Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Wenn Sonnerat richtig beobachtet hat, muß er es mit einem besonders gutmütigen Aye-Aye zu thun gehabt haben. Derjenige, welchen ich sah, war nichts weniger als sanft, im Gegenteile sehr reizbar und ungemütlich. Wenn man sich ihm näherte, fauchte er wie eine Katze; wenn man ihm die Hand vorhielt, fuhr er unter Ausstoßen derselben Laute wütend und sehr rasch auf die Hand los und versuchte, sie mit seinen beiden Vorderpfoten zu packen. Dabei unterschied er zwischen der Hand und einem eisernen Stäbchen. Mit diesem ließ er sich berühren, ohne zu fauchen oder zuzugreifen. Die Wärter, welche große Achtung vor dem Gebiß ihres Schutzbefohlenen an den Tag legten, versicherten, von diesem Unterscheidungsvermögen des Tieres überzeugende Beweise erhalten zu haben: sie waren mehrere Male derb gebissen worden. Eigentlich furchtsam also darf man den Aye-Aye nicht nennen; er ist nur scheu und meidet jede Gesellschaft. Auch nachts bewegt ihn das geringste Geräusch, so eilig als möglich seinen Versteckplatz aufzusuchen.
Die einzige Nahrung, welche man dem Tiere reicht, ist frische Milch, mit der man das gekochte und zerriebene Dotter eines Eies zusammenrührt. Eine kleine Schüssel davon genügt für den täglichen Bedarf. Beim Fressen gebraucht der Aye-Aye seine beiden Hände: er wirft die flüssige Speise mit ihnen in seinen Mund. Fleischkost hat er bis jetzt hartnäckig verschmäht; ob man versucht hat, ihn auch an andere Nahrungsmittel zu gewöhnen, weiß ich nicht. Beachtenswert scheint mir eine Beobachtung zu sein, welche gemacht wurde. Alle Zweige des Käfigs, welchen dieser Aye-Aye bewohnt, sind von ihm abgeschält und angebissen worden. Er muß also seine Schneidezähne, welche den Naturforschern so viel Kopfzerbrechen verursacht haben, in ganz eigentümlicher Weise verwenden. Ich glaube hieraus schließen zu dürfen, daß er in der Freiheit auf dürren Bäumen seine Nahrung sucht und wirklich Kerbtiere frißt, wie Sonnerat angibt. Er schält, so vermute ich, mit seinen dazu vortrefflich geeigneten Zähnen die Baumrinde ab, legt damit die Schlupfwinkel gewisser Kerbtiere oder deren Larven bloß und zieht diese dann mit seinen langen Fingern aus Ritzen und Spalten vollends hervor, um sie zu verspeisen.
Auf diese im Jahre 1863 niedergeschriebenen Beobachtungen will ich Pollens jpäter (1868) veröffentlichte Angaben folgen lassen, weil sie namentlich die Kenntnis des freilebenden Aye-Aye wesentlich vervollständigen. „Dieses wissenschaftlich somerkwürdige Tier“, sagt unser Gewährsmann, „bewohnt mit Vorliebe die Bambuswaldungen im Innern der großen Insel. Nach Angabe der Eingeborenen ist es so selten, daß man es nur durch Zufall einmal zu sehen bekommt, lebt einzeln oder paarweise, niemals in Banden, kommt bloß des Nachts zum Vorscheine und schläft übertags in den dichtesten und undurchdringlichsten Bambusdickichten mitten inden Waldungen. Es nährt sich von dem Marke des Bambus- und Zuckerrohres, ebenso aber auch von Käfern und deren Larven. Um seine Nahrung zu erhalten, bestehe sie indem Herz des Bambus- und Zuckerrohres oder in Kerbtieren, nagt es mit seinen kräftigen Schneidezähnen eine Offnung in den Stamm der Pflanzen, führt durch diesen seinen schmächtigen Mittelfinger ein und holt mit ihm den Pflanzenstoff oder die Kerbtiere hervor. So schläferig es übertags sich zeigt, so lebhaft bewegt es sich während der Nacht. Von Sonnenaufgang an schläft es, indem es den Kopf zwischen den Füßen verbirgt und ihn noch außerdem mit dem langen Schwanze einhüllt; mit Beginn der Nacht erwacht es aus seiner Schlaftrunkenheit, klettert anden Bäumen auf und nieder und springt mit der Behendigkeit der Makis von Zweig zu Zweige, dabei sorgfältig alle Offnungen, Ritzen und Löcher der alten Bäume untersuchend, um Beute zu machen, zieht sich aber schon vor Beginn der Morgenröte wieder in das Innere der Waldungen zurück. Seinen Schrei, ein kräftiges Grunzen, vernimmt man oft im Verlaufe der Nacht.“
Außerdem erwähnt Pollen, daß ein von seinem Freunde Vinson gefangen gehaltener Aye-Aye Kerbtierlarven aus dem Holze der Lebbekakazie fraß, solche aus dem Mangobaume aber verschmähte; daß dasselbe Tier leidenschaftlich gern stark gezuckerten Milchkaffee trank und zwar, indem es mit unglaublicher Schnelligkeit seinen Mittelfinger bald eintauchte, bald wieder ableckte.
Dritte Ordnung.
Die Flattertiere (Chiroptera).
Noch ehe bei uns an schönen Sommertagen die Sonne zur Rüste gegangen ist, beginnen die Angehörigen einer der merkwürdigsten Ordnungen unserer Klasse ihr eigentümliches Leben. Aus allen Ritzen, Höhlen und Löchern hervor kriecht die düstere, nächtige Schar der Fledermäuse, welche sich bei Tage scheu zurückgezogen hatte, als dürfte sie sich im Lichte der Sonne nicht zeigen, und rüstet sich zu ihrem nächtlichen Fluge. Je mehr die Dämmerung hereinbricht, um so größer wird die Anzahl dieser dunkeln Gesellen, bis mit eintretender Nacht alle munter geworden sind und nun in den Lüften ihr Wesen treiben. Unser Vaterland liegt indessen an der Grenze des Verbreitungskreises der Flattertiere und beherbergt bloß noch kleine, zarte, schwächliche Arten. Im Süden ist es anders.
Je mehr wir uns dem heißen Erdgürtel nähern, um so mehr nimmt die Anzahl der Flattertiere zu und mit der Anzahl auch der Wechsel und Gestaltenreichtum. Der Süden ist die Heimat der Mehrzahl der Flattertiere. Schon in Italien, Griechenland und Spanien bemerken wir eine auffallende Anzahl von Fledermäusen. Wenn dort der Abend naht, kommen sie nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden aus ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen und erfüllen die Luft mit ihrem Gewimmel. Aus jedem Hause, aus jedem alten Gemäuer, aus jeder Felsenhöhle flattern sie heraus, als ob ein großes Heer seinen Auszug halten wolle, und schon während der Dämmerung ist der ganze Gesichtskreis buchstäblich erfüllt von ihnen. Wahrhaft überraschend erscheint die Menge der Flattertiere, welche man in heißen Ländern bemerkt. Es ist äußerst anziehend und unterhaltend, einen Abend vor den Thoren einer größeren Stadt des Morgenlandes zuzubringen. Die Schwärme der Fledermäuse, welche der Abend dort erweckt, verdunkeln buchstäblich die Luft. Sehr bald verliert man alle Schätzung; denn allerorts sieht man Massen der dunkeln Gestalten, welche sich durch die Luft fortwälzen. Überall lebt es und bewegt es sich, zwischen den Bäumen der Gärten, der Haine oder Wälder schwirrt es dahin, über die Felder flattert es in geringer oder bedeutender Höhe, durch die Straßen der Stadt, die Höfe und Zimmer geht der bewegliche Zug. Hunderte kommen, und Hunderte verschwinden. Man ist beständig von einer schwebenden Schar umringt.
Ganz ebenso ist es in Ostindien, nicht viel anders im Süden Amerikas. „Die Menge der Fledermäuse“, bemerkt Tennent, „ist ein Zubehör der abendlichen Landschaft auf Ceylon. Massenhaft finden sie sich in jeder Höhle, in jedem unterirdischen Gange, in den Unterführungen der Hochstraßen, in den Galerien der Festungen, unter den Dächern der Häuser, in den Ruinen jedes Tempels und Bauwerkes überhaupt. Mit Sonnenuntergang verlassen sie ihre Tageschlupfwinkel, um auf ihre Kerbtierjagd auszugehen, und sobald die
Nacht eintritt und die Lichter in den Zimmern Nachtschmetterlinge anziehen, erscheinen sie, umflattern die Abendtafel und nehmen beim Scheine der Lampen ihre Beute weg.“ In Mittel- und Südamerika leben fie überall und treten ebenso zahlreich an Arten wie an Stücken auf. „Sie bevölkern“, sagt der Prinz von Wied, „die Dämmerung der Urwälder, der Gebüsche, leben in hohlen Bäumen, in Felsen und richten unter den zahllosen Kerbtieren große Verheerungen an. Reisende, welche nur schnell jene Länder durchstreifen, können sich kaum einen Begriff machen von der Mannigfaltigkeit dieser Tiere, deren Auffindung und Untersuchung mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft ist.“ Wenn man bei Tage durch die Waldungen geht, treibt man, laut Bates, stets eine gewisse Anzahl von ihnen auf, welche hier an den verschiedensten Bäumen hingen, und des Nachts sieht man sie mitten im Urwalde ebensowohl wie an den Ufern der Flüsse und Bäche ihr Wesen treiben.
Gerippe einer Fledermaus (Nyeteris fuliginosus). Aus dem Berliner anatomischen Museum.
So ist es auch in Afrika. In Menge finden sich kleine und sehr große Arten am Meeresstrande, in den Savannen und Waldungen des Inneren, sogar in den Wüsten. Pechuel— Loesche trieb unzählige aus Höhlungen in den ödesten Felsgegenden des Hererolandes; woher sie dort während der Trockenzeit ihre Nahrung nahmen, blieb ihm ein Rätsel, bis er bei näherer Untersuchung zahlreiche Reste kleiner Wirbeltiere entdeckte.
Die Flattertiere oder Handflügler sind vorzugsweise durch ihre äußere Körpergestalt ausgezeichnet. Sie haben im allgemeinen einen gedrungenen Leibesbau, kurzen Hals und dicken, länglichen Kopf mit weiter Mundspalte. In der Gesamtbildung stimmen sie am meisten mit den Affen überein und haben wie diese zwei Brustzitzen. Allein in allem übrigen unterscheiden sie sich auffallend genug von den genannten Tieren. Ihre Hände sind zu Flugwerkzeugen umgewandelt und deshalb riesig vergrößert, während der Leib das geringste Maß der Größe hat. So kommt es, daß sie wohl groß erscheinen, in Wirklichkeit aber zu den kleinsten Säugetieren zählen. Die inneren Leibesteile zeigen eigentümliche Merkmale. Das Knochengerüst ist immer leicht gebaut, gleichwohl aber kräftig; die Knochen selbst enthalten niemals luftgefüllte Räume wie bei den Vögeln. Der Schädel ist in einen
zarten Hirn: und einen noch zarteren Gesichtsteil deutlich geschieden; alle einzelnen Knochen sind ohne sichtbare Nähte miteinander verwachsen, die beiden Aste des Zwischenkiefers entweder getrennt oder im Gaumen angeheftet. Die Wirbel sind breit und kurz, die Rippen lang, breit und stark gekrümmt, die Hüftknochen schmal und gestreckt, die Schlüsselbeine und Schulterblätter dagegen dick und stark. Bezeichnend für die Flattertiere erscheint die Handbildung. Ober- und Unterarm und die Finger der Hände sind außerordentlich verlängert, namentlich die hinteren drei Finger, welche den Oberarm an Länge übertreffen. Hierdurch werden die Finger zum Verbreitern der zwischen ihnen sich ausspannenden Flughaut ebenso geschickt wie zu anderen Dienstleistungen untauglich. Nur der Daumen, welcher an der Bildung des Flugfächers keinen Anteil nimmt, hat mit den Fingern anderer Säuger noch Ahnlichkeit: er ist, wie gewöhnlich, zweigliederig und kurz und trägt eine starke Kralle, welche dem Tiere beim Klettern und Sichfesthängen die ganze Hand ersetzen muß. Die Oberschenkelknochen sind viel kürzer und schwächer als die Oberarmknochen, wie überhaupt alle Knochen des Beines auffallend hinter denen des Armes zurückstehen. Die Beine haben eine ziemlich regelmäßige Bildung: der Fuß teilt sich auch in fünf Zehen, und diese tragen Krallennägel. Allein sein Eigentümliches hat der Fuß doch; denn von der Ferse aus läuft ein nur bei den Fledermäusen vorkommender Knochen, das Sporenbein, welches dazu dient, die Flughaut zwischen dem Schwanze und dem Beine zu spannen. So erinnert der Bau ihres Gerippes einerseits an den der Vögel, anderseits an den der vorweltlichen Flugechsen. Unter den Muskeln verdienen die ungewöhnlich starken Brustmuskeln Erwähnung, außerdem ein anderen Säugetieren gänzlich fehlender, welcher mit einem Ende am Schädel, mit dem anderen aber an der Hand angewachsen ist und dazu dient, den Flügel spannen zu helfen. Das Gebiß ähnelt dem der Kerffresser, enthält alle Zahnarten in geschlossenen Reihen, ist aber bezüglich der Anzahl und der Form der Zähne großem Wechsel unterworfen. Starke Kaumuskeln, eine ganz freie Zunge, innere Backentaschen, welche bei einigen vorkommen, ein runzeliger, schlauchförmiger Magen und ein weiter Darmschlauch ohne Blinddarm mögen außerdem noch hervorgehoben werden.
Unter allen Merkmalen ist jedenfalls die Entwickelung der Haut das merkwürdigste, weil fie nicht nur die ganze Körpergestaltung, sondern namentlich auch den Gesichtsausdruck bedingt und somit die Ursache wird, daß viele Fledermausgesichter ein geradezu ungeheuerliches Aussehen haben. Die breit geöffnete Schnauze trägt allerdings auch mit dazu bei, daß der Gesichtsausdruck ein ganz eigentümlicher wird; die Hautwucherung an den Ohren und der Nase aber ist es, welche dem Gesichte sein absonderliches Gepräge und — nach der Ansicht der meisten wenigstens — seine Häßlichkeit gibt. „Keine einzige Tiergruppe“, sagt Blasius, „hat eine solche Entwickelung des Hautsystems aufzuweisen. Es zeigt sich dies in der Ausbildung der Ohren und der Nase wie in der der Flughäute. Die Ohren haben bei allen Arten eine auffallende Größe. Ihre Länge wird bei einigen Arten von der des Körpers übertroffen, und in der Breite dehnen sich beide Ohren in einzelnen Fällen zu einer einzigen, geschlossenen Ohrenmuschel aus. Bei manchen Arten nimmt die Umgebung der Nasenlöcher und der Nasenrücken in seltsamer Weise an dieser Wucherung den größten Anteil, und hierdurch werden Gesichtsbildungen hervorgebracht, welche ihresgleichen nicht aufzuweisen haben. In der Entwickelung der Flughäute nicht allein, sondern auch in aller übrigen Bildung der Ohren- und Nasenhaut haben die Fledermäuse Eigentümlichkeiten, durch welche sie sich von allen übrigen Tierordnungen auffallend unterscheiden, und durch welche ihre Bewegung und Lebensweise bis ins einzelne bedingt scheint.“ |
Die Behäutung der Flattertiere, insbesondere die Flughaut, verdient eine eingehendere Betrachtung. Sie ist die Fortsetzung der Oberhaut, der Färbestoff-(Pigment⸗) Schichten