Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Um leichter ihre Flughaut breiten und aufflattern zu können, ee sich alle Handflügler während ihrer Ruhe mit den Krallen der Hinterbeine an irgend einem erhabenen Gegenstande und lassen ihren ganzen Körper nach abwärts hängen. Bevor sie aufflattern, ziehen fie den Kopf von der Brust ab, heben den Arm, breiten die Finger samt dem Mittel: armknochen auseinander, strecken den in der Ruhe angezogenen Schwanz nebst den Sporen am Fuße, lassen sich los und beginnen nun sogleich und ohne Unterbrechung schnell nacheinander mit ihren Armen die Luft zu schlagen. Mit der Schwanzhaut wird gesteuert; aber dieses Steuer ist natürlich bei weitem unvollkommener als das der Vögel. Eine solche Bewegung bedingt eine ganz eigentümliche Fluglinie, welche Kolenati sehr bezeichnend eine geknitterte nennt.
Vom Boden können sich die Flattertiere nicht so leicht erheben; sie helfen sich aber dadurch, daß fie zuerst die Arme und die Flughaut ausbreiten und ihren Körper durch Unter: schieben der Füße etwas aufrichten, ein oder mehrere Male in die Höhe springen und dann flatternd abfliegen. Ist dies ihnen geglückt, so geht der Flug ziemlich rasch vorwärts. Wie ermüdend derselbe ist, sieht man am besten daraus, daß die Fledermäuse oft schon nach sehr kurzem Fluge zum Ausruhen an Baumäste, Mauervorsprünge und dergleichen sich anhängen
und hierauf ihre Bewegung fortsetzen. Keine Fledermaus würde im stande sein, in ununterbrochener Weise zu fliegen, wie z. B. ein Mauersegler, und aus diesem Grunde ist allen Flattertieren eine so ausgedehnte Winterwanderung, wie Vögel sie unternehmen, geradezu unmöglich. Übrigens dienen die Hände der Flattertiere nicht einzig und allein zum Flattern, sondern auch zum Laufen auf der Erde. Der Gang aller Arten ist zwar nicht so schlecht, als man von vornherein annehmen möchte, bleibt aber dennoch ein erbärmliches Dahinhumpeln. Sie ziehen dabei die Hinterfüße unter den Leib, heben bei seiner Bewegung den Hinterkörper und stoßen dadurch den ganzen Leib vorwärts; denn die Handwurzel und namentlich die Daumenkralle dient dem Vorderende nur zur Stütze. Einige Arten laufen übrigens beinahe so schnell wie eine Ratte. Beim Klettern häkeln sie sich mit der scharfen Kralle des Daumens oder der Hand an und schieben mit den Hinterfüßen wechselseitig nach. Geschickte Bewegungen und Wendungen, wie sie solche im Fluge auszuführen fähig sind, vermögen sie im Gehen oder Klettern nicht zu machen, und auf die Hinterbeine allein können sie sich gar nicht stellen, weil das Übergewicht des Körpers nach vorn liegt und die Hinterbeine schwächliche Gliedmaßen sind. Gleichwohl haben dieselben Stärke genug, den Leib nicht bloß den ganzen Tag, sondern während des Winterschlafes — oft vier volle Monate hindurch — festzuhalten und zu tragen. |
Wie verschiedenartig und mannigfaltig die Bewegungen der so ungelenk erscheinenden Fledermäuse sind, erfährt man am besten, wenn man eine von ihnen an der Nackenhaut packt und festhält. Sie dreht sich dann förmlich um sich selbst herum, weil sie zunächst die größte Anstrengung macht, um zu beißen, benutzt dabei alle einzelnen Glieder, die vorderen wie die hinteren, um sich festzuhäkeln und vorwärtszuhelfen, und bringt es Ungeschickten gegenüber regelmäßig dahin, sich zu befreien. Beim Gehen treten die Flattertiere mit der Sohle der Füße und dem Daumenteile der Flügel auf. „Die Sohle“, bemerkt Altum, „ist aber durch eine eigentümliche Gelenkung des Beines nach hinten, anstatt wie bei den übrigen Säugetieren nach vorn gewendet, so daß sich die mit scharfen Krallen bewaffneten Zehen der Hinterfüße nicht wie sonst nach der Rückenseite, sondern nach der Bauchseite des Tieres krümmen. Zum Fortbewegen auf dem Boden, wobei sie wie auch beim Klettern mit dem scharf bekrallten Daumen der Fittiche sich ziehen und mit den Hinterbeinen nachschieben, wenden sie die Spitze der hinteren Füße seitlich vom Körper ab. Wir setzen beim Gehen die Fußspitzen nach vorn und außen, die Fledermäuse nach hinten und außen. Die Hinterglieder der letzteren sind überhaupt außerordentlich gelenkig. Sie verstehen es, geschickt sich der Zehen und Krallen zum Entfernen der vielfachen Schmarotzer sowie zum Ordnen des Rückenhaares zu bedienen, brauchen sie sehr gewandt, um sich von Schmutz zu säubern, und können mit jedem Hinterfuße die Mitte des Rückens fast zwischen den Schultern erreichen, so daß sie durch Kämmen das Haar säubern und ordnen.“
Die Stimme aller bekannten Flattertiere ähnelt sich in hohem Grade, unterscheidet sich, soweit unsere gegenwärtigen Beobachtungen reichen, überhaupt nur dadurch, daß sie schwächer oder kräftiger, höher oder tiefer klingt. Die kleinen Arten bringen ein zitterndes Gekreisch hervor, welches ungefähr wie „Krikrikri“ klingt; die Flughunde lassen erzürnt oder sonstwie beunruhigt ähnliche Laute vernehmen. Die Stimme fällt immer unangenehm in das Ohr, gleichviel, ob sie hoch oder tief ist.
Alle Flattertiere schlafen bei Tage und schwärmen bei Nacht. Die meisten kommen erst mit Eintritt der Abenddämmerung zum Vorscheine und ziehen sich schon lange vor Sonnenaufgang wieder in ihre Schlupfwinkel zurück; einzelne Arten jedoch erscheinen schon viel früher, manche bereits nachmittags zwischen 3 und 5 Uhr, und schwärmen trotz des hellsten Sonnenscheines lustig umher. 21*
„Was die Zeit des Fluganfanges am Abende betrifft“, jagt Altum, „jo ftellt sich bei einem Vergleiche desselben mit der des jedesmaligen Sonnenunterganges ein merkwürdiges Ergebnis heraus. Die meisten Beobachtungen habe ich über die Zwergfledermaus in dieser Beziehung gemacht. Im Winter und ersten Frühling fallen Fluganfang und Sonnenuntergang ungefähr zusammen. Die Fledermaus beginnt dann 4—6 Minuten nach, auch wohl 4 Minuten vor Sonnenuntergang zu fliegen. Von Ende März bis Ende Mai fällt ihr Fluganfang schon / —)⁰ Stunde nach demselben; am längsten Tage tritt fie erst 110 Stunde nach dem Verschwinden der Sonne auf; Ende Juli bis zum Oktober kommt sie wiederum früher und zwar /—⁰ Stunde nach Sonnenuntergang und von da an im Spätherbste etwa fast */ Stunde nach demselben zum Vorscheine. Trotz einzelner nicht unerheblicher Abweichungen beim Vergleichen der angegebenen Stunden und Monatstage mit dem betreffenden Sonnenuntergange läßt sich doch eine gewisse Gesetzmäßigkeit darin nicht verkennen. Die Zwergfledermaus folgt nämlich dem Untergange der Sonne um so früher, je kälter, und um so später, je wärmer die herrschende Temperatur der betreffenden Jahreszeit bei uns zu sein pflegt. Wahrscheinlich ist der durch die Witterungsverhältnisse zumeist mit bedingte Reichtum der Kerbtierwelt der tiefere Grund dieser auffallenden Erscheinung. Die Fledermäuse treten bei Nahrungsfülle erst spät, bei Nahrungsarmut schon früh ihre Jagden an. Nur bei dieser Unterstellung wird es klar, warum eine Art bei gleicher Tageslänge und gleicher Stunde des Sonnenunterganges im kerbtierarmen ersten Frühling etwa schon mit Sonnenuntergang, im kerbtierreichen Herbst hingegen /2—504 Stunde nach demselben ihre Jagden beginnt. Zu der einen Zeit genügt zur Erbeutung der notwendigen Nahrungsmenge eine kürzere Jagdfrist, zu der anderen wird eine längere erheischt. Die Fledermäuse verlängern oder verkürzen aber auch, von der Zeit des Scheidens der Sonne und der Länge der Dämmerung abgesehen, ihre Jagdzeit nach den in einer Gegend regelmäßig herrschenden Witterungsverhältnissen und der dadurch bedingten Menge der abendlich umherschwärmenden Kerbtiere. Je ärmer die Jahreszeit an Kerbtieren zu sein pflegt, desto länger jagen sie, je reicher, desto kürzere Frist treiben sie sich jagend umher.“ Jede Art hat ihre eigentümlichen Jagdgebiete in Wäldern, Baumgärten, Alleen und Straßen, über langsam fließenden oder stehenden Wasserflächen ꝛc., seltener im freien Felde, aus dem sehr einfachen Grunde, weil es dort für sie nichts zu jagen gibt. In dem reicheren Süden finden sie sich auch dort, namentlich über Mais- und Reisfeldern, weil diese stets eine Menge vonKerbtieren beherbergen, ihnen also gute Beute liefern. Gewöhnlich streichen sie nur durch ein kleines Gebiet von vielleicht 1000 Schritt im Durchmesser. Die größeren mögen vielleicht über / Stunde Weges durchstreifen; von den großen südlichen Arten, den sogenannten Flughunden, dagegen weiß man, daß sie mehrere Meilen weit in einem Zuge fliegen, da sie von einer Insel aus auf benachbarte, meilenweit entfernte sich verfügen oder von ihnen aus das Festland und umgekehrt von diesem aus Nahrung versprechende Inseln besuchen. Der Flugfuchs findet sich nicht allein in Ostindien, sondern auch längs der ganzen Küste Ostafrikas und auf den benachbarten Inseln, beispielsweise auf Madagaskar, wird also unzweifelhaft die zwischen dem einen und dem anderen Erdteile liegenden Meeresteile und beziehentlich die die Inseln von dem Festlande trennenden Meerengen überflogen haben. „Bei ihren Jagden“, fährt Altum fort, „pflegen die Fledermäuse ihr Gebiet planmäßig abzutreiben, indem sie so lange an derselben Stelle in derselben Weise umherflatternd verweilen, etwa eine Allee oder Straße auf- und abfliegen, einen Winkel zwischen Gebäuden kreisend absuchen, auf einem Dachboden ein- und ausfliegen oder, wie an unsichtbaren Fäden hängend, über einer Stelle des Wasserspiegels genau in derselben Weise schwirren,
bis sie sich überzeugt haben, daß sich dort keine Beute mehr findet, worauf sie dann plötzlich, ebenso verfahrend, eine andere Stelle auswählen, nicht selten aber nach kurzer Zeit zum ersten Platze zurückkehren. Die Größe dieser Jagdplätze steht im allgemeinen zur Größe der Jäger im geraden Verhältnis. Bevor sie solche gehörig abgesucht haben, lassen sie sich nicht einmal durch einen Fehlschuß in ihrem Treiben stören.“ — „Im Innern Neuguineas“, bemerkt Haacke hierzu, „beobachtete ich eines Abends bei meiner Rückkehr von einem Jagdausfluge in den Urwald eine Anzahl winziger Fledermäuse, welche ich anfänglich für Libellen hielt, einen kleinen Baum beständig umkreisen. Nach einer Weile wurde ein benachbarter Baum als Jagdmittelpunkt gewählt und in gleicher Weise umflattert. So genau wurde der Weg, den die Tierchen beschrieben, innegehalten, daß jede Fledermaus stets dasselbe Blatt als Ruheplätzchen wählte, obwohl ihr Flug äußerst schnell war. Die Ruhepause war indessen kaum lang genug, um mir das Abdrücken der Flinte, mit welcher ich den Ruheplatz aufs Korn genommen hatte, zu gestatten, und erst nach langer Zeit gelang es mir, zwei der Tiere zu erbeuten.“ Sobald die Fledermäuse müde werden, hängen sie sich, wie ich schon bemerkte, eine Zeitlang auf und schwärmen weiter, nachdem sie ausgeruht haben. Verschiedene Arten scheinen sich gewissermaßen abzulösen; denn die frühfliegenden schwärmen bloß in der Dämmerung, andere nach und vor der Morgendämmerung, wieder andere bloß in den mittleren Nachtstunden umher.
Bei Tage halten sich alle Flattertiere versteckt in den verschiedenartigsten Schlupfwinkeln. Bei uns zu Lande sind hohle Bäume, leere Häuser und seltener auch Felsenritzen oder Höhlen ihre Schlafplätze. In den Wendekreisländern hängen sich viele Arten frei an die Baumzweige auf, sobald diese ein dichtes Dach bilden. Bei uns zu Lande geschieht dies ebenfalls, obschon seltener: Koch beobachtete namentlich in den dichten Epheuranken alter Burgen mehrfach Fledermäuse, welche sich hier ihren Schlupfplatz erwählt hatten. In den Urwaldungen Afrikas fand ich mehrere echte Fledermausarten in dem dünnen Gelaube der Mimosen aufgehängt; Pechuel-Loesche sah in Unterguinea Nachthunde zu Hunderten zwischen den abgestorbenen Blättern der Fächerpalmen am Meeresstrande Rast halten; in den Waldungen Südamerikas traf Bates andere unter den breiten Blättern von Helikonien und anderen Pflanzen, welche auf den schattigen Plätzen wachsen. Die Flughunde wählen sich nicht einmal immer Bäume, deren Laubdach ihnen Schatten gewährt, hängen vielmehr oft auch an entblätterten Asten ohne alle Rücksicht auf die Sonnenstrahlen, gegen welche fie ihre Augen dadurch zu sichern suchen, daß sie den ganzen Gesichtsteil in der Flughaut verbergen; in Neuguinea beobachtete Haacke, daß die Flughunde sich mit Vorliebe in Beständen niedriger und dünnbelaubter Bäume an den Flußufern den glühenden Strahlen der Tropensonne aussetzten. Hier hingen sie oft zu vielen Tausenden nebeneinander und fächelten sich mit den Flügeln Kühlung zu. Weitaus die Mehrzahl aller Flattertiere hingegen versteckt sich, einige Arten zwischen und unter der Rinde von Bäumen oder in Baumhöhlungen, andere unter Dächern zwischen dem Schindel- und Ziegelwerk, der Hauptteil endlich in natürlichen Felshöhlen, Mauerlöchern, Gewölben verfallener oder wenig besuchter Gebäude, tiefen Brunnen, Schächten, Bergwerksstollen und ähnlichen Orten. „In den südlichen Himmelsstrichen, wo die Handflügler so massenhaft vorkommen“, sagt Koch, „würde vielleicht kaum ein schadhafter Baum zu finden sein, welcher nicht von ihnen bewohnt wäre, wenn es nicht so viele andere Tiere gäbe, welche ihnen den Platz streitig machen, wie dies die Klettervögel, viele Raub: und Nagetiere, Schlangen und sogar einige gesellig lebende Immen thun. Letztere, welche, während die Fledermaus munter ist, ihr zur Nahrung dienen, belästigen dieselbe sehr in ihrer Ruhe. Ich habe beobachtet, daß Ameisen sich eingenistet hatten, wo sonst Fledermäuse waren, und daß letztere sich bald gänzlich verzogen. Es gibt nicht viele Fledermäuse, von denen man sagen könnte, daß sie nie in geeigneten Baumhöhlen getroffen
würden. Die meisten beziehen zwar auch gleichzeitig andere Schlupfwinkel; doch gibt es wiederum viele Arten, namentlich unter den südländischen, welche ausschließlich den Aufenthalt in Baumhöhlen suchen. Die Ritzen von altem Gemäuer bieten anderen geeignete Schlupfwinkel, und manche ziehen die hölzernen Teile des Mauerwerkes den steinernen vor. Frische Kalkwände aber, worin noch nicht aller Kalk durch Aufnahme von Kohlensäure seine ätzende Eigenschaft verloren hat, hassen die Flattertiere, und man findet daher keine Fledermäuse in neueren Gebäuden, selbst wenn geeignete Ritzen und Höhlungen in denselben vorkommen. In allen Gegenden und Klimaten sind es die natürlichen Felsenhöhlen, welche als die vorzüglichsten Aufenthaltsorte der Fledermäuse bezeichnet werden müssen. In den Höhlen suchen nun verschiedene Arten besonders die engen Spalten und Klüfte auf, worin sie sich einzeln oder gesellig einzwängen; andere Arten findet man mehr freihängend, seltener in Ritzen, und die Blattnasen, welche ganz besonders als Höhlenbewohner bezeichnet werden können, hängen fast immer frei, wenn auch zum Teile in kleineren unzugänglichen Domen dieser Höhlen. In Gegenden, wo keine natürlichen Höhlen vorkommen, dienen den Fledermäusen statt deren alte Bergwerke, Kellergewölbe, Burgverliese, gemauerte Grüfte und Katakomben, und diese unterirdischen Bauwerke werden um so mehr bevölkert, je älter und einsamer sie sind, und je weniger die Fledermäuse daselbst Störung finden. Die Anzahl der Fledermäuse, welche man sowohl in natürlichen Höhlen wie auch in ähnlichen künstlichen Bauwerken antrifft, ist mitunter eine außerordentliche. Ich habe in der Fürstengruft in Siegen wohl über 1000 Stück zusammengefunden und dennoch lange nicht alle erreichen können, welche in diesem Gewölbe waren. „In den Bergwerken sind ganz bestimmte Eigenschaften notwendig, um eine Anziehung auf die Fledermäuse zu äußern. Heftigen Wetterzug hassen sie zunächst sehr, ebenso starke Tropfwasser in den Strecken, welche sie zu durchfliegen haben. Auch dürfen die Räume nicht zu trocken und ebensowenig zu feucht sein. Dagegen halten sie sich gern in solchen Stellen, in denen sich die Wasser stauen, wahrscheinlich, weil sie sich darin sicher gegen ihre Verfolger fühlen. In Gruben und Höhlen mit Tropfsteinbildung gibt es keine Fledermäuse; wahrscheinlich fürchten sie das kalkhaltige Wasser, und die glatten Tropfsteinwände eignen. sich auch wohl nicht besonders zum Ankrallen.“