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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Die Jagd des Waluwy ist außerordentlich schwierig und anstrengend. Pollen er: zählt sehr weitläufig, wie er, von einem unlustigen Madagassen begleitet, eines Abends bei hellem Mondscheine in das Innere eines von giftig stechenden Mücken erfüllten Waldes sich begeben, dort, auf einer Blöße aufgestellt, eine Stunde lang vergeblich gewartet und endlich das Geschrei des Tieres unmittelbar über seinem Kopfe gehört, den Schreier selbst jedoch erst nach längerem Suchen wahrgenommen habe, worauf es ihm gelang, durch einen nach der Gegend hin gerichteten Schuß den Katzenmaki zu erlegen, beschreibt damit eigentlich aber nur die Jagd aller auf Bäumen lebenden Nachttiere, deren Pelzfärbung mit den Asten trefflich übereinstimmt. Über das Gefangenleben teilt unser Forscher nichts mit, und ich vermag deshalb nicht zu sagen, ob es sich in irgend welcher Hinsicht von dem verwandter Arten unterscheidet.

Über eine der letzteren, Coquerels Katzenmaki (Chirogaleus coquereli), be richtet Haacke: „Der Katzenmaki des Frankfurter Tiergartens führt auch in der Gefangenschaft ein weit nächtlicheres Leben als irgend ein anderer von mir beobachteter Maki, denn er verbringt den ganzen Tag ohne jegliche Unterbrechung in seinem Schlafkästchen oder, falls ihm dieses entzogen wird, vollkommen in seinem Heulager verborgen. Erst nach Eintritt der Dunkelheit wird er munter und durchstöbert dann allerdings sehr lebhaft sämtliche Ecken seines Käfigs, wobei er sich als geschickter Kletterer erweist. Er erinnert durch seine großen Augen, seine ziemlich kurze Schnauze, die Verbreiterung seiner Finger- und Zehenspitzen und durch seinen schleichenden Gang, bei welchem der Bauch an den Boden oder die Wand gedrückt wird, an die Geckos, in ähnlicher Weise, wie der Koboldmaki an die Laubfrösche erinnert. Mit den Seidenäffchen, welche eine Zeitlang mit ihm denselben Käfig bewohnten, vertrug er sich gut.“;

Während die Makis samt und sonders, wenigstens zu gewissen Zeiten, eine große Regsamkeit und Beweglichkeit kundgeben, zeichnen sich die Loris (Stenops) durch entgegengesetzte Eigenschaften aus. Sie sind gewissermaßen die Faultiere innerhalb ihrer Ordnung, werden auch geradezu Faulaffen genannt. Man begreift unter ihnen kleine, zierliche Halbaffen mit schmächtigem, schwanzlosem Leibe, großem, rundlichem Kopfe und dünnen, schlanken Gliedmaßen, deren hinteres Paar etwas länger als das vordere ist. Die Schnauze ist spitz, aber kurz; die sehr großen Augen stehen sich nahe; die Ohren sind mittelgroß und behaart. An den Händen ist der Zeigefinger sehr verkürzt, der vierte Finger aber verlängert und der hinterste mit scharfer und langer Kralle versehen. Das Weibchen besitzt nur zwei Brustdrüsen, aber jede derselben enthält zwei Zitzen. Im Gebisse fällt der erste obere Schneidezahn durch seine Größe auf, während der zweite gänzlich verkümmert; die sechs unteren Schneidezähne stehen wagerecht und sind unter sich von verschiedener, von innen nach außen zunehmender Breite, die Eckzähne dick, gekrümmt, aber spitzig, die beiden Lückzähne stark und einhöckerig, die Backenzähne vierhöckerig. Die Wirbelsäule besteht außer

Schwanzwirbeln. Sehr eigentümlich ist die büschelartige Verzweigung der Schenkel- und Schlüsselbeinschlagadern: beide zerteilen sich in so viele Zweige, als Muskeln in den betreffenden Gliedern vorhanden sind. Dies erscheint — abgesehen von seiner Absonderlichkeit — namentlich auch aus dem Grunde merkwürdig, weil bei den Faultieren die betreffenden Schlagadern eine ganz ähnliche Verästelung zeigen.

Die wenigen Arten dieser Gattung bewohnen Indien und seine benachbarten Inseln; ihr Freileben ist uns aber fast noch gänzlich unbekannt. Sie vertreten ihre munteren afrikanischen Vettern in Südasien, jedoch nur hinsichtlich ihrer Gestaltung, nicht auch hinsichtlich ihres Wesens.

Schlanklori (Stenops gracilis). ½ natürl. Größe.

| Ein äußerst niedliches Mitglied unserer Gattung ist der Schlanklori (Stenops

gracilis, Loris, Arachnocebus gracilis, Loris ceylanicus), ein Tierchen, kaum fo groß wie ein Eichhörnchen — nur 25 em lang! — mit schmächtigem Leibe, großäugigem und spitzschnäuzigem Kopfe, zarten Gliedern und langem, plüschähnlichem Pelze, dessen Färbung oben rötlichfahlgrau und gelblichbraun, auf der Unterseite aber gräulich oder blaßgelblich ist. Rund um die nußbraunen Augen herum dunkelt das Fell und sticht deshalb um so mehr von der lichten Oberschnauze ab.

Das allerliebste Geschöpf, von den Eingeborenen Tevangu und Una happolava genannt, bewohnt die Wälder der Tiefländer in Südindien vom Godawari an und in Ceylon. Es verschläst den Tag in Baumhöhlungen und kommt erst des Abends zum Vorscheine. In seinem Freileben wurde es noch von niemand beobachtet, obschon seit langer Zeit Berichte über dasselbe vorliegen. Thevenot ist der erste, welcher von Schlankloris spricht. Er sah (gegen Ende des 17. Jahrhunderts) einige von ihnen in Aurangabad, im Reiche des ehemaligen Großmoguls. Man machte viel Aufhebens davon, weil sie sich vor den eigentlichen Affen namentlich durch ihre Kleinheit auszeichneten. Während die Tierchen beobachtet wurden, stellten sie sich auf

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Schlanklori (Stenops gracilis). ½ natürl. Größe.

die Hinterbeine, umarmten einander öfters und sahen die Leute dabei fest an. Ihr Herr nannte sie „wilde Menschen“. |

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts berichtet Seba über den Tevangu und gibt zugleich eine vortreffliche Abbildung von ihm. Er nennt ihn „das Faultier Ceylons“, bemerkt aber, daß er diesen Namen ganz unverdient trage, weil er — wie auch sein schlanker Bau schon beweisen müsse — weder faul noch langsam, sondern im Gegenteile sehr flink im Gehen und äußerst gewandt und hurtig im Klettern sei. Er lebe von Früchten und Samen großer Bäume, welche das Männchen pflücke, koste und dann dem Weibchen reiche; aber auch dieses sei dem Männchen gegenüber sehr artig. Die Zahl der Jungen solle zuweilen vier betragen.

Diese beiden alten Mitteilungen sind eigentlich die ausführlichsten, welche uns über den Schlanklori geworden find; in der Neuzeit hat Tennent in seinem Werke über Ceylon des Tierchens Erwähnung gethan. „Es gibt“, sagt er, „zwei Spielarten des Schlankloris auf der Insel; eine, deren Fell braun ist, und eine andere, größere, mit schwarzem Pelze. Ich erhielt einen lebenden Tevangu oder ‚Dünnleib‘ aus Chillav von der Westküste. Er lebte einige Zeit bei mir in Colombo und fraß Reis, Früchte und andere Pflanzenteile, be= sonders gern aber auch Ameisen und überhaupt Kerbtiere. Auf Milch und Geflügelfleisch war er äußerst begierig. Seine unhörbaren Bewegungen erleichtern ihm die Jagd auf Geflügel mehr, als man meint. Eingeborene haben mir versichert, daß er nachts sogar Pfauen überfällt, abwürgt und sich dann an dem Gehirne seiner Beute erlabt. „Die merkwürdig großen und lebendigen Augen der Loris haben die Aufmerksamkeit der Singalesen erregt. Sie fangen den Tevangu seiner Augen wegen, aus denen sie Zauber- und Liebesmittel zu bereiten glauben, und halten das arme Geschöpf ans Feuer, bis die Augäpfel bersten!“

Nach Jerdon scheint der Schlanklori an der Malabarküste wenig bekannt zu sein, ist dagegen sehr häufig an Teilen der Ostküste, wo Stücke seiner Art manchmal in Menge lebend zum Verkaufe nach Madras gebracht werden, weil auch dort die Augen von tamulischen Heilkünstlern verwendet werden. Nach Blanford soll er Sirup und Honig sehr lieben. Kelaart gibt an, daß die Eingeweide eines von ihm untersuchten fast 90 cm lang waren.

Zu meiner größten Überraschung und Freude fand ich einen lebenden Schlanklori im Besitze eines Tierschaustellers. Das zarte Wesen war vor 4 Jahren mit drei anderen nach Europa gelangt und von einem unserer ersten Großhändler an jenen Mann verkauft worden, hatte also nicht allein die Reise nach Europa, sondern auch die Gefangenschaft in dem kälteren Lande vortrefflich ausgehalten. Ich erwarb das Tierchen, um es nach dem Leben zeichnen zu lassen und beobachten zu können, für teures Geld und ließ ihm eine sorgsame Pflege zu teil werden. Bei Tage liegt oder richtiger hängt der Schlanklori in der von Tennent recht gut wiedergegebenen Stellung an einer Sprosse seines Käfigs und schläft, ohne sich durch die Außenwelt und ihr Treiben im geringsten stören zu lassen; nach Eintritt der Dämmerung entballt er sich, reckt und streckt, noch etwas schlaftrunken, die langen schlanken Glieder und schreitet nun langsam und unhörbar auf der Sitzstange seines Käfigs hin und her oder an dem Sprossenwerke des Gebauers auf und nieder. Auf einer Stange oder einem Zweige bewegt er sich mit bemerkenswertem Geschicke, gleichviel ob er oben oder unten an dem Aste hängt, versichert sich jedoch bei jedem Schritte, den er thut, eines neuen Haltes, spreizt deshalb die Beine oft über alles für möglich gehaltene Maß und greift mit ihnen, wie mit den Armen, tastend weit in die Luft, wenn es sich darum handelt, von einem Aste auf den anderen überzugehen. Findet er nicht gleich einen Halt, so bewegt er Arm und Hand zitternd, als fühle er sich in Gefahr oder doch Verlegenheit. Er hat ein ungemein feines

Gefühl in den Händen und Füßen, welche er in annähernd gleicher Weise gebraucht, die Hände selbstverständlich bevorzugend. Ehe er irgendwo sich festhält, prüft er tastend den Gegenstand. Einen Ast umklammert er mit dem den übrigen Fingern gegenüberstehenden Daumen und ebenso mit den Zehen und der Daumenzehe und legt die verbreiterten Finger: polster so fest auf, daß sie anzukleben scheinen und die mittleren Fingerglieder gleichsam nach innen sich biegen. Auf flachem Boden tastet er vor jedem Schritte umher, als suche er einen zum Anklammern geeigneten Gegenstand, stellt hierauf die bis zum äußersten gespreizten Vorder⸗ und Hinterglieder fest und schiebt endlich, mit im Knie hochgekrümmten

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Schlanklori, im Erwachen und im Schlafe.

Beinen ungemein langsam kriechend, sich vorwärts, so wie eine Kröte dahin humpelt, nur daß diese nicht allein verhältnismäßig, sondern unbedingt schneller ihren Weg zurücklegt. Jeder Halt, jede Erhabenheit des Bodens ist ihm willkommen, und er klammert sich dann sofort mit Händen und Füßen an, scheinbar ängstlich hoffend, die ihm heimische Höhe und das Gezweige wieder zu gewinnen. Der beweglichste Teil seines Leibes ist der Kopf, welchen er jählings und blitzschnell zu drehen und zu wenden versteht, während er mit Hand und Arm nur selten eine ähnlich rasche Bewegung ausführt. Seine Augen leuchten im Halbdunkel buchstäblich wie feurige Kohlen und machen, da sie sehr nahe zusammenstehen und bloß durch eine weiße Blässe getrennt werden, einen höchst eigentümlichen Eindruck. Die Ohren werden etwas vom Kopfe ab getragen, die Muscheln voll entfaltet. RR

Gereizt, läßt der Schlanklori ein scharfes Schnarchen hören, welches am meisten an die Stimmlaute des Hamsters erinnert, jedoch viel schwächer ist. Damit pflegt er seinen höchsten Zorn kundzugeben. Seine Erregbarkeit scheint übrigens ziemlich gering zu sein, 19*

Schlanklori, im Erwachen und im Schlafe.

denn es hält schwer, ihn aus seiner Ruhe und Gleichmütigkeit zu bringen. Menschen oder Tiere, welche außerhalb seines Käfigs sich bewegen und sonstwie zu schaffen machen, beachtet er kaum; Hunde glotzt er wie ihm vollständig fremde Wesen an. Auch wenn man die Hand in seinen Käfig bringt, läßt er kaum in seinen Bewegungen sich stören und erst, wenn man ihn berührt, jenes Schnarchen vernehmen, versucht dann wohl auch, zu beißen. Ein leises Streicheln scheint ihm zu behagen; krabbelt man ihn sanft am Kopfe, so schließt er die Augen. Seine Hauptnahrung besteht in eingeweichtem Milchbrote. Obst verschmäht er fast gänzlich, Fleisch und Eier ebenso; auch an lebenden Vögeln hater bis jetzt sich nicht vergreifen wollen. Dagegen frißt er Kerbtiere, zumal Mehlwürmer, ungemein gern, ist jedoch zu ungeschickt oder zu träge, solche selbst sich zu nehmen, und greift bloß dann mit dem Maule zu, wenn sein Wärter ihm den Leckerbissen mundgerecht vorhält. Wahrscheinlich ist seine Gleichgültigkeit gegen Geflügel und dessen Fleisch einzig und allein Entwöhnung infolge seiner langen Gefangenschaft; Tennents Beobachtungen en also, ungeachtet der meinigen, jedenfalls noch zu Recht.

Der Plumplori, der Scharmindi billi oder schämige Katze sowie Lajjar banar oder schämige Affe der Inder, der Kukang und Bru-samundi der Malayen, der Pukan der Batta (Stenops tardigradus, Nycticebus, Bradylemur tardigradus, Loris, Nycticebus bengalensis) ist etwas mehr bekannt geworden, wahrscheinlich, weil er häufiger und verbreiteter ist als sein schlanker Vetter. Als seine westliche Verbreitungsgrenze ist etwa der untere Brahmaputra und dann der 89. Grad östlicher Länge zu betrachten, da er unweit Rangpur noch vorkommt. Im Himalaja ist er nicht gefunden worden, wohl aber in Assam und allen süd- wie südostwärts gelegenen Ländern sowie auf den Inseln Sumatra, Java und Borneo. Er ist größer und gedrungener gebaut als sein Verwandter, zeigt auch mannigfache Abweichungen in Größe und Färbung, die aber nicht beständig zu sein scheinen, obwohl einige Forscher sie für wesentlich genug hielten, um danach neben Nyeticebus bengalensis noch N. cinereus und N. javanicus zu unterscheiden. Die Hauptfärbung ist ein helleres oder dunkleres Asch- und Silbergrau auf der Oberseite, oft mit rötlichem Anfluge, das nach unten bleicher wird; über den Rücken verläuft der Länge nach ein mehr oder minder reich kastanienbraun gefärbter Streifen, welcher am Scheitel ausläuft, oder auf dem Scheitel mit einem breiten, manchmal bis zu den Ohren reichenden Fleck endigt, oder in 2 Bändern bis zu den Augen (aus Tenasserim bekannt) oder in 4 Bändern bis zu den Ohren und Augen (auf Java beobachtet) sich fortsetzt. Die Augen sind stets mit braunen Ringen umgeben, auch wo keine Streifen das Gesicht zieren; die nackten Teile der Nase und Sohlen find fleischfarbig. Die Länge des Körpers beträgt 32—37 cm, die des Schwanzes 1,5 bis knapp 2 cm. Jones gibt an, daß die Eingeweide eines von ihm untersuchten 158 em maßen. |

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