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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Unter sich halten viele, vielleicht die meisten Flattertiere gute Gemeinschaft. Einzelne Arten bilden zahlreiche Gesellschaften, welche gemeinschaftlich jagen und schlafen. Ganz ohne Streit und Kampf geht es dabei freilich nicht immer ab: eine gute Beute oder eine bequeme Schlafstelle ist genügende Ursache zur Zwietracht. Dafür versuchen Gesunde Kranken aber auch beizustehen und nach Kräften zu helfen, und zwar thun dies nicht allein die wehrhaften Flughunde, sondern ebenso kleinere Flattertiere, beispielsweise Blattnasen. „Mein Diener“, erzählt Hensel, „kam einst auf den klugen Gedanken, mehrere lebende brasilische Fledermäuse in hohe offene Glasgefäße zu thun und diese abends an geeigneten Orten aufzustellen. Am nächsten Morgen fanden sich in drei Gefäßen 325 Fledermäuse derselben Art vor, welche sich, durch die Stimmen der zuerst darin befindlichen Tiere angelockt, hineinbegeben hatten und nun wegen der glatten Wände der Gefäße ihr Gefängnis nicht verlassen konnten.“ Auch diese Fledermäuse hatten sich offenbar nur aus dem Grunde zu den übrigen gesellt, um ihnen irgendwie zu helfen. Ungeachtet aller Geselligkeit der Fledermäuse einer und derselben Art leben die Flattertiere doch keineswegs mit allen Mitgliedern ihrer Ordnung in Frieden. Verschiedene Arten hassen sich auch wohl, und eine frißt die andere auf. Die blutsaugenden Blattnasen z. B. greifen, wie Kolenati beobachtete, die Ohrenfledermäuse an, um ihnen Blut auszusaugen, und diese fressen ihre Feinde dafür auf.

Die Nahrung der Flattertiere besteht in Früchten, in Kerbtieren, unter Umständen auch in Wirbeltieren und in dem Blute, welches sie größeren Tieren aussaugen. Letzteres

gilt namentlich für die in Amerika wohnenden Flattertiere, während die Blutsauger der Alten Welt nicht so kühn sind, sich vielmehr fast nur an kleinere, wehrlose und immer bloß an freilebende Tiere wagen, an welche sie von Anfang an gewöhnt sind, und bei deren Wohnstätte sie durch die Anwesenheit des Menschen nicht gestört werden. Während die Blutsauger es mit einer in den meisten Fällen unschädlichen Abzapfung von Blut bewenden lassen, fallen andere Flattertiere, wahrscheinlich mehr, als wir zur Zeit noch wissen, über andere Wirbeltiere her. Ein Arzt der brasilischen Ansiedelung Blumenau erzählte Hensel einen hierauf bezüglichen Fall. Derselbe beobachtete nämlich eines Abends, wie durch das offen stehende Fenster seines Zimmers eine große Fledermaus hereinflog und eine Schwalbe, welche im Zimmer ihr Nest anlegen wollte und daher hier übernachtete, fing und tötete. Anderen, namentlich ostindischen, Arten sagt man nach, daß sie Frösche fangen und benagen sollen; im Hererolande fand Pechuel-Loesche an Orten, wo Fledermäuse schliefen, immer wieder frische Überbleibjel von Eidechsen und kleinen Vögeln, sogar von anderen Fledermäusen. Kurz, Raubtiergelüste in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes sind den Flattertieren durchaus nicht abzusprechen. Die in Europa wohnenden Arten der Ordnung, bekanntlich nur echte Fledermäuse, verzehren hauptsächlich Kerbtiere, namentlich Nachtschmetterlinge, Käfer, Fliegen und Mücken, und wenn man am Morgen nach warmen Sommernächten in Baumgängen hingeht, findet man gewiß sehr häufig die Überbleibsel ihrer Mahlzeiten, namentlich abgefressene Flügel und dergleichen. Ihr Hunger ist außerordentlich; die grö— ßeren fressen bequem ein Dutzend Maikäfer, die kleinsten ein Schock Fliegen, ohne gesättigt zu sein. Größere Kerfe stemmen sie, nachdem sie dieselben gefangen haben, an die Brust und fressen sie so langsam hinter; kleinere werden ohne weiteres verschlungen. Je lebhafter ihre Bewegung ist, um so mehr Nahrung bedürfen sie, und aus diesem Grunde sind sie für uns außerordentlich nützliche Tiere, welche die größtmögliche Schonung verdienen. Nicht so ist es mit den blutsaugenden Fledermäusen, welche zuweilen recht schädlich werden können, oder auch mit den Fruchtfressern, welche nicht selten ganze Fruchtpflanzungen, zumal Weinberge, zerstören und nach den neueren Beobachtungen keineswegs einzig und allein der ersten Familie, den Flughunden nämlich, angehören. „In Südamerika“, berichtet Hensel, „gibt es auch unter den eigentlichen Fledermäusen solche, welche saftige Früchte fressen. Obschon man häufig davon erzählen hört, ist es doch leider mir niemals geglückt, solche Arten zu fangen oder auch nur bei dem Verzehren der Früchte selbst zu beobachten. In Rio de Janeiro aber erzählte mir ein deutscher Kaufmann, welcher sich mit Naturbeobachtungen beschäftigte und durchaus glaubwürdig zu sein schien, daß er selbst Mühe gehabt habe, in seinem Garten Bäume mit saftigen Früchten vor den Fledermäusen zu schützen. In Porto Alegre hat ein deutscher Handwerker an seinem Hause einen der wilden Feigenbäume Brasiliens stehen, deren Feigen nicht größer als Haselnüsse zu sein pflegen. Zur Zeit der Reife dieser Feigen nun sollen nach Angabe jenes Mannes zahlreiche Fledermäuse den Baum besuchen und die Feigen verzehren.“ Daß diese Angaben thatsächlich begründet sind, geht aus später mitzuteilenden Untersuchungen von Bates hervor. Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß es auch unter Glatt- und Blattnasen Fruchtfresser gibt; denn in anderen Ländern unter den Wendekreisen wird es wohl ebenso sein wie in Brasilien.

Alle Fledermäuse gehen fleißig nach dem Wasser und trinken sehr viel. Überhaupt trifft man sie am häufigsten in der Nähe von Gewässern, freilich nicht allein, weil sie dort ihren Durst am leichtesten stillen können, sondern auch weil hier die meiste Beute für sie sich findet.

Die Verdauung aller Flattertiere ist sehr lebhaft. An ihren Schlupfwinkeln sammeln sich deshalb auch bald große Kothaufen an, und diese haben einen so durchdringenden Geruch, daß ganze Gebäude von den Tieren förmlich verpestet werden können. Dies war in der Station Alt-Vivi am Kongo der Fall, wo die Häuschen mit doppelten Bretterwänden

hergestellt waren. In den Hohlräumen hausten kleine Fledermäuse zu vielen Tausenden und schwirrten abends schwarmweise aus den Lücken zwischen Dach und Wänden hervor. Sehr eigentümlich ist die Art und Weise, wie sie sich ihres Unrates entleeren. Man kann dies von vornherein annehmen, wenn man eine aufgehängte Fledermaus ansieht; doch muß man sie bei jenem Geschäfte beobachtet haben, wenn man sich eine rechte Vorstellung machen will. Jede Fledermaus, welche ihren Kot von sich geben will, muß sich nämlich in eine wagerechte Lage bringen, um misten zu können. Sie läßt dabei einen ihrer Hinterfüße los und stößt mit ihm gegen die Decke, um in eine schaukelnde Bewegung zu gelangen. Nachdem fie gehörig in Schwung gekommen ist, greift fie mit der Daumenkralle des ausgestreckten Armes an die Decke oder an eine andere, ihr nahe hängende Fledermaus und klammert sich hier an. Nunmehr ist sie in der geeigneten Lage, um ihr Bedürfnis verrichten zu können. Das Harnen besorgt das Flattertier entweder in wagerechter Lage, oder aber indem es sich, wie dies beispielsweise die Flughunde regelmäßig thun, mit den Daumenkrallen allein aufhängt und den unteren Teil des Leibes frei hängen läßt. „Die meisten Fledermäuse“, sagt Koch, „harnen auch im Fluge, wie man dies auf eine sehr empfindsame Weise wahrnehmen kann, wenn man einen unmittelbar über sich hängenden Klumpen aufscheucht. Das Misten kommt dabei ebenfalls vor, aber seltener. Viele von ihnen haben die Gewohnheit, wenn sie am Rücken oder Halse gefaßt werden, ihren Angreifer mit Harn zu bespritzen.“

Eine beachtenswerte Beobachtung hat Heuglin gemacht: die Fledermäuse Afrikas ziehen ihrer Nahrung wegen den Herden nach. „In den Bogosländern“, bemerkt dieser Forscher, „wird sehr starke Viehzucht getrieben, und die Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der Besitzer zurück. Bei unserer Ankunft in Keeren waren alle Rinderherden samt den Myriaden von Fliegen, welche sie überall hin begleiteten, in den Tiefländern des Barka und Fledermäuse hier außerordentlich selten. Gegen Ende der Regenzeit sammelten sich auf etwa einen Monat fast alle den hiesigen Bogos gehörigen Herden in der nächsten Umgebung, und gleichzeitig erschienen die kerbtierfressenden Dämmerungs- und Nachtfledermäuse in ganz unglaublicher Anzahl; mit Abzug der letzten Herde verschwanden auch sie spurlos wieder. In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober lagerten wir auf einer drei Stunden südlich von Keeren gelegenen Hochebene in der Nähe von Umzäunungen, welche zur Aufnahme von Rindvieh bestimmt waren. Da sich die Herden in anderen Teilen des Gebirges befanden, beobachteten wir nur ein oder zwei Fledermäuse auf der für diese Familie äußerst günstigen Ortlichkeit. Tags darauf kehrten die Herden an die besagte Stelle zurück, und schon an demselben Abende hatte die Anzahl der Fledermäuse ganz auffallend zugenommen. Es entsteht nun die Frage, ob sie wirklich ihre Standorte ändern oder von denselben aus allabendlich oft weite Jagdflüge machen, um die Fliegen aufzusuchen, welche die Herden begleiten. Ich glaube an eine Veränderung der Standorte, weil an den betreffenden Stellen die Tiere abends so zeitig erschienen, daß sie unmöglich auf dem Platze sein könnten, ohne stundenlange Reisen bei Tage gemacht zu haben, und ich habe hier niemals Fledermäuse vor der Abenddämmerung fliegend entdecken können.“

Ich meinesteils habe während meiner früheren Reisen in Afrika nicht eben sehr auf die Fledermäuse geachtet, wohl aber auf meinem letzten Jagdausfluge nach ebendenselben Gegenden, von denen Heuglin spricht, und kann ihm nur recht geben. In Westafrika beobachtete Pechuel-Loesche während der Trockenzeiten mehrmals Palmenflughunde in Schwärmen, die Tausende zählten, wie sie bei einigermaßen bedecktem Himmel sogar am Tage in bestimmter Richtung wanderten, und zwar vornehmlich an der Küste, einmal aber auch am oberen Kongo. Dort sind diese Wanderzüge wohlbekannt sowie auch die Neigung der Tiere, im Gebirge gewissen Landmarken und Einsattelungen zu folgen. An diesen

Stellen haben die Eingeborenen hohe Galgen errichtet, an denen zahllose kunstvoll verbundene Schlingen ein weit gespanntes, wirres Netzwerk bilden, in dem die Flughunde sich fangen. Haacke beobachtete bei den Flughunden Neuguineas ein Wandern in der Morgendämmerung. Eines Morgens zählte er nach und nach etwa 1000 Flughunde, welche einzeln oder in kleinen Scharen alle in derselben Richtung den Stricklandfluß kreuzten.

Es erscheint mir nun auch durchaus nicht mehr unwahrscheinlich, daß weit mehr unserer Flattertiere, als wir annehmen, wandern, obschon in beschränkterer Weise als die Vögel. Daß einige Fledermäuse bei uns manchmal von der Höhe zur Tiefe und umgekehrt ziehen, ja, daß sie gegen den Winter hin nach südlicher gelegenen Gegenden pilgern, war längst bekannt. Mitunter nämlich findet man im Sommer Fledermäuse in einer Gegend, wo sie zu anderen Jahreszeiten nicht vorkommen. So verschwindet, laut Koch, die Umberfledermaus (Vesperugo nilssonii) aus einem großen Teile des nördlichen Rußland, wandert bis Schlesien, Mähren, Oberfranken, ja selbst bis in die Alpen und überwintert hier.

Ebenso sieht man die Teichfledermaus (Vespertilio dasycneme) während des Sommers immer in den norddeutschen Ebenen über Flüssen und Seen hin- und herfliegen, begegnet ihr aber um dieselbe Zeit nur ausnahmsweise in den Gebirgen Mitteldeutschlands, wogegen im Winter Felsenhöhlen dieser und anderer Gebirge gerade von ihr sehr häufig zum Überwintern benutzt werden. In den Wäldern Hessens hält es äußerst schwer, im Winter eine Speckmaus (Vesperugo noctula) aufzutreiben, obgleich Baumhöhlen genug vorhanden sind, welche zu ihrem Aufenthalte geeignet erscheinen; im Sommer dagegen sieht man diese Fledermaus häufig genug über den Waldungen umherschwärmen, und im Taunus und im Lahnthale überwintert sie regelmäßig, ohne daß im Sommer eine größere Anzahl von ihnen vorhanden sein dürfte als dort, wo sie überwintert. „Wenn die Beobachtungen über das Wandern der Fledermäuse nicht so schwierig wären und öfter darauf geachtet würde, dürfte eine größere Anzahl von geeigneten Beispielen vorliegen, als jetzt noch der Fall ist. In heißen Ländern, wo die Fledermäuse in so großer Menge auftreten, fällt das Wandern derselben mehr auf. Viele ziehen sich zur Zeit der Dürre in das Gebirge, andere suchen sogar ferne Gegenden mit der von ihnen vorher bewohnten zu vertauschen, kehren aber nach einiger Zeit wieder dahin zurück; einige scheinen in den kälteren Jahreszeiten dem Gleicher näher zu rücken, und wieder andere ziehen in den wärmeren Monaten nach kühleren Gegenden oder höher nach dem Gebirge. In manchen Fällen scheint der Grund des Ortswechsels in den klimatischen Verhältnissen zu liegen, in den meisten Fällen aber ziehen unsere Tiere den Kerbtieren nach.“

Wärme ist für alle Fledermäuse notwendige Bedingung, und zwar nicht allein deswegen, weil durch sie das Leben der Kerbtiere geweckt wird, sondern auch, weil jene an und für sich Kälte verabscheuen. Das häufige Auftreten der Flattertiere in niederen Breiten hängt gewiß mit dem dort reicheren Kerbtierleben zusammen; die Wärme jener Länder aber scheint ihrer Entwickelung ebenfalls in hohem Grade förderlich zu sein. Bei uns zu Lande setzen nur wenige Fledermäuse unmittelbar der Sonne sich aus, indem sie in den Nachmittagsstunden umherfliegen; in den Wendekreisländern geben sie sich oft geradezu den Sonnenstrahlen preis, und zwar thun dies keineswegs nur die Flughunde, welche ihren

Tagesschlummer sehr häufig ohne alle Rücksicht auf Schatten an den fast oder ganz entlaubten Asten der Bäume haben, sondern auch Glatt- und Blattnasen. So erwähnt Schomburgk eines Vampirs (Phyllostoma bidens), welcher in großen Gesellschaften vorzugsweise an Felsen lebt und über Tag an den Stämmen der Uferbäume, meist 2—3 m über dem Boden, zum Schlafen sich aufhängt, nicht aber an der Schatten-, sondern an der Sonnenseite derselben, um sich recht tüchtig bestrahlen zu lassen. „In noch größeren Scharen“, sagt er, „fand ich sie an den über den Flußspiegel emporragenden Felsen. Näherten wir uns

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