Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Ein großer Teil Afrikas ist die Heimat des Galagos. Adanson entdeckte ihn in den Waldungen an den Gewässern Senegambiens; spätere Reisende beobachteten ihn in Südafrika und im Sudan. Hier fand auch ich ihn mehrere Male, immer aber nur westlich von dem Weißen Nil und namentlich in Kordofan. Den Eingeborenen ist er unter dem Namen Tendj wohlbekannt; sie glauben, daß er ursprünglich ein Affe gewesen und nur wegen seiner Schlafsucht so herabgekommen sei. Wir trafen den Tendj bloß in Mimosenwäldern an. Gewöhnlich war ein Pärchen beisammen. Die Tiere schliefen, auf dichten Asten ganz nahe am Stamme sitzend, wurden aber augenblicklich munter, sobald sie unsere Fußtritte vernahmen. Wenn wir sie aufscheuchten, kletterten sie — bei Tage — rasch und gewandt an dem Geäste umher, ergriffen aber niemals die Flucht, sondern blieben immer bald wieder ruhig und vertrauensvoll sitzen und lauschten und spähten durch das dichte Laubwerk nach uns hernieder.
Durch die vielen scharfen Stacheln der Mimosen wußten sie sich sehr geschickt zu bewegen und verstanden es auch, weite Sätze von einem Baume zum anderen zu machen. Nachts sollen sie, wie man uns sagte, schnell, aber lautlos ihrer Kerbtierjagd oder wenigstens ihrer Fruchternte obliegen, und ihre Augen sollen dann schimmern „wie das brennende Feuer“. Man sagte, daß die Tiere sehr leicht in Schlingen gefangen, ja bei Tage von guten Klet-terern sogar mit der Hand erhascht werden können; denn der Fänger brauche nur den Ast, auf welchem der Tendj sitzt, tüchtig zu schütteln, dann klammere sich dieser, aus Furcht
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Galago (Otolienus galago). ½ natürl. Größe.
herabzufallen, fest an und lasse sich ergreifen. Ich glaube, daß diese Fangart ergiebig ist, weil ich selbst sie öfters mit Erfolg auf junge Eichhörnchen angewendet habe.
Der Kaufmann Bacle, welcher zu Anfang unseres Jahrhunderts in Senegambien reiste, erhielt ein Pärchen von einem Neger, welcher es in den arabisches Gummi liefernden Akazienwäldern gefangen hatte. Man nannte die Galagos „Gummitiere“ und versicherte, daß sie Mimosenharze sehr gern fräßen. Das gefangene Paar bestätigte diese Angabe durch die That, zog aber doch Kerbtiere jeder anderen Nahrung vor. Während der Überfahrt gerieten beide augenblicklich in Bewegung, wenn ein Kerf an ihnen vorübersummte; sie lauerten auf Küchenschaben und schnappten sie schnell und sicher weg, sobald sie ihnen nahe genug kamen. Man ernährte sie mit Eiern, gekochten Speisen und Milch, und sie befanden sich ganz wohl dabei. In ihrem Betragen erinnerten sie ebensosehr an die Makis wie an die Fledermäuse. Ihr Mutwille, ihre Lebhaftigkeit und namentlich ihre Kraft im Springen setzte alle Reisende in Erstaunen; das Merkwürdigste blieb aber doch die Bewegung ihrer Ohren. Diese konnten sie, wenn sie schlafen wollten, gänzlich verschließen. Zuerst runzeln
und verkürzen sich die Ohren am Grunde, dann schlägt sich die Spitze derselben um und ein, so daß man von dem ganzen Ohre kaum noch etwas sehen kann. Beim geringsten Geräusche aber rollt sich die Ohrspitze wieder auf, und die ganze Muschel spannt und glättet sich. Genau in derselben Weise verfahren einige Fledermäuse, um ihren so überaus feinen Gehörssinn abzustumpfen und in dem Gelärm des Tages ruhig schlafen zu können.
Der auf Sansibar lebende Ohrenmaki, welcher sich von dem des nahegelegenen Festlandes zu unterscheiden scheint, der Komba der Suaheli (Otolicnus [Otolemur] agisymbanus), übertrifft den Galago an Größe: seine Leibeslänge beträgt 20 — 30, die Schwanz: länge 22— 25 cm. Die vorherrschende Färbung des Felles ist gelblich oder bräunlichgrau, da die Haare an der Wurzel aschgrau, an der Spitze braun aussehen. Auf der Schnauzen- und der Nasengegend sowie auf den Fingern und Zehen dunkelt die Farbe, auf Kinn und Wangen lichtet sie sich zuGrauweiß; auf Brust, Bauch und Innenseite der Glieder geht sie in ein helleres Grau über. Der an der Wurzel braunrote Schwanz ist in der hinteren Hälfte schwarzbraun. Die großen, beinahe kahlen Ohren sehen aschgrau aus.
Auf Sansibar hat man, laut Kersten, ein sehr einfaches Mittel, sich des Komba zu bemächtigen; man fängt ihn, ohne eigentlich Jagd auf ihn zu machen: seine Leckerhaftigkeit wird ihm zum Verderben. Ungeachtet der Gier nach dem warmen Blute höherer Wirbeltiere nämlich, ist der Komba süßen Genüssen nicht abhold, ja im Gegenteile denselben in einer Weise zugethan, für welche es nur noch in der Lebensweise der Affen und einzelner Nagetiere anderweitige Belege gibt. „Wenn der Palmenwein abgezapft wird, stellt gar nicht selten unser Ohrenmaki als ungebetener Gast zu dem ihm in hohem Grade behagenden Schmause sich ein, schlürft von dem süßen Labetrunke und erprobt auch an sich die Wahrheit, daß zu viel des Geistes den Geist umnebelt. Denn nicht allein süß ist die wundersame Flüssigkeit, welche dem Palmenhaupte entströmt, sondern auch berauschend, und zwar um so mehr, je länger sie mit der Luft in Berührung war. Der durstige Zecher in Lemurgestalt verliert die Besinnung, stürzt von der für ihn sicheren Höhe des Baumes herab auf den Boden und bleibt liegen, vom schweren Rausche bemeistert. Hier findet ihn am Morgen der Neger, welcher ausgesandt wurde, den ausgeflossenen Palmenwein zu sammeln, hebt den regungslosen Träumer vom Boden auf, birgt ihn zunächst in einem einfachen Käfig oder fesselt ihn mit einem um die Weichen geschlungenen Stricke, bringt ihn nach der Stadt und bietet ihn hier einem der auf solcherlei Tiere erpichten Europäer zum Kaufe an. „Mit nicht geringer Verwunderung und entschiedenem Mißbehagen sieht sich das Kind des Waldes beim Erwachen im Käfig oder doch gefesselt, mindestens eingeschlossen im beengenden Raume. Für die Freundlichkeit, mit welcher der Pfleger ihm entgegenkommt, zeigt es nicht das geringste Verständnis, vielmehr nur Widerwillen, Unlust und Bosheit. Sein schwaches Gehirn vermag sich in die veränderten Umstände nicht so bald zu fügen; es vergilt die ihm gewährte Liebe mit Haß, thut, als ob es willentlich geschähe, regelmäßig das Gegenteil von dem, was sein Gebieter beabsichtigte, verschmäht Speise und Trank und regt sich nur, wenn es gilt, die Zähne zu zeigen. „Mißmutig entschließt sich zuletzt der mit den Sitten und Gewohnheiten des Kombas nicht vertraute Europäer, das widerhaarige Geschöpf sich selbst zu überlassen, nachdem er ihm vorher im Käfig noch ein behagliches Lager zurecht gemacht, vielleicht hoffend, daß Schlaf und Ruhe den Gefangenen milder stimmen, ihn seinen Groll vergessen lassen werde. Beim Morgenbesuche, welchen der Gebieter seinem Pfleglinge macht, sieht er zu seiner nicht geringen Überraschung die Thüre des behaglich eingerichteten Käfigs offen, das Lager leer, den Flüchtling aber im Innern des bisher zwei Feuerwebern zum Aufenthalte dienenden Gebauers in sich selbst zusammengerollt liegen. Im ersten Augenblicke vermag er nicht zu
begreifen, was den Komba bewogen haben kann, aus seinem geräumigen, wohnlich eingerichteten Hause zu entrinnen, an der glatten Wand mit Mühe sich emporzuschwingen, in den engen, unbehaglichen Käfig einzuzwängen und zum Befreier der früheren Bewohner aufzuwerfen. Nachdem er sich aber vergeblich nach diesen umgeschaut, alle Winkel und Ecken des Raumes durchmustert und doch keines der roten, lebendigen Flämmchen wahrgenommen hat, dämmert in ihm eine Ahnung der Wahrheit auf. Hastig nimmt er den Käfig mit dem Komba von der Wand herab, und auf dem Boden desselben liegen einige Überreste der prächtigen Vögel. Ergrimmt greift er nach dem Raubmörder, um ihn zu züchtigen; der Komba aber, welchem jegliches Schuldbewußtsein fehlt, rächt mit einem wohlangebrachten Bisse die ihm zugedachte Unbill und enthüllt somit seinem Pfleger eine diesem noch unbekannte Seite seines Wesens. „Doch unser Halbaffe ist ein viel zu anziehendes Geschöpf, als daß der Zorn eines Tierfreundes lange andauern könnte. Der Verlust der Feuerweber wird verschmerzt, der Komba dafür gewonnen. Allgemach befreundet sich der Störrische mit seinem Wohlthäter. Als entschiedener Freund berauschender Getränke meidet er das Wasser, auch wenn man ihn in der Absicht, feinen Trotz zu brechen, längere Zeit dürften ließe. Das ihm endlich vor: gesetzte Schälchen Sorbett ist aber doch gar zu verlockend, als daß er es unberührt stehen lassen sollte. Bis auf die Neige schlürft er es, sein Behagen durch Laute bekundend, welche an das Schnurren der Katze erinnern, und dankbar gleichsam leckt er auch noch den mit der süßen Flüssigkeit befeuchteten Finger ab. Nachdem einmal das Eis gebrochen, hält es nicht schwer, ihn weiter zu zähmen. Bald nimmt er in Milch geweichtes Weißbrot zu sich; nach kurzer Zeit findet er bereits an gezuckertem Thee und Kaffee Gefallen; schließlich gewöhnt er sich so an diese Getränke, daß er nie verabsäumt, zur Theestunde freiwillig sich einzustellen. Bezüglich der festen Nahrung beharrt er treuer bei seinen alten Gewohnheiten; Fleisch bleibt unter allen Umständen seine Lieblingskost, obschon er sich herbeiläßt, an einer Banane zu knabbern, eine Mango auszusaugen, eine ähnliche Frucht zu genießen. Doch geschieht dies vielleicht nur deshalb, weil die süße Frucht ihm sozusagen mehr als geronnenes Getränk denn als Nahrung vorkommen mag. Fleisch der verschiedensten Wirbeltiere, vor allem aber Kerfe bleiben seine Hauptnahrung, und erst nach längerer Gefangenschaft entschließt er sich, auch gekochtes Fleisch als genießbar zu betrachten. „Im Verlaufe der Zeit vergilt er die ihm gewidmete Sorgfalt durch gute Dienste. In dem Raume, welcher einen Komba beherbergt, endet alle Gemütlichkeit des Lebens einer Maus, in dem Zimmer oder auf dem Schiffe, welches er bewohnt, stellt er den so lästigen großen Schaben mit unermüdlichem Eifer nach. Unhörbar dahinschreitend naht er sich der von ihm erspähten Schabe, die spinnengleichen Finger weit gespreizt, greift plötzlich zu, zerdrückt in demselben Augenblicke die erpackte Beute und führt fie unmittelbar darauf, behaglich schmatzend, zum Munde. Mit Vergnügen erinnern wir uns einer Beobachtung, welche wir während der langweiligen Seefahrt anstellten. Die Menge der unser Schiff bevölkernden Schaben machte es notwendig, von Zeit zu Zeit unsere Kleiderkisten zu untersuchen. Der von den Schmarotzern herrührende Gestank, welcher uns beim Offnen der Kiste entgegendrang, lockte unseren zahmen Ohrenmaki herbei. Trotz der ihm ungelegenen Tageszeit musterte er mit großer Aufmerksamkeit den Inhalt der Kiste, bewies uns auch sehr bald, daß er sehr wohl wußte, warum er gekommen; denn er hatte jetzt vollauf zu thun, um das von uns aufgerührte, wimmelnde Heer zu Paaren zu treiben. Mit überraschender Geschicklichkeit fuhr er blitzschnell bald nach dieser, bald nach jener Stelle, hier eine ausgebildete Schabe, dort eine Puppe ergreifend, und während er mit der einen Hand die eben gepackte am kauenden Munde festhielt, war die andere beschäftigt, neues Wild zu erjagen. So spähte, lauschte, schaffte und schmauste er, bis wir unsere Arbeit beendigt hatten. |
„Ein wirklich gezähmter Komba ist weit liebenswürdiger und anmutiger als ein Affe. Störung seines Tagesschlafes berührt natürlich auch den frömmsten höchst unangenehm; abends hingegen, nachdem er sich vollständig ermuntert, beweist er seinem Gebieter eine große Anhänglichkeit und warme Zuneigung, obschon er hierin hinter seinen Ordnungsverwandten, den Makis, noch zurücksteht. Aber er gestattet, daß man ihn angreift, gibt sich mit Vergnügen den ihm erwiesenen Schmeicheleien hin und denkt gar nicht mehr daran, von seinem scharfen Gebiß Gebrauch zu machen. Mit seinesgleichen verträgt er sich von Anfang an vortrefflich, auch an andere Haustiere gewöhnt er sich. Wenn er erst gelernt
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Riesengalago (Otolienus cerassicandatus). Ys natürl. Größe.
hat, verschiedenerlei Nahrung zu sich zu nehmen, hält es nicht schwer, ihn nach Europa zu bringen.“
Der größte bis jetzt bekannte Ohrenmaki, welchen wir Ries engalago nennen wollen (Otolicnus [Otolemur] crassicaudatus), kommt einem Kaninchen an Leibesumfang beinahe gleich: feine Leibeslänge beträgt 30 — 32, die Schwanzlänge 40— 42 cm. Das dichte, wollige Fell, welches namentlich den Schwanz buschig bekleidet und nur auf dem Rücken der Hände und Füße sich verkürzt und anlegt, ist auf dem Oberkopfe rotbraun, auf dem Rücken gräulichrostfarben, auf der Unterseite grau oder gelblichweiß, auf dem Schwanze rostbräunlichrot, auf den Fingern und Zehen schwarzbraun, jedes einzelne Haar an der Wurzel blau- oder schwarzgrau, an der Spitze silbergrau, schwarz und braun geringelt oder auch ganz schwarz. | Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über einen ziemlich großen Teil Ostafrikas, mindestens von Dschuba bis nach Mosambik; über das Freileben des Tieres aber wissen wir noch jo gut wie gar nichts. Dagegen gelangen neuerdings gerade Galagos nicht allzu selten
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lebend in unsere Käfige und haben hier auch mir zu Beobachtungen Gelegenheit gegeben, aus denen hervorgeht, daß der Riesengalago im wesentlichen sich von den Verwandten nicht unterscheidet. Wie diese ist er ein vollkommenes Nachttier, welches den ganzen Tag verschläft, die ganze Nacht aber munter und lebhaft sich umhertreibt und erst morgens, nachdem es vollkommen licht geworden, sein Lager sucht. Übertags ruht er in sehr zusammengerollter Haltung, halb liegend, halb kauernd in der dunkelsten Ecke seines Käfigs. Er legt dabei seinen Kopf zwischen die Vorderhände, umhüllt ihn dicht mit seinem buschigen Schwanze und packt diesen mit den beiden Hinterhänden, welche er vorschiebt, soweit die langen Beine es gestatten. Auf diese Weise versteckt er den Kopf so vollständig, daß man außer den Ohren, welche niemals bedeckt werden, nicht das Geringste sieht. Eine Schwanzbiegung schließt gewöhnlich das eine Ohr ein und verdeckt dabei zugleich die Augen. Die Ohren werden in der Regel eingerollt und erscheinen dabei schlaff und zerknittert. Ungefähr um 5 Uhr abends erwacht er, dehnt und reckt sich und schaut spähend in die Runde, wobei er den Kopf abwechselnd vorschiebt und wieder zurückzieht. Dann putzt er sich, und nun endlich beginnt er zu klettern. Seine Bewegungen sind stets langsam und bedächtig, die Tritte vollkommen unhörbar. Die Finger werden beim Auftreten weit gespreizt; der Schwanz schleift auf dem Boden nach. Er klettert langsam, aber äußerst geschickt, kopfoberst und kopfunterst, hängt sich an einem Vorder- oder an einem Hinterbeine fest und schaukelt sich dann, geht an der Decke seines Käfigs hin ꝛc. Seine Kost besteht in Milchbrot, Fleisch und Früchten. Feigen und Rosinen frißt er leidenschaftlich gern; auf Kerbtiere und deren Larven oder Puppen ist er erpicht. Er faßt die ihm vorgehaltene Nahrung mit dem Munde oder mit den Händen; ihm noch Unbekanntes pflegt er leckend zu betasten. Lebende Vögel betrachtet er mit lüsternem, vielsagendem Auge. Auf seinen Wegen beschnuppert er zunächst jeden Gegenstand; dann erst betastet er ihn mit der Zunge. Er ist gutmütig und läßt es sich gern gefallen, wenn man ihn kraut; nur wenn man ihn aufhebt, pflegt er zu beißen. Sein Aussehen deutet auf Verstand; die hübschen, braunen, stark gewölbten Augen sehen klug ins Weite. Bei Tage ist der Stern bis auf eine sehr kleine, schmale Ritze zusammengezogen, nachts erweitert er sich bedeutend. Kurz nach dem Erwachen stößt das Tier gewöhnlich seinen eigentümlichen Ruf aus, welcher an das Rucksen mancher Tauben erinnert. Er beginnt mit dem leise hervorgestoßenen dumpfen Laute „Du“, steigert sich dann und endet mit dem schwächeren, miauenden „Dju“. Der ganze Ruf klingt ungefähr wie „du, tu tu, tu, tu tui, dju dju“, sehr dumpf und hohl.