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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Ich vermag vorstehende Angaben nach eigener Erfahrung zu vervollständigen. Unter einer Tiersendung, welche ich erhielt, befanden sich zwei lebende Mohrenmakis, ein Männchen und ein Weibchen, welche in warmer Freundschaft zu leben schienen und deshalb von mir nicht getrennt wurden. Es waren die ersten Makis, welche ich selbst pflegte und ausführlich beobachten konnte. Zunächst erfuhr ich, daß die Tiere keineswegs in dem Grade Fleisch- und Kerbtierfresser sind, als man bis jetzt angenommen hatte. Ich bot meinen Gefangenen rohes und gekochtes Fleisch, Mäuse, Sperlinge und Eier. Sie fraßen von allem, ohne jedoch irgend welche Gier an den Tag zu legen. Auch von dem Inhalte roher Eier leckten sie eben nur. Über Sperlinge fielen sie mit einer gewissen Eilfertigkeit her; eigentlich gierig aber zeigten sie sich auch nicht. Nur Fliegen jagten sie mit einiger Leidenschaft und fingen solche außerordentlich geschickt. Dagegen waren Früchte aller Art ersichtlich die ihnen am besten zusagende Speise: sie fraßen alle Obstsorten, gekochten Reis, gekochte Kartoffeln, nebenbei auch Milchbrot.

Ende März wurde von dem Weibchen, mir unerwartet, ein Junges geboren. Von der Trächtigkeit der Alten war nichts bemerkt worden; daß sie sich einige Tage vor der Geburt die Brüste drückte, hatte ich nicht beachtet. Das Junge kam mit offenen Augen

zur Welt und zeigte vom ersten Tage an eine verhältnismäßig große Selbständigkeit. Die Mutter legte es, sobald fie es rein geleckt hatte, mit großer Zärtlichkeit an die Brust, unter: stützte es anfänglich auch beim Saugen; schon wenige Tage später aber behalf es sich selbst. Doch bekundete die Alte noch immer die größte Fürsorge für das Kleine, deckte es mit dem Schwanze zu, kauerte sich zusammen und verbarg es so meist dem Auge des Beschauers. Dabei bethätigte sie jedoch fortwährend Sehnsucht nach ihrem Gatten, welchen ich aus Vorsorge von ihr getrennt und in einem Nachbarkäfig untergebracht hatte, unterhielt sich mit ihm durch einen Spalt, knurrte behaglich, sobald er sich regte, und achtete überhaupt auf jede Bewegung desselben.

Im Verlaufe des ersten Monats entwickelte sich das Junge sehr schnell. Anfänglich klammerte es sich nicht, wie die meisten jungen Affen, an der Brust und dem Bauche, son—

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Mongoz (Lemur mongoz). ½ natürl. Größe.

dern mehr an der Seite seiner Mutter an; später kletterte es oft an den Schenkeln auf und nieder, längs der Seite hin oder auf den Rücken, verbarg sich halb und halb zwischen dem Felle und lugte mit seinen klugen Augen traulich von da ins Weite. Nach etwa Monatsfrist war es so weit gediehen, daß es seinen ersten Ausflug unternehmen, d. h. seine Mutter verlassen und auf dem Gezweige des Käfigs umherklettern konnte. Gleich nach seiner Geburt fiel mir auf, daß es dem Vater vollständig glich, d. h. nicht das geringste Zeichen einer Mittelfärbung, wie sie Blendlingen eigen ist, wahrnehmen ließ. Erst hierdurch wurde ich veranlaßt, meine Makis zu untersuchen und fand, daß alle Mohrenmakis, welche ich pflegte, Männchen, alle Weißbartmakis dagegen Weibchen waren. Anfragen in den verschiedenen Tiergärten, namentlich in London, Köln, Rotterdam, und bei einem Bekannten in Sansibar bestätigten das von mir gewonnene Ergebnis, und so wurde die Vermutung, daß beide Tiere nur verschiedene Geschlechter einer und derselben Art seien, für mich zur Gewißheit.

Mongoz (Lemur mongoz). ½ natürl. Größe.
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Zur Vervollständigung des Gesagten will ich noch zweier Arten gedenken, welche ebenfalls dann und wann lebend in unsere Käfige gelangen. Der erste ist der Mongoz (Lemur mong oz, L. nigrifrons, S. 283), eine der gewöhnlichsten Erscheinungen in unseren Tiergärten. In der Größe gibt er dem Verwandten wenig nach; seine Länge beträgt etwa 95 cm, wovon ungefähr die Hälfte auf den Schwanz kommt. Die Färbung des Pelzes, welche oben dunkelaschgrau aussieht, da die Haare schwarz und weiß geringelt sind, geht auf dem Kopfe in Grauschwarz, auf dem Unterrücken und den Außenschenkeln in Lichtbräunlich über. Ein Streifen am Unterhalse bis zu den Ohren hinauf wie die Innenseite der Gliedmaßen ist weiß, der Bauch licht rötlichgelb, das Gesicht wie gewöhnlich schwarz, das Auge bräunlich. Auch bei dieser Art hat man Abweichungen in der Färbung beobachtet; doch schwankt die letztere nicht indem Grade wie bei den vorher genannten.

Katta (Lemur catta). ½ natürl. Größe.

Über das Freileben kenne ich keinen eingehenden Bericht; gefangene Mongoz betragen sich im wesentlichen genau wie die verwandten Arten.

Unter diesen fällt noch eine Art, der Katta (Lemur catta), durch die Zierlichkeit seiner Gestalt, die Schönheit seiner Färbung und den geringelten, mehr als leibeslangen Schwanz sowie die verhältnismäßig großen Augen besonders auf. In der Größe steht er hinter den Verwandten etwas zurück; seine Gesamtlänge beträgt ungefähr 85, höchstens 90 cm, wovon 35—40 auf den Leib, das übrige auf den Schwanz kommt. Der dichte, feine, weiche und etwas wollige Pelz ist grau, bald mehr ins Aschfarbene, bald mehr ins Rojt-rote ziehend; Gesicht, Ohren und Unterseite haben weißliche, ein großer runder Augenfleck und die Schnauze schwarze Färbung. Beide Geschlechter scheinen sich nicht zu unterscheiden.

Der Katta, welcher mit keinem anderen Maki verwechselt werden kann, bewohnt nach Pollen die Waldungen im Südwesten Madagaskars und ist, soviel bis jetzt bekannt, in keinem anderen Teile der Insel beobachtet worden. Wie seine Verwandten in beträchtlichen Banden lebend und in seinem Auftreten diesen gleichend, thut er sich höchstens durch

Katta (Lemur catta). ½ natürl. Größe.

Zierlichkeit und unglaubliche Beweglichkeit hervor. Laut Pollen springt er mit ebensoviel Anmut von Baum zu Baum und läßt in gewissen Pausen einen Schrei vernehmen, welcher nicht entfernt die Stärke von dem anderer Makis hat und mehr an das Miauen unserer Hauskatze erinnert. Gefangene befreunden sich in sehr kurzer Zeit mit ihrem Gebieter; jo wenigstens erfuhr Pollen von einem jungen Katta, welcher im Besitze des Quartiermeisters einer französischen Korvette sich befand und seinem Herrn in so hohem Grade zugethan war, daß er ihn unter allem Schiffsvolke und den Reisenden sofort erkannte. Das Tierchen spielte gern mit den Schiffsjungen, mit einem Hunde, welcher sich an Bord befand, hätschelte in einer ganz eigentümlichen Weise den kleinen Affen eines Matrosen, als ob dieser sein Kind gewesen wäre, vergnügte sich zuweilen aber auch, die Hühner, welche in die Nähe seines Käfigs kamen, am Schwanze zu zerren, bis sie schrieen, und saß manchmal mit ausgestreckten Armen regungslos auf einer und derselben Stelle, die Augen auf die aufgehende Sonne geheftet. Ich habe nur ein einziges Mal gefangene Kattas gesehen, nicht aber Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten, und bin daher nicht im stande, Pollens Angaben irgend etwas hinzuzufügen.

Die Halbmakis (Hapalemur) unterscheiden sich von den bisher genannten durch ihren schlanken, marderartigen Leib mit ziemlich kurzen, unter sich nicht wesentlich verschiedenen Gliedmaßen und fast leibeslangem Schwanze. Der Kopf ist rund und spitzschnäuzig, hat kleine Augen und breite, aber sehr kurze, fast ganz im Pelze versteckte, innen und außen dicht behaarte Ohren. Hände und Füße haben schlanke Finger und Zehen, kurze Daumen und mäßig lange Daumenzehen. Das Gebiß besteht wie bei den Makis aus 36 Zähnen und zeichnet sich besonders dadurch aus, daß die beiden oberen inneren Schneidezähne vor den äußeren stehen.

Der wollige Pelz der einzigen bis jetzt bekannten Art der Gattung (Hapale mur griseus, Lemur griseus, Hapalemur olivaceus) hat olivenbräunliche Färbung, welche bei einzelnen Stücken ins Gelbliche, bei anderen ins Rote übergeht und an den Kopfseiten gewöhnlich am lebhaftesten zu sein pflegt; die Unterseite ist grauer als die Oberseite, der Bauch rostfahl, der Schwanz fahlgrau, der Augenstern braun. Hand- und Fußrücken sind bis zu den Nägeln herab mit spärlichen Haaren bekleidet. Die Länge beträgt 60-65 cm, wovon 35 auf den Schwanz fallen.

Der Halbmaki, von den Madagassen des Nordwestens der Infel Bokombul genannt, bewohnt vorzugsweise Bambuswaldungen. In solchen fand ihn Pollen einige Tagereisen von der Küste an den Ufern des Ambassuanaflusses. „Die Eingeborenen“, so berichtet er, „hatten mir so oft von dem Tiere erzählt, daß ich es mir nicht versagen konnte, jene Waldungen zu besuchen, um es selbst zu beobachten. Als ich meine Absicht den Führern kundgab, machten sie tausend Schwierigkeiten, behaupteten, daß es für einen Weißen gefährlich wäre, in den Bambuswaldungen zu jagen, welche seine Kleider bei jedem Schritte zerrissen und seine Glieder verwundeten, daß die Aufenthaltsorte der Tiere zu entfernt seien, ich unterwegs krank werden könne ꝛc., und es gelang mir erst, nachdem ich verschiedene kleine Geschenke gespendet hatte, sie zu überreden. Nach einem sehr beschwerlichen Wege von mehreren Stunden kamen wir zu einem dichten Bambuswalde, in welchem es mir glückte, mehrere dieser Tiere zu erlegen. Die Jagd ist aber in der That außerordentlich schwierig. Man ist genötigt, der Länge nach auf dem Boden fortzukriechen, und wird von den schneidigen Bambusblättern ununterbrochen verwundet. „Während des Tages schläft der Bokombul auf den höchsten Bambusstengeln mit gekrümmtem Rücken, den Kopf zwischen den Schenkeln verborgen und den Schwanz über den Rücken gelegt. Obgleich er eine vollkommen nächtliche Lebensweise führt, nimmt er doch

bei Tage seine Feinde wahr, und es gelingt ihm sehr oft, dem Jäger zu entkommen. Seine Nahrung besteht in Bambusblättern; wenigstens fand ich seinen Magen mit diesem Stoffe vollgefüllt. Während des Tages faul und träge, entfaltete er des Nachts eine unglaubliche Thätigkeit und Behendigkeit. Seine Stimme besteht in einem schwachen, an das des Schweines erinnernden, aber viel weniger lauten Grunzen. Wie es scheint, bringt er seine Jungen im Monate Dezember oder Januar zur Welt. Ich habe eines dieser Tiere mehrere Monate in Gefangenschaft gehalten, mit Bananen, Mangos und gekochtem Reis ernährt, dabei

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Halbmaki (Hapalemur griseus). Y« natürl Größe,

aber gefunden, daß er den letzteren bloß bei dem größten Hunger annahm. Mein Gefangener hatte die üble Angewohnheit, sich seinen Schwanz zu benagen, wie dies gefangene Affen zuweilen zu thun pflegen. Wenn man ihm den Finger zeigte, geriet er in Wut, zeigte seine Zähne und ließ ein oft wiederholtes Grunzen vernehmen.“

Die nächstverwandte Gattung wird gebildet durch die Katzenmakis (Chirogaleus), Halbaffen, welche im wesentlichen denselben Leibesbau wie die Halbmakis haben. Der schlanke Leib hat einen kleinen, ziemlich spitzschnäuzigen Kopf, kurze Vorder-, mittellange

Halbmaki (Hapalemur griseus). Y« natürl Größe,

Hinterglieder und einen mehr als leibeslangen Schwanz. Die Augen sind groß, die mäßig großen Ohren ganz nackt. Der weiche Pelz, welcher Gesicht und Hände spärlich bekleidet, am Schwanze dagegen sich sehr entwickelt, ist etwas wollig. Die oberen Schneidezähne sind durch eine Lücke getrennt, stehen aber in einer Reihe.

Der bekannteste Vertreter der Gattung, von den Eingeborenen Waluwy genannt (Chirogaleus fureifer, Lepilemur, Microcebus furcifer), kommt dem Halbmaki an

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Katzenmaki (Chirogaleus fureifer). ½ natürl. Größe.

Größe ungefähr gleich: feine Gesamtlänge beträgt 65—70, die Schwanzlänge 33—40 cm. Ein hellbräunliches Fahlgrau ist die vorherrschende Färbung der Oberseite, ein scharf abgeschnittenes Lichtfahlgrau die der Unterseite; die Kopf- und Halsseiten spielen ins Rötliche; ein auf den Wangen beginnender, die Augen einschließender, auf der Stirnmitte eine Blässe freilassender, auf dem Oberkopfe sich vereinigender und von hier aus über den Nacken und die Rückenmitte bis gegen den Schwanz hin verlaufender Streifen ist schwarz, letzterer an der Wurzel grau, gegen die Spitze hin schwarz; das Auge hat schwarze Iris.

Der Katzenmaki findet sich, laut Pollen, sehr häufig in den Waldungen der Westseite Madagaskars, scheint aber auch hier und da in den östlichen Gebieten vorzukommen.

Katzenmaki (Chirogaleus fureifer). ½ natürl. Größe.

„Erst mit Einbruch der Nacht verläßt er sein Versteck, in welchem er den Tag verschlafen hat. Zu solchen Versteckplätzen wählt er am liebsten Baumhöhlen mit zwei Offnungen, manchmal auch solche, welche gleichzeitig von Bienen bewohnt werden, in welchem Falle er sein Nest durch einen Haufen von Stroh und trockenen Blättern gegen die Kerbtiere abschließt. Die Eingeborenen glauben, daß er deshalb mit Vorliebe die Gesellschaft der Bienen aufsuche, weil er ein leidenschaftlicher Freund des Honigs sei. Ich beobachtete diese niedlichen Halbaffen während der Nacht. Sie sind viel munterer und behender als die Makis und machen außerordentlich weite Sätze. Das Geschrei, welches sie während ihres Wachseins fast ununterbrochen vernehmen lassen, klingt scharf, wie ‚kakakakaka“, dem trompetenartigen Geschmetter der Perlhühner einigermaßen ähnlich.“

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