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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Schon vor Beginn des Winterschlafes macht bei ausgewachsenen Tieren die Liebe sich geltend. Bei den Fledermäusen locken die verschiedenen Geschlechter, laut Koch, sich durch einen eigentümlichen Ruf, welcher von dem ärgerlichen Bellen, Angriffen gegenüber, wesentlich verschieden ist. In warmen Ländern sollen die großen Arten so laut werden, daß sie lästig fallen können. Bei der Liebeswerbung jagen und necken die Männchen die Weibchen, stürzen sich mit ihnen aus der Luft herab und treiben allerlei Kurzweil; doch geht dieses Schwärmen und Paaren nicht bei allen Arten der Fledermäuse der Begattung voraus. Letztere erfolgt vielmehr bei allen fortpflanzungsfähigen Tieren im Herbste. „Obgleich die Fledermäuse“, bemerkt Koch, „fast sämtlich sehr bissige, unverträgliche Tiere find, welche sich vielfach anfeinden, necken und beißen, so daß die zarteren Teile oft lebenslänglich die Spuren ihrer Kämpfe tragen, scheint doch die Eifersucht nicht immer in ihrer Natur zu liegen, und namentlich bei einigen Arten kommen merkwürdige Fälle von Verträglichkeit gerade in der Zeit vor, in welcher die meisten anderen Tiere jeden Funken einer angeborenen Gutmütigkeit verlieren.“ So habe ich gesehen, daß mehrere Männchen der Zwergfledermaus es ruhig geschehen ließen, während ein Männchen zur Begattung sich vorbereitet hatte, ohne im geringsten eifersüchtig zu werden und in feindselige Gesinnungen auszubrechen, und Pagenstecher beobachtete, daß mehrere Männchen ein und dasselbe Weibchen ruhig nacheinander begatteten. Die Paarung verrichten die Fledermäuse, indem sie mit den Vordergliedern sich umklammern und teilweise in die Flughaut sich einhüllen. Bald nach ihr trennen sich beide Geschlechter, und die Weibchen bewohnen nun gemeinschaftliche Schlupfwinkel, während die Männchen mehr einzeln, oft in ganz anderen Gegenden umherstreifen. Mein Vater beobachtete, daß letztere nach der Begattung ganz für sich und stets einzeln leben, während die Weibchen sich zusammenrotten und gemeinschaftlich in den Höhlungen der Bäume oder in anderen Schlupfwinkeln wohnen; er hält es für sehr wahrscheinlich, daß keine männliche Fledermaus in die Frauengemächer eindringen darf. Unter Dutzenden von Fledermäusen,

welche zusammengefunden wurden, fand er und später auch Kaup niemals ein Männchen, sondern immer nur trächtige Weibchen.

Erst im Frühjahre lösen sich im Eierstocke die Eier und werden von dem in der Gebärmutter vom Herbste her befindlichen männlichen Samen befruchtet. Wenige Wochen später werden die Jungen geboren. Das kreißende Weibchen hängt sich, laut Blasius und Kolenati, gegen seine Gewohnheit mit der scharfen Kralle beider Daumen der Hände auf, krümmt den Schwanz mit seiner Flatterhaut gegen den Bauch und bildet somit einen Sack oder ein Becken, in welches das zu Tage kommende Junge fällt. Sogleich nach der Geburt beißt die Alte den Nabelstrang durch, und das Junge häkelt sich, nachdem es von der Mutter abgeleckt worden ist, an der Brust fest und saugt. Die blattnasigen Fledermausweibchen haben in der Nähe der Schamteile zwei kurze, zitzenartige Anhängsel von drüsiger Beschaffenheit, an welche sich die Jungen während der Geburt sofort ansaugen, um nicht auf die Erde zu fallen, weil diese Fledermäuse während des Gebärens ihren Schwanz zwischen den beiden eng aneinander gehaltenen Beinen zurück auf den Rücken schlagen und keine Tasche für das an das Licht tretende Junge bilden. Später kriechen auch diese Jungen zu den Brustzitzen hinauf und saugen sich dort fest.

Alle Flattertiere tragen ihre Jungen während ihres Fliegens mit sich umher und zwar ziemlich lange Zeit, selbst dann noch, wenn die kleinen Tiere bereits selbst recht hübsch flattern können und zeitweilig die Brust der Alten verlassen: daß letzteres geschieht, habe ich an Fledermäusen beobachtet, welche ich in den Urwäldern Afrikas an Bäumen aufgehängt fand. In etwa 6—8 Wochen haben die Jungen ihre volle Größe erreicht, lassen sich aber bis gegen den Herbst und Winter hin an dem plumperen Kopfe, den kürzeren Gliedmaßen und der dunkleren Färbung ihres Pelzes als Junge erkennen und somit von den Alten unterscheiden. Eine noch ungeborene Fledermaus hat ein sehr merkwürdiges Ansehen. Wenn sie so weit ausgebildet ist, daß man ihre Glieder erkennen, die Flughaut aber noch nicht wahrnehmen kann, hat sie mit einem ungeborenen Menschenkinde eine gewisse Ahnlichkeit. Die Hinterfüße sind noch viel kleiner als die vorderen, und die vortretende Schnauze zeigt das Tierische; aber der Bau des Leibes, der kurze, auf dem Brustkorbe sitzende Hals, die breite Brust, die ganze Gestalt der Schulterblätter und besonders die Beschaffenheit der Vorderfüße, welche mit ihren noch kurzen Fingern halbe Hände bilden, erinnert lebhaft an den menschlichen Keimling in einem frühen Zustande seiner Entwickelung. „Der vorurteilsvolle Mensch“, sagt Koch, „hat diesen harmlosen Tierchen mancherlei Verleumdungen zu teil werden lassen, und die große Menge ist mit Abneigung gegen sie erfüllt, anstatt fie im eigenen Nutzen zu hegen und zu schützen. Unrichtig schon ist die Behauptung, daß die Fledermäuse den Speck in den Vorratskammern benagen; denn keine einzige von ihnen frißt Speck, und der in der Volkssprache allgemeine Gebrauchsname „Speckmaus“, welcher auch in die Wissenschaft übergegangen ist, scheint daher zu kommen, daß die Fledermäuse zum Zwecke ihrer Erhaltung während des langen Winterschlafes unter der Haut sehr beträchtliche Speckmassen ablagern und diese zum Vorscheine kommen, wenn man ein Tier gewaltsam tötet und dabei die zarte Haut zerreißt. Später hat man aus dem Namen die angedichtete Sünde abgeleitet, welche Ansicht noch eine wesentliche Unterstützung in dem Umstande fand, daß sich die sogenannten Speckmäuse gern in dunkeln Räumen verbergen und daher auch vielfach in Speck- und Räucherkammern angetroffen werden. Die Mäuse und Ratten benagen den Speck, ziehen sich aber bei dem Herannahen eines Menschen in ihre engeren Schlupfwinkel zurück, während die harmlosen Fledermäuse bei Tage und im Winter ruhig sitzen bleiben, wo der Speckdiebstahl verrichtet wurde. Deshalb ist es dem Bestohlenen oft nicht übelzunehmen, wenn er aus Mangel eines besseren

Wissens seinen Feind auf der That ertappt zu haben glaubt, während der gründlichere Beobachter sich leicht überzeugen kann, daß die Fledermaus nicht nur keinen Speck frißt, sondern durch Vertilgen von Speckkäfern und deren Larven den Speck schützt. Ein allgemein verbreiteter Aberglaube, daß sich die Fledermäuse in die Haare verwickeln und nicht mehr daraus zu entfernen seien, entbehrt ebenfalls aller Begründung. Eine Fledermaus geht niemals aus freiem Antriebe in das Kopfhaar eines Menschen; wenn aber ein unglückliches Mitglied dieser Ordnung sich in ein Gesellschaftszimmer verfliegt, wird von den Anwesenden in der Regel Jagd darauf gemacht, mit Taschentüchern danach geschlagen u. s. w., und wenn dann das Tierchen, getroffen, fluglahm herabfällt, krallt es sich an jedem beliebigen Gegenstande an, und kann der Zufall es fügen, daß es gerade auf den Kopf einer Dame fällt, deren künstlich verzierter Kopfputz in der Regel so beschaffen, daß Gelegenheit genug zum festeren Ankrallen vorhanden ist. Solche Zufälle mögen hin und wieder die erste Veranlassung zu jener Ansicht grundloser Behauptung gegeben haben. Man glaubt vielfach, daß die Fledermäuse Begleiter und Träger der bösen Geister seien. Ein junger, gebildeter Spanier behauptete mit aller Zuversicht, gehört zu haben, daß die Fledermäuse fluchen, wenn sie mit einem brennenden Span gereizt werden. Dergleichen Wunderlichkeiten kann man mehr hören, wenn man sich mit dem weniger gebildeten Volke über die allerdings eigentümlich gestalteten Hautflügler unterhält. Wo Fledermäuse gereizt wurden, haben wir auch schon gehört, daß geflucht wurde, nicht aber von der Fledermaus, sondern von dem, welcher seinen Mutwillen an derselben auslassen wollte; denn namentlich die großen Arten verstehen keinen Spaß: wenn sie gefangen werden, beißen sie kräftig zu, und ihr Gebiß wie ihre Krallen sind scharf, und einige von ihnen können tiefe Wunden beibringen. Wenn sie nicht mehr im stande sind, ihren Nachstellern zu entgehen, werden sie zornig und mitunter mutig und wissen ihre natürlichen Waffen sehr gewandt zu gebrauchen; aus freien Stücken greifen sie aber niemals an und zeigen sich in ihrem ganzen Wesen als äußerst harmlose Geschöpfe. „Der Aufenthalt der Fledermäuse im Dunkeln, das Mäuseartige des Körpers, die wunderlich gestalteten dunkelhäutigen Flughände sowie der mitunter abschreckende Gesichtsausdruck und die unangenehm kreischende Stimme der Fledermaus geben der ganzen Erscheinung etwas Unheimliches, was schon die Alten gefühlt haben mögen. Während die guten Geister mit Flügeln der Taube erschienen, entwarf man das Bild der bösen Dämonen mit den Flügeln der Fledermaus. Lindwurm und Drache, jene schreckenden Phantasiegebilde, hatten ihre Flügel von der Fledermaus entliehen, wie noch heute das Zerrbild des Teufels mit Fledermausflügeln oder das Heer der bösen Geister, welche der heilige Ivan austreibt, in Gestalt von Fledermäusen erscheinen. Solche Bilder wirken schon auf das kindliche Gemüt der Jugend wie auf den für Aberglauben empfänglichen Sinn des ungebildeten Volkes und erregen Abscheu und Haß gegen die Tiere, welche Ansprüche auf Schonung und Hegung haben. Daher sei es die Aufgabe des besser Unterrichteten, seine Stimme für die verleumdeten Wohlthäter zu erheben. Bei Erwägung ihres großen Nutzens verlieren diese Tiere schon vieles von ihrer angeborenen Häßlichkeit, und wenn man die schönen warmen Sommerabende im Freien verbringt, erscheinen die Fledermäuse in ihren geschickten Flugwindungen als eine freundliche, belebende Erscheinung der stillen Landschaft. „Vorurteile haben von jeher den Geist des Menschen befangen: sie stammen aus uralten, längst verdrängten Ideenkreisen her. Von jeher gab es unter den Menschen eine Kaste, welche an den alten Anschauungen festhielt und teils in eigener Befangenheit, teils aus Selbstsucht jeder Beseitigung veralteten Aberglaubens entgegenarbeitete. Aber die Naturwissenschaften, die mächtigen Hebel zur Förderung und Veredelung menschlichen Strebens, wirken aufklärend und belehrend zum Nutzen und Frommen der ganzen menschlichen

Gesellschaft, streben nach gründlicher Kenntnis des Bestehenden und beseitigen allmählich jeden dämonischen Nimbus, wie sie auf dem Gebiete des praktischen Lebens den ersten Weg zur Erreichung unserer Zwecke zeigen. So lehrt auch der Tierkundige dem Landwirte und Forstmanne seine wahren Freunde immer mehr und mehr kennen und verhütet die mit Willen und Unverstand so vielfach begangenen Mißgriffe durch Verfolgung wehrloser Geschöpfe.“

Der Nutzen, welchen die meisten Mitglieder der sehr zahlreichen Ordnung dem Menschen leisten, übertrifft den Schaden, welchen fie ihm unmittelbar zufügen, bei weitem. Gerade während der Nachtzeit fliegen sehr viele von den schädlichsten Kerbtieren und zeigen sich somit dem Auge ihrer Feinde. Außer Ziegenmelkern, Kröten, Zieseln und Spitzmäusen stellen um diese Zeit nur noch die Fledermäuse dem ewig kriegsbereiten, verderblichen Heere nach, und die auffallende Gefräßigkeit, welche allen Flattertieren eigen ist, vermag in der Vertilgung der Kerfe wirklich Großes zu leisten. Hiervon kann man sich einen oberflächlichen Begriff verschaffen, wenn man die Schlupfwinkel der Fledermäuse untersucht. „Fußhoch“, sagt Koch, „liegt hier der Kot aufgeschichtet, und die nähere Untersuchung ergibt, daß die einzelnen Klümpchen aus Teilen sehr vieler und verschiedenartiger Kerbtiere bestehen. In 1 cem Fledermauskot fanden wir 41 Schienbeine verschiedener größerer und kleinerer Kerfe, und da nun in alten Ruinen, auf Kirchböden ꝛc. sicherlich zuweilen mehr als 1 ebm Fledermauskot aufgeschichtet liegt, würden in solchen Haufen gegen 1½½ Million Kerbtierleichen enthalten sein. Freilich rühren die großartigen Anhäufungen nicht aus einem Sommer her, und sind an ihnen viele Fledermäuse beteiligt; dagegen ist aber auch in Betracht zu ziehen, daß gewiß nur der kleinste Teil des Kotes von der Fledermaus an der Stelle der Tagesruhe abgelegt wird, sondern daß die Darmentleerungen gewöhnlich während des Fluges im Freien vor sich gehen.“ Man würde eine große Liste aufzustellen haben, wenn man alle die Schmetterlinge, Kerfe, Fliegen und sonstigen Kerbtiere aufführen wollte, welche, als den Fledermäusen zur Nahrung dienend, festgestellt wurden, und es mag daher die Angabe genügen, daß sie gerade unter den schädlichsten Arten am besten aufräumen, während ihnen die nützlichen, welche meistens bei Tage fliegen, kaum zur Beute fallen. Alle bei uns zu Lande vorkommenden Fledermäuse bringen uns nur Nutzen, und die wenigen, welche schädlich werden können, indem sie Früchte fressen, gehen uns zunächst nichts an, wie auch die Blutsauger keineswegs so schädlich sind, als man gewöhnlich gesagt hat. Nach den neueren und zuverlässigsten Berichten töten die blutsaugenden Fledermäuse niemals größere Tiere oder Menschen, selbst wenn sie mehrere Nächte nacheinander ihre Nahrung aus deren Leibern schöpfen sollten, und die fruchtfressenden Flattertiere leben in Ländern, wo die Natur ihre Nahrung so reichlich erzeugt, daß der Verbrauch derselben durch sie eben nur da bemerklich wird, wo der Mensch mit besonderer Sorgfalt gewisse Früchte sich erzeugt, z. B. in Gärten; Früchte aber kann man, wenigstens häufig, durch Netze und dergleichen vor ihnen schützen. Somit dürfen wir die ganze Ordnung von unserem Standpunkte als ein höchst nützliches Glied in der Kette der Wesen betrachten.

Die Alten gedenken der Fledermäuse in der Regel mit noch größerem Abscheu als unsere unkundigen Männer und zimperlichen Frauen, und selbst die alten Agypter, diese ausgezeichneten Forscher, mögen eine Abneigung gegen sie gehabt haben, weshalb sie die bildliche Darstellung derselben möglichst vermieden. „Solche finden sich nämlich“, bemerkt Dümichen, „seltsamerweise an Tempelwänden nur wenige. Außer dem hieroglyphischen Namen Setachemm, welcher einzelnen Abbildungen von Fledermäusen beigegeben ist, kommt in Inschriften noch das Wort Taki vor, woraus wir vielleicht den Schluß ziehen dürfen, daß mehrere Fledermausarten von den Agyptern unterschieden worden sind.“

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