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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Den in einem anderen Käfig eingesperrten Schlanklori betrachtete er, als er zum ersten Male in seine Nähe gebracht wurde, mit ersichtlicher Teilnahme, ohne jedoch einen Versuch zu weiterer Annäherung zu machen; später ließ ihn der Verwandte ebenso gleichgültig wie jedes andere Tier, natürlich mit Ausnahme eines ihm zur Nahrung geeignet erscheinenden. Sein Verstand ist, wie aus allen bisher mit ihm angestellten Versuchen hervorzugehen scheint, höchst gering, seine Teilnahmlosigkeit gegen die Außenwelt dafür um so größer; denn sein Gedankengang bewegt sich ersichtlich in einem sehr beschränkten Gebiete. Ob er geistig höher steht als ein Galago, dürfte fraglich sein; tiefer als die Lemuren steht er gewiß.

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An die Loris schließen zwei afrikanische Halbaffen mit verkümmerten Schwänzen sich an, welche äußerlich zwar in hohem Grade sich ähneln, durch Verschiedenheit der Handbildung und Schwanzlänge sowie des Gebisses aber sich tee und deshalb als Vertreter zweier Gattungen betrachtet werden.

Der Potto (Perodicticus potto, Nyeticebus potto, Potto geofiroyi, P. bosmani) hat schlanken Leib, rundlichen Kopf mit vorspringender Schnauze, mittelgroßen Augen und kleinen häutigen Ohren, fast gleichlange Arme und Beine, mit großen Händen und Füßen, verkümmerten, aber noch deutlich erkennbaren, nagellosen Zeigefinger und, mit Ausnahme der großen, krummen, flachen, aufrecht gestellten Kralle der zweiten Zehe, platte Nägel sowie einen kurzen Schwanz. Sein Gebiß besteht aus 2 Schneide-, einem Eck-, 3 Lückund 3 Backenzähnen in jedem Kiefer oben und unten, im ganzen also aus 36 Zähnen; die unteren Schneidezähne sind vorgeneigt, die oberen vorderen Backenzähne vierhöckerig, während der letzte nur zwei Spitzen, der letzte Unterbackenzahn dagegen fünf Höcker zeiat. Von den Wirbeln tragen 14 oder 15 Rippen, 7 oder 8 bilden den Lendenteil der Wirbelsäule. Der kurzwollige Pelz ist oben rötlichgraufahl, schwarz gemischt, auf Kopf, Armen und Beinen rötlicher, in der Schultergegend fahlmäusegrau, auf der Unter: und Innenseite noch lichter, hellfahlgrau, am Schwanze gräulichrostrot, das Haar mit schwarzbrauner Spitze; die einzelnen Haare der Oberseite haben an der Wurzel gräuliche, in der Mitte mäusefahlgraue, gegen die Spitze hin braune, an der Spitze schwarze oder hellfahlgraue Färbung. Die Gesamtlänge beträgt etwa 35 cm, wovon der Schwanz 6 cm wegnimmt. Der Potto ist, soviel wir bis jetzt wissen, in Westafrika heimisch, aber nicht bloß in Ober: guinea und nordwärts noch in Sierra Leone, sondern auch, wie die Güßfeldtsche Loango-Expedition nachgewiesen hat, CHR IISENN in Niederguinea mindestens bis zum Kongo. — e ES | Unser Bild zeigt den Potto in der eigen: 555ZEN x |

tümlichen Stellung, die er beim Schlafen Junger Potto (Perodieticus potto). ½ natürl. Größe.

einzunehmen pflegt.

Der Bärenmaki (Arctocebus calabarensis, Perodicticus calabarensis) unterscheidet sich vom Potto äußerlich durch die größeren Augen und Ohren, den zu einer Warze verkümmerten Zeigefinger und den als kurzen Stummel kaum wahrnehmbaren Schwanz, im Gebiß, welches dieselbe Anzahl von Zähnen zusammensetzt, durch die letzten Backenzähne, da der obere drei, der untere fünf Spitzen hat. Von den Wirbeln tragen 15 Rippen, 7 bilden den Lendenteil. Ein dichtes und langes, wolliges, im Gesichte und auf dem Rücken der Hände und Füße spärlich stehendes und sich verkürzendes Haarkleid von rostbräunlichgrauer, auf der Unter- und Innenseite licht gräulicher, im Gesicht und auf Händen und Füßen dunkelbräunlicher Färbung bedeckt den Leib. Die Länge beträgt 25— 30 cm. Auch der Bärenmaki ist aus Westafrika bekannt und zwar aus dem Gebiete der Nigermündungen.

Über die Lebensweise beider Tiere wissen wir noch überaus wenig, obgleich der Potto bereits zu Anfang des vorigen Jahrhunderts entdeckt und der Bärenmaki noch früher, nämlich im Jahre 1680, aufgefunden wurde, ersterer auch schon mehrmals lebend nach Europa und zwar in den Londoner Tiergarten gelangte. Bosman, der erste Entdecker, sagt vom Potto, er sei träge wie ein Faultier und werde von den Holländern in Guinea deshalb der

Junger Potto (Perodieticus potto). ½ natürl. Größe.

Faulenzer genannt; Boyle, welcher später ein Stück einsandte, gibt an, daß er zurückgezogen lebe, sich selten und nur bei Nacht zeige, Pflanzen und zwar hauptsächlich Maniok fresse und von den Ansiedlern Buschhund genannt werde. Ein junger Potto, der in Tschintschotscho an der Loangoküste gehalten wurde, verbrachte den Tag gewöhnlich schlafend, entweder zusammengerollt liegend oder wie eine Kugel an einem Stocke, einem Drahtgitter aufgehängt; dabei schien es ihm gleichgültig zu sein, ob die Halte senkrecht, schräg oder wage:

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Bärenmaki (Arctocebus calabarensis). ½ natürl. Größe.

recht gestellt waren. Wurde er des Tages geweckt, so versuchte er bisweilen, ihm dargebotene Insekten zu erhaschen. Dabei vollführte er Sprünge, die lebhaft an die eines großen Frosches erinnerten. Er wurde bald ganz zahm, war gutmütig, aber langweilig. Die Eingeborenen erzählen, daß er im Walde nachts zeitweilig ein entsetzliches Geschrei hören lasse, und während des Asantekrieges (Aschanti) soll eben dieses Geschrei englische Schildwachen mehrmals veranlaßt haben, Alarm zu schlagen.

Von den beiden Gefangenen des Londoner Tiergartens teilte mir Sclater das Nachstehende mit: „Unsere Pottos kommen freiwillig niemals bei Tage zum Vorscheine, erjchei-nen aber des Abends bei guter Zeit, zunächst um Futter zu nehmen, sind dann ungemein thätig und springen während der ganzen Nacht lebhaft auf den in ihren kleinen Käfigen

Bärenmaki (Arctocebus calabarensis). ½ natürl. Größe.

befestigten Zweigen umher. Ihr Futter besteht aus reifen Früchten, Apfeln, Birnen, Feigen, Bananen, Weintrauben und dergleichen; auch fressen sie gekochten Reis, durch Zucker versüßtes Milchbrot und ein wenig gekochtes Fleisch, welches ihnen in kleinen Stücken vorgesetzt wird. Kleine Vögel, welchein ihren Käfig gesetzt werden, fangen sie sehr geschickt und zerreißen sie augenblicklich, scheinen auch höchlichst befriedigt zu sein, wenn man ihnen eine derartige Abwechselung ihres gewöhnlichen Futters bietet.“

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Von Wagner und anderen wurde die nun zu erwähnende Gattung von den bisher genannten Halbaffen getrennt und in eine besondere Familie vereinigt, als deren Kennzeichen man die verhältnismäßig langen Fußwurzeln hervorhob. Auch zeigt das Außere der sogenannten Langfüßer manches Eigentümliche, da sie es sind, welche an die Bilche oder Schlafmäuse erinnern. Doch haben sie im wesentlichen so viel Ahnlichkeit mit den bereits beschriebenen Arten, daß sich nach Ansicht der neueren Tierkundigen gedachte Trennung nicht rechtfertigen läßt.

Bei den Zwergmakis (Microcebus) find die Augen mehr als die Ohren entwickelt. Der Leib ist gedrungen, der Kopf kurz, die Schnauze gerundet, der Schwanz etwas mehr als leibeslang, die Gliederung übrigens ebenmäßig, da die Hinterglieder nicht wesentlich länger als die vorderen sind. Große Augen und mittelgroße, innen nackte, außen sehr fein und schwach behaarte Ohren, ungemein zierliche Hände und Füße mit kurzen Fingern und Zehen, verhältnismäßig derben Daumen und Daumenzehen sowie ein zartes, weiches, zwischen wollig und seidig mitteninne stehendes Fell zeichnen die Tierchen äußerlich sonst noch aus. Das Gebiß besteht aus 4 Schneidezähnen oben und unten, einem Eckzahne in jedem Kiefer und 6 Backenzähnen in der oberen, 5 in der unteren Kinnlade. Die oberen Schneidezähne haben eine breite, zweilappige Krone, die oberen Mahlzähne zwei äußere und einen Mittelhöcker. Die Wirbelsäule wird aus 23 rippentragenden, 7 rippenlosen, 3 Kreuzund 28 Schwanzwirbeln zusammengesetzt.

Der Bilchmaki (Microcebus myoxinus, S. 300), dessen Leibeslänge 14— 15 cm und dessen Schwanzlänge 16—17 em beträgt, einer der bekannteren Vertreter dieser Gattung, ist auf der Oberseite rostgelblichgrau mit goldigem Schimmer, auf der Unterseite weiß. Auch dieser Lemur und seine ihm nahestehenden Verwandten bewohnen Madagaskar; über ihre Lebensweise aber wissen wir bis jetzt noch außerordentlich wenig, wie sich dies in anbetracht der geringen Größe und des nächtlichen Treibens zur Genüge erklärt. Ein von Pollen beschriebener Gattungsgenosse lebt in den undurchdringlichsten Waldungen der Insel, bei Tage in einem von ihm selbst aus Stroh und dürren Blättern zusammengebauten Neste von der Größe eines Eichhornhorstes sich verbergend, des Nachts nach Art der gesamten Verwandtschaft umherstreifend und seiner Nahrung nachgehend, welche wahrscheinlich mehr in Kerbtieren als in Früchten besteht. Hierauf beschränkt sich zur Zeit unsere Kenntnis.

Zu den uns am beiten bekannten Halbaffen überhaupt gehören die Ohrenmakis oder Galagos, über deren Leben und Treiben schon ältere Reisende uns Kunde gegeben haben. Während bei den Zwergmakis der Sinn des Gesichtes obenan steht, überwiegt bei ihnen das Gehör, entsprechend den sehr großen häutigen Ohren, welche an die einzelner Fledermäuse erinnern. Der Leib der Galagos darf eher schmächtig als gedrungen genannt werden, sieht aber infolge der reichen Behaarung stärker aus, als er ist; der verhältnismäßig große Kopf zeichnet sich außer den ungewöhnlich entwickelten, nackten Ohren durch die einander genäherten großen Augen aus; Vorder- und Hinterglieder sind mittellang, Hände und Füße

noch wohlgebildet, Zeigefinger und zweite Zehe, bei einzelnen auch Mittelfinger und mittlere Zehe mit krallenartigen, alle übrigen mit platten Nägeln versehen. Vier große, schlanke, meißelförmige, getrennt voneinander stehende Schneidezähne in den oberen, 6 größere, breite und lange in den unteren Kiefern, ein langer, glatter, außen gefurchter Eckzahn, 3 Lück und 6 Backenzähne in den oberen und ein etwas kürzerer, aber stärker gekrümmter Eckzahn, 2 Lück⸗ und 3 Backenzähne in den unteren Kiefern bilden das Gebiß; 13 rippentragende,

Bilchmaki (Mierocebus myoxinus). ½ natürl. Größe.

6 rippenlose, 3 Kreuz- und 22— 27 Schwanzwirbel neben den Halswirbeln setzen die Wirbelsäule zusammen. |

Alle Galagos, Bewohner Afrikas und einiger feiner westlichen und östlichen Inseln, müssen, abweichend von den Makis, als Raubtiere angesehen werden, welche nur nebenbei Früchte genießen. Um sie zu schildern, will ich hier die Worte wiederholen, welche ich in Gemeinschaft mit Kersten nach dessen Angaben und eigenen Beobachtungen in dem von der Deckenschen Reisewerke gebraucht habe. „Die Galagos sind Nachttiere im eigentlichen Sinne des Wortes, Wesen, für welche der Mond die Sonne ist, Geschöpfe, an denen die eine Hälfte des Tages spurlos vorübergeht, welche, schläfriger als die Schlafmäuse, während jeder Stunde in sich zusammengerollt in irgend einem geeigneten Schlupfwinkel liegen und, falls ihnen verwehrt, einen solchen aufzusuchen, durch das ängstliche Verbergen ihres Kopfes vor dem verhaßten Sonnenlichte sich zu schützen, ja durch Zusammenrollen ihrer Ohren sogar vor jedem Geräusche zu sichern sich bestreben. Werden sie durch irgend eine Ursache gewaltsam aus ihrem tiefen Schlafe erweckt, so starren sie anfangs wie träumend ins Weite, kommen

Bilchmaki (Mierocebus myoxinus). ½ natürl. Größe.

allmählich aus ihrer Schlaftrunkenheit zu sich und bekunden sodann durch abwehrendes Wesen, wie unangenehm ihnen die Störung war. Ganz anders zeigen sich dieselben Tiere nach Sonnenuntergang. Sobald die Dämmerung über den Wald hereinbricht, erwacht der Ohrenmaki, vielleicht infolge der ihm fühlbar werdenden abendlichen Kühle, biegt den über dem Kopfe zusammengewickelten Schwanz zurück, öffnet die Augen und entknittert die häutigen, bisher zu einem wohlschließenden Deckel des Gehörganges eingerollten oder richtiger zusammengeschrumpften Ohren, putzt und leckt sich, verläßt die Schlupfhöhle und beginnt nunmehr sein gespenstiges Treiben, bei Lichte betrachtet, ein Räuberleben im vollsten Sinne des Wortes, in welchem unersättlicher Blutdurst mit einer bei so hochstehenden Handtieren ungewöhnlichen Mordlust sich paart. Begabt wie irgend ein anderes Raubtier, fernsichtig wie ein Luchs, feinhörig wie eine Fledermaus, scharfspürig wie ein Fuchs, zwar nicht eben verständig, wohl aber listig, die Gewandtheit des Affen mit der einer Schlafmaus vereinend, die Unfehlbarkeit des Angriffs durch Dreistigkeit noch vermehrend, wird der Galago in Wirklichkeit zu einem furchtbaren Feinde des Kleingetieres und unterscheidet sich hierdurch wesentlich von den meisten seiner Ordnungsverwandten.“

In diesen Worten ist fast alles enthalten, was über das Freileben der Ohrenmakis bis jetzt bekannt wurde; es dürfte auch nicht leicht sein, Ausführlicheres zu erfahren, da die Beobachtung des Treibens und Gebarens dieser Tiere während der Nachtzeit große Schwierigkeiten hat. So mangelt uns genaue Kunde über die Zeit und die Art und Weise der Fortpflanzung; denn nur das eine können wir sagen, daß auch die Ohrenmakis wie fast alle übrigen Halbaffen ein einziges Junges zur Welt bringen. Auf Sansibar wird nicht selten ein gefangenes Galagoweibchen mit diesem einen Jungen zum Verkaufe ausgeboten. Xeb-teres hängt, wie es bei Affen, Halbaffen und Fledermäusen die Regel, an der Brust und an dem Bauche der Mutter, mit seinen vier Händchen fest eingeklammert in das wollige Flies der Erzeugerin, so fest, das diese mit ihm alle Bewegungen ausführen kann, und daß man es kaum von dem Leibe der Mutter zu trennen vermag.

Unter den wenigen bis jetzt entdeckten und unterschiedenen Arten der Ohrenmakis, deren größter einem fast erwachsenen Kaninchen gleichkommt, während die kleinste Art eine mäßig große Maus kaum übertrifft, kennen wir seit Adansons Zeiten den Galago (Otolicnus galago, Lemur galago, O. senegalensis, O. teng, Galago senegalensis, G. moholi, G. euvieri), ein zierliches Geschöpf von Eichhörnchengröße, nämlich 16— 20 cm Leibesund 23—25 em Schwanzlänge. Sein kurzer, aber dichter und seidenweicher Pelz ist auf der Oberseite fahlgrau, am Kopfe und auf dem Rücken schwach rötlich, aber an der Innenseite der Gliedmaßen sowie am Bauche gelblichweiß gefärbt; eine ähnliche Färbung zeigen auch die Wangen und eine zwischen den Augen entspringende und bis an das Nasenende verlaufende Längsbinde. Die Ohren find fleischfarben, die Augen braun.

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