubischen Leute — denn heute noch gibt es gerade genug der Natur vollkommen entfremdete Unwissende, welche in unseren Tieren scheußliche Vampire zu sehen glauben — besser über die fruchtfressenden Fledermäuse oder Flughunde belehren. Sie haben so ziemlich die Fledermausgestalt, aber eine viel bedeutendere Größe und einen gemütlichen Hunde- oder Fuchskopf, welcher ihnen den Namen Flughunde oder fliegende Füchse verschafft hat. Die Flatterhaut, und deshalb auch die Gliederung der Arme und Beine, ist der anderer Fledermäuse ähnlich; außer dem Daumen hat aber noch der Zeigefinger den krallenförmigen Nagel. Der Nase fehlt der Hautansatz, und die Ohren sind niemals mit einer Klappe versehen. Hierdurch kennzeichnen sie sich also leicht von den übrigen Fledermäusen. Das Gebiß besteht aus 4 Schneidezähnen oben und unten, einem Eckzahne in jedem und 5 Backenzähnen im oberen, 6 Backenzähnen im unteren Kiefer. Alle Backenzähne haben, im Alter wenigstens, platte Kronen und eine mittlere Längsfurche. Die unteren Schneidezähne fehlen den Mitgliedern einer Gattung.

Die Flughunde bewohnen am liebsten dunkle Waldungen und bedecken bei Tage oft in unzählbarer Menge die Bäume, an deren Asten sie, Kopf und Leib mit den Flügeln umhüllt, reihenweise sich anhängen. In hohlen Bäumen findet man sie wohl auch und zwar zuweilen in einer Anzahl von mehreren hundert Stücken. In düsteren Urwäldern fliegen sie manchmal auch bei Tage umher; ihr eigentliches Leben beginnt aber, wie das aller Flattertiere, erst mit der Dämmerung. Ihr scharfes Gesicht und ihre vortreffliche Spürnase lassen sie die Bäume ausfindig machen, welche gerade saftige und reife Früchte besitzen; zu diesen kommen sie einzeln, sammeln sich bald in große Scharen und sind im stande, einen solchen Baum vollkommen kahl zu fressen. In Weinbergen erscheinen sie ebenfalls nicht selten in bedeutender Anzahl und richten dann großen Schaden an; denn sie nehmen bloß die reifen und süßen Früchte: die anderen überlassen sie den übrigen Fruchtfressern. Zuweilen unternehmen sie weitere Wanderungen und fliegen dabei von einer Insel auf die andere, manchmal über ziemlich breite Meeresarme weg. Laut Sterndale ist ein Flugfuchs mindestens 100 englische Meilen weit vom Lande auf einem Dampfer gefangen worden, allerdings sehr ermattet und sehr hungrig. Die Früchte saugen sie mehr aus, als sie dieselben fressen; den Faserstoff speien sie aus. Süße und duftige Früchte werden anderen entschieden vorgezogen, und deshalb bilden Bananen, Feigen und dergleichen, ebenso auch wohlschmeckende Beeren, zumal Trauben, ihre Lieblingsnahrung. Wenn sie einmal in einem Fruchtgarten eingefallen sind, fressen sie die ganze Nacht hindurch und verursachen dabei ein Geräusch, daß man sie schon aus weiter Entfernung vernehmen kann. Durch Schüsse und dergleichen lassen sie sich nicht 22˙·⁰

vertreiben; denn so geschreckt fliegen sie höchstens von einem Baume auf den anderen und 1 15 dort ihre Mahlzeit fort.

Bei Tage sind sie sehr furchtsam und ergreifen die Flucht, sobald sie etwas Verdächtiges ken Ein Raubvogel bringt sie in Aufregung, ein heftiger Donnerschlag geradezu in Verzweiflung. Sie stürzen ohne weiteres von oben zur Erde herab, rennen hier im tollsten Eifer auseinander, klettern an allen erhabenen Gegenständen, selbst an Pferden und Menschen, gewandt in die Höhe, ohne sich beirren zu lassen, hängen sich fest, breiten die Flügel, thun einige Schläge und fliegen dahin, um sich ein anderweitiges Versteck zu suchen. Ihr Flug ist rasch und lebhaft, aber nicht eben hoch; doch treibt sie ihre Furchtsamkeit bei Tage ausnahmsweise in eine Höhe von über 100 m empor. Sie können nur von erhabenen Gegen—

Su

Schädel und Gerippe des Kalong. ½ natürl. Größe. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

ständen, nicht aber von der Erde abfliegen, sind jedoch ganz geschickt auf dieser und laufen wie die Ratten umher, klettern auch vorzüglich an Baumstämmen und Asten bis in die höchsten Wipfel hinauf. Sie schreien viel, auch wenn sie ruhig an Bäumen hängen, und zwar eigentümlich knarrend und kreischend, lassen zuweilen auch ein Zischen vernehmen wie Gänse.

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