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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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und der Lederhaut beider Leibesseiten, besteht demgemäß aus zwei Platten, von denen die eine vom Rücken, die andere von der Bauchseite herrührt. Außer diesen beiden Platten enthält die Flatterhaut noch eine neue, elastische Haut und zwei Muskelfaserschichten, welche zwischen den äußeren Teilen liegen. Die erst vor kurzem aufgefundene, in hohem Grade dehnbare oder besser zusammenziehbare elastische Haut zeigt bei etwa 300maliger Vergrößerung ein filzartiges Gewebe und ist für die ganze Flughaut von größter Wichtigkeit, weil durch sie die Ernährung derselben geschieht. Außerdem aber reibt das Flattertier die äußere Flughaut auch noch mit einer schmierigen, öligen, starkriechenden Flüssigkeit besonders ein. Diese Schmiere wird von gelben, plattgedrückten Drüsen abgesondert, welche sich im Gesichte zwischen den Nasenlöchern und Augen befinden und einen oder mehrere Ausführungskanäle besitzen. Das Tier bestreicht seine Flughaut jedesmal nach dem Erwachen und unmittelbar vor dem Flattern und erhält sie so stets geschmeidig und fettig. Die ganze Haut selbst teilt man in die Vorarm-, Flanken⸗, Finger-, Schenkel: oder Schwanz: und Sporenflatterhaut; die Fingerflatterhaut zerfällt wieder in vier besondere Fächer. Ein Blick auf irgend eine Abbildung wird diese Einteilungen leicht erkenntlich machen.

Sehr eigentümlich ist auch der Bau aller Haare der Handflügler. Man kann hier nicht von Grannen- und Wollhaar sprechen. Die einzelnen Haare vereinigen den Zweck beider in sich. An der Wurzel ist das einzelne Haar schmal und rissig; weiter oben zeigt es deutliche, schraubenartige Umgänge, nimmt an Dicke zu, verschwächt sich hierauf wieder; die Umgänge werden undeutlicher; das Haar verdickt nochmals und verschmächtigt sich dann endlich gegen die Spitze hin. Die Zahl der Umgänge schwankt zwischen 500 und 1100. Der Zweck dieser merkwürdigen Bauart ist leicht zu begreifen. Sie ersetzen das fehlende Wollhaar, indem sie die von dem Körper ausströmende erwärmte Luft an ihren breiteren Stellen abschließen, gleichsam stauen und hierdurch dem Tiere seine Wärme erhalten. Es erscheint beachtenswert, daß der Bau der einzelnen Haare bei den verschiedenen Arten ebenfalls ein verschiedener ist. Die Sinne der Flattertiere sind vortrefflich, aber je nach den Gattungen und Arten sehr ungleichförmig entwickelt. Einzelne Sinneswerkzeuge zeichnen sich, wie ich bereits andeutete, durch höchst sonderbare Anhängsel und eigentümliche Vergrößerungen aus.

Wahrscheinlich steht der Geschmackssinn auf der tiefsten Stufe; doch ist auch er keineswegs stumpf zu nennen, wie die Beschaffenheit der Zunge, die Weichheit der Lippen und der Nervenreichtum beider schon im voraus schließen läßt. Außerdem hat man auch Versuche gemacht, welche die Schärfe des Sinnes beweisen. Wenn man nämlich schlafenden, selbst halb erstarrten Fledermäusen einen Tropfen Wasser in die geöffnete Schnauze flößt, nehmen sie denselben ohne weiteres an und schlucken ihn hinter. Gibt man ihnen dagegen Branntwein, Tinte oder sonst eine übelschmeckende Flüssigkeit, so wird alles regelmäßig zurückgewiesen. Nicht minder ausgebildet ist das Auge. Im Verhältnis zur Größe des Körpers muß man es klein nennen; doch ist der Stern einer bedeutenden Erweiterung fähig. Manche Arten haben besonders kleine Augen, und diese stehen, wie Koch hervorhebt, mitunter so in den dichten Gesichtshaaren versteckt, daß sie unmöglich dem Zwecke des Sehens entsprechen können. Diese kleinäugigen Tiere sind es auch, welche man zuweilen schon bei Tage fliegend antrifft, während die eigentlichen nächtlichen Flattertiere größere und mehr freiliegende Augen haben. Allein das Auge kann außer Thätigkeit gesetzt werden, ohne daß der Besitzer eine bemerkliche Beeinträchtigung dadurch erleidet. Der Gesichtssinn wird überhaupt durch Geruch, Gehör und Gefühl wesentlich unterstützt. Man hat mehrfach den Versuch gemacht, Fledermäuse zu blenden, indem man ihnen einfach ein Stückchen englisches Pflaster über die Augen klebte: sie flogen hierauf trotz ihrer Blindheit noch genau ebenso geschickt im Zimmer umher als sehend und verstanden es meisterhaft, allen möglichen

Hindernissen, z. B. vielen, in verschiedenen Richtungen durch das Zimmer gezogenen Fäden, auszuweichen. Der Sinn des Gefühls mag wohl größtenteils in der Flatterhaut liegen; wenigstens scheint dies aus allen Beobachtungen hervorzugehen. Weit ausgebildeter als dieser Sinn sind Geruch und Gehör. Die Nase ist bei allen echten Fledermäusen in hohem Grade vollkommen. Nicht bloß, daß sich die Nasenlöcher weit öffnen und durch eigentümliche Muskeln bald erweitert, bald verengert oder gänzlich geschlossen werden können, besitzen die Tiere auch große, blätterartige, ausgedehnte Anhängsel, welche jedenfalls nur dazu dienen, den Geruch zu steigern. Bei Verwundung der blattartigen Aufsätze büßen sie von ihrer Flugfähigkeit ein, bei gründlicher Verletzung derselben verlieren sie ihr Flugvermögen ganz. „Eine Hufeisennase“, sagt Koch, „kann schon durch einen ganz unbedeutenden Druck auf die Nasenhäute betäubt werden und erholt sich aus dieser Betäubung nur sehr langsam; in vorkommenden Fällen stirbt sie sogar kurze Zeit nach dem verursachten Druck auf die Nasenhäute.“ Das in ähnlicher Weise wie die Nase vervollständigte Ohr besteht aus einer sehr großen Ohrmuschel, welche oft bis gegen den Mundwinkel ausgezogen, mit besonderen Lappen und Ausschnitten versehen ist und außerordentlich leicht bewegt werden kann. Zudem ist noch eine große, bewegliche, verschiedenartig geformte Klappe, der Ohrdeckel, vorhanden, welcher dazu dient, bei stärkeren Geräuschen oder Tönen, als die Fledermaus sie vertragen kann, das Ohr zu schließen und ihr somit eine Qual zu ersparen, während dasselbe Anhängsel, wenn es gilt, ein sehr leises Geräusch zu vernehmen, befähigt, auch einen schwachen Schall aufzufangen. Es ist unzweifelhaft, daß die Fledermaus vorbeifliegende Kerbtiere schon in ziemlicher Entfernung hört und durch ihr scharfes Gehör wesentlich in ihrem Fluge geleitet wird. Schneidet man die blattartigen Ansätze oder die Ohrlappen und Ohrdeckel ab, so werden alle Flattertiere in ihrem Fluge irre und stoßen überall an. „Ist die Fledermaus“, bemerkt Altum, „sehr aufmerksam, so richtet sie das Ohr ganz empor, und es starrt dann gespreizt, bei den großohrigen Arten sogar etwas nach vorn übergeneigt zur Aufnahme der Erregungen, welche etwa von einem summenden Kerbtiere oder von einem Luftzuge ausgehen. Befindet sie sich in tiefster Ruhe, so ist das Ohr am Außenrande so sehr in Falten gelegt, daß es sich nach hinten und nach außen fest an den Kopf andrückt; ist sie nicht sehr erregt, ruht aber auch nicht vollständig, so nimmt das Ohr irgend eine mittlere Lage an. — Es scheint, daß die Fledermäuse nur für ähnlich schwirrende Töne wie ihr Schrei oder wie das Summen der Kerbtiere, nicht aber für andersartige Laute und Getöse, für einen Knall, lautes Reden und Rufen und dergleichen, empfänglich sind. Hält man eine Zwerg- oder Ohrenfledermaus mit einer Mücke zusammen in einer mit Glas bedeckten Schachtel, so sieht man das Tier sofort aufs äußerste lebhaft, sobald die Mücke zu fliegen beginnt: es spreizt die Ohren, schnappt mit dem Maule umher, und man sieht deutlich, daß es nicht sowohl durch das Gesicht als vielmehr durch das Gehör geleitet wird. Fast möchte es scheinen, als wenn es das Schwirren des Kerbtieres schärfer und sicherer vermittelst der Ohrhäute fühle, als durch das Gehör wahrnähme.“

Die geistigen Fähigkeiten der Flattertiere sind keineswegs so gering, als man gern annehmen möchte, und strafen den auf ziemliche Geistesarmut hindeutenden Gesichtsausdruck Lügen. Ihr Gehirn ist groß und besitzt Windungen. Hierdurch ist schon angedeutet, daß ihr Verstand kein geringer sein kann. Alle Flattertiere zeichnen sich durch einen ziemlich hohen Grad von Gedächtnis und einige sogar durch verständige Überlegung aus. Daß sie nach dem Flattern stets dieselben Orte wieder aufsuchen und für den Winterschlaf sich immer äußerst zweckmäßige Orte wählen: dies allein schon beweist, daß sie nicht so dumm sind, wie sie aussehen. „Von ihrem wunderbar entwickelten Ortssinne“, sagt Koch, „kann man sich bei einiger aufmerksamer Beobachtung überzeugen, indem eine Fledermaus, welche von ihrem gewöhnlichen Verstecke ausfliegt, diesen ohne weiteres Umhersuchen gleich

wiederfindet; dies geschieht sowohl bei ihren nächtlichen Ausflügen als auch dann, wenn sie durch zufällige oder absichtliche Störung bei Tage in den hellsten Sonnenschein aufgescheucht wurde. Ebenso liegt ein Beweis von gewissem Grade des Denkvermögens in der Wahl ihrer Schlupfwinkel, sowohl bei denen, welche zur täglichen Ruhe dienen, wie auch ganz besonders bei denen, welche sie zum Zwecke des Überwinterns aufsuchen. Eine Fledermaus bezieht keinen Ort, dessen Eingang unsicher ist und sich zu verschließen droht; vor ihrem Einzuge untersucht sie genau die innere und äußere Beschaffenheit einer Höhle, einer Grube oder eines Gewölbes, welches sie benutzen will. Niemals findet man Fledermäuse in Räumen, deren Eingang nicht vollständig vor Einsturz gesichert ist, niemals in Gruben mit vieler Holzzimmerung, obwohl sie an anderen Stellen gern in das Zimmerwerk von Hochbauten sich verstecken und hohle Bäume bewohnen. Ein weiterer Beweis für das hoch entwickelte Denkvermögen ist das häufige Vorkommen individueller Gewohnheiten bei Fledermäusen.“ Auch ihre Feinde kennen sie sehr gut und verstehen, ihnen schlau zu begegnen, wie sie ihrerseits wieder die kleineren Tiere, denen sie nachstellen, zu überlisten wissen. So erzählt Kolenati, daß eine Fledermaus, welche in einer Lindenallee jagte, das Weibchen eines Schmetterlings verschonte, weil sie bemerkt hatte, daß dieses viele Männchen heranlockte, welche sie nun nach und nach wegschnappen konnte. Wenn man Schmetterlinge an Angeln hängt, um Fledermäuse damit zu fangen, wird man sich stets vergeblich bemühen. Sie kommen heran, untersuchen das schwebende Kerbtier, bemerken aber auch sehr bald das feine Roßhaar, an welches die Angel befestigt ist, und lassen alles vorsichtig unberührt, selbst wenn sie wenig Futter haben sollten. Daß die Fledermäuse bei guter Behandlung sehr zahm und ihrem Herrn zugethan werden können, ist von vielen Gelehrten und Naturfreunden beobachtet worden. Einzelne Forscher brachten die Tiere bald dahin, ihnen Nahrung aus der Hand zu nehmen oder solche aus Gläsern sich herauszuholen, sobald sie einmal bemerkt hatten, um was es sich handele. Mein Bruder hatte eine Ohrenfledermaus so weit gezähmt, daß sie ihm durch alle Zimmer folgte und, wenn er ihr eine Fliege hinhielt, augenblicklich auf seine Hand sich setzte, um jene zu fressen. Die größeren Flattertiere sind wirklich liebenswürdig in der Gefangenschaft, werden außerordentlich zahm und zeigen sich sehr verständig. „Mit der Gestalt der Flughäute“, sagt Blasius, „hängt die Flugfähigkeit und das Gepräge der Flugbewegung genau zusammen. Eine größere Verschiedenheit in dieser Beziehung ist kaum unter den Vögeln ausgebildet. Die Arten mit langen, schlanken Flügeln haben den raschen und gewandten Flug der Schwalben, die mit breiten, kurzen Flügeln erinnern im Fluge an die flatternde, unbeholfene Bewegung der Hühner. Man kann die Gestalt des Flügels ziemlich genau nach dem Verhältnis der Länge des fünften Fingers zur Länge des dritten oder zur Länge der ganzen Flughaut beurteilen. Die Länge der Flughaut umfaßt außer der des dritten Fingers noch die des Ober- und Unterarmes. Die Breite der Flughaut ist ungefähr durch die Länge des fünften Fingers dargestellt. „Wer die Fledermäuse in der Natur beobachtet hat, wird eine auffallende Übereinstimmung in diesen Verhältnissen mit der Schnelligkeit und Gewandtheit in der Flugbewegung der einzelnen Arten anerkennen müssen. Die größte Gewandtheit und Schnelligkeit im Fluge hat unter den deutschen Arten entschieden die frühfliegende Fledermaus. Man sieht sie zuweilen schon vor Sonnenuntergang turmhoch und in raschen, kühnen Wendungen mit den Schwalben umherfliegen; und diese Art hat verhältnismäßig den schlanksten und längsten Flügel, über dreimal so lang wie breit. Ihr schließen sich alle diejenigen Arten an, deren Flügel ähnlich gebildet sind. Sie fliegen sämtlich rasch und hoch, in den mannigfaltigsten, oft plötzlichen Wendungen, und sind in ihren Bewegungen so sicher, daß sie sogar Sturm und Unwetter nicht scheuen. Der Flügel beschreibt im Fluge in der Regel einen kleinen, spitzen Winkel, und nur bei plötzlichen Wendungen holen sie weiter aus, und so

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 2]

ist der Flug höchst mannigfaltig und rasch bei einer leichten, weniger angestrengten Flügelbewegung. „Die geringste Flugfertigkeit besitzen die Arten, welche zu den Gattungen Vespertilio und Rhinolophus gehören. Sie haben im Verhältnis zu den übrigen die breitesten und kürzesten Flügel, meistens kaum drittehalbmal so lang als breit. Die Flügel dieser Arten beschreiben einen großen, meist stumpfen Winkel. Der Flug ist flatternd, langsam und unsicher. Gewöhnlich fliegen sie niedrig und in gerader Richtung in Straßen und Alleen hin, ohne rasche Biegungen und Seitenbewegungen, einige sogar nur wenige Zoll über dem Boden oder der Wasserfläche. „Es hält nicht schwer, nach der Höhe des Fluges, der Art der Bewegung und der Größe des Tieres jede Art im Fluge zu unterscheiden; und man kann nicht irre gehen, wenn man aus dem Bau des Flügels auf die Flugfertigkeit schließt.“ Altum fügt dem hinzu, daß man im allgemeinen wohl den Satz aufstellen könne: je unbeholfener der Flug, desto feiner das Hautsystem, Flughäute und Ohrdeckel, und umgekehrt, je gewandter und rascher der erstere, desto derber letzteres. „Nicht ganz so genau stimmen überein Größe der Ohren und schwaches Flugvermögen, Kleinheit jener und kräftiger Flug; doch wird man im allgemeinen zugestehen müssen, daß unsere mit den größten Ohren versehenen Arten auch die langsamsten sind und unsere schnellsten Arten die kleinsten Ohren haben. Ebenso stimmen Gestalt und Festigkeit der Ohrdeckel hiermit überein. Die schnellsten Flieger haben kurze und derbhäutige e die langsamsten dagegen langgezogene, dane Dies gilt von ganzen Gruppen.“ Im allgemeinen ist der Flug aller Handflügler keineswegs ein dauernder, sondern nur ein zeitweiliger. Er wird durch immerwährende Bewegung der Arme hervorgebracht. Der Vogel kann schweben, die Fledermaus nur flattern. Ihr Flattern oder Schwirren wird durch ihren Körperbau sehr erleichtert. Die starken Brustmuskeln des Vorderkörpers, der leichte und eingezogene Unterleib, die bis zu dreifacher Körperlänge ausgedehnten Arme und Hände und die zwischen Armen, Händen und Fingern ausgespannte federnde Haut befördern diese Bewegung, während das Schweben unmöglich wird, weil keiner der Fledermausknochen luftführend ist, die Leibeshöhle nicht die großen Luftsäcke des Vogelleibes enthält und vor allem, weil das Flattertier keine Schwing- und Steuerfedern besitzt. Sein Flug ist ein immerwährendes Schlagen auf die Luft, niemals ein längeres Durchgleiten oder Durchschießen derselben ohne Flügelbewegung.

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