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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Über die Fortpflanzung danken wir Cumming einige Angaben. „Ich hatte“, sagt er, „das Glück, mir unbewußt, ein trächtiges Weibchen zu bekommen, und war daher eines Morgens nicht wenig überrascht, daß es ein Junges zur Welt gebracht hatte. Dieses schien etwas schwach zu sein, glich aber der Mutter vollkommen. Seine Augen waren offen, sein Leib bereits mit Haaren bekleidet. Es hielt sich stets saugend zwischen den Beinen seiner Mutter auf und wurdeso vollständig von ihr bedeckt, daß man selten mehr als seinen Schwanz bemerkte. Seine Kräfte nahmen schnell zu, und schon am zweiten Tage begann es außerhalb des Käfigs umherzukriechen, wenn auch noch mit sichtbarer Anstrengung. Doch erreichte es die Spitze der Stäbe, aus denen der Käfig gebildet war. Wenn Umstehende das Junge zu sehen wünschten, während die Mutter es bedeckte, mußte man sie aufstören. Dann wurde sie in der Regel böse, nahm das Junge ins Maul, ganz wie eine Katze, und schleppte es so eine Zeitlang umher. Auch sah ich sie zu anderen Zeiten, wenn sie nicht gestört worden war, mit ihrem Jungen im Maule aus dem Käfig hervorkommen. Letzteres hatte im Verlaufe von drei Wochen sehr an Größe zugenommen, als unglücklicherweise jemand auf den Schwanz der Mutter trat, worauf sie nach wenigen Tagen starb. Das Junge folgte ihr einige Stunden später nach.“

Vor hundert und einigen Jahren erhielt der Reisende Sonnerat aus einem Walde der Westküste Madagaskars zwei höchst sonderbare Tiere, von deren Dasein bis dahin noch niemand Kunde gehabt hatte. Selbst auf der gegenüberliegenden Küste waren sie vollkommen unbekannt; wenigstens wurde unserem Naturforscher von den dort lebenden Madagassen versichert, daß die beiden, welche er lebend bei sich hatte, die ersten wären, welche sie jemals gesehen hätten. Sie schrieen bei Anblick derselben zur Bezeugung ihrer Verwunderung laut auf, und Sonnerat erhob diesen Ausruf, „Aye, Aye“, zum Namen der von ihm entdeckten Geschöpfe. „Dieses vierfüßige Tier“, sagt Sonnerat, beziehentlich der erste Übersetzer seines Reisewerkes, „hat viel Ahnlichkeit mit dem Eichhörnchen, ist aber doch durch einige wesentliche Kennzeichen von demselben unterschieden: es gleicht auch einigermaßen dem Maki und dem Affen. „Der Aye-Aye hat an jedem Fuße fünf Finger, davon die an den Vorderfüßen sehr lang und ein wenig krumm find; welches macht, daß er sehr langsam geht: diese Finger sind auch mit krummen Nägeln versehen. Die zwei äußersten Gelenke des Mittelfingers sind lang, dünn und unbehaart: er bedient sich derselben, um aus den Ritzen der Bäume die Würmer hervorzuholen, von denen er sich nährt, und um diese Würmer in seinen Schlund zu stoßen; dem Ansehen nach dienen sie ihm auch, sich an die Baumäste zu hängen. Die Hinterfüße haben vier mit krummen Klauen versehene Finger: der fünfte oder innere bildet den Daumen und hat einen platten Nagel, gleich den Nägeln des Menschen. — Der Aye⸗-Aye hat in jeder Kinnlade zwei Schneidezähne, die sehr nahe beisammen stehen und dem Schnabel eines Papageien ähnlich sehen: die unteren sind viel stärker als die oberen. — Er hat große, breite und flache Ohren; sie sind schwarz, glatt, glänzend und an der Außenseite mit langen Haaren besetzt. Über den Augen und der Nase, auf den Backen und am Kinn hat er Büschel von langen Haaren. — Das ganze Tier ist mit weißfalben Flaumen oder feinen Haaren bewachsen, aus denen große (starke) schwarze Haare hervorstechen. Der Vorderteil des Kopfes und Halses ist von falbem Weiß. Der Schwanz ist platt, buschig und mit langen Haaren besetzt. Ob es schon ganz schwarz scheint, sind die Haare desselben doch von ihrer Wurzel an bis zur Mitte ihrer ganzen Länge weiß. — Der Aye-Aye ist vom Kopfe bis zum Schwanze 18 Zoll 6 Linien und der Schwanz desselben 1⅛ Fuß lang.“

Über Vorkommen und Aufenthalt des Tieres berichtet uns Sonnerat gar nichts, über sein Betragen in der Gefangenschaft sehr wenig: „Dieses Tier“, sagt er, „scheint von der Art derjenigen zu sein, die sich in die Erde graben. Bei Tage sieht es nicht; sein Auge ist rötlich und starr wie das Auge der Eule. Es ist sehr träge, folglich auch sehr sanft. Ich hatte ein Männchen und ein Weibchen, aber beide lebten nicht länger als 2 Monate; ich nährte sie mit gekochtem Reis, und sie bedienten sich der dünnen zwei Finger ihrer Vorderfüße wie die Chinesen ihrer Stäbchen. Sie waren scheu, furchtsam, liebten sehr die Wärme, krochen immer zusammen, um zu schlafen, legten sich auf die Seite und verbargen ihren Kopf zwischen den Vorderfüßen. Sie lagen stets unbeweglich da, und nur durch vieles Rütteln konnte man sie dahin bringen, daß sie sich regten.“

Bis in die neuere Zeit blieb der von Sonnerat nach Europa gebrachte Aye-Aye der einzige, welchen man kannte, und die im Jahre 1782 erschienene Beschreibung die einzige Quelle für die Lebenskunde des seltenen Tieres. Man zeigte sich schon geneigt, ihn als ausgestorben anzusehen. Die erste Nachricht des Gegenteiles gelangte im Jahre 1844 durch De Castelle zur Kenntnis der wissenschaftlichen Welt. Diesem Reisenden glückte es, einen jungen, lebenden Aye-Aye zu erhalten, und er beschloß, denselben der Sammlung des Pariser Pflanzengartens zu schenken. Unglücklicherweise starb das Tier, bevor es Europa erreichte; sein Fell aber und ebenso das Gerippe kamen in den Besitz jener Sammlung, und es wurde hierdurch der Beweis geliefert, daß das letztgenannte Tier und Sonnerats Aye-Aye

einer und derselben Art angehören. Noch bis Anfang der sechziger Jahre blieben diese beiden Stücke die einzigen, welche man kannte. Erst im Jahre 1862 erhielt die Zoologische Gesellschaft inLondon die freudige Nachricht, daß zwei „Fingertiere“ oder „Nacktfinger“, wie man das Zwitterwesen inzwischen genannt hatte, auf Madagaskar gefangen waren und für den Tiergarten in Regent's Park unterwegs seien. Eines von diesen kam auch glücklich lebend, das andere wenigstens im Weingeiste an. Etwas später folgten noch mehrere andere Stücke, von denen drei vom Museum in Berlin erworben werden konnten.

Nunmehr erst vermochten die Tierkundigen die Verwandtschaft des Aye-Aye unzweifelhaft festzustellen und ihm die gebührende Stellung im System anzuweisen. Bis dahin waren die Ansichten sehr geteilt gewesen. Buffon, welcher den von Sonnerat überbrachten Aye⸗Aye untersuchen konnte, stellte ihn in die Nähe der von ihm mit den Springmäusen vereinigten Gespenstmakis; Gmelin führt ihn unter den Eichhörnchen auf; Schreber war der erste, welcher sich, freilich ohne das Tier selbst untersucht zu haben, dafür entschied, es zu den Halbaffen zu stellen; Illiger bildete eine besondere Familie in einer von ihm aufgestellten Ordnung, welche Affen, Halbaffen und einen Teil der Beuteltiere in sich vereinigen sollte; Blainville sprach sich im Jahre 1816 nach einer sorgfältigen Untersuchung des Schädels und eines Teiles der Hinterglieder entschieden für die Trennung des Aye-Aye von den Nagern und seine Vereinigung mit den Halbaffen aus, während die meisten Tier: kundigen, unter ihnen selbst der ausgezeichnete Cuvier, ihn noch immer bei den Nagern beließen. Geoffroy Saint-Hilaire schloß sich im Jahre 1831 ohne Rückhalt der Blainvilleschen Ansicht an, während andere ausgezeichnete Forscher, wie z. B.Milne-Edwards und van der Hoeven, Cuvier folgten; Brand gelangte zu dem Ergebnisse, daß die Sippe der Fingertiere zwar durch eine größere Anzahl von Merkmalen den Halbaffen, aber durch eine nicht geringe Zahl nicht unwesentlicher Merkmale ebenso den Nagern verwandt sei, und schlug deshalb vor, für das Tier eine besondere, zwischen den Affen, Halbaffen und Nagetieren stehende Ordnung zu bilden; Giebel endlich beließ den Aye-Aye, ungeachtet der Ausführungen Geoffroys, in seinem im Jahre 1859 erschienenen Werke über die Säugetiere noch immer bei den Nagern. Erst durch Owens und Peters' Forschungen wurde die Streitfrage endgültig entschieden.

Nach diesen bildet das Fingertier (Chiromys madagascariensis, Lemur psilodactylus, Sciurus, Daubentonia madagascariensis) nicht bloß eine besondere Gattung, sondern auch eine eigene Familie (Leptodactyla oder Chiromyida, Daubentoniada, Glirisimia, Glirimorpha) innerhalb der Ordnung der Halbaffen.

Der Aye-Aye oder das Fingertier zeigt äußerlich folgende Merkmale: Der Kopf ist sehr groß, der Hals kurz, der Leib kräftig, der Schwanz etwa leibeslang. Die Glieder haben unter sich fast gleiche Länge. Im Verhältnis zur Kopfgröße erscheinen die Augen klein, die häutigen Ohren dagegen sehr groß. An der Hand und dem Fuße fallen die sehr verlängerten Finger und Zehen besonders auf. Der unterseits wulstige Daumen ist kräftig und kurz, der Zeigefinger etwas schwächer, der Goldfinger beinahe ebenso dick wie der Daumen, der kleine Finger noch immer sehr stark, der dritte Finger aber verkümmert, indem er wie zusammengedorrt aussieht. Die Fußwurzel ist mäßig, die Daumenzehe mittellang und ähnlich gebaut wie der Daumen, während alle übrigen Zehen unter sich fast gleiche Länge und auch ähnliche Bildung zeigen. Ein rötliches Fahlgrau, mit Ausnahme eines dunkleren Ringes um die Augen und eines lichten Fleckes über denselben, ist die Färbung des Gesichtes. Auf Wangen und Kehle sieht das Haarkleid fahlgrau aus; auf den übrigen Teilen erscheint die Gesamtfärbung bräunlichschwarz mit durchschimmerndem Fahlgrau und eingesprengtem Weiß, weil der Pelz aus zweierlei Haaren, dichten graufahlen Woll- und schwarzen, hier und da weißgespitzten Grannenhaaren, besteht. Die borstigen, dunkeln

Schwanzhaare haben graue Wurzel; die starken Schnurren über den Augen und am Mundwinkel find ganz schwarz. Ausgewachsene Stücke erreichen eine Gesamtlänge von 1 m, wovon 45 em auf die Länge von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel und über 50 em auf den Schwanz kommen. Der Aye-Aye, welcher einige Jahre in London lebte, konnte von mir wenigstens kurze Zeit beobachtet werden; leider aber war mir die Zeit meines Aufenthaltes so kurz gemessen, daß ich dem Tiere bloß einen einzigen Abend widmen durfte. Dieser eine Abend belehrte mich, daß Sonnerats Beschreibung nicht nur einer Erweiterung, sondern auch der Be—

Aye⸗Aye (Chiromys madagascariensis). Yo natürl Größe.

richtigung bedarf. Ich will deshalb meine dürftigen Beobachtungen und alles, was ich den Wärtern abfragte, hier kurz zusammenstellen.

Das Tier hat buchstäblich mit keinem anderen Säuger eine beachtenswerte Ahnlichkeit. Es erinnert in mancher Hinsicht an die Galagos; doch wird es schwerlich einem Forscher einfallen, es mit diesen in einer Familie zu vereinigen. Der dicke, breite Kopf mit den großen Ohren, welche den breiten Kopf noch breiter erscheinen lassen, die kleinen, gewölbten, starren, regungslosen, aber glühenden Augen mit viel kleinerem Stern, als das Nachtaffenauge ihn besitzt, der Mund, welcher in der That eine gewisse Ahnlichkeit mit einem Papageischnabel hat, die bedeutende Leibesgröße und der lange Schwanz, welcher, wie der ganze Leib, mit dünn stehenden, aber langen, steifen, fast borstenartigen Grannenhaaren besetzt ist, und die so merkwürdigen Hände endlich, deren Mittelfinger aussieht, als ob er zusammengedorrt wäre: diese Merkmale insgesamt verleihen der ganzen Erscheinung etwas fo Eigentümliches, daß man sich unwillkürlich den Kopf zermartert, in der fruchtlosen Absicht, ein diesem Tiere verwandtes Geschöpf aufzufinden.

Es kann für den Tierkundigen, welcher dieses wundersame Wesen lebend vor sich sieht, gar keinem Zweifel unterliegen, daß er es mit einem vollendeten Nachtfreunde zu thun

Aye⸗Aye (Chiromys madagascariensis). Yo natürl Größe.

hat. Der Aye-Aye ist lichtscheuer als jedes mir bekannte Säugetier. Ein Nachtaffe läßt sich wenigstens erwecken, tappt herum, schaut sich die helle Tageswelt verwundert an, lauscht teilnehmend auf das Summen eines vorüberfliegenden Kerbtieres, leckt und putzt sich sogar: der Aye-Aye scheint bei Tage, wenn man ihn nach vieler Mühe wach gerüttelt, vollkommen geistesabwesend zu sein. Mechanisch schleppt er sich wieder seinem Dunkelplatze zu, rollt er sich zusammen, verhüllt er mit dem dicken Schwanze, welchen er wie einen Reifen um den Kopf schlägt, sein Gesicht. Er bekundet eine Trägheit, eine Langweiligkeit ohnegleichen in jeder Bewegung, jeder Handlung. Erst wenn die volle dunkle Nacht hereingebrochen ist, lange nach der Dämmerung, ermuntert er sich und kriecht aus seiner Dunkelkammer hervor, scheinbar noch immer mit Gefühlen der Angst, daß irgend ein Lichtstrahl ihn behelligen möchte. Der Schein einer Kerze, welcher andere Nachttiere nicht im geringsten anficht, macht ihn eilig zurückflüchten.

Seine Bewegungen sind langsam und träge, obschon weniger, als man vermuten möchte. Wenn es gilt, dem störenden Lichte sich zu entziehen, beweist der Aye-Aye, daß er unter Umständen sogar ziemlich flink sein kann. Der Gang ähnelt dem anderer Nachtaffen, nur ist er ungleich langsamer. Dabei steht das Tier hinten viel höher als vorn, wo es sich auf die sehr gebreiteten und stark gekrümmten Finger stützt, und streckt den buschigen Schwanz wagerecht von sich, ohne ihn auf dem Boden schleppen zu lassen. Jeder Schritt wird, wie es scheinen möchte, mit Überlegung ausgeführt; Zeit genug zur Überlegung nimmt sich das Tier wenigstens. Im Klettern konnte ich es nicht beobachten: es soll dies aber ebenso langsam geschehen wie das Gehen.

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