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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I.

es Fleischnahrung ganz entschieden der Pflanzenkost vorzieht, obschon es auch diese nicht verschmäht. Alle hierher zählenden Arten sind bedächtig und berechnend vorsichtig. Sie bewegen sich auf den Bäumen langsam, aber sicher; ehe sie einen Zweig loslassen, vergewissern sie sich stets, daß ihnen ein anderer verläßlichen Halt gibt. Ihr Gang auf dem Boden ist schlecht und eher ein krötenartiges Kriechen als ein Laufen zu nennen.

Über die Fortpflanzung der Lemuren wissen wir immer noch sehr wenig, obgleich meh: rere Arten unserer Familie bereits mehrere Male in der Gefangenschaft sich fortgepflanzt haben. Diese werfen ein Junges, welches sich unmittelbar nach seiner Geburt an seiner Mutter festklammert und von ihr so lange umhergetragen wird, bis es gelernt hat, selbständig sich zu bewegen. Bei einzelnen Arten sollen nach Aussage der Eingeborenen Madagaskars Männchen und Weibchen an der Pflege dieses Jungen sich beteiligen; doch ermangelt diese Behauptung bis jetzt noch des Beweises. Eine gleichmäßige und ziemlich hohe Wärme ist allen Bedürfnis; die Kälte macht fie mißmutig und krank. Gefangene geben ihr Mißbehagen hauptsächlich dann zu erkennen, wenn sie frieren oder im Schlafe gestört werden. Fühlen sie sich aber behaglich, dann schnurren sie, wenigstens viele, fast nach Art der Katze.

Ihre geistigen Fähigkeiten sind gering; nur wenige machen eine rühmliche Ausnahme. Alle zeigen sich scheu und furchtsam, obgleich sie mutig sich wehren, wenn man sie fängt. Nachdem sie an den Menschen sich gewöhnt haben, werden sie in gewissem Grade zutraulich und benehmen sich sanft, friedlich und gutmütig, verlieren aber ihre Furchtsamkeit nur selten. Einige Arten der Familie fügen sich indessen recht gut in den Verlust ihrer Freiheit und in ein untergeordnetes Verhältnis zu den Menschen, lassen sogar zu gewissen Dienft-leistungen, beispielsweise zur Jagd anderer Tiere, sich abrichten; die ungeschwänzten Arten dagegen behalten meist auch in der Gefangenschaft ihr stilles, schwermütiges Wesen bei, suchen jede Störung ärgerlich von sich abzuwehren und lernen wohl kaum ihre Pfleger von anderen Leuten unterscheiden, behandeln vielmehr alle Menschen mehr oder weniger in derselben Weise. 5

„Indri, Indri“ — schau, sieh her — sagten die Madagassen zu dem reisenden Naturforscher Sonnerat, um ihn auf einen Lemur aufmerksam zu machen, welcher seines abweichenden Baues halber notwendigerweise die Aufmerksamkeit der Eingeborenen und des gedachten Naturforschers erregen mußte. Sonnerat wählte den von ihm falsch verstandenen Ausruf zur Bezeichnung des Tieres selbst und gab ihm damit einen Namen, welcher den Madagassen erklärlicherweise unverständlich ist. Nachdem man noch eine zweite Art der Gruppe unterschieden und beschrieben hat, wird der Name Indri als Bezeichnung einer besonderen Gattung gebraucht und mag deshalb auch von uns beibehalten werden.

Die Indris (Lichanotus) stellen, wenn man jo jagen will, die Menschenaffen innerhalb ihrer Familie dar, gelten auch als die am höchsten entwickelten aller Lemuren. Ihr Kopf ist im Verhältnis zu dem stämmigen Leibe klein oder doch nur mittelgroß und spitzschnäuzig; die Vorderglieder sind nicht viel kürzer als die hinteren, die einen wie die anderen besonders ausgezeichnet durch die Länge der Hände und Füße und ebenso der kräftigen Daumen und Daumenzehen, welche den übrigen, bis zur Mitte durch Bindehaut vereinigten Fingern und Zehen entgegengestellt werden können und mit ihnen wahre Klammerfüße bilden. Der Schwanz erscheint nur als verkümmerter Stummel. Verhältnismäßig kleine Augen und ebenso kleine, fast ganz im Pelze versteckte Ohren, deren Muscheln auf der Innenseite nackt, auf der äußeren dicht behaart sind, tragen zur weiteren Kennzeichnung bei. Der sehr dichte, fast wollige Pelz überkleidet nicht nur den ganzen Leib, sondern auch die Hände und Füße, die Finger und Zehen bis zu den Nägeln herab. Das Gebiß besteht aus

vier durch eine weite Lücke getrennten oberen, vier dicht zusammenliegenden, schief gestellten langen unteren Schneidezähnen und einem Eckzahne, zwei Lückzähnen und drei vierhöckerigen Mahlzähnen in jedem Kiefer, deren untere größer und stärker als die oberen sind.

Früher kannte man bloß eine einzige Art dieser Gattung, den Indri oder richtiger

Babakoto, zu deutsch „Vatersohn“, der Madagassen (Lichanotus brevicaudatus, Lemur indri, Indris brevicaudatus); später hat Peters noch eine zweite, wahrscheinlich verschiedene Art aufgestellt. Der Indri erreicht eine Länge von 85 cm, wovon nur. 2,5 em auf den Schwanz gerechnet werden dürfen. Das fast unbehaarte Gesicht hat dun—

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Kronenindri (Lichanotus mitratus). Ys natürl. Größe.

fel=, im Leben wahrscheinlich bräunlichschwarze Färbung; Kopf einschließlich der Ohren, Schultern, Arme und Hände sind schwarz, Oberrücken und Unterschenkel braun, die Vorderseite der Hinterglieder braunschwarz, Stirn, Schläfe, Kehle, Brust, Halsgegend, Schwanz, Unterseite der Schenkel, Fersen und Seiten weiß. Inwiefern sich auch die Färbung des Babakoto verändert, ist zur Zeit noch fraglich; man kennt das Tier bis jetzt noch viel zu wenig, als daß man sagen könnte, ob die Geschlechter oder Alte und Junge durch die Färbung sich unterscheiden.

Der Kronenindri (Lichanotus mitratus), die erwähnte zweite Art, möglicherweise nur Unterart des Indris, steht diesem in der Größe wenig nach: seine Länge beträgt 75 cm, wovon 4,5 em auf den Schwanz kommen. Das Haar ist seidig-wollig, die Färbung außerordentlich schön, obschon grelle Farben nicht vorhanden sind. Die nackte schwarze 18*

Kronenindri (Lichanotus mitratus). Ys natürl. Größe.

Schnauze und die sehr schwach mit grauen Haaren bekleideten Wangen werden eingerahmt von einer breiten, fahlgrauen, nach hinten schwarz begrenzten Binde, welche sich über die Stirn und die Gesichtsseiten zieht, an der Kehle vereinigt und das ganze Gesicht umgibt. a. RA(4 Unmittelbar an sie schließt sich ein blendend weißer Fleck an, welcher den Scheitel und die äußere Ohrmuschel einnimmt und in den längs der Kopf- und Halsseiten verlaufenden graulichweißen Streifen übergeht. Ohren, Nacken, Schultern, Oberarm, Rücken bis zur Kreuzgegend, Oberbrust und Brustmitte, Vorderseite der Ober-, Innenseite der Unterschenkel bis gegen die Füße hin, Hände und vorderer Teil der Füße find schwarz, die einzelnen Haare am Grunde grau oder grauschwarz, ein auf dem Unterrücken als Mittelstreifen beginnendes, nach dem Gesäß zu sich verbreiterndes länglich dreieckiges Feld und die Innenseiten der Arme und Oberschenkel weiß, Gesäß und Schwanz rötlich isabellfarben, die Haare des letzteren an der Spitze aschgrau, Unterarme und Außenseite der Oberschenkel aschgrau, Außenseite der Unterschenkel bis zur Fußmitte, Füße und behaarter Teil der Sohlen lichtgrau. Die Heimat dieser Art fällt mit der des Indris zusammen.

Sonnerat, welcher uns mit dem Babakoto bekannt machte, erzählt, daß dieser wie seine Verwandten flink und gewandt sich bewege, überaus rasch von einem Baume zum anderen springe, beim Fressen aufrecht wie ein Eichhörnchen sitze und seine hauptsächlich aus Früchten bestehende Nahrung mit den Händen zum Munde führe, eine dem Weinen eines Kindes gleichende Stimme habe, sehr sanftmütig, gutartig und deshalb leicht zähmbar sei, in den südlichen Gegenden der Insel von den Eingeborenen aufgezogen und wie unsere Hunde zur Jagd abgerichtet werde. Erst durch Pollen erfahren wir mehr, leider aber nicht das Ergebnis eigener Beobachtungen, sondern nur das durch Hörensagen von ihm Erkundete. „Bis jetzt“, so berichtet unser Forscher, „trifft man diesen großen Lemur nur im Innern der östlichen Teile Madagaskars und zwar ausschließlich im Nordwesten der Insel; wenigstens versicherten mir die Eingeborenen, daß sie ihn nirgends anders gefunden hätten.“ Vinson wurde beim Durchreisen des großen Waldes von Alanamasoatrao zwei Tage lang von dem vereinigten Geschrei der Babakotos fast betäubt und bemerkt, daß die Tiere in anscheinend zahlreichen, leider unsichtbaren Banden in den Dickichten des Waldes vereinigt gewesen seien. Die Eingeborenen verehren den Babakoto wie ein übernatürliches Wesen und betrachten ihn als ein heiliges Tier, weil sie glauben, daß ihre Eltern nach dem Tode sich in diese Lemuren verwandeln. Aus diesem Grunde sind sie auch der festen Meinung, daß die Bäume, auf denen Babakotos sich aufhalten, unfehlbare Arzneimittel gegen unheilbare Krankheiten hervorbringen, und tragen Sorge, von einem Baume, auf welchem sich ein Lemur dieser Art bewegt hat, Blätter abzupflücken und aufzunehmen, um sie gelegentlich gegen Krankheiten zu verwenden. Ebenso behaupten die Eingeborenen, daß es sehr gefährlich jei, einen Babakoto mit Lanzen anzugreifen, weil er diese im Fluge aufzufangen wisse, im eigentlichen Sinne des Wortes den Spieß umdrehe und ihn mit größter Sicherheit auf den Angreifer zurückschleudere. Die Weibchen sollen nach einer anderweitigen, allgemein geglaubten Erzählung ihre Jungen sofort nach der Geburt dem auf einem benachbarten Baume sitzenden Männchen zuwerfen und sie von ihm sich wieder zuschleudern lassen, um zu erproben, ob diese ihrer würdig seien oder nicht. Denn wenn sie trotz solcher gefährlichen, ein dutzendmal wiederholten Übungen nicht zu Boden fielen, nähmen die Eltern sie auf und pflegten sie mit größter Sorgfalt, während sie, wenn das Gegenteil der Fall wäre, die Jungen im Stiche ließen und sich gar nicht die Mühe gäben, fie wieder aufzuheben.“ Ich brauche wohl kaum zu versichern, daß solche Erzählungen eben nichts anderes als die große Unkenntnis der Eingeborenen über das Leben und Treiben des seltsamen Tieres beweisen können. „In gewissen Teilen Madagaskars“, fährt Pollen fort, „richtet

man den Babakoto zur Vogeljagd ab. Man sagt, daß er hierbei ebenso gute Dienste leiste wie der beste Hund; denn er verschmäht, obgleich er Fruchtfresser ist, keineswegs kleine Vögel und versteht dieselben mit größter Geschicklichkeit zu fangen, um sich einen Leckerbissen für ihn, Vogelgehirn, zu erbeuten.“

Soviel bekannt, ist der Babakoto oder überhaupt einer der Indris bis jetzt lebend noch nicht nach Europa gebracht worden. Es muß uns dies um so mehr wundernehmen, als doch der erstgenannte auf Madagaskar gewissermaßen zum Haustiere geworden ist und seine Erhaltung keine Schwierigkeiten haben kann.

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Der Name Maki soll ein Klangbild des Geschreies der arten- und zahlreichsten Gattung unserer Familie sein, welcher die wissenschaftliche Bezeichnung Lemur geblieben ist. Vor fast allen Verwandten zeichnen sich die Makis aus durch gestreckten Fuchskopf mit mäßig großen Augen und mittellangen, oft buschig behaarten Ohren, wohlgebildete, unter sich fast gleich lange Gliedmaßen, deren Hände und Füße auf der Oberseite eine schwache, nicht pelzige Behaarung zeigen, mehr als körperlangen Schwanz und sehr weichen, feinen, ausnahmsweise auch wohl wolligen Pelz. Die beiden oberen, stumpfkronigen Schneidezähne sind in der Regel klein, die drei unteren schmalen und zugespitzten dagegen lang und fast wagerecht gestellt, die scharfspitzigen kantigen Eckzähne seitlich zusammengedrückt, die Kronen der drei oberen Lückzähne dreiseitig, die drei unteren Mahlzähne undeutlich vierhöckerig und von vorn nach hinten an Größe abnehmend. In dem gestreckten, hinten gewölbten Schädel fällt der Schnauzenteil durch seine Länge auf. Das Gerippe zählt außer den Halswirbeln 10 Rücken⸗, 9 oder 10 Lenden-, 2— 4 Kreuz- und 22— 29 Schwanzwirbel und enthält 8 Paare wahrer und 4 Paare falscher, schmaler, kantiger Rippen. Unter den Weichteilen verdient Erwähnung, daß der Magen einen großen Blindsack besitzt und der Blinddarm eine ansehnliche Größe erlangt.

Man hat viele Arten der Gruppe unterschieden; die neuzeitliche Forschung hat aber gelehrt, daß mehrere von diesen nur geschlechtliche Verschiedenheiten oder Unterarten anderer darstellen.

Erst durch Pollens treffliche Beobachtungen haben wir ein einigermaßen ausführliches Bild der freilebenden Makis erhalten. Alle Arten der Gattung bewohnen die Waldungen Madagaskars und der Nachbareilande, bei Tage im tiefsten Dickichte der Waldungen sich aufhaltend, nachts unter lebhaften Bewegungen und lautem Geschrei ihrer Nahrung nachgehend. Ein von dem erwähnten Naturforscher beobachteter Maki, welcher Mayotte bewohnt (Lemur mayottensis), mag uns im allgemeinen mit dem Leben und Treiben seiner Verwandtschaft bekannt machen. Die Tiere leben in ansehnlichen Banden von 6— 12 Stücken in den Urwaldungen der Insel, hauptsächlich von den Früchten wilder Dattelbäume sich nährend und ihnen zuliebe von einem Teile des Waldes zum anderen wandernd. Man beobachtet sie ebensowohl bei Tage als während der Nacht, in der Regel auf Bäumen, von denen sie jedoch von Zeit zu Zeit herabsteigen, um zu Boden gefallene Früchte aufzulesen. Kaum ist die Sonne niedergegangen, so vernimmt man ihr klägliches Geschrei, welches gewöhnlich von der ganzen Bande gleichzeitig ausgestoßen wird. Ihre Bewegungen sind wie die der Verwandten außerordentlich leicht, behende und gewandt: einmal munter geworden, durchfliegen sie förmlich die Baumkronen und führen dabei von einem Zweige zum anderen Sätze von überraschender Weite aus. Von Hunden verfolgt, flüchten sie sich in die höchsten Wipfel der Bäume, heften ihre Augen auf den Feind, wiegen ihren Schwanz hin und her und knurren und grunzen dabei; sobald sie aber des Jägers ansichtig werden, flüchten sie eiligst dem Walde zu und machen es jetzt außerordentlich schwer, ihnen zu folgen

oder sie zu erlegen. Verwundete verteidigen sich wütend gegen die Hunde, springen ihnen, wie Pollen selbst beobachtete, auf den Rücken und beißen sich in den Ohren oder in dem Halse fest. Auf Mayotte verwendet man zur Jagd gewöhnlich Bauernspitze, welche durch Bellen anzeigen, daß sie einen Maki gefunden haben, und gleichzeitig mit den Vorderbeinen an dem Baume, auf welchem der Halbaffe sitzt, emporspringen. Letzterer wendet dann seine Aufmerksamkeit mehr den Hunden als dem Jäger zu, und ermöglicht es diesem dadurch, sich zu nähern. Die Jagd selbst gewährt Vergnügen, ist aber in hohem Grade anstrengend, wahrscheinlich der Beschaffenheit der Waldungen wegen. Das Fleisch, welches im Geschmacke an das der Kaninchen erinnert, gilt als sehr wohlschmeckend und wird Anlaß zu lebhafter Verfolgung der sonst harmlosen Tiere, deren Verwandte auf anderen Inseln als unverletzbar angesehen werden.

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